Die Hormus-Krise führt zur dauerhaften Neuausrichtung der globalen Energiemärkte
- Lesezeichen für Artikel anlegen
- Artikel Url in die Zwischenablage kopieren
- Artikel per Mail weiterleiten
- Artikel auf X teilen
- Artikel auf WhatsApp teilen
- Ausdrucken oder als PDF speichern
Erwähnte Instrumente
- Kupfer - WKN: 720321 - ISIN: XC0007203216 - Kurs: 13.307,36 $/t (ARIVA Indikation)
Der Krieg im Nahen Osten und die damit einhergehende Schließung der Straße von Hormus durch den Iran stellen laut Daniel Yergin den massivsten Angebotsschock der bisherigen Wirtschaftsgeschichte dar. Der Vice Chairman von S&P Global legt in einem im Bloomberg-Podcast nahe, dass dieses Ereignis die Risikoannahmen von Regierungen und Konzernen dauerhaft verschieben wird, selbst wenn es in Kürze zur Normalisierung der Handelsrouten käme.
Abhängigkeiten jenseits des Erdöls
Strategische Planer haben die industriellen Folgen einer Hormus-Blockade bisher zu eng gefasst. Yergin erläutert, dass neben Rohöl auch die globale Versorgung mit verflüssigtem Erdgas (LNG), Düngemitteln, Petrochemikalien, Schwefel und Helium massiv gestört wurde. Insbesondere Helium ist für die Halbleiterproduktion in Taiwan essenziell.
Yergin betont in diesem Kontext die wirtschaftliche Bedeutung von amerikanischem LNG. Zum Vergleich: Der Wert des exportierten LNG erreicht bereits 75 % des Wertes aller US-amerikanischen Halbleiterexporte.
Technologiekonzerne als neue Energieakteure
Ein zentrales Thema der Branchenkonferenz CERAWeek vor einem Monat war die Konvergenz von Technologie- und Energiesektor. Der durch Künstliche Intelligenz (KI) ausgelöste Boom treibt den Strombedarf von Rechenzentren in die Höhe. Versorgungsunternehmen prognostizieren laut Yergin nun jährliche Nachfragesteigerungen von 5 % bis 8 %, nachdem das Stromwachstum zuvor jahrelang stagnierte.
Technologiekonzerne integrieren Energiefragen zunehmend in ihre Kernstrategien. Technologieunternehmen wie Amazon investieren zum Beispiel direkt in Entwickler von Small Modular Reactors (SMR), um die Kosten für Kernenergie zu senken und den eigenen Strombedarf mittelfristig zu decken. Yergin fasst die veränderte Wahrnehmung so zusammen: "Energie-Sicherheit hat sich von Öl und Gas hin zu Elektrizität verschoben."
Erneuerbare Energien und die Rohstoffintensität der Transformation
Der Ausbau erneuerbarer Energien startete vor allem auch als Klimaschutzmaßnahme, wird im Lichte der Krise von Staaten aber zunehmend vorrangig als Instrument der nationalen Energiesicherheit und Diversifizierung betrachtet. Zwar machten Wind- und Solarkraft im vergangenen Jahr über 90 % der weltweit neu installierten Stromkapazitäten aus, die Elektrifizierung des Transportsektors verläuft jedoch stark asymmetrisch.
Laut Yergin lag der Anteil von Elektrofahrzeugen (EV) an den US-Neuzulassungen zuletzt bei lediglich 6 %, während Europa etwa 20 % verzeichnete. Weltweit wurden im Referenzzeitraum 2025 schätzungsweise 22 Mio. bis 23 Mio. Elektroautos verkauft, verglichen mit einem US-Gesamtmarkt für Neuwagen (alle Antriebsarten) von 16 Mio. bis 17 Mio. Fahrzeugen.
Eine Herausforderung dieser Transformation ist der hohe Rohstoffbedarf. Ein Elektroauto benötigt nahezu dreimal so viel Kupfer wie ein herkömmlicher Verbrenner. Branchenschätzungen gehen von etwa 80 Kilogramm Kupfer pro EV aus, gegenüber rund 25 Kilogramm bei Verbrennungsmotoren.

Die kommende strukturelle Inflation
Die Ereignisse am Persischen Golf belegen, dass asymmetrische Kriegsführung mit vergleichsweise günstigen Drohnen es auch kleinen Volkswirtschaften ermöglicht, globale logistische Engpässe zu kontrollieren.
Die jahrzehntelange Optimierung von Lieferketten auf maximale Kosteneffizienz weicht einem Fokus auf Resilienz, Vorratshaltung und Versorgungssicherheit. Die Rückverlagerung von Produktionskapazitäten ("Reshoring" und "Nearshoring") sowie steigende Verteidigungsausgaben führen laut Yergin zu einer strukturellen Inflation. "Das ist inhärent mit zusätzlichen Kosten verbunden, die vorher nicht da waren. Es kehrt einen Trend um, der sich über Jahrzehnte entwickelt hatte".
Fazit
Die Akteure der Energiewirtschaft und politische Planer bereiten sich auf eine dauerhaft veränderte Risikolandschaft vor. Es wird wohl nicht mehr so wie vor dem Krieg werden.
Die künftige Ausrichtung der Industrie wird geprägt durch einen Dreiklang: Der Trend zur vertikalen Integration der Stromversorgung durch den Technologiesektor, die forcierte Diversifizierung über erneuerbare und nukleare Energieträger sowie eine durch Sicherheitsinteressen getriebene Kosteninflation. Der Fokus verschiebt sich von der reinen Verfügbarkeit billiger Rohstoffe hin zur Sicherstellung resilienter, physisch geschützter Lieferketten. Auch wenn es kostet.
Passende Produkte
| WKN | Long/Short | KO | Hebel | Laufzeit | Bid | Ask |
|---|

Keine Kommentare
Die Kommentarfunktion auf stock3 ist Nutzerinnen und Nutzern mit einem unserer Abonnements vorbehalten.