Kommentar
09:44 Uhr, 07.04.2026

Hohe Inflation: Europas Energieabhängigkeit ist auch ein Problem für die EZB

Die anhaltende Abhängigkeit Europas von fossilen Brennstoffimporten verkompliziert das Mandat der Geldpolitik. Der beschleunigte Übergang zu heimischen und erneuerbaren Energien rückt als Instrument der makroökonomischen Stabilisierung in den Fokus.

Frank Elderson, Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), benennt die europäische Energieabhängigkeit in einem aktuellen Beitrag als kritische Schwachstelle der Wirtschaft. Die Importstruktur führe zu einem kontinuierlichen Kapitalabfluss, erzwinge staatliche Notinterventionen und belaste die öffentlichen Haushalte. Diese externen Energieschocks erschweren es der Zentralbank zunehmend, ihr primäres Mandat der Preisstabilität zu erfüllen.

Geldpolitisches Dilemma durch Angebotsschocks

Elderson argumentiert, dass Europa im globalen Vergleich der Industrienationen überdurchschnittlich stark von fossilen Importen abhängt. Der russische Einmarsch in die Ukraine offenbarte diese Verletzlichkeit und trieb die Inflation im Euroraum im Oktober 2022 auf 10,6 %. Beobachter prägten für diesen rapiden Preisanstieg den Begriff der "Fossilflation".

Der Irankrieg verursacht nun erneut einen Anstieg der europäischen Energiekosten. Die makroökonomischen Projektionen der EZB vom März 2026 quantifizieren diese Belastung: Sie prognostizieren für das Jahr 2026 eine durchschnittliche Inflation von 2,6 % und korrigieren das Wirtschaftswachstum aufgrund der externen Energieschocks auf 0,9 % nach unten.

Diese Ausgangslage zwingt die Währungshüter in ein Dilemma. Eine Straffung der Geldpolitik zur Eindämmung der Inflation droht den wirtschaftlichen Abschwung zu verschärfen. Eine Lockerung zur Stützung des Wachstums birgt dagegen das Risiko, die Inflation dauerhaft zu verankern. Zentralbanken ignorieren temporäre Angebotsschocks normalerweise, solange diese keine breiteren Preisdrücke auslösen und Inflationserwartungen verankert bleiben. Elderson verweist jedoch darauf, dass wiederholte und anhaltende Energieschocks exakt diese Bedingungen belasten.


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Entkopplung durch heimische Energieerzeugung

Europa verfügt laut Elderson über die Möglichkeit, sein geopolitisches Exposure signifikant zu reduzieren. Der Abbau der Importabhängigkeit und der rasche Ausbau heimischer, sauberer Energien bilden den effektivsten Mechanismus. Das Erreichen der nachhaltigen Energieziele würde die Verbindung zwischen inländischen Energiepreisen und den volatilen globalen Rohstoffmärkten massiv schwächen.

Der Autor führt die Energiewende in Spanien als Beleg für die makroökonomische Wirksamkeit an. Dort lagen die Großhandelspreise für Strom Anfang 2024 signifikant unter den fiktiven Vergleichswerten ohne Ausbau der Erneuerbaren.

Strategische Autonomie

Der Übergang zu erneuerbaren Energien wird von Kritikern als zu kostspielig eingestuft. Die Europäische Kommission taxiert den jährlichen Investitionsbedarf zwischen 2026 und 2030 auf 660 Mrd. EUR.

Elderson bewertet eine isolierte Betrachtung dieser Summe als irreführend. Dem Investitionsvolumen stehen nämlich jährliche Ausgaben von knapp 400 Mrd. EUR für fossile Energieimporte gegenüber.

Nach dem Aufbau der Infrastruktur fallen die Grenzkosten für die Produktion heimischer erneuerbarer Energien laut dem EZB-Direktoriumsmitglied strukturell deutlich geringer aus. Die Energie an sich sei dann mehr oder weniger kostenlos. Der im September 2024 veröffentlichte Bericht von Mario Draghi zur Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit stützt diese wirtschaftspolitische Ausrichtung und definiert die Dekarbonisierung als zentrale Säule der europäischen Langfriststrategie. Elderson resümiert diese Notwendigkeit: "Die eigentliche Frage lautet nicht länger, ob Europa sich die Energiewende leisten kann. Die Frage ist, ob Europa es sich leisten kann, darauf zu verzichten."

Regulatorische und finanzielle Ausblick

Für die Umsetzung der skizzierten Transformation skizziert Elderson klare Voraussetzungen. Die hohen Vorabinvestitionen verlangen nach tiefen, gut funktionierenden Kapitalmärkten und einem berechenbaren politischen Umfeld.

Fortschritte bei der europäischen Spar- und Investitionsunion bewertet er als essenziell, um das notwendige Kapital zu mobilisieren. Ein verlässlicher politischer Rahmen müsse langfristige Perspektiven gegenüber kurzfristigen Gewinnen priorisieren. Als konkrete Maßnahme fordert Elderson die konsequente Umsetzung bestehender Dekarbonisierungsziele und den Erhalt des Emissionshandelssystems als glaubwürdiges, marktbasiertes Instrument für die Bepreisung von CO₂-Emissionen.

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