Wissensartikel

Was jeder Anleger wissen sollte

„Die ganze Börse hängt nur davon ab, ob es mehr Aktien gibt als Idioten oder mehr Idioten als Aktien“ - André Kostolany

Die Börse ist ein fließender Prozess, der laufend Veränderungen unterliegt. Ebenso flexibel muss der Anleger gedanklich als auch vom Handwerkszeug her sein. Ich bin Jahrgang 1979, habe nun über 25 Jahre Börsenerfahrung auf dem Buckel und seit 1998 sicherlich so einiges miterleben dürfen. Ich kann mir aber bei weitem nicht anmaßen, bereits den Stein der Weisen entdeckt zu haben oder gar ein fertig ausgebildeter Trader zu sein, falls es so etwas überhaupt geben mag. Die Börse überrascht uns immer wieder mit neuen Dingen und ebenso muss auch der Trader ständig hinzulernen und an sich selbst arbeiten.

Die Börse ist ein Wettbewerb, und wer langfristig zu den Gewinnern zählen möchte muss in der Lage sein, sich ständig selbst zu hinterfragen, zu kritisieren und sich zu verbessern. Strategien, die heute funktionieren, können sich bei einer veränderten Ausgangslage innerhalb von kürzester Zeit von selbst erledigt haben. Daher hören Sie auf den Markt. Versuchen Sie, seine Signale zu verstehen und folgen Sie nicht blind Anlagetipps.

Newstrading / fundamentales Trading

Mein Themengebiet, oder besser gesagt mein Steckenpferd, sind das fundamental orientierte Trading sowie Newstrading. Wie kam es dazu? In meiner Anfangszeit, als ich mit dem Trading begann, war ich ziemlich unfokussiert. Ich habe mich für so ziemlich alles interessiert, aber meist nur so halb. Das Wissen dazu bezog ich aus dem Internet, aus Magazinen und dem Fernsehen. Im Laufe der ersten zwei bis drei Jahre musste ich jedoch feststellen, das Halbwissen eine sehr gefährliche Sache sein kann. Ich musste eine Sache bzw. einen Teilbereich an der Börse finden, in dem ich mir möglichst viel Wissen aneignen konnte und der gut zugänglich war. Der Aktienhandel mit einheimischen Unternehmen eignete sich hierfür am besten. Die Informationen sind frei verfügbar, es gibt keine sprachlichen und zeitlichen Barrieren und die Auswahl an Anlagemöglichkeiten war groß. Zudem war ich nie Freund von derivativen Finanzinstrumenten, früher Optionsscheine, später KO-Zertifikate und heute CFDs. Diese überlasse ich anderen Spielern und konzentriere mich auf den reinen Aktienhandel. So ist sichergestellt, dass ich nur gegen den Markt handle und nicht gleichzeitig noch gegen einen Emittenten, der wiederum eigene Interessen vertritt.

Zunächst muss ich die Bereiche fundamentales Trading und Newstrading einmal kurz definieren. Ein fundamental orientierter Tradingstil setzt detaillierte Kenntnisse der Unternehmen, deren Aktien man an der Börse handelt, voraus. Die Frage nach dem Warum stellt sich natürlich als Erstes. Warum soll ich darüber Bescheid wissen, wie eine Unternehmensbilanz ausschaut, wie viel Gewinne das Unternehmen macht, wenn überhaupt, und wer beispielsweise die Kunden sind?

Für mich ist die Frage mit einem Wort zu beantworten – Risiko! Jeder Handel an der Börse unterliegt gewissen Risiken und natürlich auch Chancen.

Ein erfolgreicher Trader maximiert auf Dauer seine Chancen und minimiert seine Risiken. Aktien sind Anteile an Unternehmen. Wer eine Aktie kauft, dem gehört also in Folge auch ein Teil davon. Wir haben hier einen Sachwert vor uns. Unternehmen besitzen i.d.R. Fabriken, beschäftigen Mitarbeiter und produzieren Waren. Überall lauern potentielle Risiken, diese möchte ich mit einer zumindest oberflächlichen, später auch eventuell detaillierten Fundamentalanalyse weitgehend kennen oder auch ausschließen können. Ich muss gleich vorweg schicken, ich kann auf diese Themen nur am Rande eingehe, da Fundamentalanalysen natürlich auf betriebswirtschaftlichen Kenntnissen aufbauen. Wir nähern uns dem Thema daher in einer Art und Weise, die jeder Börsianer auch nachvollziehen kann. Wer sich für detaillierte Anleitungen in der Fundamentalanalyse interessiert, der findet reichlich Literatur zu diesem Thema beispielsweise in Büchern von Warren Buffett oder Benjamin Graham.

Ein anderes Thema ist das Newstrading. Es baut zwar auch auf fundamentalen Kenntnissen auf, ist aber kurzfristiger Natur. Man reagiert auf soeben oder vor kurzem veröffentlichte Neuigkeiten eines Unternehmens. Zur Einschätzung solcher News sind oftmals vorherige fundamentale Kenntnisse notwendig, um diese richtig einordnen zu können. Börsianer haben immer gewisse Erwartungen. Werden diese positiv oder negativ überrascht, sind schnelle Kursbewegungen möglich. Dazu muss man aber erstens wissen, was überhaupt erwartet wurde und zweitens ist dies eventuell schon im Kurs berücksichtigt. Sie kennen bestimmt das berühmte Sprichwort „buy the rumors, sell the facts“. Also Gerüchte kaufen und endgültige News abverkaufen. Ist eine News zu dem Zeitpunkt, an dem sie erscheint, überhaupt etwas wirklich Neues oder haben Gerüchte den Kurs im Vorfeld bereits so stark bewegt, dass eher genau das Gegenteil eintritt? Diese Einordnung treffen zu können ist nicht immer einfach. Mir hilft hier meine Fokussierung auf einen Teilbereich des Marktes unheimlich weiter, da ich viele Erfahrungswerte besitze, wie sich bestimmte Dinge auf Kurse auswirken können. Grundvoraussetzung für das Newstrading ist natürlich der Zugang zu Echtzeitnachrichten, wie sie zum Beispielstock3 kostenlos anbietet.

So viel zunächst zur Abgrenzung und womit wir uns auf den folgenden Seiten beschäftigen wollen. Doch kommen wir zunächst zum Handwerkszeug!

Informationsquellen

Informationen sind natürlich das A und O einer Analyse. Während der Techniker behauptet, der Chart enthält bereits alle Informationen, so argumentiert der Fundamentalanalyst natürlich mit künftigen Gewinn- und Cashflowreihen. Die beste Informationsquelle für eine fundamentale Analyse ist die Homepage des jeweiligen Unternehmens. Hier finden sich Geschäfts- und Quartalsberichte, Präsentationen, News und sonstige Informationen. Daneben gibt es im Internet zahlreiche Informationsquellen, die von kostenlos bis extrem teuer reichen. Für News gibt es ebenfalls spezialisierte Anbieter wie dpa, Reuters oder Bloomberg. Diese halten auch Datenbanken vor, die die Fundamentaldaten der letzten zehn Jahre beinhalten und vieles mehr. Und natürlich gibt es stock3!

Positiv ist aber: durch das Internet wird der Zugang zu diesen Daten immer einfacher und man braucht als Trader nicht mehr unbedingt mehrere hunderte oder tausende Euro im Monat für Informationen zu bezahlen. Kostenfreie Anbieter holen mit ihren Datenbanken immer mehr auf und bieten, zumindest oberflächlich betrachtet, ausreichend Daten für eine erste schnelle Analyse.

Es gilt aber nach wie vor, wer mehr bezahlt, erhält mehr Informationen. Die Frage die sie sich stellen müssen ist aber eher die, was benötige ich wirklich? Was hilft mir und was frisst nur meine Zeit? Zu viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Jeden Morgen erscheinen beispielsweise zahlreiche Analysteneinschätzungen, die in der Lage sind Aktienkurse massiv und über mehrere Tage zu bewegen. Investmentbanken mit großer Marktmacht wie Goldman Sachs, UBS oder die Deutsche Bank sorgen regelmäßig für hohe Schwankungen in den analysierten Werten. Wer hier einen detaillierten Einblick möchte, der muss sich diese Dienstleistung auch etwas kosten lassen. So oft über Analysten auch geflucht wird, oftmals vermitteln diese aufgrund ihres Einblickes in die Unternehmen auch neue Ideen und Sachverhalte, an die man als Anleger oder Trader noch nicht gedacht hat. Daher seien Sie offen für Argumente, folgen sie den Einschätzungen aber nicht blind!

Technische Analyse

Auch ich als fundamental orientierter Trader komme natürlich nicht ohne Charts aus. Was nutzt alle fundamentale Analyse, wenn das Timing schlecht ist? Genau für dieses Timing nutze ich die technische Analyse. Sie können sich das so vorstellen: als erstes werden Unternehmen nach fundamentalen Kenntnissen und Kriterien ausgewählt. Hinterher kommt der Timing Faktor über die technische Analyse hinzu. So suche ich beispielsweise Charts von Unternehmen, deren Kurs zuletzt tief gefallen ist oder sich in einer Korrektur befindet. In bullischen Marktphasen suche ich Unternehmen, bei denen sich ein gewisses Kursmomentum entfaltet. Die Vielfalt ist jedenfalls riesig und ich habe hier keine Präferenzen.

Charttechnik ist sehr abhängig von der jeweiligen Marktphase, mal funktionieren einfache Trendfolge-Systeme, mal führen sie direkt ins Verderben. Meine grundsätzliche Erfahrung ist hier: je weiter ein Bullenmarkt voran schreitet, desto vorsichtiger sollte man mit prozyklischen Signalen sein. Prozyklische Signale funktionieren am besten dann, wenn der Markt zuvor eine kleinere oder größere Korrektur durchgemacht hat. Dann sind diese Signale noch frisch und unverbraucht. Steigt der Markt hingegen schon eine gewisse Zeit an, dann versuchen immer mehr Trader sich an diesen einfachen Trendfolge-Trades, was zur Folge hat, das diese nicht mehr funktionieren, da die notwendigen Anschlusskäufe fehlen. Hier muss man dann schnell umschalten und seine Strategie in Richtung antizyklische Käufe anpassen. Der Übergang ist meist fließend und nicht so leicht zu erkennen.

Zum Thema Charts sei noch so viel gesagt: sie ergänzen sich hervorragend mit der fundamentalen Analyse. Denn was gibt es besseres, als wenn sowohl die Fundamentaldaten als auch der Chart dieselbe Sprache sprechen. Dem Trader gibt so etwas doppelte Sicherheit und die eigene Strategie kann optimiert werden. Ich bin auch kein Anhänger davon, dass man technische und fundamentale Analysen in zwei Lager teilt. Ihre größten Stärken können sie nur zusammen ausspielen. Für sich alleine gestellt weisen sie hingegen jede für sich größere Schwächen auf. Zeigen Chart und Fundamentaldaten in völlig unterschiedliche Richtungen, so ist meist eine detaillierte Analyse notwendig. Fehlt die Zeit hierzu ist von einem Investment besser Abstand zu nehmen, denn meist gibt es handfeste Gründe!

Marktphasen

Entscheidend für die Funktionsweise jeder Strategie ist die aktuelle Marktphase. Befindet sich der breite Markt in einem Abwärtstrend, in einem Aufwärtstrend oder in einer längeren Seitwärtsbewegung? In einem Aufwärtstrend funktionieren prozyklische Strategien meist am besten. Das heißt nichts anderes als Gewinne laufen lassen und Verluste begrenzen. Anleger, die mit der Börsenspekulation beginnen und dies in einem Aufwärtstrend tun, fühlen sich meist nach kurzer Zeit schon dazu berufen, sich selbst in den Himmel zu loben. Wenn der breite Markt steigt, steigen 90 % aller Aktien, so kann man das grob umschreiben. Wer hier einfach long investiert, egal in welche Werte, liegt meistens sehr oft richtig, ganz einfach weil der Markt einem Recht gibt.

Anders sieht die ganze Sache aus, wenn aus einem Aufwärtstrend plötzlich ein Abwärtstrend wird, der Markt also eine Trendwende vollzieht. Plötzlich laufen viele Trades in den Verlust und der Trader sucht die Schuld zu Beginn meist bei allen möglichen Dingen, nur nicht bei sich selbst. Man wandert in eine psychologische Falle. Wer in der Aufwärtsphase nicht gelernt hat, Verluste zu begrenzen, der wird es in der Abwärtsphase meist erst Recht nicht tun. Merken Sie sich aber eines: jeder Trade der funktioniert, ist nur Ihrem Handeln geschuldet. Jeder Trade, der nicht funktioniert, aber auch. Versuchen Sie die Ursachen für Verluste also immer bei sich selbst zu suchen und nicht bei Politikern, Analysten oder falschen Expertentipps. Es mag politische Börsen geben oder auch von Notenbanken bestimmte Marktbewegungen - den Tradeerfolg selbst bestimmen aber am Ende nur Sie.

Börse lässt sich im Grunde genommen auf einen einfachen Nenner bringen.

  • In Aufwärtsphasen wird Geld verdient.
  • In Abwärtsphasen gilt es einfach, nur kein Geld zu verlieren.

Dies ist die Basis meiner langjährigen Strategie, die sich für mich bisher nachhaltig bewährt hat. Sicherlich ist dies nicht der Weisheit letzter Schluss, aber wer dies berücksichtigt, ist meist besser als 90 % aller anderen Anleger, Fondsmanager und Vermögensverwalter.

Nur wie finde ich heraus, in welcher Phase sich der Markt befindet? Dazu gibt es sicherlich hunderte von Regeln und jeder hat hier seine eigene. Es kommt auch immer auf das Zeitfenster an, innerhalb welchem Sie handeln. Manch einer handelt im Stundenrhythmus, ein anderer lässt sich einige Monate Zeit. Es gibt hier leider keine 100 % Regeln, doch wer sich mit Trendphasen beschäftigen will, dem sei die klassische Dow Theorie ans Herz gelegt. Im Internet finden sich hierzu zahlreiche Erläuterungen. An ihrer Gültigkeit hat sich die letzten einhundert Jahre jedenfalls nichts geändert. Für sich selbst sollten Sie berücksichtigen, dass jede Strategie nur so gut ist, wie es die aktuelle Marktphase gerade zulässt.

Fundamentale Schlüsselereignisse können die Börsenrichtung ändern

Was sind das für Ereignisse, die die Richtung an den Aktienmärkten ändern können? Wer die letzten Jahre Revue passieren lässt kommt wohl am ehesten auf die Notenbanken, die mit ihrem Eingreifen massive Marktbewegungen ausgelöst haben. Billiges Geld wurde meist als Grund für die steigenden Aktienmärkte genannt oder für die steigende Nachfrage nach Sachwerten. Letztlich sind sie aber nur der Auslöser für eine ganz andere Sache. Die Richtung am Aktienmarkt wird längerfristig betrachtet nur von zwei Dingen bestimmt. Steigende Unternehmensgewinne oder fallende Unternehmensgewinne. Hinter jedem Ereignis welches in der Welt stattfindet, gilt es zu ergründen, ob dies zu steigenden oder fallenden Gewinnen führen wird, wie groß deren Einfluss ist und wie lange er gegebenenfalls anhalten könnte.

Wenn Zuversicht einkehrt, dass Unternehmen in den nächsten Quartalen ihre Gewinne werden steigern können, dann entsteht Bewertungsspielraum nach oben. Umgekehrt natürlich führen Erwartungen auf fallende Gewinne zu meist fallenden Kursen. Die Richtung der Börse ist also weitgehend getrieben von Erwartungen. Diese Erwartungen können sich nun an den verschiedensten Ereignissen bemessen und auch verändern. Viele Ereignisse haben meist nur kurzfristigen Einfluss, andere hingegen wirken sich über Jahre hinweg aus.

Als Beispiel für eine langjährige fundamentale Einflussgröße seien die Zinsen genannt. Günstige Refinanzierung wirkt sich positiv auf Investitionen und später auch auf den Konsum aus. Eine langjährige Niedrigzinsphase kann also einer der fundamentalen Grundtreiber sein, der große Trends vorgibt, wie wir sie seit den Tiefs im Jahre 2009 gesehen haben. Natürlich ist dies jetzt nur absolut oberflächlich betrachtet, aber es geht mir jetzt nur einmal um die Grundrichtung.

Für den Trader viel wichtiger sind Ereignisse, die sich nur kurz- bis mittelfristig auf die Börsen auswirken. Also Ereignisse, die dazu in der Lage sind, die Börsenrichtung kurzfristig zu ändern, aber gleichzeitig den Markt innerhalb der gleichen Grundrichtung halten. Ein Beispiel aus der näheren Vergangenheit war hier das Atomunglück in Fukushima. Dieses Ereignis sorgte für fallende Erwartungen an die Gewinne der Unternehmen, da mit Japan eine große Wirtschaftsmacht für einen gewissen Zeitraum belastet wurde. Die Börse konnte diesen Verlust aber schnell wieder aufholen, weil - so schrecklich dieses Ereignis auch war - längerfristig keine nachhaltige Belastung der Weltwirtschaft festzustellen ist. Ein Phänomen, das oftmals auch bei Naturkatastrophen zu beobachten ist.

Anders war es dann etwas später im Jahr 2011, als die Pleite Griechenlands in den Fokus rückte. Die Sparpolitik der europäischen Staaten war eine fundamentale Einflussgröße, die die Gewinne der Unternehmen für längere Zeit belasten konnte. Für eine Erholung auf ähnliche Niveaus wie 2011 benötigte der Markt dann über ein Jahr Zeit.

Als letztes Beispiel sei der Ölpreis als kurzfristig starker Einflussfaktor erwähnt. Da Öl immer noch die Triebfeder der Weltwirtschaft ist, können sich hier stärkere Anstiege sehr wohl auf die Gewinne der Unternehmen als auch die Ausgaben der Konsumenten auswirken. Ein Grund weshalb Konflikte im Nahen Osten sehr oft von der Börse argwöhnisch betrachtet werden.

Ziehen wir ein Zwischenfazit. Alle Nachrichten, die um die Welt gehen und die wir täglich lesen, können für die Börse eine Relevanz besitzen. Kurzfristig sind das eine Menge, mittel- langfristig jedoch nur eine Handvoll. Die grundsätzliche Frage sollte immer nur lauten: führen diese Maßnahmen oder Ereignisse zu steigenden oder fallenden Unternehmensgewinnen. Danach richtet sich letztlich die Entwicklung der Aktienmärkte.

Aktiencrashs sorgen für Geschenke!

Es mag sich im ersten Augenblick merkwürdig anhören, doch die besten Chancen eröffnen immer außergewöhnliche Ereignisse, die an den Finanzmärkten zu einem ungeordneten Chaos führen, kurz auch Crash genannt. In den meisten Marktphasen richten sich die Kurse nach News und fundamentalen Kriterien, doch alle paar Jahre mal wird diese Mechanik durch ungewöhnliche Ereignisse außer Kraft gesetzt und es herrscht Chaos.

Die Auswirkungen sind meist nicht nur auf die Börse begrenzt, sondern - wie in den vergangenen Jahren erlebt - auch gesellschaftlicher Natur. Lassen wir das aber mal außen vor und konzentrieren wir uns nur auf die Börse, haben wir also für einen kurzen Augenblick mal einen reinen Tunnelblick. Ein Aktiencrash vernichtet Vermögenswerte im großen Stil, sorgt für hohe Volatilität und heftige Kursbewegungen. In Kurzform, er schafft Chancen in großer Menge. Aktienkurse können sie sich nur dann vervielfachen, wenn sie aus einer starken Unterbewertung heraus starten. Nach mehreren Jahren Hausse ist dies meist nicht mehr der Fall. Es gilt eine einfache Grundregel, desto weiter sich ein Markt vom Top entfernt, desto mehr Chancen gibt es sein Geld in den kommenden Jahren zu vermehren.

Ein Crash sorgt dafür, dass schlecht geführte Unternehmen verschwinden und gut geführte sehr viel stärker wieder aus der Krise herauskommen. In den vergangenen Jahren waren wir, was Aktiencrashs angeht, wahrlich verwöhnt. Blicke ich auf meinen persönlichen Werdegang zurück, so hat der erste Crash den ich miterlebt habe, mein Bewusstsein enorm geschärft. Ich war im Jahr 2000 sehr blauäugig, wie die meisten Neubörsianer, die nur die Hausse kannten. In der Folge verlor ich bis 2002 den Großteil meines Kapitals. Ich war eben dumm und unbeholfen und es mangelte am Wichtigsten: Erfahrung und Selbsterkenntnis. Gleichzeitig ebnete der Crash aber auch den Weg, bis in das Jahr 2007 hinein gutes Geld zu verdienen, denn es folgten mehrere Jahre stürmischer Hausse. Als ich mich dann 2008 selbstständig machte, begann ab Tag eins des „neuen Lebens“ ein erneuter Zusammenbruch der Finanzmärkte. Mit dem Wissen aus dem ersten erlebten Crash aber war ich nun in der Lage, mit viel Cash an der Seite auf gute Chancen zu warten und profitabel zu traden. Ohne diesen Crash wäre es mir wohl nicht gelungen, so schnell und nachhaltig meine dauerhafte Existenz als Trader zu sichern. Die Chancen, die 2008/2009 entstanden, waren einfach sagenhaft. Profitable Firmen wurden zu Kursen weit unterhalb ihrer Substanz verschenkt. Es war im nach hinein eine tolle und extrem lehrreiche Zeit. Bitte beachten sie, dass ich mir der Umstände durchaus bewusst bin: es gab gesellschaftlich und wirtschaftlich große Verwerfungen, die viele Menschen die Existenz gekostet haben. Als Börsianer muss man hier gedanklich immer einen gewissen Spagat vollziehen. Einerseits nehmen einen die Ereignisse auch persönlich mit, andererseits muss man kühl rechnen und Chancen wahrnehmen.

Und vor allem, bloß nicht anstecken lassen von all den Weltuntergangspropheten, die an jeder Ecke ihre Chance wittern, nun schnelles Geld zu machen. Was an Büchern und Krisenratgebern in den vergangenen Jahren verkauft wurde, die sich dem Zusammenbruch aller Systeme widmen, ist einfach unglaublich. Wer sich gedanklich von der Angst und Hoffnungslosigkeit beherrschen lässt, den diese „Ratgeber“ vermitteln wollen, der wird auch an der Börse keine Chancen, sondern nur noch Risiken sehen und das Beste verpassen. Der Lauf der Dinge ist an der Börse seit Jahrhunderten gleich. Auf Euphorie folgt Krise und umgekehrt. In jeder Phase entstehen neue Gurus und selbsternannte Experten die glauben, den Stein der Weisen entdeckt zu haben. Denken Sie lieber selbst und lassen Sie sich nicht von Massenpanik anstecken. Wenn ein Krisenratgeber unter den Top Sachbüchern erscheint, ist die Krise allgemeines Gedankengut, fragen sie sich lieber: wo liegen nun die Chancen!

Der erste Crash hat mich das Geld verdienen an der Börse gelehrt. Der zweite Crash hat meine Existenz als Trader nachhaltig gesichert. Ich bin mir sicher, dass ich mit dem Wissen aus diesen Entwicklungen auch einen dritten und vierten Aktiencrash gut überstehen werde. Denn egal, wie viele Untergangspropheten am Rande stehen und das Ende der Welt verkünden, Aktien steigen und Aktien fallen. Das hat rein gar nichts mit Katastrophen und dem Untergang zu tun, sondern ist nur der ganz normale Laufe der Dinge. Kapitalismus bedingt Krisen, Krisen bedeuten Chancen für den, der mit offenen Augen und durchs Leben geht.

Wie steige ich in den Aktienmarkt ein, ohne dabei enorme Risiken einzugehen?

Kommen wir mal zu einem praktischen Thema. Wie steige ich am besten in Aktien ein, ohne gleich einen Großteil meines Vermögens zu riskieren, falls der Zeitpunkt schlecht gewählt war.

Ich habe hier eine relativ einfache Vorgehensweise entwickelt, die sich im praktischen Einsatz aber mehr als bewährt hat. Wer beispielsweise sein Geld in zehn verschiedene Aktien gestreut investieren möchte, sollte mit Testkäufen am Markt starten. Das heißt, es wird erstmal nur ein Teil des Kapitals in den Hand genommen und wir klopfen vorsichtig am Markt an, um herauszufinden, ob ein Aktienkauf nun eine gute Idee ist.

Sie haben also nun eine Liste mit zehn potentiellen Titeln, die für einen Kauf in Frage kommen.

  • Picken Sie sich nun drei der Titel heraus, am besten aus verschiedenen Branchen, so dass keine direkte Korrelation zwischen den drei Unternehmen besteht. Das ist wichtig, weil Aktien gleicher Branchen oft dazu neigen, sich ähnlich zu entwickeln. Läuft es in der Branche gerade gut und die Börse spielt dieses Szenario, kann es gut laufen, umgekehrt eben nicht. Wir wollen aber nicht wie im Kasino auf rot oder schwarz setzen, sondern uns langsam und risikoarm am Markt einkaufen.
  • Nun kaufen Sie diese drei Titel für die jeweils 10 % des angedachten Gesamtkapitals. Ihr Investitionsgrad beträgt somit 30 %. Im Anschluss setzen Sie sich Stoppkurse für die drei gekauften Aktien. Sagen wir bei 8 % Verlust ist Ihr Maximum erreicht und Sie wollen wieder aussteigen.
  • Nun beginnt die Phase, in der Sie sich in die Hände des Marktes begeben. Entwickelt sich der Markt sehr negativ und Ihre drei Titel werden ausgestoppt, so ist eindeutig nicht die richtige Zeit für den Aktienkauf. Laufen hingegen alle drei Titel in den Gewinn, so können Sie das Risiko erhöhen und weitere Titel hinzukaufen. Hier genaue Angaben zu machen, wie weit die Titel in den Gewinn laufen sollten, ist Ihnen selbst überlassen. Es geht im Grunde genommen erstmal darum, zu schauen, ob die Zeit für Aktienkäufe überhaupt geeignet ist. Das Positionsmanagement darf hier nicht starr sein, sondern muss flexibel erfolgen.

Es gilt für mich vom Grundsatz her: entwickeln sich mehr Aktien positiv als negativ, so ist der Markt für weitere Investments bereit. Sie erhöhen den Investitionsgrad erst, wenn Sie bereits bei anderen Positionen ein Gewinnpolster aufgebaut haben. Dieses Polster gilt es dann nach und nach abzusichern, durch beispielsweise das Nachziehen von Stoppkursen. In erster Linie gilt: Kapitalerhalt geht vor Kapitalvermehrung. Sie dürfen also ihr Kapital nur einem möglichst geringen Risiko aussetzen. Sie nähern sich dem Markt, um erst einmal vorsichtig anklopfen, ob nun überhaupt der richtige Zeitpunkt für Engagements gekommen ist. Beantwortet der Markt dies mit Verlusten, so ziehen Sie sich wieder zurück. Entstehen hingegen Gewinne, dann bauen sie peu a peu das Portfolio weiter aus.

Ich praktiziere dies nun seit einigen Jahren so, sowohl mit mittelfristigen als auch kurzfristigen Trades. In ganz kurzfristigen Zeitfenstern können sogar Intraday-Gewinne bereits ausreichen, um weiter zuzukaufen. Aber ganz wichtig: Ich erhöhe den Investitionsgrad nur, wenn ich von aufgelaufenen Gewinnen grünes Licht bekomme. Verluste sind hingegen ein Stoppschild, das man beachten sollte. Ich verfolge hier also einen prozyklischen Ansatz, der sich in zeitlich überschaubaren Marktphasen, also wenige Tage bis mehrere Monate, als praktikabel erwiesen hat.

Antizyklische Käufe / Prozyklische Käufe

Eine der schwersten Disziplinen an der Börse ist das antizyklische Eingehen von Positionen. Und mit antizyklisch meine ich nicht einfach irgendwelche Aktien zu kaufen, die tief gefallen sind und dann zu hoffen, dass der Kurs wieder steigt. Dieser Weg führt nur in eine Richtung, ins direkte Verderben. Viele Kursverluste sind berechtigt und Insolvenzen sind an der Börse auch nichts Ungewöhnliches.

Antizyklische Einstiege müssen extrem gut getimt und gleichzeitig wie jeder Trade vernünftig abgesichert sein. Antizyklisch investieren wird von manchen gerne mal verwechselt mit „ich kaufe jetzt mal die Aktie und behalte sie einfach, auch wenn der Kurs immer weiter fällt“. So wird aus manch kurzfristigen Trade auch gerne ein langfristiges Investment gemacht oder nachgekauft. Tun sie das nicht, bzw. nur in Ausnahmefällen. Als Ausnahmefall definiere ich beispielsweise eine Sondersituation, wie einen Crash am Aktienmarkt oder eine Notliquidation eines großen Marktteilnehmers, die kurzfristig zu extremen Preisverzerrungen führen kann.

Ich habe mir eine einfache Grundregel zurecht gelegt, was das Thema antizyklische Einstiege betrifft. Je langfristiger ein Investment sein soll, desto besser eignet sich ein antizyklischer Einstieg.

Wer beispielsweise auf die nächsten Jahre mit seiner Altersvorsorge plant, der sollte nicht einem Börsenhype hinterherrennen, sondern zusehen, dass er in Phasen kauft, in denen der Markt schon mindestens 20 %-30 % von seinen Hochs abgegeben hat. Leider machen 90 % der Anleger das genaue Gegenteil. Sie kaufen dann Aktien, wenn die Medien voll des Lobs davon sind und interessieren sich nicht für das Thema, wenn Krisenthemen die Nachrichten beherrschen. Ähnlich wie bei der Mode folgen die Menschen hier gerne Trends.

Doch das ist kurzsichtig. Nur weil eine Aktie oder ein Aktienmarkt im Kurs gefallen ist, muss er nicht schlechter sein. Antizyklisch zu handeln bedeutet, Aktien deutlich unterhalb ihres fairen Wertes zu kaufen. Und das mit einem Timing, das Verluste gleichzeitig begrenzt. Man könnte dies auch als Königsdisziplin bezeichnen, weil hier die Anforderungen an den Trader oder den Anleger enorm hoch sind. Zuerst muss er passende Unternehmen fundamental analysieren, danach im Chart passende Gelegenheiten abwarten können, sein Risiko begrenzen und sich gedanklich gegen die Masse stemmen, die sich zumeist gerade im Krisenmodus befindet. Optimismus zu bewahren, während alle Tageszeitungen im Einklang mit negativen Nachrichten gefüllt sind, ist nicht einfach. Das fällt selbst mir noch außerordentlich schwer.

Verstehen Sie mich bitte aber nicht falsch: Trends zu folgen ist sogar ein sehr erfolgversprechendes Rezept, wenn die Anlagezyklen eher kurzfristiger Natur sind. Wir sprechen hier von einigen Tagen bis hin zu wenigen Monaten. Denn starke Trends können in diesen Zeiträumen enorme Ausmaße annehmen. Nähern wir uns diesen Zeiträumen an, dann ist prozyklisches Handeln sogar das wesentlich geeignetere Werkzeug. In positiven Marktphasen folgen viele große Investoren diesen Trends und verstärken sie. Die berühmte Aussage „Die Hausse nährt die Hausse“ kommt nicht von ungefähr. Trends haben die Eigenschaft weiter zu laufen, als es die meisten Menschen vermuten würden, sowohl auf der positiven wie auch auf der negativen Seite. Im vorherigen Abschnitt erläuterte ich wie ich genau diese Trendstärke ausnutze, um ein Tradingportfolio aufzubauen. Wichtig: Unterscheiden Sie grundsätzlich zwischen kurzfristigen und langfristigen Anlagen. Wer auf Wochen und Monate plant, ist prozyklisch meist besser aufgestellt. Wer auf Zeiträume von über einem Jahr baut, sollte sich auf antizyklische Einstiege vorbereiten. Denn eines ist sicher: die Börse schwankt und diese Schwankungen sollten nicht nur kurzfristig orientierte Anleger ausnutzen, sondern gerade auch längerfristig orientierte Menschen.

Warnsignale – Hilfe, da läuft was nicht richtig!

Überall wo es um Geld geht sind Betrüger und unseriöse Marktteilnehmer nicht fern. Gerade an der Börse muss der Anleger aufpassen wie ein Schießhund. Fundamentale Analyse kann hier helfen, die Spreu schnell vom Weizen zu trennen und zumindest in Windeseile ein paar Warnsignale aufdecken. Ich möchte nun einige der häufigsten Signale vorstellen, bei denen Ihnen als Anleger sofort die Alarmglocken klingeln sollten.

Tolle Prognosen: Keine Frage, in Zukunft wird alles besser, das machen sich auch viele Unternehmen zu Nutze, die im Grunde nichts zu bieten haben, außer ein paar mickrige Umsätze und horrende Verluste. Mit Prognosen, die über die kommenden 2-5 Jahre reichen, in denen gigantisch steigende Umsätze und Gewinne eingeplant werden, gehen sie auf Anlegerfang. So soll dem Investitionswilligen die ganze Sache schmackhaft gemacht werden. Wenn Unternehmen, die bisher nichts auf die Reihe bekommen haben, plötzlich mit exorbitanten Zukunftsprognosen an den Markt kommen, dann ist dies ein klares Warnsignal! Insbesondere relativ unbekannte Gesellschaften machen sich dies zu Nutze, um Aufmerksamkeit zu erregen. Gerne kommt auch noch ein Researchbericht eines drittklassigen Hauses mit dazu. Dieses Research ist, wie meist im Disclaimer zu lesen, vom Unternehmen selbst in Auftrag gegeben und bezahlt worden, also nicht das Papier wert auf dem es gedruckt wurde!

Kleine ausländische Gesellschaften: Unternehmen aus China, Kanada oder der Schweiz nutzen in den letzten Jahren die Deutsche Börse gerne als Handelsplatz. Warum? Bei 90 % der Unternehmen lässt sich schlicht und einfach sagen, sie finden in ihrem Heimatland keinen Dummen, der in die Sache investieren will. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, aber kleine Unternehmen, die sich für Deutschland als Hauptbörse entscheiden, führen meistens nichts Gutes im Schilde. Hier ist höchste Vorsicht angebracht. Es wäre genau dasselbe, wenn sich ein deutscher Mittelständler an der Börse in São Paulo listen lassen würde. Es ergibt einfach keinen Sinn. Natürlich gilt dies nicht für internationale Unternehmen, die neben ihrem Listing im Heimatmarkt noch ein Zweitlisting an weiteren Börsen haben! Das bitte nicht verwechseln.

Jubelmeldungen: Wenn niedrig kapitalisierte Unternehmen Pressemitteilungen veröffentlichen, die kaum etwas anderes enthalten als leere Worthülsen, wie beispielsweise „revolutionärer Durchbruch“, „gigantisches Marktpotential“ oder „sensationelle Ergebnisse“, ohne irgendwelche wirklichen Informationen zu liefern, ist auch hier Vorsicht angebracht. Harte Fakten -wie verlässliche Zahlen oder Studien - sind meist nicht auffindbar, hier geht es nur darum „Investoren“ der ersten Stunde den Ausstieg zu ermöglichen und Umsätze in die Aktie zu bringen.

Fehlende Geschäftsberichte: Finden sich auf der Homepage keine testierten Geschäftsberichte bzw. Quartalsberichte der letzten Jahre inkl. zeitnaher Finanzinformationen, ist meist etwas im Busch. Unternehmen, die sich weigern zeitnahe Finanzdetails zu veröffentlichen, stecken zumeist sehr tief in der Krise oder sind nur dazu aufgebaut worden, schnellstmöglich durch o.g. Punkte Anleger hinters Licht zu führen.

Vorstandswechsel: Ein Punkt, der meist nicht negativ beurteilt werden sollte, ist ein Vorstandswechsel. Jedoch gibt es auch hier ein paar warnende Hinweise. Wird ein Finanzvorstand kurz vor der Veröffentlichung wichtiger Zahlen suspendiert oder gibt es interne Machtspielchen, kann sich das enorm negativ auf den Aktienkurs auswirken. Ich spreche hier nicht von regulären Wechseln im Vorstand, sondern von solchen, die völlig unerwartet und zur Unzeit kommen.

Das waren nur ein paar, mir persönlich wichtige Punkte, man könnte die Liste hier endlos weiterführen. Wenn Sie aus diesem Abschnitt mitnehmen, stets ein wenig misstrauisch zu sein und nun ein wenig mehr „Research“ zu betreiben, bevor sie irgendwo investieren, ist meine Aufgabe erfüllt. Denken Sie immer daran die Fakten vom „allgemeinen Geschwätz“ zu trennen, um so zu einem objektiven Urteil zu kommen.

Moneymanagement – Die heilige Kuh

Sie werden kaum einen erfahrenen Trader finden, der nicht immer und immer wieder propagiert, wie wichtig ein gutes Moneymanagement an der Börse ist. Ein funktionierendes Moneymanagement hält den Trader im Spiel und sorgt dafür, Investmentfehler schnell und sauber zu korrigieren. Auch ich muss diesem Thema hier natürlich ein wenig Platz einräumen und kann die Wichtigkeit nicht genug betonen. Wer die letzten zwei Jahrzehnte, also die Zeit nach 2000 heil und mit guten Gewinnen überstanden hat, der wird dies nicht ohne eine gut funktionierende Verlustbegrenzung geschafft haben. Trader, die damit beginnen, sich in einer Hausse für Aktien zu interessieren, schenken diesem Thema meist zu Beginn wenig Aufmerksamkeit. Wenn der Markt läuft, macht man eben auch meistens Gewinne. Die Spreu vom Weizen trennt sich dann erst nach einigen Monaten oder Jahren.

Aber das Thema ist alles andere als einfach, denn jeder Mensch hat so seine eigenen Präferenzen, wie viel er bereit ist, im Fall der Fälle zu verlieren. Kleine Depots sind meist spekulativer ausgerichtet und können mehr Risiko vertragen, große Depots werden dann eher konservativer veranlagt und die Streuung ist größer. Eine Grundregel von 1 % des Depots pro Trade zu riskieren oder gar 5 %, liegen also im eigenen Ermessen des Traders und wie spekulativ seine Ausrichtung ist.

Ich bevorzuge privat für mich einen flexiblen Stil. Ein fester Prozentsatz existiert für mich also nicht.

Wenn ein Trade oder auch das gesamte Depot gegen mich laufen, stelle ich Verluste auch deutlich vor Erreichen irgendwelcher Prozentmarken glatt.

Läuft das Depot hingegen gut und nur ein einzelner Ausreißer nach unten ist dabei, so bin ich bereit, dieser einzelnen Position auch deutlich mehr Spielraum einzuräumen. Damit unterscheide ich mich von den meisten Tradern, die nur das Risiko einer einzelnen Position betrachten, nicht aber ihre gesamte Vermögenssituation mit in die Entscheidungsfindung einbeziehen.

Für mich persönlich steht Kapitalerhalt an allererster Stelle, das wurde bereits in den vorherigen Abschnitten deutlich gemacht. Chancen finden sich schließlich immer wieder, neues Startkapital wird dann aber schon deutlich schwerer zu beschaffen sein. Daher neige ich dazu, im Depot Positionen zu liquidieren, ob Gewinner oder Verlierer spielt dabei keine Rolle, wenn sich das Gesamtdepot, also Wertpapiere plus Cash, mehr als zwei oder drei Prozent von einem bisher erreichten Allzeithoch entfernen. Das ist meine persönliche Kenngröße, mit der ich gut leben kann. Dies ist dann der Fall, wenn Engagements zumeist in breiter Masse gegen mich laufen. Wenn Moneymanagement also die sprichwörtlich heilige Kuh ist, dann warte ich nicht erst bis die Kuh wirklich geschlachtet wurde, sondern versuche sie schon vor dem Metzger zu retten. Das setzt ein flexibles Positionsmanagement voraus, welches nicht nur auf prozentualen Marken beruht, sondern auch subjektiv die Erfahrung aus der Vergangenheit mit einfließen lässt. Auch Neuigkeiten, die die Marktrichtung ändern können, fließen in den Prozess mit ein. Moneymanagement bedeutet also für mich kein starres System oder feste Regeln, sondern bereits vorsichtig zu werden und Positionen zu verkaufen, wenn sich nur eine Drohkulisse aufbaut und noch gar keine tatsächlichen Verluste angefallen sind.

Im Laufe der Jahre entwickelt man als Trader ein Gespür dafür, wann sich gewissen Dinge nicht so entwickeln, wie sie sollten. Kommen positive Nachrichten, die den Markt eigentlich stützen sollten und fällt er trotzdem, so kann dies ein Hinweis sein. Fallen Aktien unter wichtige technische Marken, so ist dies ein weiterer. Entwickeln sich fundamentale Daten nicht so wie erwartet, muss man auch handlungsbereit sein. Die Anzahl an Dingen, die bei Ihren Trades schief laufen können, ist kaum zu zählen. Meist finden sich schon deutlich vor irgendwelchen sinnvollen Stoppmarken Gründe, warum man ein Engagement besser beenden sollte. Je länger Sie sich mit der Börse beschäftigen, desto eher fallen Ihnen solche Dinge auf. Wer diese Erfahrung nicht besitzt, sollte auf einen definierten Stopp aber keinesfalls verzichten. Die Börse hat die Eigenschaft, immer wieder sehr viel weiter zu steigen und zu fallen als es irgendjemand auf der Rechnung haben könnte. Genau davor schützt Sie ein gutes Moneymanagement, falls Sie gerade mal auf der falschen Seite stehen sollten!

Selbstreflexion ist das A und O

Kommen wir zu einem Thema, das nun deutlich subjektiver wird, die Selbsteinschätzung und das Hinterfragen von bestimmten Aktionen, die Sie an der Börse durchgeführt haben.

Sie dürfen genervt sein, Sie dürfen sich aufregen, wenn es mal mit dem Trading nicht so klappt, aber am Ende des Tages ist es wichtig, noch einmal ganz objektiv eigene Fehler unter die Lupe zu nehmen. Verluste sind Tagesgeschäft an der Börse, egal wie gut man ist. Hat man seine Strategie und folgt man dieser und es fallen Verluste an, so sind diese ganz nüchtern betrachtet nur ein Teil des Spiels. Sie haben zwar jeden Trade selbst in der Hand, aber ein bisschen Monopoly bzw. Würfelglück bleibt aufgrund der vielen kursbildenden Faktoren am Ende des Tages immer übrig! Gehen Sie beispielsweise heute long in einem Wert und Goldman Sachs veröffentlicht am kommenden Morgen eine Verkaufsstudie, so ist das einer dieser Zufallsfaktoren. Der 5 %ige Kursverlust zur Handelseröffnung ist zwar schmerzhaft, ärgerlich und erzeugt eventuell auch Wut im Bauch, ist aber Handelsalltag und sollte am Ende des Tages auch so betrachtet werden.

Selbstreflexion bedeutet in diesem Fall nicht, sich für Ereignisse schuldig zu machen, die man nicht in der Hand hat. Der 5 %ige Verlust ist kein Beinbruch. Nicht zu handeln und zu warten bis eventuell die Verluste noch größer werden, ist der entscheidende Fehler der nicht gemacht werden darf!

Und solche Fehler sollten Sie bei der Selbstreflexion berücksichtigen. Es werden immer wieder externe Ereignisse an der Börse auftreten bzw. die Börse beeinflussen, für die Sie sich nicht die Verantwortung zuschieben können. Ihr Verantwortungsbereich bezieht sich in solchen Situationen nur auf das Management eines Trades und hier müssen Sie den kühlen Kopf bewahren und objektiv handeln. Stellen Sie am Ende des Tages fest, dass Sie genau das nicht getan haben, so lernen Sie daraus. Ein kleines Ego ist an der Börse weitaus hilfreicher als ein Großes. Ein Grund, warum so viele langfristig erfolgreiche Anleger wohl auch in der Tendenz her eher bescheiden auftreten. Sie wissen um ihre eigene Fehlbarkeit und erheben sich nicht selbst auf einen Thron. Sie wissen, das letztlich nur Selbstkontrolle und hartes Arbeiten an sich selbst zum Erfolg führen. Die Marktschreier und Verschwörungstheoretiker hingegen, die vorgeben den goldenen Pfad zum Reichtum entdeckt zu haben, sind meist nichts anderes als Börsenverlierer. Sie suchen die Schuld erst bei anderen, statt bei sich selbst. Wer falsch investiert und hinterher die Schuld bei Notenbankern, dem Bankberater oder Politikern sucht, der wird wohl nie verstehen wie Börse und erfolgreiches Trading funktionieren. Sie haben es also selbst in der Hand. Und das Tag für Tag.

Sentimentanalyse - Der dritte Baustein

Nichts ist wichtiger für einen Börsianer als Erfahrungen am eigenen Leib zu erleben, mitzufiebern und Erfolge und Misserfolge zu spüren. Über die Börse gibt es wahrlich mehr als ausreichend Theorie, aber warum hapert es meist an der Umsetzung und warum sind langfristig nur so wenige Anleger besser als der Markt? Ich habe hierauf keine hundertprozentigen Antworten parat, doch ein junges Gebiet, die Sentimentanalyse, verrät hier zumindest ein paar Details und Ansätze.

Die Sentimentanalyse befasst sich letztlich mit der Stimmung der Anleger, mit deren Verhalten und deren Reaktionen auf wiederkehrende Situationen. Dazu zählen u.a. Angst, Panik und Gier. Auch wenn wir es manchmal nicht wahrhaben wollen, so wird unser Handeln doch oftmals von psychologischen Faktoren bestimmt. Verlieren wir Geld, handeln wir oft nicht so logisch oder konsequent wie es sein sollte. Das Sentiment versucht, diese logischen und unlogischen Emotionen in einen Indikator zu fassen, der letztlich Auskunft darüber gibt, wie Anleger tatsächlich handeln. Da die meisten Anleger Trends folgen, verändert sich das Sentiment zumeist in die Richtung, in die der Markt läuft. Bei fallenden Kursen werden Anleger bärisch, bei länger steigenden Kursen überwiegt das Bullenlager stark. Es gilt nun den Punkt zu finden, an dem die Stimmung kippt und sich in Gegenteil umkehrt.

Markante Tiefpunkte gehen meist mit enormer Panik und Kapitulation der Anleger einher. Dies lässt sich anhand der Positionierung messen. Markante Hochpunkte hingegen erstrecken sich zumeist über einen länger laufenden Zeitraum. Warum ist dem so? An Hochpunkten wird der Markt von Gier begleitet, es finden sich immer neue Menschen, die sich für die Börse begeistern können und es fließt nach und nach noch Geld in den Markt. Diese Phase kann sich über Monate hinziehen. Angst und Panik entladen sich hingegen eher blitzartig, alle wollen gleichzeitig durch dieselbe enge Türe hinaus. Der Prozess findet in einem Bruchteil der Zeit statt.

Das Sentiment ist ein moderner Baustein, der die klassische Fundamentalanalyse und die Charttechnik um den „menschlichen“ Faktor erweitert. Schrieb ich zuvor, dass sich Technik und Fundamentales ergänzen, so gilt dies auch uneingeschränkt für das Sentiment. Sie ist der dritte formgebende Faktor meiner Anlagestrategie. Auch wenn das Thema noch relativ neu ist und sich entwickelt, so erweist es sich doch als sehr sinnvoll, seine eigene Sichtweise immer mit der der Masse zu vergleichen, um zu schauen an welchem Punkt der Markt steht. Kostolany sagte einmal, die Börse ist zu 90 % Psychologie, darüber mag man gerne streiten. Aber egal wie viel Prozente es nun tatsächlich sind, auf jeden Fall genug, um diesen Faktor nicht unter den Tisch fallen zu lassen!

Alles zusammen ist im besten Fall eine Strategie, die funktioniert

Packen wir nun alles das, was wir in den vorherigen Abschnitten angerissen haben zusammen, so haben wir am Ende im besten Fall eine Strategie, die funktioniert. Ich habe viele Themen hier nur gestreift, Details finden sie zumeist in entsprechender Fachliteratur. Aber darum geht es mir gar nicht. Mir ist wichtig, wie gedanklich ein Anlageprozess ausschauen kann, den Sie als Anleger für sich auch umsetzen können.

Gehen wir die einzelnen Punkte nun noch einmal kurz nacheinander durch.

  • Haben Sie ein bestimmtes Unternehmen ausgemacht, für das Sie sich interessieren, beginnen Sie mit einer groben Standortbestimmung. Dazu zählen Warnsignale abklopfen und fundamentale Daten abgleichen - insbesondere was bilanzielle Risiken angeht.
  • Übersteht das Unternehmen diesen Selektionsprozess geht es darum, den passenden Einstiegszeitpunkt zu finden. Dieses Timing erfolgt über den Chart.
  • Das Risikomanagement greift ab dem Zeitpunkt, an dem der Titel gekauft wurde. Haben Sie ein Depot aus mehreren Unternehmen, achten Sie auf Warnsignale. Kommt das Depot unter Druck so warten Sie nicht, bis Sie größere Verluste realisieren müssen, sondern agieren Sie aktiv und verteidigen Sie ihr Vermögen.
  • Seien Sie gedanklich flexibel, sich auf neue Situationen einzustellen und betrachten Sie jede Investition so nüchtern und sachlich wie möglich. Chancen gibt es immer wieder, an jedem einzelnen Tag. Wenn Sie allerdings Ihr Kapital einbüßen, so stehen Ihnen diese Chancen in Zukunft nicht mehr offen!
  • Das Sentiment sollte am Ende des Tages Ihre Sichtweise vervollständigen, dient aber nicht dazu, einzelne Investments zu rechtfertigen oder nicht. Dafür sind Fundamentaldaten und der Chart zuständig.

Was hier nun in wenige Worte gefasst wurde, sind Erkenntnisse, die ich mir über die vergangenen 25 Jahre angeeignet habe. Das Problem, egal wie viele Bücher Sie lesen: es geht am Ende nichts über praktische Erfahrung, die sich in ihre Gedanken brennt. Immer dann, wenn an der Börse irrationale Zeiten herrschen, machen Sie sich klar, dass dies nichts Neues ist! Diese irrationalen Zeiten hat es immer gegeben und wird es immer wieder geben. Nutzen Sie diese Schwankungen, gerade als längerfristig orientierter Anleger, aktiv aus! Je kurzfristiger Sie hingegen orientiert sind, desto mehr versuchen Sie, Trends zu folgen.

In diesem Sinne viel Erfolg!

Ihr Sascha Gebhard

Wichtiger Hinweis: Dieser Text wurde in seiner Urform 2013 verfasst und 2022 leicht angepasst.

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  • Sascha Huber
    Sascha Huber Experte für Kryptowährungen
    16:27 Uhr, 07.11.

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Über den Experten

Sascha Gebhard
Sascha Gebhard
Redakteur

Sascha Gebhard hat nach einer klassischen Ausbildung zum Bankkaufmann im Laufe der Jahre bei verschiedenen Banken gearbeitet. Er absolvierte neben dem Beruf die Studiengänge zum Diplom-Betriebswirt (VWA) sowie den Finanz- und Investment Ökonom (VWA). Von 2008 bis 2016 war er als Eigenhändler auf eigene Rechnung an den Finanzmärkten aktiv. Weiterhin publizierte er für verschiedene Finanzverlage und schrieb zahlreiche Fachartikel rund um das Thema Börse. Die in den jeweiligen Diensten geführten Realgeld- sowie Musterdepots konnte stets überdurchschnittliche Renditen erwirtschaften. Sein Steckenpferd ist seit jeher der deutsche Aktienmarkt, wo er bestens vernetzt ist, und eine Vielzahl an Unternehmen bereits seit mehr als 15 Jahren aktiv verfolgt. Seit 2022 ist Sascha Gebhard fester Bestandteil des Redaktionsteams von stock3.

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