Das Problem mit QE ist, dass es in der Praxis funktioniert, aber in der Theorie nicht
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âIf you take a broad enough definition of trust, then it would explain basically all the difference between the per capita income of the United States and Somalia.â (Steve Knack, Weltbank-Ăkonom)
Es erfordert wohl keinen allzu groĂen Mut um die Behauptung zu wagen, dass die Zentralbanken dieser Welt das Finanzsystem in den letzten Jahren durch den Einsatz von vielen Billionen mehrmals vor dem Absturz gerettet haben.
Im tiefsten Grunde waren es jedoch nicht die endlosen und springflutartigen Wellen an frischem Geld, welche den Kollaps verhinderten, sondern das schier unumschrÀnkte Vertrauen, welches den Notenbanken entgegengebracht wurde.
Erinnern wir uns. Weder der HĂŒhnerhaufen der Politik noch die diversen Rettungsschirme, haben damals die Eurozone ĂŒber Wasser gehalten, sondern genau drei Worte: âWhatever it takesâ.
Nun ist es nicht verkehrt, sein Vertrauen in die HĂ€nde von Personen zu legen, welche genau wissen, was sie tun. Wir machen das schlieĂlich jeden Tag, und anders funktioniert auch keine Wirtschaft. Höchstens in Somalia.
Bedenklich wird es zwar, wenn eine verantwortliche Person ihr Tun nicht rational unterfĂŒttern kann, aber selbst dieser Umstand fĂ€llt oft nur wenig ins Gewicht, solange jeder andere von ihrer Kompetenz ĂŒberzeugt ist.
Schnitt.
âThe problem with QE is it works in practice, but it doesnât work in theory.â
Dieses Zitat aus dem Jahre 2014 ist, wenn auch nur auf den zweiten Blick, ein regelrechter Hammer, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Einmal scheint es inhaltlich irgendwie keinen Sinn zu machen - sollte es nicht eher folgendermaĂen lauten?
âThe problem with QE is it works in theory, but it doesnât work in practice.â
Ah, viel besser. Durch die Umstellung von nur zwei Wörtern könnte diese Aussage relativ einfach breiten Beifall vom âGoldbugâ bis hin zu Larry Summers finden, aber der Worttausch wĂ€re wohl leider nicht im Sinne des Urhebers und genau hier fangen die Probleme an.
Was fĂŒr sich gesehen höchstens wie eine etwas kuriose Bemerkung klingt, ist in Verbindung mit dem Zitierenden jedoch purer Sprengstoff. Und um alle Spekulationen gleich auszurĂ€umen: Ja, Bernanke hat's gesagt. Höchstpersönlich.
Aber halt. Attestiert hier etwa der ehemalige Oberzentralbanker, dass einem der gröĂten und von ihm inszenierten Experimente der Wirtschaftsgeschichte die theoretische Grundlage fehlt? Es scheint nicht nur so, es ist möglicherweise noch viel schlimmer..
Von vorne.
Ende letzter Woche hatte Stephen Williamson, Vize-PrĂ€sident der St. Louis Fed einen Artikel mit dem Titel âMonetary Policy in the United States: A Brave New World?â publiziert, in welchem er Bilanz zieht, und die zwei hauptsĂ€chlichen Werkzeuge zur Umsetzung der Geldpolitik, nĂ€mlich die sogenannte âForward Guidanceâ (das Niedrigzinsversprechen) und âQuantitative Easingâ (die AnleihenkĂ€ufe) im RĂŒckblick analysiert.
Ich kann mir hier und da eine gewisse Polemik nicht verkneifen, aber ich versuche mich trotzdem bei allen Aussagen eng auf dieses Papier zu berufen.
Die Geldpolitik von Bernanke unterschied sich von der seines VorgĂ€ngers Greenspan vor allem dadurch, dass sie wesentlich aktivistischer auftrat, und viel tiefer in der formellen Wirtschaftstheorie des âNeuen Keynesianismusâ verwurzelt war. Die ganze âForward Guidanceâ der Fed beruht zum Beispiel auf den Thesen dieser Schule. Der Ăkonom Woodfort hatte dazu 2012 in Jackson Hole eine damals sehr beachtete 100-seitige BegrĂŒndung fĂŒr das entsprechende Modell geliefert.
An dieser Stelle schon könnte man sich wunderbar darĂŒber auslassen, warum ein Marktteilnehmer von einem nicht verifizierbaren Modell, welches selbst die meisten Ăkonomen nicht verstehen, seine Entscheidungen abhĂ€ngig machen sollte, aber ich will auf einen anderen Punkt abzielen, der es genauso in sich hat.
Die anfangs in den Raum gestellte Aussage von Bernanke erklĂ€rt sich dadurch, dass laut dem der âForward Guidanceâ zugrunde liegenden TheoriegerĂŒst QE nĂ€mlich ĂŒberhaupt nicht funktionieren dĂŒrfte:
âIn fact, a model in which QE does not work is the basic Woodford New Keynesian model. In a Woodford model, the only friction results from sticky prices (and maybe sticky wages). Otherwise, financial markets are complete, and there is nothing that would make particular kinds of asset swaps by the central bank matter.â
QE hat also nicht nur keinen Unterbau, nein, der erste Grundpfeiler der Geldpolitik, die âForward Guidanceâ wird mit einem Modell begrĂŒndet, welches der anderen StĂŒtze mit dem Namen QE jeglichen Effekt abspricht. Bernanke der Akademiker hat diesen epischen Spagat aber bemerkenswert cool gemeistert, und frei nach dem Motto âHauptsache es funktioniertâ die Schulden seines GegenĂŒbers Timothy Geithner munter wegmonetisiert.
Funktioniert es wirklich?
Empirische Studien legen nahe, dass QE die Zinsen senkt. Die Beweislage ist jedoch nicht sehr solide, und ohne ein funktionierendes Modell, welches die Mechanik erklĂ€ren kann, fĂ€llt es schwer diese Frage abschlieĂend zu klĂ€ren. Die Alternativweltgeschichte ist uns leider nur per Science-Fiction zugĂ€nglich.
Sei es drum. Gehen wir davon aus, dass niedrige Renditen mit QE korrelieren. WĂ€re dies mehr als nur ein Indiz dafĂŒr, dass QE wirkt? Oder liegt es lediglich daran, dass die Investoren inbrĂŒnstig an die Wirkung der AnkĂ€ufe glauben?
Das sind möglicherweise mehr als nur Haarspaltereien, denn unbegrĂŒndetes Vertrauen ist auf Dauer eine windige Geschichte, und damit wĂ€ren wir auch wieder am Ausgangspunkt. Somalia hat auch eine Zentralbank, aber wahrscheinlich glaubt der keiner.
Die Systemschmelze muss zwar jetzt nicht gleich hinter der nĂ€chsten Ecke lauern, nur weil der Markt hinter die âJedi Mind Tricksâ der Federal Reserve steigt, aber es wĂŒrde ihrer GlaubwĂŒrdigkeit ebenso groĂen Schaden zufĂŒgen, wie ihrer FĂ€higkeit weiterhin als ultimativer âBackstopâ des Finanzsystems zu agieren.
Zugegeben, das sind dĂŒstere Gedankenspiele, aber fĂŒr den Liebhaber des gepflegten Gruselns ist noch eine weitere Eskalation vorstellbar, nĂ€mlich das Szenario in welchem dann Bernanke's Nachfolgerin Yellen zu folgendem Schluss kommen muss:
âThe problem with QE is it works in practice, and it works in theory.â
Das wĂ€re dann unter UmstĂ€nden das EingestĂ€ndnis, dass nicht nur das Fundament der âForward Guidanceâ nicht mehr haltbar ist, sonder vielleicht das gesamte Weltbild der âNew Keynesian Economicsâ.
Der ganz groĂe Schwarze Schwan sozusagen.

Hallo Herr Hauser,
schöner Artikel. Sie gehen von der PrÀmise aus, daà QE etwas bewirkt hat.
Nach meinen unwissenschaftlichen VerstÀndnis schÀtze ich QE wie folgt ein.
1. Die Finanzkrise in USA war eng gekoppelt mit geĂ€nderten US-GAP Regeln fĂŒr ABS. Ab 2008 mussten diese mit dem Marktwert bilanziert werden. Diese Regelung wurde 2009 (?) wieder zurĂŒckgenommen - und die Banken haben seitdem wieder Gewinne ausgewiesen. Ursache der Krise war, dass als Folge von Lehman und den Bilanzvorschriften Kredite an Hedgefonds gekĂŒndigt wurden und Assets auf den Markt geworfen wurden.
2. Ich glaube, die verschiedenen QE Programme muĂ man etwas entwirren (http://en.wikipedia.org/wiki/Quantitative_easing):
- QE 1: 2008 Kauf von ABS. Hier wurden ABS Risiken von den Banken zur FED transferriert.
- QE 2: 2011 Kauf von US treasuries. Dieser Termin passt zum Datum, zu dem China, den Kauf von treasuries reduziert hat (www.fas.org/sgp/crs/row/RL34314.pdf). Hier wurde US Defizit finanziert
- QE3: 2012. Dieser Termin passt gut zum Zeitpunkt in denen China angefangen hat, seinen Bond Bestand zu reduzieren. QE3 war die GegenmaĂnahme zu China.
3. Was war der Effekt der verschiedenen QEs?
- Bei den Zinsen bin ich mir nicht sicher. Nach meinem VerstĂ€ndnis gehen die niedrigen Zinsen weltweit nicht auf das QE Programm zurĂŒck, sondern auf die Tatsache, daĂ die deutlich mehr Geld eine Anlage sucht. Die Sparquote in den EM liegt bei rd 10+% des Einkommens und generiert pro Jahr ca 10b die Anlage suchen.
- In den USA sind die Zinsen fĂŒr Anlage Zeit an die Entwicklung und Sparquote in den EMs gekoppelt. Wachsen die EMs ĂŒberdurchschnittlich, drĂ€ngt mehr Geld auf den Markt (niedrigere Zinsen), wachsen diese unterdurchschnittlich dann steigen die Zinsen leicht.
- Parallel generiert die Entwicklung der EMs eine deflationÀre Tendenz, da deswegen billige Waren in die entwickelten LÀnder drÀngen.
- Dazu kommt niedriges Wachstum in den entwickelten LĂ€ndern, da Produktion verlagert wird. Dies fĂŒhrt zu einer hohen UnbeschĂ€ftigten Quote und zu ĂŒberhöhtem Staatsausgaben
(siehe D.Alpert: The Age of Oversupply)
3. In Europa gibt es zusĂ€tzlich andere Ursachen. Die NordlĂ€nder haben in den 90er Jahren, die SĂŒdlĂ€nder als billige ArbeitskrĂ€fte verwendet. Nachdem die Firmen dann ihre Produktion weiter nach China verlagert haben, sorgten die billigen Zinsen durch den Euro dazu, daĂ diese LĂ€nder ihren Konsum jetzt Kreditfinanziert hatten. Da es fehlende Abwertungsmöglichkeiten gibt, bleiben nur zwei MaĂnahmen: Auseinanderbrechen der Eurozone oder Finanzierung der NordlĂ€nder & Reformen. Durch das Draghi Statement wurde die Entscheidung Richtung Finanzierung geschoben.
Ich denke wissenschaftlich macht die Aufarbeitung Probleme, da sowohl die Ursachen als auch die Lösungen unterschiedliche Gebiete betreffen und man das Thema nur interdisziplinÀr angehen kann. Einfach zusammengefasst besteht die Krise aus den 3 Hauptkomponenten:
- Ringen zwischen USA & China um die WeltleitwÀhrung
- Ăberangebot von Arbeit und Geld
- Probleme der Eurozone
Alle dieser 3 Themen sind miteinander verwoben und haben Elemente in Volkswirtschaft, WĂ€hrungs- und Finanzpolitik und Politik.
Hoffe ich war nicht zu verwirrend
Hallo Herr Hauser,
QE "funktioniert" theoretisch, wenn man die Mainstream-VWL auĂen vor lĂ€sst. QE stĂŒtzt das BIP auf Kosten des Auslandes und verfĂ€lscht dabei die Preise an den FinanzmĂ€rkten (Aktienmarkt- und Anleihen-Boom). Insgesamt ist das als sehr ungesund fĂŒr die Weltwirtschaft einzuschĂ€tzen. Die Theorie findet man in dem Paper hier (Einleitung und Fazit lesen, die Mitte ist sehr "theoretisch" ;-): http://www.ssrn.com/abstract=1873482
Eine geringfĂŒgig kĂŒrzere Version wurde auch gerade im Journal of Economic Modelling veröffentlicht: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0264999314001680
Insgesamt sehr spannend, da man dann die Handlungsweisen der Zentralbanken mit all ihren Vor- und Nachteilen nachvollziehen kann.
Viel Erfolg weiterhin und happy Trading!