Analyse
12:00 Uhr, 18.06.2026

KI-Boom: JPMorgan warnt, China holt schneller auf als der Westen glaubt

Die USA dominieren bei Chips, Kapital und Spitzenmodellen. Doch JPMorgan warnt: China holt dort auf, wo der wahre KI Krieg entschieden werden könnte, bei Energie, Industrie, Skalierung und globaler Verbreitung. Der Abstand schrumpft.

Das JPMorgan Center for Geopolitics Papier „"Beyond the Benchmarks: A Systemic View of U.S.-China AI Competition" argumentiert, dass die meisten Investoren, Politiker und Unternehmen den KI-Wettlauf zwischen den USA und China falsch betrachten. KI entwickelt sich zu einem umfassenden Wettbewerb zwischen 2 Wirtschafts- und Gesellschaftssystemen.

JP Morgan sieht die USA zwar weiterhin vorne, aber deutlich weniger komfortabel als viele Marktteilnehmer glauben. Die USD dominieren bei Spitzenmodellen, Hochleistungschips und dem Software Ökosystem. China holt jedoch in Bereichen auf, die langfristig möglicherweise wichtiger sind: Breite Einführung von KI in der Wirtschaft, kostengünstige Modelle, industrielle Skalierung, Energieversorgung und globale Verbreitung chinesischer Technologieplattformen.

Eine der wichtigsten Aussagen des Reports lautet: Die USA setzen auf Frontier AI, also die leistungsfähigsten Modelle der Welt. China setzt dagegen auf Verbreitung und Skalierung. Die amerikanische Wette lautet: Wer die besten Modelle besitzt, gewinnt. Die chinesische Wette lautet: Wer KI in Millionen Unternehmen, Behörden, Fabriken und Geräten integriert, gewinnt. Die Autoren machen deutlich, dass die Geschichte eher auf Chinas Seite stehen könnte. Bei früheren technologischen Revolutionen profitierten oft nicht die Erfinder am stärksten, sondern diejenigen, die die Technologie am schnellsten und breitesten einführten.

Besonders interessant für Anleger ist die Einschätzung zu DeepSeek. JPMorgan sieht DeepSeek nicht als Ausnahme, sondern als Beweis dafür, dass China technologisch viel näher an den USA ist als lange angenommen wurde. Die Veröffentlichung von DeepSeek R1 Anfang 2025 habe gezeigt, dass die amerikanische Annahme „China kann kopieren, aber nicht innovieren“ falsch sei. Der Abstand bei den Modellen schrumpft schneller als viele erwarten.

Beim Thema Hardware bleiben die USA klarer Sieger. Die Vereinigten Staaten verfügen laut Report über rund 53,7 Gigawatt installierte Rechenzentrumskapazität, China über 31,9 Gigawatt. Zusätzlich kontrollieren die USA gemeinsam mit Taiwan, Japan, Südkorea und den Niederlanden die entscheidenden Teile der Halbleiter Wertschöpfungskette. Besonders wichtig: China hat weiterhin keinen Zugang zu den modernsten EUV Lithografiemaschinen von ASML. Genau hier sieht JPMorgan die größte strukturelle Schwäche Chinas.

Gleichzeitig besitzt China erhebliche Gegenmacht. Das Land kontrolliert große Teile der kritischen Rohstoffe, Chemikalien, Leiterplattenproduktion, Transformatoren und anderer Infrastruktur, ohne die moderne KI Rechenzentren nicht gebaut werden können. Die Autoren weisen darauf hin, dass China in diesen Bereichen erhebliche geopolitische Hebel besitzt.

Ein weiteres Kernthema ist Energie. Hier sieht JPMorgan eine unterschätzte chinesische Stärke. KI benötigt gigantische Strommengen. Während Investoren oft nur auf Chips schauen, argumentiert der Report, dass Stromversorgung und Netzausbau langfristig genauso wichtig werden könnten wie Halbleiter. China baut seine Energieinfrastruktur derzeit deutlich aggressiver aus als die USA. Bereits heute gelten Energieengpässe als eine der größten Gefahren für die amerikanische KI Führungsposition.

Spannend ist auch die Analyse der Modellökonomie. Chinesische Anbieter wie DeepSeek, Alibaba oder Baidu verfolgen eine Strategie günstiger Modelle. Ein Modell mit 90% der Leistung zu einem Bruchteil der Kosten gewinnt häufig den Markt. JPMorgan hält genau das für einen potenziellen Gamechanger. Denn günstige Modelle verbreiten sich schneller, sammeln mehr Daten und stärken dadurch ihr Ökosystem. Die Autoren betonen mehrfach, dass Adoption wichtiger werden könnte als Benchmark Ergebnisse.

Bei den Finanzen haben die USA weiterhin einen enormen Vorteil. Das amerikanische Kapitalmarktsystem finanziert die KI- Revolution mit Hunderten Milliarden Dollar. Gleichzeitig warnt JPMorgan jedoch vor einer möglichen Fehleinschätzung, die erhofften Produktivitätseffekte sind bislang auf makroökonomischer Ebene noch kaum sichtbar. Es gibt daher durchaus Risiken einer KI Investitionsblase.

Die USA führen derzeit noch klar im Gesamtbild. Doch dieser Vorsprung wird schmaler, umkämpfter und fragiler. Besonders problematisch aus amerikanischer Sicht ist laut JPMorgan, dass China gerade in den Bereichen aufholt, die später nur schwer rückgängig zu machen sind: Industrielle Skalierung, Energieversorgung, globale Verbreitung von Technologieplattformen und KI Nutzung in der Realwirtschaft.

Der KI Wettlauf wird nicht allein durch NVIDIA, OpenAI oder die nächste Benchmark entschieden. Entscheidend wird sein, wer die gesamte KI-Wertschöpfungskette kontrolliert: Chips, Strom, Rechenzentren, Software, Kapital, Talente, Industrie und globale Verbreitung.

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