Kommentar
15:29 Uhr, 30.05.2018

Warum auch Draghi den Kollaps nicht mehr verhindern kann

Schon einmal rettete EZB-Präsident Mario Draghi die Eurozone vor dem Auseinanderbrechen. Doch jetzt wird Draghi das Kunststück nicht mehr gelingen.

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Als die Finanzmärkte im Hochsommer 2012 darauf spekulierten, dass die Eurozone demnächst auseinander brechen würde, da waren es vor allem die Worte und Taten eines Mannes, die die Märkte beruhigten. In den Wochen zuvor waren die Renditen bei italienischen und spanischen Staatsanleihen stark angestiegen. Die Märkte preisten mit einer immer höheren Wahrscheinlichkeit eine baldige Zahlungsunfähigkeit der Euro-Krisenstaaten ein und wollten ihnen - wegen des hohen Risikos - nur noch zu hohen Zinssätzen Geld leihen.

Klar war: Von den Regierungen der Eurozone würde die Rettung nicht kommen. Letzte Hoffnung der Finanzmärkte: Die EZB musste einschreiten, zum Beispiel, indem sie Anleihen der Krisenstaaten aufkaufte und damit half, die Zinsen zu senken.

In einer Rede in London sagte EZB-Präsident Mario Draghi dann am 26. Juli 2012 die Worte, die eine nachhaltige Reaktion an den Finanzmärkten zur Folge hatten:

“Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro. And believe me, it will be enough.”

(Übersetzung: "Innerhalb unseres Mandates ist die EZB bereit, alles zu tun was nötig ist, um den Euro zu erhalten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.")

In den folgenden Tagen gingen die Renditen bei den Anleihen der Euro-Krisenstaaten deutlich zurück. Draghis Botschaft wurde verstanden: Im Notfall würde die EZB einspringen und Ländern wie Italien oder Spanien Geld zur Verfügung stellen, falls diese sich nicht mehr durch Anleiheemissionen mit Geld versorgen könnten.

Nur eine Woche nach der London-Rede untermauerte Draghi seine Worte mit Fakten. Die EZB beschloss ihr Anleihekaufprogramm "Outright Monetary Transactions" (OMT). Im Rahmen dieses Programms würde die EZB im Notfall unbegrenzt die Anleihen einzelner Krisenstaaten aufkaufen – allerdings nur unter bestimmten Bedingungen. Unbegrenzte Anleihekäufe sind der EZB tatsächlich möglich, weil sie sich die Euro-Beträge, die zum Kauf der Anleihen notwendig sind, einfach selbst erschaffen kann - und zwar tatsächlich unbegrenzt.

Zu den Voraussetzungen des OMT-Programms gehört aber, dass der betreffende Staat sich in einem Hilfsprogramm des Euro-Rettungsfonds ESM befindet, sich den Sparauflagen des Programms unterwirft und die Auflagen auch einhält. Außerdem darf der entsprechende Staat den Zugang zu den Finanzmärkten noch nicht völlig verloren haben oder muss spätestens kurz vor Beginn den Zugang zurückerlangt haben.

Die Ankündigung des OMT-Programms im Sommer 2012 reichte völlig, um die Renditen bei den Anleihen der Krisenstaaten wieder sinken zu lassen. Da klar war, dass die EZB im Notfall einschreiten würde, rechneten die Investoren nicht mehr mit einer Zahlungsunfähigkeit der Staaten und waren wieder bereit, ihnen zu niedrigeren Zinsen Geld zu leihen. Die Renditen sanken also, ohne dass die EZB tatsächlich etwas tun musste. Damals zeigte sich: Solvenz ist eine selbsterfüllende Prophezeihung (self-fulfilling prophecy): So lange ein Marktteilnehmer für zahlungsfähig gehalten wird, hat er keine Probleme, an neue Kredite zu kommen, und ist deshalb auch tatsächlich zahlungsfähig. Geht das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit verloren, verliert er diese auch tatsächlich, da er fortan keine Kredite mehr erhält.

Das OMT-Programm der EZB kam bis heute nicht zum Einsatz – und hatte dennoch die erwünschten Auswirkungen . Die aktuellen EZB-Anleihekäufe sind Teil eines anderen Programms, bei dem Anleihen aller Euro-Staaten und nicht nur der Krisenstaaten gekauft werden.

Angesichts der angespannten politischen Situation in Italien sind die Anleiherenditen des Landes zuletzt stark angestiegen. Investoren preisen ein, dass eine Koalition aus Fünf-Sterne-Bewegung und Lega Nord an die Macht kommen könnte und es anschließend zu einem Euro-Austritt und einem Zahlungausfall bei den Staatsanleihen des Landes kommen könnte. Da der italienische Anleihemarkt zu den größten der Welt gehört, hätte ein Zahlungsausfall vor allem für den Rest der Welt dramatische Folgen. Zahlreiche Banken in Europa (darunter möglicherweise auch die Deutsche Bank und die Commerzbank) wären mit einem Schlag pleite, wenn Italien seine Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen würde.

Rendite der zehnjährigen italienischen Staatsanleihen
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Anders als vor fünf Jahren sollten die Märkte dieses Mal aber eine Rettung durch die EZB besser nicht einpreisen. Das Versprechen, im Notfall die Anleihen eines Krisenlandes in unbegrenzter Höhe aufzukaufen, gilt zwar immer noch. Aber es ist so gut wie ausgeschlossen, dass eine Koalition der Populisten in Italien die Vorgaben der EZB für das OMT-Programm einhalten würde.

Insbesondere würde sich eine solche Regierung nicht den Sparvorgaben des Euro-Rettungsschirms unterwerfen. Ganz im Gegenteil: Die populistischen Parteien in Italien sind vor allem deshalb stark geworden, weil sie die europäischen Auflagen in der Haushaltspolitik strikt ablehnen. Im Zweifel würden Fünf-Sterne-Bewegung und Lega Nord eher den Weg des Euro-Austritts gehen, als sich den europäischen Auflagen zu unterwerfen. Nach dem Ausscheiden aus der Eurozone könnte sich Italien sein Geld wieder einfach selbst drucken und wäre nicht mehr auf die EZB angewiesen - so jedenfalls das Kalkül bei manchen Populisten in Rom.

Dieses Mal wird EZB-Präsident Mario Draghi ein Auseinanderbrechen der Eurozone nicht verhindern können. Die Populisten in Rom (und nicht nur dort) sehen einen Euro-Austritt insgeheim weniger als Risiko und mehr als Chance: Als Chance, das verhasste Spardiktat aus Brüssel und Berlin endlich hinter sich zu lassen. Sollte sich eine neue italienische Regierung in den kommenden Monaten oder Jahren für einen Euro-Austritt entscheiden, wird dies auch die EZB nicht verhindern können.

Lesen Sie auch: Euro-Ende durch Italien? So könnte ein "ItalExit" ablaufen


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  • 1 Antwort anzeigen
  • amateur
    amateur

    Wenn man schon Griechenland nicht gehen ließ, wird man Italien zweimal nicht gehen lassen..."Die Vorgaben der EZB für das OMT-Programm" werden sich im Zweifelsfall dehnen lassen wie Gummi - so wie immer...

    19:32 Uhr, 31.05.2018
  • The Secessionist
    The Secessionist

    Zu den aermsten gehoeren ohne Zweifel Sie ! Verblendet vom Mainstream und konditioniert wie ein Pavlovscher Hund ! Ihre bleidigenden Unverschaemtheiten die Sie von sich geben zeigen ihre Gesinnung und Verzweiflung ! Ein Hilfloser ohne jeden Weitblick ! Im Gegensatz zu ihnen spar ich mir jegliche persoenliche Beleidigungen ................... Ists nicht wert 😉

    12:31 Uhr, 31.05.2018
  • ts-trader
    ts-trader

    im grunde sehe ich das wie ein pokerspiel. die italiener zocken ... grundsätzlich gehen da die meinungen wieder mal auseinander. wir brauchen ja eigentlich nur einen blick auf den deutschen bankensektor zu werfen, insbesondere der DB und man erkennt den wahren zustand der "eurozone"

    10:35 Uhr, 31.05.2018
  • JürgenSK
    JürgenSK

    Gut 90% der Deutschen wissen gar nicht, das hier alles an einem dünnen Faden hängt, ebenso ihre Lebensversicherungen....aber die tun mir nicht leid. Da muss man sich eben aufklären und nicht am Smartphone irgendwelche Affenspiele spielen :-) Der Umbruch wird kommen, und man ist gut beraten Edelmetalle zu haben, noch wichtiger ist Nahrung. Die Logistik wird zusammenbrechen, wer in der Stadt wohnt wird Mühe haben was essbares zu bekommen. Auf dem Dorf kann man sich den Keller füllen, mit Konserven und Getreide kann man allein mit einer Investition von 2000 Euro einige Zeit überleben...

    08:01 Uhr, 31.05.2018
    2 Antworten anzeigen
  • netzadler
    netzadler

    die Euro party neigt sich dem Ende. Deutschland hatte seinen spass mit dem niedrigen Euro Kurs, wobei sich für mich der Sinn riesiger exportüberschüsse im gesamtkontext noch nie erschlossen hat. Der Club Med hatte seinen spass mit den niedrigen Zinsen.

    Nun flattert die Rechnung ins Haus. Die mentalitäten sind grundverschieden. Auf der einen Seite die eiserne Disziplin, in den letzten 150 Jahren gründlich antrainiert, auf der anderen seite dolce vita, nicht nur aber auch. Es wird hässlich werden.

    Auch Griechenland ist nicht gerettet, ohne schuldenschnitt wird die gesellschaft überfordert und dann wird der populismus regieren.

    Die Rechnung wird auf dem Deutschen Tisch landen, wir werden das Geschenk der billigen Währung zurückgeben müssen. Ich bezweifele aber, dass das dem Deutschen Michel zu vermitteln ist.

    23:06 Uhr, 30.05.2018
  • Kasnapoff
    Kasnapoff

    @ Einfach

    Der einzige Mist auf dem nichts wächst, ist der Pessimist.......

    da haben Sie durchaus recht, allerdings ist es auch massive Vogel Strauß Politik, den Kopf in den Sand zu stecken und die Augen vor ganz offensichtlichen und nicht geringen Problemen zu verschließen und es war nachgerade arrogant und dumm von der hohen Politik ausgewiesene Experten wie Prof. Hankel und Kollegen als dumme Jungs zu kategorisieren. Wo die Deppen wirklich sitzen, wissen wir inzwischen nur zu gut, leider.

    —————>>>Wer heute den Kopf in den Sand steckt, der knirscht morgen mit den Zähnen und im Hinblick auf den Euro stecken die Politiker seit Jahren den Kopf in den Sand. Man hat ja den Draghi, der notfalls verläßlich der Politik aus der Patsche hilft. Hat ja bislang wunderbar funktioniert, whatever it takes war stets zur Stelle, wenn der Baum zu brennen anfing, ich bin mir sicher dass der smarte Italiener auch gestern und heute seine Finger im Spiel hatte um die Anleihenmärkte zu stabilisieren.

    Nur irgendwann, vielleicht an einem heißen, wolkenlosen Sommertag mit vollen Strassencafes und Eisdielen in denen gutgelaunte Gäste sitzen, wird es zu einem Ereignis kommen, das so brutal schnell abläuft, daß auch Draghi nicht mehr rechtzeitig zum Feuerwehrschlauch greifen kann. Die Experten nennen es den—————>>>>Minsky-Moment, der Kreditfluss versiegt wie ein Bach in der Sommerhitze und Banken kollabieren. Gestern haben die Anleihenmärkte Italiens einen kleinen Vorgeschmack für eine brutale Bewegung abgeliefert.

    Wenn für die Europathen die Stunde der Wahrheit schlägt, dann wird jegliche Hilfe aus dem EZB-Tower zu Frankfurt vergeblich sein. Draghi wird wiederum versuchen zu helfen, aber der Versuch die himmelhohe Feuersäule der brennden Märkte mit den Mitteln über welche Draghi dann noch verfügt zu löschen, wird dem Versuch eines kleinen Jungen gleichen, der einen Hausbrand mit der Wasserpistole löschen will.

    Ein dann folgender Neustart wird Europa und der europäischen Idee gut tun und keinesfalls schaden, wir brauchen wie es seinerzeit Charles de Gaulle postuliert hat, ein Europa der Vaterländer und nicht diese von einem technokratischen Zentralkomitee und den linksgrünen Schmierenkomödianten schon fast installierte EUDSSR.

    22:26 Uhr, 30.05.2018
  • wolp
    wolp

    Es kann sein, muss aber nicht. Der Bezug zu den rechten Trollfabriken drängt sich auf. Aber ich denke er ihat einfach nur Angst. Der andere auch, ja.

    22:23 Uhr, 30.05.2018
  • einfach
    einfach

    ich weis gar nicht was hier alle haben, europa hat doch noch gar nicht richtig angefangen.

    wir sind hier in europa am beginn einer epoche die es so vorher noch nie gab.

    wir sind zu großen teilen schon vereint, haben eine gemeinsame währung und die zeit bis zum steuer und sozialangleich ist auch nicht mehr fern.

    wir fangen jetzt sogar schon an uns finanztechnisch von den usa abzukoppeln.

    bis zum anfang des ersten qe in europa hingen wir immer am zinszipfel der usa.

    sie legten vor wir zogen nach.

    jetzt hat die ezb das erste mal etwas unanständiges getan, sie blieb verhalten auf dem gas stehen und folgte nicht dem verlockenden rufen der banken,die nach einem höheren zins verlangten.

    nein. die ezb sagte sich ihr habt uns in die miesen geritten und das habt ihr nun davon.

    wir bleiben jetzt so lange mit dem fuß auf dem gaspedal bis sich das schuldenniveau im ganzen euro raum wieder so tief gesenkt hat dass die länder wieder frei atmen können.

    das gefällt den banken natürlich gar nicht, denn durch die niedrigen zinsen gehen ihnen die bis dato guten zinsfinanzierungsgeschäfte verloren, die einen sehr großen anteil ihrer bisherigen gewinnen ausmachten.

    europa ist die größte freie region der welt.

    nirgends ist es sicherer und haben die menschen mehr rechte als in europa.

    es gibt auch keine region in der die jugend unbeschwerter groß werden kann und sich positiv entwickelt.

    es mögen in den nächsten jahren noch so einige regierungen kommen und gehen die versuchen werden den geist von europa zu ersticken, aber es gibt immer wieder genug gegenspieler die das verhindern werden auf die eine oder andere weise.

    wenn wir jetzt noch von der schweiz, japan und usa lernen das investitionen keine schulden sind dann wird es einen großen schritt vorwärts gehen.

    im diesen sinne noch ein schönes leben für alle hier.

    21:27 Uhr, 30.05.2018
    1 Antwort anzeigen
  • The Secessionist
    The Secessionist

    https://www.godmode-trader.de/... Ernste Bedenken ueberall !

    19:49 Uhr, 30.05.2018

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Über den Experten

Oliver Baron
Oliver Baron
Experte für Anlagestrategien

Oliver Baron ist Finanzjournalist und seit 2007 als Experte für stock3 tätig. Er beschäftigt sich intensiv mit Anlagestrategien, der Fundamentalanalyse von Unternehmen und Märkten sowie der langfristigen Geldanlage mit Aktien und ETFs. An der Börse fasziniert Oliver Baron besonders das freie Spiel der Marktkräfte, das dazu führt, dass der Markt niemals vollständig vorhersagbar ist. Der Aktienmarkt ermöglicht es jedem, sich am wirtschaftlichen Erfolg der besten Unternehmen der Welt zu beteiligen und so langfristig Vermögen aufzubauen. In seinen Artikeln geht Oliver Baron u. a. der Frage nach, mit welchen Strategien und Produkten Privatanleger ihren Börsenerfolg langfristig maximieren können.

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