„Warum die Zinskurve mehr sagt als der Aktienchart“
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9. Februar 2026. FRANKFURT (envestor). Die Zinskurve ist eine Linie, die die Renditen von Staatsanleihen unterschiedlicher Laufzeit verbindet – vom Geldmarktpapier bis zur 30‑jährigen Anleihe. Ist sie steil, liegen die langfristigen Zinsen über den kurzfristigen, was meist für ein Wachstum in der Zukunft spricht. Ist sie flach oder sogar „invertiert“ (kurz höher als lang), preist der Markt eher eine Schwächephase ein.
Historisch hat die Kurve US‑Rezessionen erstaunlich gut vorweggenommen. Aktienkennzahlen wie das Kurs‑Gewinn‑Verhältnis oder Chart‑Trends sagen dagegen oft mehr darüber, wie optimistisch oder euphorisch Anleger gerade sind – weniger darüber, ob die Konjunktur in ein oder zwei Jahren stolpert. Die Zinskurve ist kein Orakel, aber sie zwingt uns, über Geldpolitik, Wachstum und Inflation im Zusammenspiel nachzudenken. Genau das ist angesichts der vielen widersprüchlichen Signale von der Aktienseite und der Politik gefragt.
Heute liegen die Langfristzinsen über den Kurzfristzinsen. In den USA ist diese Steilheit deutlich, im Euroraum schwächer. Nach der Lehrbuchinterpretation deutet das auf eine robustere Konjunktur hin, denn wenn die Wirtschaft wächst, steigen in der Regel die Zinsen. Höhere Langfristzinsen könnten allerdings auch bedeuten, dass Anlegende eine höhere Risikoprämie verlangen – etwa wegen hoher Schuldenstände oder politischer Unsicherheit.
Allerdings läuft es heute auf das Gegenteil hinaus: Die neue US‑Notenbankführung unter Kevin Warsh steht für eine lockere Zinspolitik – anders als der scheidende Fed‑Chef Jerome Powell, der nach wie vor die Inflationsgefahren nicht als gebannt sieht. Warum deutet die Zinskurve auf höhere Zinsen, obwohl Beobachter unisono mit niedrigeren Leitzinsen rechnen? Wer hat recht? Wer irrt?
Szenario 1: KI sorgt für ein „Soft Landing“
Ein Ausweg aus diesem Widerspruch ist, zwei Szenarien zu denken – und die Folgen nicht nur für Anleihen, sondern auch für Aktien zu betrachten. Das erste Szenario lautet auf ein „Soft Landing“ infolge von Fortschritten bei künstlicher Intelligenz und Automatisierung, die für eine Erhöhung der Produktivität sorgen werden. Unternehmen können mehr Output pro Mitarbeiter erwirtschaften, Löhne steigen, ohne dass die Inflation erneut aus dem Ruder läuft. Die Arbeitslosigkeit nimmt etwas zu, aber es kommt nicht zum massiven Stellenabbau. Die Notenbank kann die Zinsen vorsichtig senken, ohne das Gefühl, in wenigen Quartalen wieder hart bremsen zu müssen. Langfristige Renditen bleiben relativ attraktiv, weil der Markt eine etwas höhere „neutrale“ Realverzinsung und eine ordentliche, aber nicht explosive Inflationsrate einpreist. Die Kurve ist in diesem Bild positiv, aber moderat steil.
Für Anleiheanleger spricht dieses Szenario dafür, wieder mehr Mut zu langen Laufzeiten zu haben. Wer heute zehn‑ oder dreißigjährige Staatsanleihen kauft, bekommt Zinsen, die klar über Kurzfristzinsen liegen. Diese Papiere sind gleichzeitig eine Art Versicherung: Sollte die Wirtschaft doch stärker abkühlen, gewinnen genau diese langen Papiere in der Regel am meisten. Kurzläufer und Geldmarktprodukte bleiben wichtig, um Liquidität und Flexibilität zu sichern, aber ein reines Parken im sehr kurzen Bereich nutzt die Möglichkeiten der heutigen Zinslandschaft nicht aus.
Für Aktien wäre ein produktivitätsgetriebenes Soft Landing grundsätzlich positiv, wenn auch mit Nuancen. Breite Indizes wie der S&P 500 könnten weiter steigen, weil Unternehmen von effizienteren Abläufen und stabiler Nachfrage profitieren. Zugleich bleibt der Bewertungsdruck von der Zinsseite bestehen: Höhere langfristige Renditen wirken wie eine Art „Mindestverzinsung", an der sich Aktien messen lassen müssen. Hoch bewertete Wachstumswerte – einschließlich vieler KI‑Gewinner – müssten dann zeigen, dass die erwarteten Gewinnschübe tatsächlich eintreten. Volatile Aktienmärkte wären nicht ungewöhnlich, selbst wenn das wirtschaftliche Fundament intakt ist. Für private Anlegerinnen und Anleger hieße das: Aktien ja, aber mit realistischen Erwartungen und stärkerem Blick auf Qualität und Bewertung, statt nur auf die große „KI‑Erzählung" zu setzen.
Bei Unternehmensanleihen läuft es bei einem Soft‑Landing‑Szenario auf Investment Grade hinaus. Sie bieten mehr Rendite als Staatsanleihen, während die Ausfallrisiken überschaubar sind. Wer höhere Risiken verträgt, kann auf Nachranganleihen von gut kapitalisierten europäischen Versicherern setzen. Ungeachtet hoher Anforderungen an die Solvabilität liegen hier die Kupons merklich über klassischen Unternehmensanleihen. Bei Hochzinsanleihen müssen Anlegende den weiter hohen Renditen die Gefahren schwächerer Geschäftsmodelle in Zeiten relativ hoher Zinskosten gegenüberstellen.
Emerging‑Markets‑Anleihen würden in einem Soft‑Landing‑Szenario gemischt reagieren. Lokalwährungsanleihen in Ländern mit soliden Finanzen und sinkender Inflation könnten profitieren, wenn der Dollar nicht mehr dauerhaft stärker wird und globale Anleger wieder mehr Risiko wagen. US-Dollaranleihen schwächerer Staaten bleiben aber anfällig für Stimmungsumschwünge. Aktien in den Schwellenländern könnten von einem stabilen Weltwachstum und der Verlagerung von Produktionsketten profitieren.
Szenario 2: Wenn die Notenbanken erneut irren
Das zweite Szenario ist für Anlegende deutlich weniger freundlich. Sollten sich die Notenbanken verkalkulieren oder Schocks die Märkte treffen, würde der Markt auf den „Risk‑off“-Modus umschalten. Denkbar wäre, dass etwa die Fed auf Anzeichen eines schwächeren Arbeitsmarktes zu schnell und zu stark mit Zinssenkungen reagiert, sodass die Inflation steigt. Sollte das Vertrauen in die langfristige Preisstabilität schwinden, würden die Renditen langlaufender Staatsanleihen steigen. Die Zinskurve bliebe steil, aber aus einem unangenehmen Grund. Dann stünden die Zeichen auf Rezession.
Für Anleiheanleger wäre ein solches Risiko‑Szenario ambivalent. Mittelfristig würden Staatsanleihen wieder ihre Rolle als „sicherer Hafen“ einnehmen, sobald klar wird, dass Wachstum und Inflation deutlicher zurückkommen. Kurzfristig könnten langfristige Renditen aber sogar noch einmal steigen, wenn die Sorgen um Defizite, politische Risiken oder das hohe Anleiheangebot überwiegen. Wer heute alles auf lange Laufzeiten setzt, könnte schmerzhafte Kursverluste erleiden – es könnte einen Nachhall des Jahrhundert‑Crashs bei Anleihen geben.
Für Aktien wären die Folgen eines Zinsunfalls der Notenbanken oder einer Vertrauenserosion deutlich unangenehmer. In einer echten Vertrauenskrise gegenüber der Geldpolitik könnten sowohl Wachstumswerte als auch klassische Zykliker unter Druck geraten, weil die Bewertungsgrundlagen unsicher werden. Kommt es zu einer kräftigen Korrektur, dürften vor allem die Segmente leiden, die zuvor am stärksten von Liquidität und Fantasie gelebt haben – also Teile des Tech‑Sektors und hoch bewertete Qualitätsaktien. Defensive Branchen mit stabilen Cashflows und vernünftigen Dividenden könnten relativ widerstandsfähig sein, ein negativer Gesamteffekt auf Aktienportfolios wäre aber kaum zu vermeiden.
Riskante Anleihen wären in einem Risiko‑Szenario verletzlich. Bei Hochzinsanleihen müssten Anleger mit steigenden Ausfällen rechnen, und die Kursverluste könnten die Kupons kurz‑ bis mittelfristig aufzehren. Schwache Schwellenländer mit hohen externen Schulden würden von Kapitalabflüssen getroffen. Nachrangige Anleihen von Banken und Versicherern stünden stärker im Fokus, weil Anleger Überlegungen anstellen, ob Zinszahlungen ausgesetzt oder Calls verschoben werden könnten. Komplexe Produkte wie nachrangige CLO‑Tranchen würden durch Abwertungen belastet, lange bevor es zu realen Ausfällen kommt.
Was heißt das für private Anlegerinnen und Anleger, die weder Zinskurven‑Spezialisten noch Profianalysten sind? Die Zinskurve gibt keinen exakten Fahrplan, aber sie hilft, Wahrscheinlichkeiten zu ordnen. Ein produktivitätsgetriebenes Soft Landing gibt Chancen auf ordentliche Anleiheerträge; auch die Aktienmärkte könnten insgesamt stabil bleiben, wenn auch die Performance des letzten Jahrzehnts schwer wiederholbar wäre.
Praktisch übersetzt: Auch in Zeiten hoher Bewertungen ist es sinnvoll, aus der „Sparbuch‑Ecke" herauszukommen und im Depot einen gesunden Mix aus Aktien und Anleihen zu fahren. Staatsanleihen verschiedener Laufzeiten gehören ebenso dazu wie Unternehmensanleihen mit ordentlichen Risikoaufschlägen. Die Zinskurve ersetzt weder den Blick auf Unternehmensgewinne noch auf KGVs – aber sie liefert den Rahmen, in dem diese Signale gelesen werden sollten.
Von Ali Masarwah, 9. Februar 2026, © envestor.de
Über den Autor
Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor.de, eine der wenigen Fondsplattform, die Cashbacks auf Fonds-Vertriebsgebühren zahlt. Masarwah analysiert seit über 20 Jahren Märkte, Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar. Seine Expertise wird auch von zahlreichen Finanzmedien im deutschsprachigen Raum geschätzt.
Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von Deutsche Börse. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.
