Kommentar
09:51 Uhr, 11.05.2026

"Was bewegt eigentlich gerade die Märkte?"

Roger Peeters unterscheidet in Marktbewegungen unterschiedliche Zeithorizonte: kurzfristige geopolitische Impulse, mittelfristige KI‑Trends und langfristige Liquiditäts- und Anlagezyklen, die aus seiner Sicht am schwersten wiegen.

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11. Mai 2026. FRANKFURT (pfp Advisory). Es ist eine viel gestellte Frage, logisch in der Stellung und nicht trivial in der Beantwortung. „Warum steigen oder fallen die Märkte gerade?“ Dabei habe ich bewusst den unscharfen Begriff „gerade“ gewählt, denn oft gibt es zeitgleich mitunter gegenläufige Trends über Dekaden, Jahre, Monate, Tage oder Stunden. Natürlich finden Anleger in Finanzpresse, bei Bloggern, in Podcasts und in verschiedenen Stellungnahmen von Experten aus dem Kapitalmarktgeschäft Antworten. Aber auch die Einordnung dieser ganzen Einschätzungen ist nicht ganz so trivial. Ich betreibe den Versuch einer Annäherung am Beispiel der aktuellen Situation.

In der Tat werde ich im Moment von Anlegern oder in Interviews häufiger gefragt, was denn gerade der „relevante Faktor“ sei, gerne garniert mit zwei konkreten Vorlagen: Der Konflikt im Nahen Osten oder etwa der Hype um die künstliche Intelligenz mit all seinen Verästelungen in den Industrien, die davon profitieren oder im Gegenteil weg disruptiert werden? Oder ist es doch eine Funktion aus Geldmenge und Sachwerten mit einem Ungleichgewicht („zu viel Geld im Umlauf“), was die Preise der Sachwerte auch in der Breite antreibt. Sicher sollte eine Einordnung mit den Hinweisen beginnen, dass nichts monokausal passiert an den Märkten und jede Deutung vielleicht plausibel, aber niemals sicher zutreffend sein kann.

Dennoch gebe ich gerne meine persönliche Interpretation, die ich auch in vielen Gesprächen in den Vorwochen geäußert habe, preis. Der Reiz an den geschilderten aktuellen Einflussfaktoren liegt darin, dass die aufgezählten Aspekte in einer recht unterschiedlichen zeitlichen Länge auf die Märkte einwirken und man an ihnen gut die Unterschiede erkennen kann.

Fangen wir mit dem Iran an und dem Krieg, Waffenstillstand oder sogar einem zumindest ausgerufenen Kriegsende, was wir gerade erleben. So verwirrend wie der vorangegangene Satz ist die Gemengelage, zumal die Richtung am Tag mitunter mehrfach abrupt dreht. Exakt so wie vor einem Jahr die Zölle ist das Thema Iran dominant für die Tagesschwankungen, was wohl auch viel damit zu tun hat, dass mit dem US-Präsidenten Donald Trump jemand gleichermaßen mächtig wie impulsiv ist. Alleine die Intensität der Marktreaktionen auf die Posts des „POTUS“ ist schon jetzt historisch. Mit diesen Aussagen etwa in Richtung Deeskalation oder halt in Richtung neuerlicher Kämpfe werden Tagesbewegungen gemacht und ebenfalls nicht unwichtig: Schlagzeilen. Dadurch sind genau diese Aufs und Abs sehr präsent bei den Anlegern.

Eher mittelfristig ordne ich den technologischen Fortschritt hin zu künstlicher Intelligenz mitsamt seiner mannigfaltigen Auswirkungen auf Geschäftsmodelle von Unternehmen ein. Hier gibt es seit einigen Jahren einen klaren Trend hin zu einer (sich wandelnden) Gruppe von Gewinnern, der so stark ist, dass er die Märkte insgesamt steigen lässt. Noch übergeordneter und langfristiger wirken (eigentlich fast immer) Liquidität und Attitüde der Anleger. Von steilen Stürzen abgesehen „will der Markt nach oben“ und das seit der Finanzkrise 2008/09 mehr oder weniger konstant.

In solch generellen Aufschwungphasen, in deren langfristiger Betrachtung sich Einbrüche wie durch die Griechenlandkrise (2011), Corona (2020) oder der Angriff auf die Ukraine (2022) fast schon als Details verlaufen, finden sich gerade in den Erholungsphasen nach Korrekturen immer viele kopfschüttelnde Anleger, die den nachhaltigen Auftrieb des Marktes nicht wahrhaben wollen, so auch in den vergangenen Wochen, in denen die Iran-Angst Stück für Stück wieder ausgepreist wurde. Umgekehrt verhält es sich in langen Abschwungphasen wie etwa 2000 bis 2003 oder den 70er Jahren, wenn grundsätzlich eine Abkehr vom Aktienmarkt stattfindet, die nur sehr schwer zu durchbrechen ist.

Meiner Ansicht nach sind die langfristigen Trends die nachhaltigsten und wichtigsten für Investoren. Es macht einen gigantischen Unterschied, ob ich als Anleger im japanischen Markt über jeweils 20 Jahre ab Ende 1969 bis Mitte November 1989 oder eben von Ende 1989 bis Ende 2009 investiert war: Die eine Generation erfreute sich über 440 Prozent Plus, die folgende nahm 75 Prozent Minus hin (jeweils gemessen Stichtag 15.11. in allen Jahren). Das wiegt schwer und ist ausgesprochen relevant, bekommt aber zumindest meiner Einschätzung nach nicht ansatzweise so viel Aufmerksamkeit wie die kurzfristigen Events. Zu Unrecht, wie ich finde.

Von Roger Peeters, 11. Mai 2026, © pfp Advisory

Über den Autor

Roger Peeters ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Christoph Frank steuert der seit über 25 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (<LU1865032954>), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds, sowie den im August 2021 gestarteten pfp Advisory Aktien Mittelstand Premium (<LU2332977128>). Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Peeters ist weiterhin Mitglied des Vorstands der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) e.V. Roger Peeters schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt.