„Weder die EZB noch die Fed haben ihre Arbeit abgeschlossen.“ – Interview mit Erik Haubold
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Steigende Energiepreise erhöhen den Inflationsdruck und setzen die Zentralbanken unter Handlungsdruck. Auch die Renditen langfristiger Staatsanleihen sind emporgeschnellt. Gleichzeitig setzen die Aktienmärkte in Europa und den USA ihren positiven Trend fort. Wie tragfähig ist diese Entwicklung? Erik Haubold, Chief Investment Officer (CIO) von UniCredit in Deutschland, erläutert im Gespräch, wie er den weiteren Kurs von EZB und Fed einschätzt und wie er sich aktuell positionieren würde.
onemarkets: Guten Tag, Herr Haubold, der Krieg im Nahen Osten dauert an und die Auswirkungen auf die Energiepreise sind deutlich spürbar. Was erwarten Sie?
Erik Haubold: Die Entwicklung des Konflikts im Nahen Osten ist nach wie vor von einer sehr hohen Unsicherheit geprägt, während insbesondere die strategischen Rohölreserven der USA und einiger anderer OECD-Länder deutlich zurückgegangen sind. Derzeit scheinen weder der Iran noch die Trump-Regierung bereit zu sein, nennenswerte Zugeständnisse zu machen, was das Risiko einer langwierigen Krise und weiterer Eskalationen erhöht.
In unserem Basisszenario rechnen wir in den kommenden Monaten mit einem allmählichen Rückgang der Öl- und Erdgaspreise, da sich die extremsten Befürchtungen abschwächen werden. Eine Rückkehr auf das Vorkrisenniveau halten wir jedoch für unwahrscheinlich. Die in den Energiepreisen eingerechnete Prämie für geopolitische Risiken dürfte auf absehbare Zeit hoch bleiben, während der Wiederaufbau der Lagerbestände die Nachfrage über einen langen Zeitraum stützen wird.
onemarkets: Wie sehen Ihre Prognosen für die Verbraucherpreise in Europa und den USA aus?
Haubold: Wir rechnen für die kommenden Monate mit einem weiteren Anstieg der Verbraucherpreise, der vor allem durch die steigenden Energiepreise angetrieben wird. Auf beiden Seiten des Atlantiks dürfte die Inflation Werte um die 4 Prozent erreichen und damit deutlich über dem 2-Prozent-Ziel der Fed und der EZB liegen. Es gibt jedoch einen wichtigen Unterschied zwischen der Eurozone und den Vereinigten Staaten. In der Eurozone lag die Inflation vor der Krise im Nahen Osten genau im Einklang mit dem Ziel der EZB, sodass der derzeitige Inflationsdruck fast ausschließlich auf den Energieschock zurückzuführen ist. Aus diesem Grund ist es wahrscheinlich, dass sich die Inflation gegen Ende 2027 dem EZB-Ziel annähern wird, sofern sich die Energiepreise gemäß unserem Basisszenario entwickeln. In den Vereinigten Staaten hingegen ist das Bild komplexer. Schon vor der Nahostkrise lag die Inflation deutlich über 2 Prozent, was auf bereits bestehenden binnenwirtschaftlichen Preisdruck zurückzuführen war, unter anderem auf die robuste private Nachfrage. Der Energiepreisanstieg kommt somit zu einer bereits hohen Kerninflation hinzu, was den künftigen Desinflationsprozess verlangsamt und unsicherer macht.
onemarkets: Wird künstliche Intelligenz einer der Faktoren sein, die die Inflation auf einem hohen Niveau halten?
Haubold: Ja, zumindest kurzfristig. Der Hauptgrund dafür ist, dass der Wettlauf um KI weltweit enorme Investitionen in Halbleiter, Rechenzentren, Stromnetze und digitale Infrastruktur auslöst. Dieser Anstieg der Gesamtnachfrage führt tendenziell zu einem erhöhten Preisdruck. Hinzu kommt das Problem der Engpässe in den Sektoren, die am stärksten vom KI-Zyklus betroffen sind. Man denke nur an die hochentwickelten Halbleiter, die für das Training der Modelle verwendet werden, an Komponenten für Rechenzentren, an Netzwerkgeräte, an Kühlsysteme sowie an die Erzeugung und Verteilung der elektrischen Energie, die für die Versorgung der wachsenden Rechenkapazität benötigt wird. In vielen dieser Bereiche wächst die Nachfrage schneller als das Angebot, was zu Preisdruck führt. Kurzfristig dürften die inflationären Effekte überwiegen.
Langfristig könnte sich das Bild jedoch ändern. Sollte es der KI gelingen, die Produktivität der Unternehmen zu steigern und die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmenden in den am stärksten automatisierbaren Sektoren zu verringern, könnten sich bedeutende disinflationäre Effekte ergeben. Wir gehen jedoch davon aus, dass es einige Zeit dauern wird, bis sich diese Vorteile zeigen, während der Druck durch höhere Investitionen und Engpässe bereits heute spürbar ist.
Chief Investment Officer (CIO) von UniCredit
in Deutschland
onemarkets: Wie reagieren die Zentralbanken? Reichen die bisher ergriffenen Maßnahmen aus oder was erwarten Sie?
Haubold: Die Zentralbanken haben erkannt, dass der neue Energieschock die Inflation wieder anheizen könnte, und reagieren entsprechend – unterstützt durch die Tatsache, dass das Wirtschaftswachstum weiterhin robust ist. Die EZB hat die Zinsen in diesem Jahr bereits zweimal angehoben und die Situation bislang effektiv bewältigt. Der Start der Fed unter der Leitung von Warsh verlief hingegen holpriger, da befürchtet wurde, die Zentralbank könnte stärker auf politischen Druck reagieren. Warshs Rede in Jackson Hole Ende August und die anschließende einstimmig beschlossene Zinserhöhung markierten einen positiven Wendepunkt, mit dem die Fed ihre Unabhängigkeit bekräftigte. Dennoch haben weder die EZB noch die Fed ihre Arbeit abgeschlossen.
Wir rechnen mit mindestens einer weiteren Zinserhöhung bei beiden. Die Märkte preisen eine deutlich aggressivere geldpolitische Straffung ein und gehen davon aus, dass der Energieschock lange anhalten wird und dass das Wirtschaftswachstum nicht nur nicht an Schwung verliert, sondern sich durch den Impuls von Investitionen in KI sogar wieder beschleunigen könnte. Unserer Ansicht nach könnten sich diese Erwartungen als übertrieben erweisen.
onemarkets: Die langfristigen Renditen von Staatsanleihen der Industrieländer sind gestiegen. Welche Gründe lassen sich für diese Entwicklung anführen und wie wird sich der Trend fortsetzen?
Haubold: Betrachtet man die fundamentalen Komponenten der Staatsanleiherenditen, so lässt sich in den USA feststellen, dass der Anstieg von den Realzinsen getrieben wurde. Dies ist ein Zeichen des Vertrauens in die Stärke des US-Konjunkturzyklus und in die Sogwirkung, die die technologische Revolution erzeugt. Ein stützender Faktor also für die US-Aktienmärkte. In Europa hingegen werden die nominalen Renditen von den Erwartungen einer höheren zukünftigen Inflation beeinflusst, was sich in einer größeren Schwäche für die Verbraucher niederschlägt, die einen Rückgang ihrer Kaufkraft erleben. Auch wenn bestimmte Renditeniveaus auf den höchsten Ständen der letzten 15 Jahre liegen, sehen wir jedenfalls kurzfristig keine Trendwende. Wir müssen geduldig abwarten, bis sich die Markterwartungen hinsichtlich des endgültigen Zinsniveaus der Fed und der EZB konsolidieren. Wir empfehlen daher weiterhin große Zurückhaltung bei der durchschnittlichen Duration des Portfolios und bevorzugen ganz klar die kurzen und mittleren Laufzeiten an den Zinskurven des Euroraums.
onemarkets: Der Aktienmarkt in Europa und den USA setzt seinen positiven Trend fort – doch wie lange noch?
Haubold: Der positive Trend wird von gestiegenen Unternehmensgewinnen und der Erwartung weiterer Gewinnzuwächse getragen. Wir bleiben davon überzeugt, dass sich makroökonomische und geopolitische Störfaktoren unmittelbar auf die Anleihemärkte auswirken. An den Aktienmärkten haben dagegen unternehmensspezifische Faktoren ein deutlich größeres Gewicht. Unternehmen haben in den vergangenen Jahren gezeigt, wie schnell sie auf ein verändertes Umfeld reagieren und sich daran anpassen können.
Wir dürfen zudem nicht vergessen, dass sich beispielsweise höhere Energiepreise und steigende Anleiherenditen je nach Industriezweig unterschiedlich auswirken und dass es innerhalb desselben Sektors Unternehmen gibt, die dank ihrer Markenstärke die Preisdynamik an die nachgelagerten Märkte weitergeben.
Vorübergehend stärkere Schwankungen und zwischenzeitliche Rücksetzer können wir daher nicht ausschließen. Ein nachhaltiger Rücksetzer dürfte jedoch eine deutlichere Eintrübung der Gewinnerwartungen voraussetzen. Eine solche Entwicklung ist für uns derzeit nicht erkennbar.
onemarkets: Wo sehen Sie weiterhin Renditechancen auf Branchen- und Länderebene?
Haubold: Wir setzen weiterhin auf eine global ausgewogene Aktienportfoliostrategie. Besonders interessante Chancen sehen wir derzeit in den Schwellenländern. Dort finden wir eine interessante Mischung aus Momentum-Titeln in Südkorea und Taiwan, Giganten der Realwirtschaft in China und Indien sowie Märkten wie Brasilien, die positiv mit dem Rohstoffzyklus korrelieren. Die USA bleiben als weltweite Lokomotive der technologischen Revolution ein elementarer Bestandteil unserer Positionierung. In Europa wählen wir angesichts eines nach wie vor schwächelnden inländischen Konsumzyklus Unternehmen aus, die von etablierten Marken und globaler Reichweite profitieren.
onemarkets: Herr Haubold, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.
