Kommentar
07:43 Uhr, 14.05.2026

Für Trump ist es nun entscheidend, wie er sich zu Taiwan äußert

Erstmals seit 2017 empfängt Peking einen US-Präsidenten. Xi Jinping nutzt die Bühne, um die Taiwan-Frage zur Vorbedingung von Stabilität zwischen den USA und China zu erklären. Trump bringt CEOs und einen Erwartungshorizont mit. Er will Deals sehen, was sonst.

Xi Jinping ist deutlich: Wer über Iran, Halbleiter oder Boeing reden will, muss zuvor die Sprachregelung zu Taiwan akzeptieren. Donald Trump kontert mit einer Wirtschaftsdelegation – Tim Cook, Elon Musk, Jensen Huang, Jane Fraser, Boeing-Chef Kelly Ortberg.

Die Inszenierung als Botschaft

Xi formulierte vor laufenden Kameras die zentrale Doktrin: Werde die Taiwan-Frage nicht sachgerecht gehandhabt, drohe eine Konfrontation oder gar ein Konflikt, der die Gesamtbeziehung in einen hochgefährlichen Zustand drücke. Das ist nicht weniger als die explizite Verknüpfung eines spezifischen Streitpunkts mit der Existenzfrage der bilateralen Architektur.

Die Formel "Partner, nicht Rivalen", die Xi gleich zu Beginn platzierte, ist keine Höflichkeitsfloskel, sondern Programmatik. Sie zielt auf die langfristige Auflösung des Containment-Begriffs, den Washington seit über einem Jahrzehnt zur Strukturierung seiner Asien-Strategie nutzt. Denn wer Partner ist, betreibt keine Eindämmung – und liefert keine Waffen an eine abtrünnige Provinz. Als solche sieht China Taiwan nach wie vor.

Seltene Erden und die Schwachstelle des Westens

Pekings Verhandlungsposition ruht auf einer Rohstoffdominanz, die Washington bislang nicht ansatzweise brechen konnte. China kontrolliert rund 70 % der globalen Förderung Seltener Erden und etwa 90 % der Raffination. Bei den Permanentmagneten – kritisch für Elektromotoren, Windkraft, Drohnen, Rechenzentren – liegt der Anteil bei 94 %. Innerhalb von zwei Jahrzehnten hat sich die Konzentration nahezu verdoppelt.

Die im April 2025 verhängten Lizenzpflichten für sieben Elemente – darunter Samarium, Dysprosium, Terbium, Gadolinium – hatten in Europa und den USA teils Produktionsstillstände ausgelöst. Die im Oktober 2025 nachgeschobene zweite Welle ist nach diplomatischer Intervention bis zum 10. November 2026 ausgesetzt – ein Damoklesschwert, das Peking jederzeit fallen lassen kann.


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Die Iran-Karte und das Hormus-Kalkül

Der seit Ende Februar 2026 anhaltende Iran-Krieg hat das Kräfteverhältnis weiter zu Pekings Gunsten verschoben. China nimmt mehr als 80 % der iranischen Rohölexporte ab und ist der einzige relevante Akteur mit Hebel gegenüber Teheran. Washington benötigt diese Vermittlerrolle: Eine Wiederöffnung der Straße von Hormus ohne chinesische Mitwirkung ist kaum vorstellbar. Etwa die Hälfte der chinesischen Rohölimporte stammt aus dem Nahen Osten – Peking hat eigene Interessen an einer Deeskalation, kann diese Trump aber als Gefallen verkaufen. Aber nicht die bedingungslose Sorte! Einen Gefallen. für den man etwas haben möchte.

Der Empfang des iranischen Außenministers Abbas Araghchi in Peking unmittelbar vor dem Gipfel war wohl kein Zufall. China positioniert sich als unverzichtbarer Vermittler – und erhebt entsprechende Forderungen.

Taiwan: Die rhetorische Falle

Die eigentliche Gefahr liegt nicht in einem expliziten Deal, sondern in einer beiläufigen Formulierung. Trump hatte bereits im Februar 2026 angedeutet, er habe mit Xi über US-Waffenlieferungen an Taiwan gesprochen – eine Aussage, die Taipeh, Tokio und Manila gleichermaßen alarmierte. Die US-Nationale Verteidigungsstrategie 2026 erwähnt Taiwan nicht direkt. Im Februar 2026 erließ Trump eine Executive Order zur "America First Arms Transfer Strategy", die Waffenexporte verstärkt nach ökonomischen Kriterien strukturiert.

Bonnie Glaser vom German Marshall Fund hat das mögliche Szenario benannt: nicht der formale Politikwechsel, sondern eine stillschweigende Übereinkunft, die Peking eine Einflusssphäre über Taiwan zubilligt. Genau hier setzt Xis Strategie an. Die Verschiebung der Sprachregelung von "unterstützt nicht" zu "lehnt ab" bezüglich der taiwanischen Unabhängigkeit aus Sicht der USA wäre ein diplomatischer Erdrutschsieg.

Taipeh hat seine eigene Position zusätzlich geschwächt: Statt der von Präsident Lai Ching-te beantragten 40 Mrd. USD an Verteidigungsausgaben billigte das oppositionsdominierte Parlament lediglich 25 Mrd. USD. Aus Washington kam Enttäuschung. Wenn Taiwan sich selbst nicht angemessen verteidigt, warum sollten die USA dies tun?

Was Trump exportieren will

Die amerikanische Wunschliste ist lang: Boeing-Großaufträge nach neun Jahren Funkstille, Soja- und Rindfleischbestellungen, ein bilaterales Trade Board zur Streitschlichtung, ein paralleles Investment Board. Senator Steve Daines aus Montana hatte vor dem Gipfel die Erwartung einer "Large Aircraft Deal" gestreut.

Bemerkenswert: Nvidia-CEO Jensen Huang gehört nun doch zur Delegation, obwohl die US-Halbleiterexportkontrollen das zentrale Druckmittel Washingtons gegenüber Peking bleiben. Die Anwesenheit signalisiert vermutlich Verhandlungsbereitschaft bei Chip-Beschränkungen. Das werden interessante Gespräche.

Vor Trump war zuletzt Trump in China

Es ist der erste Besuch eines US-Präsidenten in China seit Trumps eigener Reise im November 2017. Joe Biden hatte den Schritt während seiner gesamten Amtszeit vermieden. Die Asia Society Policy Institute zählt seit Nixons Mao-Treffen 1972 insgesamt 136 direkte Spitzenkontakte.

Substanzielle Durchbrüche entstehen aber selten am Tisch, häufig aber an der präzisen Formulierung der Schlusskommuniqués. Ein gemeinsames Statement wird in Peking nicht erwartet – die getrennten Verlautbarungen werden bis auf den einzelnen Buchstaben analysiert werden.

Die Anschlusstermine sind bereits gesetzt: APEC im November in Shenzhen, ein möglicher Xi-Besuch zum G20-Gipfel in Florida im Dezember. Putin wird am 18. Mai in Peking erwartet. China empfängt den Westen und Moskau in derselben Woche, und sieht sich selbst als Zentrum der multipolaren Welt.

Fazit

Der Gipfel wird wohl nicht nur an Abschlüssen gemessen, sondern auch an Auslassungen. Welche Formulierung zur "One China"-Politik taucht im US-Statement auf? Welche Halbleiter-Restriktionen finden keine Erwähnung? Wie konkret werden die Iran-Vereinbarungen?

Pekings strategischer Gewinn ist bereits eingefahren. Selbst ein ergebnisloser Gipfel ist für China ein Erfolg, weil er die Symmetrie der Akteure inszeniert. Die USA sind nicht mehr die alleinige Weltmacht, schon vor dem Gipfel hat der Irankrieg die Limitierungen aufgezeigt. So unangenehm die ökonomischen Folgen auch für China gewesen sein mögen, das muss für Xi vor dem Gipfel eine Genugtuung sein.

Was ist für die Börsen zu erwarten? Potenziell einiges. Deals für Nvidia und Boeing stehen z.B. im Raum. Und wenn man sich einig wird, dass China auf den Iran massiven Druck ausüben wird, dann könnte die Öffnung der Straße von Hormus womöglich auch letztlich von Peking erzwungen werden. Es mag peinlich für Trump sein, dass Xi und nicht er das dann geschafft hätte, aber am Ende verkauft es eh auf seine Weise als den ganz eigenen Sieg.

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