Kommentar
08:34 Uhr, 01.06.2026

"Schwellenländer-Anleihen – eine Checkliste für Anleger"

Wachsende Schuldenstände, explodierende Defizite, steigende Inflation – Anleihen aus den Industrieländern sind unter Druck. Bieten Schwellenländer-Anleihen Anlegenden einen besseren Deal? Vielleicht, aber es gilt auf die Feinheiten zu achten, wie Ali Masarwah, Fondsanalyst und Geschäftsführer des Beratungshauses envestor verdeutlicht.

1. Juni 2026. FRANKFURT (envestor). Mitte Mai war es so weit: Die Renditen von deutschen, US-amerikanischen und britischen Staatsanleihen kletterten auf bedenklich hohe Niveaus: 3,20 Prozent waren es bei zehnjährigen Bunds, die US-Pendants legten auf 4,6 Prozent zu, britische Gilts rentierten bei rund 5,2 Prozent. Immer mehr macht die Rede von nicht nachhaltiger Verschuldung die Runde. An dieser Stelle setzt das typische Fonds-Marketing an: Gut, dass wir die Option auf solide Schwellenländer-Anleihen haben: Emerging Markets sind weniger stark verschuldet als Industrieländer, wachsen schneller und haben eine gesündere Demografie. Zugleich bieten ihre Anleihen hohe Zinsen, was wiederum ihre Währungen stärkt.

Sie haben gemerkt: Diese Rollenumkehr ist stark übertreiben. Doch die Richtung des Narrativs stimmt: Viele Anleger erkennen angesichts turbulenter heimischer Rentenmärkte die Vorzüge von Schwellenländer Anleihen. Inzwischen steigen die Zuflüsse in Fonds und ETFs für Schwellenländer-Anleihen rapide an. Zeit also, die Diskussion zu erden. Fünf Mythen zu Emerging-Markets-Bonds, die wir uns näher ansehen möchten:

1. „Schwellenländer wirtschaften solide und wachsen sich aus ihren Schulden heraus“

Ja, es stimmt zwar, dass die Verschuldung bei Schwellenländern im Schnitt geringer ist als bei den Industrieländern, aber auch im globalen Süden ist seit der Covid-Krise die Verschuldung stetig gewachsen, während das Trendwachstum sinkt. Viele Länder haben fiskalisch wenig Spielraum, weil auch im Süden Sozialausgaben, Subventionen und Rüstungsetats steigen. Die aktuelle Energiekrise wird diese Situation nicht verbessern.

2. „Lokale EM-Anleihen sind einfach gut verzinste Renten.“

Hohe Kupons sind das eine, Währungsrisiken das andere. Die Zinsen von EM-Anleihen sind nicht immer hoch genug, um Währungsverluste zu kompensieren. 2025 war es knapp. Die Performance von Anleihen hängt an drei Faktoren: Währung, Kupon, Kurs. Mitunter zerren gleich zwei Gewichte die Performance nach unten. Auch die Kursverluste im Zuge des Irankriegs vor wenigen Wochen belastete die Performance von EM-Rentenfonds.

3. „Schwellenländer bekommen die geldpolitische Governance in den Griff.“

Emerging Markets leben seit Jahrzehnten unter dem Damoklesschwert der Inflation und hoher Defizite. Sie haben gelernt. Institutionen wurden stabilisiert, Zentralbanken modernisiert, und die Transparenz hat sich verbessert. Aber die Länder reformieren nicht, um Anlegern aus dem globalen Norden zu gefallen. Banken und Industrien sind oft staatsnah, die Korruption ist nicht besiegt, und im Zweifel gibt es Defaults – so geschehen vor nicht so langer Zeit in Argentinien, Sambia, Sri Lanka und dem Libanon. Pakistan steht immer wieder kurz davor, Russland ist seit 2022 in einem (technischen) Default.

4. „Niedrige Schulden = hohe Sicherheit“

Die Schulden in den Emerging Markets mögen niedriger sein als hierzulande, sie steigen ebenfalls seit Jahren, und Schocks treffen die Länder mit schwachen Institutionen, fragilen Gesellschaften und schwachen Finanzsystemen härter. Pandemie, globale Zinssprünge, Energiekrisen schlagen in offenen, institutionell schwachen Ökonomien auf Währungen, Refinanzierungskosten und Kapitalflüsse durch. Viele Länder sind auf ausländisches Kapital und einen stabilen Dollar angewiesen. Steigen die Renditen in den Industrieländern, sinkt zudem die Neigung vieler Anleger, ihr Geld in den volatilen Süden zu tragen. Dann ziehen sie Geld aus EM-Fonds und ETFs ab, was Krisen verschärfen kann. Das ist die Kehrseite der oft so beliebten Carry Trades.

5. „Viele Währungen = hohe Diversifikation“

Der polnische Zloty und der mexikanische Peso haben augenscheinlich wenig miteinander zu tun, und ein Korb von Währungen schwankt weniger stark als eine einzelne. Diversifikation bricht aber nicht den Einfluss des US-Dollar-Zyklus. Viele Emerging Markets-Währungen reagieren auf die gleiche Mischung aus US-Zinsen, globaler Risikobereitschaft und Liquidität. Bei ungünstigen Bedingungen geraten viele der Währungen gleichzeitig unter Druck. So geschehen 2025, als Währungsverluste die üppigen Kupons in vielen Rentenfonds auffraßen.

Was tun? Die scheinbar überraschende Antwort: auch in Emerging-Markets-Anleihen investieren – Lokalwährungen, Hartwährungen, Unternehmensanleihen. Für uns bei envestor sind Schwellenländer-Anleihen seit Jahren nicht aus unserem Mix an Fonds und ETFs wegzudenken. Viele Beratungsportfolios weisen ordentliche Quoten an solchen Anleihen auf. Aktiv verwaltete Fonds mit Kurzläufer mindern zudem die hohen Laufzeitrisiken, die ETFs aufweisen. Allerdings ist das Bild nie schwarz oder weiß. Anleihen aus Emerging Markets sind willkommene Risiken für Portfolios, aber es sind Risiken, oft unbekannte, und die gilt es zunächst zu verstehen.

Von Ali Masarwah, 1. Juni 2026, © envestor.de

Über den Autor

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor.de, eine der wenigen Fondsplattform, die Cashbacks auf Fonds-Vertriebsgebühren zahlt. Masarwah analysiert seit über 20 Jahren Märkte, Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar. Seine Expertise wird auch von zahlreichen Finanzmedien im deutschsprachigen Raum geschätzt.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von Deutsche Börse. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.