EZB nicht in Eile für Zinserhöhung: "Luxus, Daten zu sammeln und Meinung zu bilden"
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Die Europäische Zentralbank (EZB) verfügt über den geldpolitischen Spielraum, auf eine rasche Leitzinsanhebung zu verzichten. Der lettische Zentralbankgouverneur Mārtiņš Kazāks erklärte im Vorfeld des kommenden Notenbanktreffens, dass die aktuelle Datenlage keine Dringlichkeit für eine Zinserhöhung hergibt. Die hohe Unsicherheit infolge der Konflikte im Nahen Osten ändert an dieser Ausgangslage vorerst nichts.
Eingegrenzte Teuerungseffekte
Kazāks argumentiert, dass sich die Inflation in einem kontrollierten Rahmen bewegt. Laut seiner Analyse manifestieren sich bislang lediglich beschränkte Übertragungseffekte der gestiegenen Energiekosten auf die Gesamtwirtschaft. Er führt an, dass die Ölpreise ihr nach Ausbruch des Iran-Krieges erreichtes Hoch wieder verlassen haben. Parallel notieren die europäischen Gaspreise weit unter den Niveaus des Jahres 2022. "Wir haben keine Eile", hält Kazāks fest und ergänzt: "Wir haben nach wie vor den großen Luxus, Daten zu sammeln und uns eine Meinung zu bilden."
Glaubwürdigkeit durch historische Interventionen
Die aktuelle Haltung basiert laut dem Notenbanker auf den harten Entscheidungen zur Bekämpfung des massiven Inflationsschubs im Jahr 2022. Die erfolgreiche Eindämmung der Preissteigerung nach der russischen Invasion in der Ukraine sichert der Zentralbank heute zeitliche Flexibilität. Allerdings gibt es nicht wenige Marktbeobachter, die der EZB eher zögerliches Verhalten und zu spätes Reagieren in der damaligen Situation vorwerfen.
Kazāks ist der Ansicht, dass sich das Zinsniveau an einem Punkt befindet, der das Wachstum der Wirtschaft weder künstlich stimuliert noch abwürgt. "Wir haben letztes Mal geliefert und liegen seit etwa einem Jahr beim Ziel von 2 Prozent", erläutert er. Die daraus resultierende Glaubwürdigkeit erlaube es den Frankfurter Währungshütern, die Lage zu beobachten und Beschlüsse erst nach Vorliegen eines umfassenden Gesamtbildes zu fällen. Er stellt jedoch klar, dass die EZB interveniert, sobald es erforderlich ist: "Wenn nötig, können wir in größeren Schritten vorgehen."
Markterwartungen und historische Metriken
Investoren rechnen laut Reuters-Daten bis Ende des Jahres mit zwei Zinsanhebungen um jeweils einen Viertelprozentpunkt auf ein Niveau von 2,5 %. Händler taxieren die Wahrscheinlichkeit für einen Zinsschritt am 30. April derzeit auf lediglich 15 %. Noch Anfang des Monats gingen die Marktteilnehmer von bis zu drei Anhebungen im Jahresverlauf aus.
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Leitzins (Aktueller Stand laut Input) |
2,0 % |
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Markterwartung (Jahresende) |
2,5 % |
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Gaspreis-Rekord (TTF, August 2022) |
345 EUR/MWh |
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EZB-Zinszyklus (Juli 2022 – Sept. 2023) |
-0,5 % bis 4,0 % |
Während der europäische Gas-Referenzpreis TTF auf dem Höhepunkt der Krise im August 2022 intraday Spitzenwerte von 345 EUR/MWh erreichte, liegen die aktuellen Notierungen signifikant tiefer (Stand heute: 41,7 EUR/MWh). Im genannten Zinserhöhungszyklus ab Sommer 2022 hob die EZB den Leitzins in zehn aufeinanderfolgenden Schritten von -0,5 % auf 4,0 % an, und senkte ihn dann wieder bis 2,0 %. .
Datenabhängiger Ausblick
Die gesamtwirtschaftlichen Folgen des seit fast zwei Monaten andauernden Nahost-Krieges erreichen die Realwirtschaft laut Kazāks erst mit Verzögerung. "Viele der Wunden sind noch sehr frisch", gibt er zu bedenken, und "jede Woche bringt etwas Neues".
EZB-Präsidentin Christine Lagarde stützt diese abwartende Position. In einer Rede in Berlin verwies sie auf eine doppelte Unsicherheit, resultierend aus der unklaren Dauer des Nahost-Konflikts und dem Ausmaß der globalen Spillover-Effekte. Diese Kombination erfordert laut Lagarde das Sammeln weiterer Informationen, bevor die Zentralbank feste Schlussfolgerungen für den künftigen Kurs der Geldpolitik zieht.
Fazit
Der Termin für den nächsten EZB-Entscheid ist Donnerstag, der 30. April. Es sieht stark danach aus, dass es vorerst keine Zinserhöhung geben wird, aber sicher ist es nicht. Immerhin ist die Überraschung ein wichtiges Instrument einer Notenbank.
Damit dies auch im Jahresverlauf so bleibt, müsste sich allerdings viel tun. Ein schnelles Ende des Krieges, und eine Wiederherstellung der normalen Handelsrouten muss zügig kommen. Selbst dann wird es dauern, bis sich alles wieder einspielt. Je länger des dauert, desto wahrscheinlicher wird es doch noch zu einer Zinserhöhung kommen.

Ja, die EZB hat den Luxus, Nichts tun zu müssen, die Zeche (Inflation) zahlen die Verbraucher und Unternehmen.