Kommentar
09:08 Uhr, 20.10.2017

Unglaubliche Zahlen: Target2-Salden wieder im Ausnahmezustand!

Die Eurokrise sollte ja eigentlich vorbei sein. Das Symbol der Krise, die Target2- Salden, sagen aber etwas ganz Anderes. Grund zur Sorge?

Die Target2-Salden wurden 2012 zum Symbol der Eurokrise. Dazu trug zweifelsohne auch Hans-Werner Sinn bei, der medienwirksam bei jeder Gelegenheit über das Target2 System herzog. Mit seiner Kritik war er nicht ganz alleine, aber sicherlich war er am lautesten. Dass es überhaupt jemanden gab, der auf das Problem der Salden hinwies, war gut. Die Krise hätte ansonsten wohlmöglich nicht die notwendige Aufmerksamkeit bekommen.

Als sich die Krise 2011 und 2012 zuspitzte, stiegen die Target2 Forderungen Deutschlands von 300 Mrd. auf 750 Mrd. Euro. Dieser Anstieg fand innerhalb von nur 15 Monaten statt. Ewig hätte das so nicht weitergehen können. Aber wieso eigentlich?

T2 Überschüsse oder Defizite entstehen, wenn Geld von einem Land der Eurozone in ein anderes fließt. Während der Euroschuldenkrise fand eine großangelegte Kapitalflucht statt. Geld floss von Ländern wie Spanien und Italien in Länder wie Deutschland und Luxembourg, die als sicher wahrgenommen wurden.

Vor der Krise gab es diese großen Bewegungen nicht und die, die es gab, wurden durch den Interbankenmarkt ausgeglichen. Das Geld, das nach Deutschland floss, floss über den Interbankenmarkt auch wieder in andere Länder zurück.

In der Krise vertrauten sich die Länder nicht mehr. Der Ausgleich fand nicht mehr statt. So bildeten sich immer höhere Forderungen auf der einen Seite und immer höhere Verbindlichkeiten auf der anderen Seite. Erst als die EZB klarmachte, dass sie notfalls einspringen würde, normalisierte sich die Lage wieder. Vertrauen kehrte zurück. Deutschlands T2 Forderungen sanken und erreichten Ende 2014 wieder 460 Mrd. Euro. Das war immer noch viel, aber 300 Mrd. weniger als noch 2012.

Inzwischen steigen die T2 Forderungen wieder an. Sie erreichten erst im Mai 2017 ein neues Hoch bei fast 850 Mrd. Euro. Die Gründe für diesen Anstieg sind allerdings andere als 2012. 2012 war es Kapitalflucht, die für den Anstieg sorgte. Man konnte einen klaren Zusammenhang zwischen den CDS (Credit Default Swaps: Kosten einer Kreditausfallversicherung) und den Salden erkennen. Je mehr eine Kreditausfallversicherung für ein Land kostete, desto höher wurden die Verbindlichkeiten im T2 System.

Hätte es T2 nicht gegeben, wären mehrere Länder kollabiert. T2 ermöglicht einen Ausgleich zwischen den Euroländern. Ohne diesen Ausgleich hätte die extreme Kapitalflucht zwangsläufig zum Kollaps geführt. Hat ein Land seine eigene Währung und fließen hunderte Milliarden ab, bringt das so ziemlich jede Währung zu Fall. Ein Bankrott wäre dem nächsten gefolgt.

Durch den Ausgleich im T2 System konnte es dazu gar nicht kommen. Genau so soll T2 auch funktionieren. Das kann man kritisieren wie es Hans-Werner Sinn getan hat, doch so wurde T2 konstruiert. Es funktioniert wie gedacht.

Der jetzige Anstieg der T2 Bilanz hat wenig mit dem Schuldendrama zu tun. Man kann die Ursache sehr genau ausmachen: die Anleihekäufe der EZB. Beispielhaft zeigt Grafik 2 die T2 Verbindlichkeiten von Spanien. Das Defizit entspricht in etwa der Summe der Bankenrefinanzierung über die EZB und den Anleihekäufen.

Da der Interbankenmarkt 2012 fast zu existieren aufhörte, finanzierten sich Banken nicht mehr untereinander, sondern über die Zentralbank. Hier gab es bis Anfang 2015 eine Normalisierung. Dann begann QE. Kauft die Bundesbank nun deutsche Anleihen, entsteht eine T2 Forderung, wenn sie die Anleihe einem ausländischen Investor abkauft. Da während der Krise Kapitalflucht stattfand und ein Großteil des Geldes in deutschen Assets landete, steigen nun die T2 Forderungen, wenn die Bundesbank diese Assets zurückkauft.

Auch das kann man gut oder schlecht finden. Immerhin ist der Grund für den neuerlichen Anstieg der T2 Forderungen ein ganz anderer. Das Resultat bleibt aber gleich. Es sind Forderungen, die im Ernstfall nicht beglichen werden können. Die Verluste, die auf der Seite der Länder mit positiver T2 Bilanz anfallen, können kaum verkraftet werden. In diesem Fall stehen nicht nur Länder wie Italien vor dem Kollaps, sondern auch Länder wie Deutschland und die Niederlande.

Clemens Schmale

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24 Kommentare

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  • Karsten B.
    Karsten B.

    "Die Eurokrise sollte ja eigentlich vorbei sein"

    Auf dem Saturn vielleicht schon ja.....

    13:54 Uhr, 20.10.2017
  • Member
    Member

    In dem T2 Chart finde ich nirgends Frankreich...Hat das einen Grund?

    12:26 Uhr, 20.10.2017
  • einfach
    einfach

    sie haben leider alle herrn draghi nicht richtig verstanden.

    er sagte was auch immer nötig ist die ezb wird es tun denn sie hat unendliche mittel.

    was ist an diesem satz unverständlich ?

    was auch immer an summen in t2 steht, die ezb kann alle summen ausgleichen.

    kein land im euro kann pleite gehen wenn es das nicht will.

    als letzter anker steht immer die ezb da und sorgt für ein bezahlbares zinsniveau.

    das ist der vorteil von auf vertrauen basierten währungen, niemand soll angst haben dass eine bestimmte summe x plötzlich nicht mehr bezahlt werden kann.

    das einziga was für diese aktion nötig ist, ist das eintragen einer zahl in einer bildschirmmaske mit abschließender betätigung der enter taste.

    wer zum schluss welche summe in seinen büchern hat, spielt so lange keine rolle, solange alle darauf vertrauen das sie für ihr geld am nächsten morgen beim bäcker ihre brötchen einkaufen können.

    diese einfache tatsache ist aber für die meisten nur schwer verständlich, weil sie nicht genau wissen wie das geldsystem wirklich funktioniert.

    12:08 Uhr, 20.10.2017
    3 Antworten anzeigen
  • Billabong
    Billabong

    netzadler, wenn das irgendwann kollabiert, kann Italien ja als Entschädigung Südtirol abgeben und die Spanier die Balearen.

    11:30 Uhr, 20.10.2017
  • netzadler
    netzadler

    elegant wär auch, wenn Deutschland sich überall im Euroraum ein Fleckchen land aussuchen könnte. man ist vor deutschen sowieso schon fast nirgendwo mehr sicher.

    10:32 Uhr, 20.10.2017
  • Daniel Kühn
    Daniel Kühn Chefredakteur

    Ich habe einen Lösungsvorschlag, der sogar funktioniert: Jeder Bürger Deutschland überweist 10 TSD EUR von einem Konto in Deutschland auf ein Konto im EU-Ausland. Und schon ist der Saldo bei 0.

    09:54 Uhr, 20.10.2017
    5 Antworten anzeigen
  • netzadler
    netzadler

    mich interessiert ein belastbares Szenario, bei welchem der bundesbanksaldo wieder ausgeglichen wird. solang dies niemand auf der Pfanne hat, braucht man sich nicht wundern über vertrauensverlust und hat auch keinen grund über fake News zu lamentieren.

    euro ist und bleibt eine Fehlkonstruktion. Deutschland wird alles bezahlen oder aber es geht hier so den Bach runter, dass sich die Salden dadurch ausgleichen. beides ist bitter, viel spass mit jamaika.

    der Tscheche wählt am Wochenende. der gewinner steht schon fest und zeigt dem euro den Mittelfinger.

    09:25 Uhr, 20.10.2017

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Über den Experten

Clemens Schmale
Clemens Schmale
Finanzmarktanalyst

Clemens Schmale hat seinen persönlichen Handelsstil seit den 1990er Jahren an der Börse entwickelt.

Dieser gründet auf zwei Säulen: ein anderer Analyseansatz und andere Basiswerte. Mit anders ist vor allem die Kombination aus Global Makro, fundamentaler Analyse und Chartanalyse sowie Zukunftstrends gemeint. Während Fundamentaldaten und Makrotrends bestimmen, was konkret gehandelt wird, verlässt sich Schmale beim Timing auf die Chartanalyse. Er handelt alle Anlageklassen, wobei er sich größtenteils auf Werte konzentriert, die nicht „Mainstream“ sind. Diese Märkte sind weniger effizient als andere und ermöglichen so hohes Renditepotenzial. Sie sind damit allerdings auch spekulativer als hochliquide Märkte. Die Haltedauer einzelner Positionen variiert nach Anlageklasse, beträgt jedoch meist mehrere Tage, oft auch Wochen oder Monate.

Rohstoffe, Währungen und Volatilität handelt er aktiv, in Aktien und Anleihen investiert er eher langfristig. Die Basiswerte werden direkt – auch über Futures – oder über CFDs gehandelt, in Ausnahmefällen über Optionen und Zertifikate.

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