Kommentar
13:11 Uhr, 04.05.2026

Exklusive stock3 Plus Analyse: Im Vergleich zur Taiwan-Frage ist die Straße von Hormus noch ein überschaubares Problem

Noch läuft der Irankrieg, doch die Taiwan-Frage könnte in den nächsten Jahren eskalieren. Wer nur eine Halbleiterproblematik sieht, unterschätzt den Konflikt. Es geht um politische Legitimität, militärische Abschreckung und die Frage, wie verwundbar die Weltwirtschaft in der Ära der KI geworden ist.

China-Forscher Ike Freymann meint in einem Bloomberg-Podcast gar: Für Peking ist Taiwan zuallererst ein Macht- und Legitimationsproblem, erst danach ein Technologieproblem. Freymann nennt die Chips (TSMC und Co) ausdrücklich einen "co-benefit", also einen Nebennutzen, nicht das primäre Motiv chinesischer Taiwan-Politik. Taiwan ist für die Kommunistische Partei das unerledigte Erbe des Bürgerkriegs von 1949 und damit ein Symbol für die Frage, wer "China" politisch definieren darf.


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Gerade deshalb wäre ein Ausfall Taiwans ökonomisch so folgenreich. Freymann argumentiert, dass eine Eroberung oder gar Zerstörung der taiwanischen Fertigungskapazitäten einen "hard reset" der globalen Wirtschaftsordnung auslösen könnte, dessen Tragweite bis zur Nachkriegsordnung von 1945 und spätestens zur Globalisierung seit 1989 reicht.

Die amerikanische Taiwan-Politik lebt seit Jahrzehnten von einer Zweideutigkeit. Washington erkennt Peking als Regierung Chinas an, hält zugleich aber eine informelle, praktisch staatsähnliche Beziehung zu Taiwan aufrecht. Daraus entstand jene "strategic ambiguity", die Politikwissenschaftler als "dual deterrence" beschreiben: Taiwan soll keine formale Unabhängigkeit ausrufen, Peking soll keinen Krieg riskieren. Darauf ist die amerikanische Politik ausgerichtet.

Dieses Modell funktionierte gut, solange die USA militärisch, technologisch und ökonomisch deutlich überlegen waren. Das ist heute nicht mehr in dem Ausmaß der Fall wie früher. Freymann zufolge steigt jetzt zwar nicht zwingend die Wahrscheinlichkeit einer chinesischen Kriegsentscheidung, wohl aber der Preis amerikanischer Abschreckung. Denn das Kräfteverhältnis verändert sich und jeder Konflikt wäre zugleich ein Technologie-, Finanz- und Bündnisproblem.

Hinzu kommt ein oft unterschätzter innenpolitischer Faktor auf Taiwan. Es ist nicht so, wie man bei uns vielleicht denkt, dass alle Taiwaner maximale Distanz zu China wollen. Stattdessen gibt es an der einen Stelle die Vorstellung eines größeren chinesischen Zusammenhangs, dort die Selbstbeschreibung Taiwans als eigenständige politische Nation. Abschreckung funktioniert daher für die USA nicht mit Flugzeugträgern und Raketen alleine. Die Frage lautet auch, wie taiwanische Wähler, Unternehmen und Eliten ihre Zukunft zwischen Amerika und China definieren.

Zielkonflikt zwischen Reshoring und "Silicon Shield"

Ökonomisch ist der Konflikt noch heikler, als die Sicherheitsdebatte vermuten lässt. Im Podcast wird der Vergleich zur Straße von Hormus bewusst zugespitzt: Ein temporärer Öl-Schock ist zwar gravierend, ähnliche Probleme bei High-End-Chips wäre für Märkte, Investitionen und KI-Infrastruktur potenziell noch viel zerstörerischer. Die westliche Industriepolitik steckt ebenso im Zielkonflikt wie die von Taiwan: Reshoring (also das "Heimholen" von Produktion z.B. in die USA ) senkt die Abhängigkeit, schwächt aber zugleich den taiwanischen "Silicon Shield", die "physische Versicherung" gegen eine militärische Invasion durch China.

Es stellen sich zudem Fragen wie: Welche Abhängigkeiten müssen im Krisenfall zuerst gebrochen werden, von Arzneiwirkstoffen über Drohnenkomponenten bis zu älteren Chips für die Autoindustrie?

TSMC profitiert derweil weiter massiv vom KI-Boom und treibt zugleich den Aufbau der Fertigung in den USA voran. Der hochtechnologische Schwerpunkt des Konzerns bleibt aber vorerst in Taiwan. Diversifizierung also ja, "Entthronung" Taiwans nein. Redundanz wird aufgebaut, aber das "High-End-Zentrum" bleibt weiter Taiwan.

Der eigentliche Konflikt um Taiwan verläuft auch zwischen alter und neuer Verwundbarkeit. Früher war sie überwiegend militärisch: Kann China Gewalt anwenden, ohne von den USA gestoppt zu werden? Die neue Verwundbarkeit ist vielschichtiger: Wie abhängig bleibt eine zunehmend KI-getriebene Weltwirtschaft von einem derartigen geopolitischen Brennpunkt ?

Fazit

Taiwan ist zu vieles auf einmal: Legitimationsfrage Pekings, Testfall amerikanischer Bündnispolitik, neuralgischer Punkt des Welthandels und auch noch möglicher Engpass einer historisch einmaligen technologischen Aufrüstungsphase. "Compute", also Rechenpower, ist wichtiger geworden als klassische Rohstoffe. Trennt man diese Ebenen, versteht man den Fall in seiner Komplexität nicht. Denkt man sie zusammen erkennt man, warum Taiwan der gefährlichste geopolitische Flaschenhals der Weltwirtschaft ist.

Die Tatsache, dass die chinesische Führung derzeit in Echtzeit beobachten kann, wie die USA im Irankrieg nicht wie geplant vorankommen und einen erheblichen Teil ihrer Munition aufbrauchen und auch, dass der Ukrainekrieg kein Ende findet, erhöhen das Risiko weiter. In Peking könnte man zu der Einschätzung gelangen, dass der Westen es sich schlicht nicht leisten kann, China für eine Eroberung Taiwans signifikant zu bestrafen - weil man sich damit vor allem selbst schaden würde.

Erstveröffentlichung: 10:01 Uhr, 04.05.2026 von Daniel Kühn

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