Werbung
Kommentar
09:49 Uhr, 15.06.2026

"Fünf Dinge über den NASDAQ 100, die Sie schon immer wissen wollten (aber nie zu fragen wagten)"

Ist der NASDAQ 100 der ultimative Tech-Index? Ist er der Reichmacher schlechthin? Wurde er manipuliert, um die Nachfrage nach Elon Musks SpaceX-Aktie zu treiben? Ali Masarwah räumt mit Mythen und Irrtümern zum NASDAQ 100 auf.

15. Juni 2026. FRANKFURT (envestor).

1. Ist der NASDAQ 100 ein Technologie-Index?

Nein. Eigentlich überhaupt nicht. Rein formal misst diese Benchmark die 100 nach Marktkapitalisierung größten Unternehmen, die an der NASDAQ-Börse gelistet sind. Das Regelwerk schließt Banken aus, lässt aber alles andere zu. Daher tummeln sich dort neben Tech-Giganten wie Apple, Alphabet, Meta, Nvidia und Co. auch die Kaffeekette Starbucks oder der Großhändler Costco. Auf Sektorebene bietet dieser Auswahlindex also ein gewisses Maß an Diversifikation. Dass alle glauben, der NASDAQ 100 sei ein reiner Tech-Index, geht auf eine amüsante, kollektive Begriffsverwirrung der 1990er-Jahre zurück. Als die Börse NASDAQ im Jahr 1971 den Betrieb startete, verzichtete sie als weltweit erste Börse auf schreiende weiße Männer auf einem physischen Parkett. Der Handel lief elektronisch, also per Computer ab. Während des Dotcom-Booms entstand daraus im Sprachgebrauch ein wunderbarer Kurzschluss: Man setzte die Art der Handelsabwicklung (eine Computerbörse) kurzerhand mit den gehandelten Inhalten (Technologieunternehmen, unter anderem auch Computerhersteller) gleich. Ein Mythos war geboren.

2. Und was besagt der Mythos in der Realität heute?

Pikanterweise hat die Realität die Fehlannahme von damals eingeholt und ausgebügelt. Heute könnte man den NASDAQ 100 sogar als „Big Tech“-Index bezeichnen. Offiziell machen Tech-Werte wie Apple oder Nvidia zwar nur knapp 49 Prozent des Gewichts aus. Zählt man jedoch die faktischen Tech-Imperien wie Alphabet, Meta (offiziell Kommunikationsdienstleister), Amazon und Tesla (offiziell zyklische Konsumwerte) und andere Tech-Plattformen hinzu, dann kommt man auf einen Anteil von über 70 Prozent des gesamten Index. Aus der Begriffsverwirrung von einst ist also Realität geworden. Wobei Kritiker monieren, dass der NASDAQ 100 nicht Fisch und nicht Fleisch ist: Er sei zu Tech-lastig, um ein getreues Spiegelbild der US-Wirtschaft darzustellen, und andererseits zu verwässert, um ein reines Tech-Exposure zu bieten.

3. Stimmt es, dass der NASDAQ 100 ein Reichmacher ist?

In den vergangenen Jahren auf jeden Fall. ETFs, die den NASDAQ 100 abbilden, haben auf Euro-Basis in den letzten 10 Jahren eine fabelhafte Rendite von rund 20 Prozent pro Jahr erzielt (kumuliert fast 590 Prozent plus). Über die letzten 15 Jahre liegt die Performance sogar bei einer Gesamtrendite von über 1.300 Prozent. Aber das war nicht immer so: 2002 galt der NASDAQ 100 als Geldvernichter par excellence. Mit dem Platzen der Dotcom-Blase ab März 2000 wurde der Index regelrecht zertrümmert. Der maximale Verlust belief sich im Tief 2002 auf 80 Prozent. Es sollte 14 Jahre, also bis 2014, dauern, bis der NASDAQ 100 seine Verluste – nominell – wieder egalisieren konnte. Die Performance der letzten 15 Jahre muss als außergewöhnlich bezeichnet werden. Der aktuelle KI-Hype, das im Juni 2026 erfolgte Listing von SpaceX und die Aussicht, dass sich auch OpenAI und Anthropic in den nächsten Monaten an der NASDAQ listen lassen werden, gemahnen zur Vorsicht.

4. Warum ist die aktuelle Euphorie um SpaceX und KI gegebenenfalls ein Warnsignal?

Historisch kehren die Aktienkurse zu ihrem langfristigen Durchschnitt zurück. US-Aktien rentierten in den vergangenen 100 Jahren nominal mit gut 10 Prozent pro Jahr (sofern man die Dividenden reinvestiert; die reine Kursrendite lag bei 6,5 Prozent p.a.). Eine Marktphase mit sehr hohen Renditen ist eine Indikation dafür, dass die künftigen Renditen unterdurchschnittlich ausfallen könnten. Etliche Banken taxieren die künftige Performance von US-Aktien auf Sicht der nächsten Dekade daher eher auf 3 bis 7 Prozent.

Manche Beobachter sehen viele Zeichen eines Hypes bei Big Tech bzw. dem NASDAQ 100: sinkende oder gar negative freie Cashflows, eine steigende Verschuldung vieler Konzerne, die zirkuläre KI-Ökonomie und – last but not least – die Tatsache, dass die NASDAQ im Wettkampf um Börsenneulinge ihre eigenen Regeln verbiegt. Um die New Yorker NYSE im Hauen und Stechen um die neuen Tech-Ikonen auszustechen, hat die NASDAQ ihre Listing-Regeln aufgeweicht. Die neue „Fast Entry“-Regel erlaubt es Mega-Caps, schon fünf Handelstage nach dem Börsengang direkt in den Auswahlindex einzuziehen – passgenau geschneidert für Elon Musks SpaceX, aber perspektivisch auch für Anthropic und OpenAI. ETFs auf den NASDAQ 100 werden also wenige Wochen nach dem Mega-Börsengang von SpaceX zu „forced buyern“.

Kritiker bemängeln, dass es ein Alarmsignal ist, wenn Indexanbieter ihre Neutralität aufgeben, um einen Hype zu beschleunigen. Sollten ETF-Anleger also den Fast-Exit aus dem NASDAQ 100 suchen? Nicht zwingend. Andere Experten geben zu bedenken, dass Fast-Track-Regeln in der Börsenwelt nichts Neues sind. So führte der Indexanbieter FTSE im Jahr 1984 eine Fast-Entry-Regel für den FTSE 100 ein, um dem ehemaligen Staatskonzern British Telecom eine schnelle Aufnahme in den Index zu ermöglichen. Das Argument seinerzeit: Ein derart großer Konzern müsse zügig in einen repräsentativen Index aufgenommen werden.

5. Geht es denn auch anders?

Ja. Der Indexanbieter Standard & Poor’s hat sich gegen eine Fast-Track-Regel für den S&P 500 entschieden. Dort müssen die KI-Kinder also noch rund ein Jahr draußen bleiben. Wem der NASDAQ 100 also „zu heiß“ ist, könnte versucht sein, von seinem NASDAQ 100 ETF in einen ETF auf den S&P 500 umzusatteln. Da aber SpaceX zunächst nur ein Gewicht von maximal 2 Prozent im NASDAQ 100 bekommen dürfte und 85 Prozent der Firmen im NASDAQ 100 auch im S&P 500 vertreten sind, wird ein KI-Crash beide ETF-Benchmarks schwer treffen. Anlegerinnen und Anleger sollten sich also eher Gedanken um die strategische Gewichtung von US-Aktien in ihrem Portfolio machen, anstatt nur an den Rändern herumzudoktorn.

Von Ali Masarwah, 15. Juni 2026, © envestor.de

Über den Autor

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor.de, eine der wenigen Fondsplattform, die Cashbacks auf Fonds-Vertriebsgebühren zahlt. Masarwah analysiert seit über 20 Jahren Märkte, Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar. Seine Expertise wird auch von zahlreichen Finanzmedien im deutschsprachigen Raum geschätzt.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von Deutsche Börse. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.