pfp Advisory: "Ein Gespenst geht um…"
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16. Februar 2026. FRANKFURT (pfp Advisory). Im Februar 1848, also ziemlich genau vor 178 Jahren, veröffentlichten Karl Marx und Friedrich Engels das „Manifest der Kommunistischen Partei“. Einer der bekanntesten Sätze daraus lautet: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“ Diese Metapher wird gemeinhin als gut gewählt interpretiert, denn Gespenster verbreiten Angst, sind nicht greifbar und sind (unter der Prämisse, dass es sie gibt) kaum durch den Menschen aufzuhalten. Unabhängig davon, wie sehr sich der Kommunismus am Ende wirklich ausgebreitet, geschweige denn in der Anwendung bewährt hat, ist dieses griffige Zitat in vielen Köpfen präsent, so auch in meinem.
Genauer gesagt kam es mir in den vergangenen Tagen mehrfach in den Sinn in einem anderen Kontext. Denn es geht wieder ein Gespenst um, und diesmal verbreitet es seinen Schrecken nicht „nur“ in Europa, sondern praktisch in der ganzen Welt und gefühlt täglich erfasst die Angst vor diesem Gespenst neue Bereiche der Wirtschaft. Diesmal ist es, um beim Wortspiel zu bleiben, das „Gespenst der Künstlichen Intelligenz, kurz KI“.
Nachdem der Kapitalmarkt als (nicht fehlerfreier) Seismograph der wirtschaftlichen Veränderung über Jahre die tatsächliche und die prognostizierte KI-Revolution mit exorbitanten Gewinnen bei den tatsächlichen und mutmaßlichen Profiteuren gefeiert hat, ist etwa seit Ende 2025 ein anderer Trend auffällig, der sich in den vergangenen Wochen noch deutlich beschleunigt hat: Die Suche nach, oder sagen wir besser die Jagd auf Konzerne, deren Geschäftsmodell nach Meinung des Marktes deutlich erschwert, im schlimmsten Fall perspektivisch „weg disruptiert“ wird durch die KI.
Zu Beginn dieser Dynamik wurden die Softwarekonzerne kritisch hinterfragt und abverkauft vor dem Hintergrund, dass hochmargig verkaufte Softwarelösungen auch einfach durch KI-Lösungen kostengünstig ersetzt werden könnten. Diese jetzt erstmal nicht unlogisch klingende Behauptung in Kombination mit einigen in der Tat erstaunlichen technologischen Meilensteinen mit neuen KI-basierten Anwendungen („Bots“) wie OpenClaw oder Anthropic, die, verkürzt gesprochen, ermöglichen, verschiedene, komplexe Arbeitsschritte von der KI ausführen zu lassen, und die im Trend zuvor eher höheren Bewertungen des Sektors waren eine brisante Mischung. In mehreren Schüben büßten Softwareschmieden an zahlreichen Börsenplätzen massiv an Wert ein.
Aber damit war der Durst der (Leer-)Verkäufer noch nicht gelöscht. Die Sorge weitete sich schnell auf proprietäre Bereiche aus, beispielsweise IT-Dienstleister, die unter anderem mit der Implementierung von Software Dritter beim Kunden ihr Geld verdienen. Und seit Wochen wird gefühlt an jedem Handelstag in den USA die nächste „Sau durchs Dorf getrieben“, was sich tags darauf denn zumeist in den anderen Märkten in Asien oder Europa fortsetzt. Weitere Branchen, deren künftige Sinnhaftigkeit in der Sicht des Marktes hinterfragt wurden, waren beispielsweise Datenbankanbieter, Versicherer, Online-Shops, Finanzdienstleister, Logistiker oder Bestandshalter von Büro-Immobilien. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir noch nicht die letzte Spekulationswelle gesehen haben. Vieles ist denkbar. Und schon das reicht für Kursstürze, schließlich mögen Anleger Unsicherheit überhaupt nicht.
Die Verwerfungen im Logistik-Bereich zeigten am deutlichsten, wie anfällig der Markt für Veränderungsspekulationen ist. Eine Winzfirma namens Algorhythm Holdings Inc., die früher als „The Singing Machine Company“ Karaoke-Geräte hergestellt hat, schaffte es mit dem neuen KI-basierten Logistiksystem „SemiCab“, die Kurse von zig Milliarden schweren global tätigen Logistik-Riesen auf Talfahrt zu schicken. Geschichten, wie sie sich kein Mensch und keine KI ausdenken kann.
Hier und bei den anderen vermeintlichen Brandherden sieht man, wie die Börse in diesem jungen Jahr 2026 tickt: Die Stimmung gleicht passend zum heutigen Rosenmontag einem Hühnerstall, in dem das Gerücht umgeht, dass sich ein Fuchs als Huhn verkleidet unter das Hühnervolk gemischt hat und permanent neu gerätselt wird, wo er sich versteckt hält und wer zu nah an ihm steht.
Ich denke, ein wenig mehr Besonnenheit schadet nicht. Ja, KI wird die Arbeitswelt gravierend verändern, vergleichbar mit der Einführung der PCs oder der seinerzeit neuen Nutzung von Dampfmaschinen oder Elektrizität. Und sicher werden sich nicht alle Firmen anpassen können. Aber es passiert auch diesmal nicht über Nacht, neben reiner Technologie gibt es auch gravierende Faktoren wie Kundenstämme, Markenname, Verfahrens-Know how und vieles mehr. Und ein stetiger Wandel mit zunehmend bedeutenderen oder eben auch an Relevanz verlierenden Firmen gehörte schon immer zur Wirtschaftsgeschichte und zum Kapitalmarkt. Sorglosigkeit ist sicher kein guter Ratgeber an der Börse, panische Angst vor Gespenstern aber auch nicht.
Von Roger Peeters, 16. Februar 2026, © pfp Advisory
Über den Autor
Roger Peeters ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Christoph Frank steuert der seit über 25 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (<LU1865032954>), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds, sowie den im August 2021 gestarteten pfp Advisory Aktien Mittelstand Premium (<LU2332977128>). Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Peeters ist weiterhin Mitglied des Vorstands der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) e.V. Roger Peeters schreibt regelmäßig für die Deutsche Börse.
