Kommentar
07:35 Uhr, 05.08.2016

Zinseszins: Die reichsten Familien aus dem Florenz des Jahres 1427 sind es auch heute noch

Italienische Wissenschaftlicher haben in einer einzigartigen Studie herausgefunden, dass die Nachnamen der größten Steuerzahler aus dem Jahr 2011 erstaunliche Ähnlichkeiten mit den größten Steuerzahlern von vor 600 Jahren, nämlich aus dem Jahr 1427, aufweisen.

Anscheinend ist ein Großteil der Superreichen aus dem Mittelalter heute in Florenz immer noch finanziell höher gestellt. In der Wirtschaftstheorie nimmt man hingegen an, dass sich große Vermögen innerhalb von 3 Generationen wieder dem Einkommensdurchschnitt annähern. (1)

Möglich machte diese Untersuchung eine Steuerliste aus dem Jahr 1427. Dabei verglichen die Wissenschaftler das Steueraufkommen der Namen aus dem 15. Jahrhundert mit den Nachnamen von heute und stellten fest, dass die soziale Mobilität in Florenz weniger stark ausgeprägt war, wie allgemein angenommen wird.

Üblicherweise versuchen reiche Familien ihr Vermögen zu verschleiern, z.B. durch Stiftungen, ausländische Holdings oder andere juristische Gesellschaften. Diese einzigartige Bestandsaufnahme war möglich, weil die Nachnamen in Italien regional sehr begrenzt auftauchen und damit eine Zuordnung ermöglichen. Wahrhaftig faszinierend ist, dass es laut der Studie ganze 6 Familien geschafft haben, ihr Vermögen über historische Einschnitte wie Napoleons Besetzung, Mussolinis Diktatur oder zwei Weltkriege zu bewahren und zu vermehren.

Für mich kommen die Ergebnisse dieser Studie hingegen wenig überraschend, obgleich der lange Zeitraum von 600 Jahren schon faszinierend ist. Die Erklärung ist relativ simpel.

Der Zinseszins

Der Effekt des Zinseszins wird weitläufig unterschätzt. Der Zinseszins ist ein grundlegender Baustein finanzieller Bildung und leider wissen viel zu wenig Menschen darüber Bescheid. Der Zinseszins bedeutet nichts anderes, als die Verzinsung eines bereits durch Zins gestiegenen Vermögens. Legen Sie beispielsweise 10.000 EUR mit einer Laufzeit von 5 Jahren zu 20 % an, so liegt der Ertrag nicht bei 100 % (5 x 20), sondern bei 150 %. Der Grund ist der Zinseszinseffekt. (2)

Im Laufe der Zeit akkumuliert sich dieser Betrag über den Zinseszinseffekt zu immer größeren Summen. Wendet man das Verfahren auf einen Zeitraum von 1427 – 2011 an, ist es wenig überraschend, dass sich so große Vermögen bewahrt und vermehrt haben.

Für mich ist naheliegend, dass dieses finanzielle Wissen innerhalb von vermögenden Familien weitergegeben wird. Die Studie beweist damit auch, dass Vermögen geschaffen und erhalten werden, weil die Beteiligten, in diesem Sinne Familienangehörige über bis zu 20 Generationen, wissen wie Geld funktioniert und für sie arbeitet. Andere Studien aus England oder aus der jüngsten Historie Chinas beweisen das ebenfalls. Dieses "alte Geld" findet sich oftmals nicht auf Bankkonten, sondern ist in Unternehmensbeteiligungen, Aktien, Ländereien, Immobilien und Edelmetallen angelegt. Dort wächst es dann - passiv - fast von ganz allein.

Wenn es die nächste Generation nicht verjubelt.

Viele Grüße
Jakob Penndorf

--

(1) Reich vererbt sich. Online Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 08.06.2016, abgerufen am 04.08.2016 
(2) Siehe Grafik im Anhang

Bild zzinses.jpg

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3 Kommentare

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  • Makani
    Makani

    Dann stellt sich noch die Frage, ob der Zinseszins-Effekt auch in Zukunft wirken wird....

    08:49 Uhr, 12.08.2016
  • S_o_r_o_s
    S_o_r_o_s

    Moin,

    "Die Studie beweist damit auch, dass Vermögen geschaffen und erhalten werden, weil die Beteiligten, in diesem Sinne Familienangehörige über bis zu 20 Generationen, wissen wie Geld funktioniert und für sie arbeitet."


    Sieht man ja auch bei den steinreichen alteingesessenen deutschen Unternehmerfamilien.

    Da wird abends kein RTL oder Pro7 geschaut, sondern Vermögen bilanziert.

    Ich fand die Geschichte dieser Fugger, Medici usw. schon immer hochspannend.

    10:31 Uhr, 05.08.2016
  • Andreas Hoose
    Andreas Hoose

    Danke für den wichtigen Beitrag. Es ist nur konsequent, dass diese Zusammenhänge kaum bekannt sind, denn wie schon Henry Ford bemerkte:

    "Würden die Menschen unser Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh".

    Die reichen Florentiner aus dem 15. Jahrhundert sind natürlich nur kleine Fische im Vergleich zu den ganz großen Spielern. Anregungen für eigene Recherchen mögen zwei Zitate aus dem Hause Rothschild sein:

    Gib mir die Kontrolle über das Geld einer Nation und es interessiert mich nicht, wer dessen Gesetze macht.“
    (Mayer Amschel Rothschild)

    „Die Wenigen, die das System verstehen, werden so sehr an seinen Profiten interessiert oder so abhängig sein von der Gunst des Systems, dass aus deren Reihen nie eine Opposition hervorgehen wird. Die große Masse der Leute aber, mental unfähig zu begreifen, wird seine Last ohne Murren tragen, vielleicht sogar ohne zu mutmaßen, dass das System ihren Interessen feindlich ist.“

    (Rothschild – 1863)

    Und noch ein Zitat, diesmal von Albert Einstein:

    "Der Zinseszins ist die stärkste Kraft des Universums".

    Jetzt muss man sich nur noch fragen, wie die Zentralbanken entstanden sind, wie sie funktionieren und wem sie heute gehören, dann kommt man einem großen Aha-Erlebnis einen großen Schritt näher.

    09:58 Uhr, 05.08.2016

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Über den Experten

Jakob Penndorf
Jakob Penndorf

Jakob Penndorf teilt seit 2015 seine Expertise als Finanz- und Tradingexperte auf GodmodeTrader und Guidants, den Finanzportalen der BörseGo AG. Er startete seine Karriere als Börsenhändler und Analyst bei einer Wertpapierhandelsbank, war Berater und Fondsmanager für Asset Manager in Frankfurt am Main und Gründer eines Finanztechnologie-Unternehmens in Berlin. Jakob Penndorf hat zahlreiche Lehrgänge absolviert, u.a. ist er akkreditierter Berater der namhaften Investmentgesellschaft Dimensional Funds Advisors (DFA) aus den USA, deren Vorstand und Verwaltungsrat führende Finanzforscher wie Kenneth French, Roger Ibbotson oder Eugene Fama angehören. Jakob Penndorf veröffentlichte zahlreiche Fachartikel über Börsenstrategien, Anlegerverhalten und technische Handelssysteme. Er trainiert Unternehmer, Börsenhändler und Investoren im Umgang mit Risiken an den Finanzmärkten.

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