Aus dem ETF Magazin: "Höhenflug in Tokio"
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10. Februar 2026. MÜNCHEN (ETF Magazin). Auf diesen Moment haben Anleger lange gewartet: eine Kursexplosion an der Börse Tokio. Im vergangenen Jahr ist der Nikkei 225, Japans Leitindex, um rund 60 Prozent gestiegen. Ist damit nun das Ende der Fahnenstange erreicht, oder markiert die jüngste Rallye nur den Auftakt zu einer Mega-Hausse wie Ende der 1980er-Jahre? Damals verdreifachte sich der Nikkei in vier Jahren, bevor ein langer, schmerzhafter Abstieg begann. Drei Jahrzehnte lang schien das damalige Hoch von knapp 39 000 Punkten unerreichbar. Doch das ist Geschichte. Heute steht der Nikkei bei 51 000 Punkten – und Marktkenner sehen weiteres Potenzial.
In den vergangenen 20 Jahren haben Japans Aktien immer wieder Aufholjagden gestartet, etwa 2012, als Premierminister Shinzo Abe mit seinen „Abenomics“ Wirtschaft und Börse ankurbelte. Abe lockerte die Geldpolitik, startete ein schuldenfinanziertes Konjunkturprogramm und drängte Unternehmen, ihren Börsenwert zu steigern. Ähnlichen Schwung erwartet der Markt von Sanae Takaichi, die am 21. Oktober als erste Frau Japans Premierministerin wurde. Sie ist eine erklärte Anhängerin der Abenomics – und hat bereits ihr erstes dickes Konjunktur- und Steuersenkungspaket (rund 116 Milliarden Euro) durchgesetzt.
Takaichis Politik ruht auf drei Säulen, erklärt Louis Chua, Asien-Aktienanalyst der Bank Julius Bär: Erstens ein nationales Krisenmanagement, das Wachstum fördert; zweitens eine expansive Fiskalpolitik; drittens die Überzeugung, dass die Regierung die Geldpolitik steuert, während die Zentralbank autonom die besten Instrumente wählt. Viele Anleger sehen in der „Takaichi-Strategie“ den entscheidenden Impuls, stärker in japanische Aktien zu investieren und so sowohl den Nikkei 225 als auch den breiter gefassten Topix Index auf neue Hochs zu treiben, in der Hoffnung, dass die gute Stimmung anhält und die Kurse weiter steigen.
Die jüngste Hausse begann, als die Bank of Japan im April die Zinswende einleitete. Als letzte große Zentralbank beendete sie in diesem Jahr die Negativzinspolitik und hob die Zinsen leicht auf 0,5 Prozent an. Für Investoren war das Anlass genug, auf eine neue Ära zu setzen, in der lange unterbewertete Value-Titel an Wert gewinnen können.
Luft nach oben
Der kometenhafte Anstieg der Kurse spiegelt diese Erwartungen wider. Dennoch sehen Experten wie die von Asset Management One (AMO) weiteres Potenzial für Value-Investments. AMO-Manager Oleg Kapinos betont, dass in Japan noch immer rund 40 Prozent der Unternehmen mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) unter 1 gehandelt werden. Zum Vergleich: Im amerikanischen S&P 500 sind es nur drei Prozent, in der Eurozone 16 Prozent.
Kapinos sieht in der eingeleiteten Kampagne zur Verbesserung der Aktionärsrenditen und der Corporate Governance einen starken Katalysator. So könnten japanische Aktien zumindest ihren Abschlag zum Buchwert schließen. Die Börse Tokio zwinge jetzt Unternehmen, ihre Strategie stärker auf Aktionärsinteressen auszurichten, und ermutige sie dabei auch zu Aktienrückkäufen. Bereits 2022 verdoppelten sich die Rückkäufe auf 20 Billionen Yen (rund 112 Milliarden Euro). In diesem Jahr könnten die Rückkäufe ein neues Rekordvolumen erreichen. Marktbeobachter führen dies auf die verbesserte Gewinnsituation und die Regierungspolitik zurück, die Unternehmen dazu drängt, überschüssige Barmittel produktiver einzusetzen. Auch die Zunahme unerwünschter Übernahmeangebote animiere die Unternehmen zu Aktienrückkäufen.
Doch nicht alle Japan-Experten sind uneingeschränkt optimistisch. Richard Kaye, Japan-Manager bei Comgest, fürchtet eine mögliche Abkühlung der Value-Rallye. Viele Aktien, die auf Kauflisten landeten, seien überbewertet. Deren Kurse könnten schnell wieder fallen. Kaye setzt auf Qualität: Unternehmen, die aus Innovationskraft und Wettbewerbsstärke wachsen. Diese dürften „in jedem Umfeld ein überdurchschnittliches zweistelliges Wachstum erzielen, weil ein wirtschaftlicher Burggraben ihnen Preissetzungsmacht gibt und sie in der Regel über stabile Kundenbeziehungen verfügen“.
Von exportorientierten Industriebetrieben, die vom schwachen Yen profitierten, rät Kaye ab. Er erwartet weitere Zinserhöhungen der Zentralbank, die den Yen stärken und die Exportgewinne schmälern dürften. Stattdessen favorisiert er wachstumsstarke Unternehmen deren Gewinnzuwächse sich noch nicht in den Kursen widerspiegeln.
Ausländer steigen ein
Insgesamt gesehen wird auch nach Kayes Einschätzung das Interesse an japanischen Aktien anhalten. Er baut auf inländische institutionelle Anleger, die ihrem Heimatmarkt treu bleiben, und auf internationale Investoren, die in Japan noch untergewichtet seien. Ein gutes Beispiel für das wachsende Interesse ist die US-Fondsgesellschaft Blackrock: Der Branchenriese hat kürzlich japanische Aktien hochgestuft. Blackrock-Manager Ben Powell verweist auf das günstige Umfeld mit Binnenwachstum, steigenden Dividenden, Aktienrückkäufen und unterstützender Geld- und Fiskalpolitik. Blackrock hat deshalb Japan-Aktien inzwischen sogar „übergewichtet“.
„Die Geldpolitik der Bank of Japan bleibt ein zentraler Faktor“, sagt Lucas Brauner, Japan-Ökonom bei der DWS. Nach dem Ende der Negativzinsen hält er weitere Zinserhöhungen für wahrscheinlich. Das könnte den japanischen Aktienmarkt stärker ins globale Rampenlicht rücken. Steigende Zinsen dürften auch den Bankensektor stärken, erwartet AMO-Manager Kapinos. Das extrem niedrige Zinsniveau habe Bankaktien lange gedrückt. Mit besseren Margen sollten sie nun anziehen. Ihre niedrige Bewertung (KBV von etwa 1) und ihre solide Dividendenrendite ist eine gute Basis.
AMO-Spezialist Hosaka traut japanischen Aktien bis 2026 einen Gewinnanstieg je Aktie von 13 Prozent zu, was sich in höheren Kursen widerspiegeln sollte. Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group, sieht ebenfalls Chancen. Er hebt den Industrie-, Fertigungs- und Automobilsektor hervor. Diese Branchen seien gut aufgestellt, um Handelshemmnisse zu bewältigen und neuen globalen Lieferketten zu profitieren. Sein Fazit: „Japan bleibt ein attraktives Ziel für Anleger, die Wachstums- und Ertragschancen suchen.“
Japan im Paket
Knapp 80 passive und neun aktive ETFs mit japanischen Aktien werden an Xetra gehandelt. Darunter finden sich Fonds für alle großen Japan-Indizes – für den Nikkei- ebenso wie für den TOPIX- oder den MSCI-Japan-Index. Auch für japanische Small- und Midcaps stehen einige ETFs zur Verfügung, ebenso ETFs mit Nachhaltigkeitsfokus. Fündig wird auch, wer in Unternehmen mit ausgezeichneter Corporate-Governance investieren will. Diese finden sich im Nikkei-400-Index.
Die bekannten breiten Japan-Indizes verzichten auf solche Filter. So investiert der MSCI Japan Index in mehr als 200 japanische Aktien mit großer und mittlerer Marktkapitalisierung. Damit werden etwa 85 Prozent des japanischen Aktienmarktes abgebildet, gemessen an der Marktkapitalisierung. Die größten ETFs für diesen Index sind preiswert und äußerst liquide. Ihre Geld-Brief-Spanne liegt meist unterhalb von zehn Basispunkten.
Der TOPIX ist der Aktienindex der japanischen Börse, der über 1900 Japan-Aktien umfasst. Den Index bildet nur Amundi mit einem relativ teuren ETF ab. Allerdings gibt es mit dem Amundi Prime Japan ETF eine Alternative mit einer Kostenquote von nur fünf Basispunkten, womit dieser ETF der preisgünstigste für japanische Aktien ist. Der ETF bildet einem Solactive-Index ab, dessen Struktur nahezu identisch mit der des TOPIX-Index ist. Der ETF enthält zwar deutlich weniger Aktien als der TOPIX, doch sein Kurs bleibt sehr nah am TOPIX-Index.
Und natürlich gibt es auch ETFs auf den Nikkei-225-Index. Dieser traditionelle Leitindex enthält die 225 größten und umsatzstärksten japanischen Aktien. Die Gewichtung der Titel erfolgt allerdings nicht nach der Marktkapitalisierung der Aktien, sondern nach ihren Durchschnittskursen. Dabei stellen allein die fünf Top-Werte ein Drittel des Index und einen Großteil der Performance. Insgesamt dominieren im Nikkei Technologie-Aktien, mit rund 25 Prozent Anteil. Im MSCI-Japan- und im Topix-Index sind dagegen Industrie-Titel mit einem ähnlichen Gewicht der größte Sektor.
Wer in den Nikkei 225 investieren will, kommt am günstigsten mit dem Xtrackers Nikkei 225 ETF zum Zug. Mit einer Gesamtkostenquote von 0,09 Prozent ist er der preiswerteste ETF für den japanischen Leitindex. Für Anleger, die eine anhaltende Yen-Abwertung fürchten, gibt es den ETF auch mit integrierter Währungssicherung, dann jedoch mit etwas höheren Kosten von 0,19 Prozent.
Auch bei einigen weiteren Japan-Aktien-ETFs minimieren die Fondsgesellschaften das Währungsrisiko für europäische Anleger. In der Vergangenheit war solch eine Absicherung häufig von Vorteil, denn oftmals entwickelten sich die Aktien der Export-Nation Japan besonders gut, wenn der Yen abwertete. Ob die Wechselkursabsicherung heute noch sinnvoll ist, lässt sich schwer sagen, denn in den vergangenen Jahren hat die japanische Währung schon massiv abgewertet.
Von Ronny Kohl, Dezember 2025, © ETF Magazin
Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ETF Magazins, dem Fachjournal für Profis und informierte Anleger*innen.



