pfp Advisory: "Mega-Börsengänge als Menetekel?"
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8. Juni 2026. FRANKFURT (pfp Advisory). Sind die anstehenden Mega-Börsengänge von SpaceX, Anthropic und OpenAI ein Menetekel? Befinden wir uns bereits in einer riesengroßen Spekulationsblase? Sind die Billionen-IPOs der Kulminationspunkt einer gigantischen Übertreibung? Vielleicht sogar schon ein oberer Wendepunkt für einen heillos überhitzten Gesamtmarkt?
Spekulationsblasen faszinieren mich, seit ich an der Börse aktiv bin. Aus persönlichen Gründen, weil ich eine der größten Blasen der Börsengeschichte, die New-Economy-Bubble zur Jahrtausendwende, live und mit eigenem Geldeinsatz miterlebt habe. Aber auch als „Forschungsfeld“ für Zukunftsvisionen, kollektive Illusion, Massenpsychologie, Irrationalität, Euphorie (und Ernüchterung nach dem Platzen). Blasen sind zwar für viele Anleger letztlich verlustreich, aber nicht komplett sinnlos: Sie sind eben auch Experimentierphasen und leiten Kapital in neue Technologien wie Eisenbahnen, Internet und Künstliche Intelligenz (KI).
Das Problem mit Spekulationsblasen ist, wie der ehemalige US-Notenbankchef Ben Bernanke meines Erachtens zutreffend analysierte, dass sie meist nur in der Rückschau zweifelsfrei bewiesen werden können, im Vorfeld von Zeitgenossen indes praktisch nicht zu erkennen sind. (Vorausgesetzt, man erliegt nicht der Hybris des Rückschaufehlers.) Daher sollten, so Bernanke, Notenbanken erst gar nicht versuchen, Blasen vorherzusagen oder aktiv zu bekämpfen, da dies die Wirtschaft zu stark abwürgen könnte, sondern stattdessen die Folgen einer geplatzten Blase abfedern.
Ich persönlich erkenne im aktuellen Börsengeschehen allerdings schon einige Parallelen zur Internetblase um das Jahr 2000. Damals wie heute werden die Dimensionen immer gigantischer: SpaceX strebt bei seinem IPO am Freitag einen Börsenwert von etwa 1.750 Milliarden US-Dollar an – nur etwas weniger, als alle Aktiengesellschaften aus dem DAX zurzeit zusammengenommen auf die Waage bringen. Galaktisch! Für die IPOs von Anthropic und OpenAI im Herbst liegen die Schätzungen ebenfalls jenseits der 1.000-Milliarden-US-Dollar-Marke. In Relation zu den geschätzten Jahresumsätzen von grob 20 Milliarden bis maximal 50 Milliarden US-Dollar wären diese Aktiengesellschaften mit Umsatzmultiples von 20 bis 90 somit äußerst üppig bewertet.
Wann diese Unternehmen dauerhaft die Gewinnschwelle erreichen, ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar. (Aus diesem Grund wollen einige Indexanbieter im Vorfeld des SpaceX-Börsengangs ihre Regeln ändern und künftig auch nicht profitablen Firmen die Indexaufnahme ermöglichen.) Dass die Börsenkandidaten rote Zahlen schreiben, sehe ich deshalb kritisch, weil es eine wichtige Argumentationslinie aufweicht: dass die Hausse-Leader (wie bisher Microsoft, Alphabet, Meta oder Nvidia) im Unterschied zu einigen ihrer gehypten Pendants 1999/2000 kein Geld verbrennen, sondern starke und nachhaltige Cashflows erwirtschaften.
Trotz Bernankes Warnung, Spekulationsblasen seien im Vorfeld nicht halbwegs sicher zu identifizieren, können Anleger dennoch ein paar Argumente pro und contra sammeln. Für das Vorliegen einer Blase sprechen neben den schon genannten extremen Bewertungen u. a.: Die dominierenden Narrative konzentrieren sich lediglich auf KI und Raumfahrt (wie 2000 nur auf „TMT“, also Technologie, Medien, Telekommunikation). Dabei wird durchaus dick aufgetragen („neues Zeitalter“). Beim SpaceX-Börsengang werden gezielt ungewöhnlich viele Privatanleger angesprochen (verstärkt „fear of missing out“). Die IPOs sollen deutlich über 100 Milliarden US-Dollar an neuem Kapital absorbieren (ggf. auch via Umschichtungen aus bestehenden Aktiengesellschaften, was das Verhältnis von Aktienangebot zu Aktiennachfrage verschlechtert). Gegen eine Blase spricht, dass die Börsenneulinge reale Produkte bzw. Dienstleistungen verkaufen und über überzeugende Positionen in mutmaßlich stark wachsenden Märkten (KI und Raumfahrt) verfügen.
Folglich könnte als „Blaupause“ statt der Internetbubble um 2000 alternativ auch die Entwicklung nach dem Google-Börsengang 2004 dienen, dem statt der seinerzeit befürchteten Spekulationsblase einige sehr starke Aktienjahre bis zur Finanzkrise 2008 folgten.
Das wahrscheinlichste Szenario ist für mich derzeit, dass der Gesamtmarkt ein sehr hohes Bewertungsniveau erreicht hat, wir uns aber in der Breite noch nicht im finalen Stadium einer Spekulationsblase befinden, erste Anzeichen für eine solche in Teilmärkten wie dem Technologiesektor aber bereits erkennbar sind. Die künstlichen Verknappungen beim SpaceX-IPO könnten durch den Flaschenhalseffekt zwar kurzfristig eine starke Nachfrage erzeugen, doch dürfte dieses Vorgehen langfristig das Chance-Risiko-Verhältnis weiter verschlechtern, zumal Lock-up-Fristen für die Alteigentümer recht schnell ablaufen sollen. Inwiefern diese Konstellation (noch) reizvoll ist, muss jeder Investor (vor allem in Abhängigkeit von seinem Anlagehorizont) selbst entscheiden.
Von Christoph Frank, 8. Juni 2026, © pfp Advisory
Über den Autor
Christoph Frank ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Roger Peeters steuert der seit über 25 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (<DWSK62>), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds, sowie den im August 2021 gestarteten pfp Advisory Aktien Mittelstand Premium (<A3CM1J>).
Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Frank schreibt regelmäßig für die Deutsche Börse.
