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11:47 Uhr, 16.08.2026

Allzeithochs kaufen – was die Historie wirklich zeigt

Ein Datencheck von S&P 500 und DAX seit 1988 zeigt: Kaufen auf Rekordhoch war meist kein Nachteil, nur beim DAX kippt das Bild über fünf Jahre.

Ein neuer Rekordstand ist zunächst eine gute Nachricht. Beim Einstieg aber macht er viele Anleger zögerlich: Wer auf dem Allzeithoch kauft, so das Gefühl, kauft zu teuer und zu spät. Die Kurshistorie von S&P 500 und DAX seit 1988 erzählt in fünf von sechs Vergleichen etwas anderes, in einem allerdings genau das Gegenteil.

Der Mythos

„Buy low, sell high" ist der älteste Merksatz der Börse, und er sitzt tief. Aus ihm folgt scheinbar zwingend: Ein Rekordhoch ist das Gegenteil von „low", also der denkbar schlechteste Einstiegszeitpunkt. Verstärkt wird das durch eine psychologische Eigenheit, die Verhaltensökonomen als Ankereffekt beschreiben. Wer einen Index über Jahre bei bestimmten Ständen gesehen hat, empfindet jeden neuen Höchststand als teuer, unabhängig von Gewinnen, Zinsen oder Bewertung.

Genährt wird der Mythos von der Erinnerung. Die Allzeithochs der Jahre 2000 und 2007 stehen bis heute als Warnbilder im kollektiven Gedächtnis, weil auf beide ein tiefer, jahrelanger Absturz folgte. Dass Rekorde in ruhigen Aufwärtsphasen zu Dutzenden auflaufen und dann folgenlos bleiben, merkt sich dagegen niemand. Dazu kommt die Berichterstattung selbst: Ein Rekordstand ist eine Schlagzeile, ein weiterer Handelstag ohne Rekord nicht. So entsteht der Eindruck, das Hoch sei ein Ereignis mit besonderer Bedeutung, während es rechnerisch zunächst nur heißt, dass ein Markt im Aufwärtstrend läuft.

Der Datencheck

Das Prüfprotokoll der Folge 1 – Börsen-Mythen Folge 1

Das Prüfprotokoll der Folge 1

Geprüft wurde, was nach einem Rekordschlusskurs tatsächlich geschah, und zwar über ein, drei und fünf Jahre, jeweils verglichen mit dem Kauf an einem beliebigen Handelstag im selben Zeitraum.

Beim S&P 500 fällt das Bild einheitlich aus, und zwar gegen den Mythos. Ein Jahr nach einem Allzeithoch stand im Schnitt ein Plus von 11,7 % zu Buche, nach einem gewöhnlichen Handelstag waren es mit 10,3 % etwas weniger. Über fünf Jahre wächst dieser Vorsprung sogar: 65,4 % nach Rekordtagen stehen 58,7 % im Gesamtdurchschnitt gegenüber. Der Rekordstand war im amerikanischen Markt historisch also eher ein Zeichen von Stärke als eine Warnung.

Der DAX bestätigt dieses Muster zunächst: Nach Rekordtagen standen im Mittel 13,2 % nach zwölf Monaten zu Buche, gegenüber 10,7 % an gewöhnlichen Tagen. Über fünf Jahre kippt das Bild jedoch deutlich, und zwar zugunsten des Mythos: Aus Rekordtagen wurden im Schnitt nur noch 38,7 %, während der beliebige Handelstag auf 56,5 % kam. Es ist der einzige der sechs Vergleiche, der die Börsenweisheit stützt, dafür aber mit dem größten Abstand der gesamten Serie.

Mythos gegen Basislinie seit 1988 – Börsen-Mythen Folge 1

Mythos gegen Basislinie seit 1988

Das Urteil

Das Verdikt der Rechen-Engine lautet TEILWEISE WAHR. Fünf der sechs gewerteten Vergleiche sprechen gegen die Weisheit, einer stützt sie, und dieser eine ist kein Zufallsrauschen, sondern die auffälligste Abweichung im gesamten Datensatz.

Die ehrliche Zusammenfassung lautet damit weder „Rekorde sind harmlos" noch „Rekorde sind gefährlich", sondern: Es kommt auf Markt und Haltedauer an. Auf kurze und mittlere Sicht war der Rekordstand in beiden Indizes historisch kein Nachteil, im Gegenteil. Auf lange Frist trennen sich die Wege, und zwar genau dort, wo der deutsche Markt seine beiden großen Einbrüche hatte. Der DAX kannte im Untersuchungszeitraum zwei ausgedehnte Rekordphasen, nach denen es viele Jahre dauerte, bis die alten Stände wieder erreicht waren. Wer 2000 oder 2007 nahe der Spitze einstieg, brauchte einen sehr langen Atem. Genau diese Episoden sind es, aus denen die Börsenweisheit ihre Überzeugungskraft zieht.

Die Einordnung

Die Verteilung der Einzelfälle – Börsen-Mythen Folge 1

Die Verteilung der Einzelfälle

Wichtiger als jeder Durchschnitt ist, was er verdeckt. Die Einzelergebnisse nach Rekordtagen reichen über zwölf Monate von −41,9 % bis +60,0 %. In dieser Spannweite steckt alles: die ruhigen Jahre, in denen ein Hoch nur die Vorstufe zum nächsten war, und die wenigen Fälle, in denen es der letzte Stand vor einem Absturz blieb. Kein Mittelwert kann sagen, in welchem dieser Fälle ein konkreter Kauftag lag.

Auch die Mitte der Verteilung erzählt eine eigene Geschichte. Beim S&P 500 liegt der Median nach Rekordtagen bei 13,1 % gegenüber 12,0 % über alle Tage, das passt zum Durchschnittsbild. Beim DAX dagegen liegen beide Werte praktisch gleichauf, hier ist kein messbarer Unterschied erkennbar. Der Vorsprung im deutschen Mittelwert über ein Jahr geht also nicht auf einen breiten Vorteil aller Rekordtage zurück, sondern auf die Ausprägung der guten Fälle.

Was bleibt, ist ein Befund gegen den Reflex: Der Rekordstand allein trug im geprüften Zeitraum keine Warnung in sich. Die Streuung dahinter trägt allerdings auch kein Versprechen.

In Folge 2 am 22. August geht es um die vielleicht meistzitierte Zahl der Anlagebranche: Wer die zehn besten Tage verpasst, halbiert seine Rendite.

Das Urteil: TEILWEISE WAHR – Börsen-Mythen Folge 1

Das Urteil: TEILWEISE WAHR

Methodik: S&P 500 und DAX, Tagesschlusskurse seit 1988 bis 14. August 2026. Allzeithoch = neuer Schlusskurs-Höchststand innerhalb des Fensters. Basislinie = Durchschnitt über alle Handelstage mit vollständigem Fenster, Ereignistage eingeschlossen. Das Urteil folgt mechanisch aus dem vorab fixierten Kriterium (Abstand ab 1,0 Prozentpunkten je Horizont-Jahr, anteilig für kürzere Horizonte). Rollierende Fenster überlappen sich; die Auswertung ist beschreibend, kein Signifikanztest. Prüfprotokoll fixiert am 11. August 2026, vor dem Datenlauf.

Dieser Beitrag ist unter Einsatz Künstlicher Intelligenz entstanden.