Fundamentale Nachricht
08:38 Uhr, 27.10.2022

Starker Anstieg der realen Renditen

Zuletzt gab es laut Chris Iggo, CIO Core Investments, AXA Investment Managers, von politischer Seite Kritik an der Bank of England (BoE), obwohl die Notenbank ein Pensionsfonds-Desaster verhindert hat.

Anleiheinvestments werden immer interessanter. Die umfangreichen VerkĂ€ufe britischer Staats- und Unternehmensanleihen in den vergangenen Wochen deuten darauf hin, dass es ĂŒber die Bank of England (BoE) hinaus weitere KĂ€ufer gibt. Es ist eine Binsenweisheit, dass das, was verkauft wurde, von jemandem gekauft wird, der in Vermögenswerten, die Gegenstand eines Ausverkaufs waren, lĂ€ngerfristigen Wert sieht. Der Markt ist extrem volatil, aber die aktuellen Renditeniveaus sind attraktiv. Wie das Beispiel Großbritannien zeigt, wollen die Notenbanken nicht, dass die MĂ€rkte in Unordnung geraten (oder die Renditen zu hoch steigen).

Wir kommen immer hĂ€ufiger zu dem Schluss, dass wir uns dem Ende des Zinszyklus nĂ€hern und dass sich viele fundamentale Inflationsdaten, die uns vorliegen, tatsĂ€chlich verbessern. Der vorgelagerte Preisdruck lĂ€sst nach – niedrigere Rohstoffpreise, niedrigere Transportkosten – und dies sollte sich in den Endpreisen niederschlagen. Die Verbraucherpreisinflation in den USA fĂŒr September ĂŒberraschte – wieder einmal – nach oben. Aber eine optimistische Interpretation lautet, dass sich der Anstieg der Warenpreise zu verlangsamen scheint. Im Dienstleistungssektor ist die Inflation nach wie vor stark, aber in Bereichen wie dem Wohnungsmarkt werden wir mit Sicherheit eine Verlangsamung der AktivitĂ€t sehen, wenn die höheren Zinsen wirken. Trotz der höher als erwartet ausgefallenen Inflationsrate hat sich die EinschĂ€tzung des Marktes, wie weit die Federal Reserve (Fed) die Zinsen letztlich erhöht, kaum verĂ€ndert. Allgemein wird die Ansicht vertreten, dass die Fed die Inflation senken kann, indem sie auf die Nachfrage einwirkt. Es ist nicht mehr nur eine Frage der Angebotsseite.

Turbulenter Gilt-Markt

Es wĂ€re verwunderlich, wenn der Übergang von der Erwartung „niedriger Zinsen fĂŒr lĂ€nger“ zu einer „restriktiven Geldpolitik“ keine VolatilitĂ€t hervorrufen wĂŒrde. Viele Kreditaufnahmen und AbsicherungsgeschĂ€fte der vergangenen Jahre basierten auf der Annahme, dass die Zinsen niedrig bleiben wĂŒrden. Jetzt sind sie gestiegen und das verursacht Probleme. Am deutlichsten wird das in Großbritannien. Die Notwendigkeit, dass Pensionsfonds mit Liability Driven Investing Derivate-Overlays Barmittel beschaffen mĂŒssen, um die erforderlichen Sicherheiten zu erfĂŒllen, hat den Anstieg der Marktrenditen noch verschĂ€rft. Ein Großteil dieser LDI-AktivitĂ€ten konzentriert sich auf Anleihen mit lĂ€ngeren Laufzeiten und es sorgt fĂŒr einige erstaunliche Bewegungen. Die britische Staatsanleihe mit Laufzeit bis Oktober 2050 beispielsweise fiel von einem Kassakurs von 95,5 im Juli auf aktuell 39,7 Prozent, was einer Renditespanne von 350 Basispunkten (BP) im gleichen Zeitraum entspricht. Langlaufende britische Anleihen wurden in den vergangenen drei Wochen wie hoch bewertete Aktien gehandelt.

Trotz des Protests der britischen Regierung ist der Markt allgemein der Ansicht, dass die unĂŒberlegte AnkĂŒndigung nicht finanzierter Steuersenkungen der Auslöser fĂŒr die Marktturbulenzen war. Derzeit wird spekuliert, dass die Regierung viele der Ende September gemachten VorschlĂ€ge wieder zurĂŒcknehmen muss. Die BoE beendet ihre befristeten Maßnahmen zur StĂŒtzung des Anleihemarktes, aber das politische Drama ist noch lange nicht vorbei. Britische Staatsanleihen könnten sich weiterhin in einer großen Bandbreite bewegen.

Anhaltender Gegenwind fĂŒr britische Vermögenswerte

Es ist wichtig, dass sich der britische Markt etwas stabilisiert. Der Anstieg der Marktzinsen hat bereits die Kosten fĂŒr Hypothekenkredite in die Höhe getrieben, was fĂŒr die Haushalte ein großer Schock sein wird, wenn bestehende Festzinskredite refinanziert werden mĂŒssen. Auch fĂŒr Unternehmen ist die MarktvolatilitĂ€t nicht gut. VorschlĂ€ge, dass Unternehmen aus dem Bereich erneuerbare Energien mit einer Gewinnsteuer belegt werden sollen, stehen im Widerspruch zu den Anreizen, die fĂŒr den Ausbau der erneuerbaren Energieerzeugung in Großbritannien erforderlich sind. Nicht zu wissen, wie lange eine Regierung im Amt sein wird, ist fĂŒr Unternehmen, die versuchen, einen Inflationsschock und eine globale Wachstumsverlangsamung zu bewĂ€ltigen, nicht ideal. Auch wenn der britische Markt gĂŒnstig und die WĂ€hrung attraktiv ist, wird dieser Gegenwind noch einige Zeit bestehen bleiben.

Viel mehr Risikofaktoren als nur der Zins

Insgesamt scheint der Konsens weiter darin zu bestehen, dass der Inflationszyklus bald seinen Höhepunkt erreichen wird (das ist nun schon seit fast einem Jahr der Fall) und dass damit der Zinszyklus endet. DarĂŒberhinausgehende Überlegungen sind schwierig, weil die Gewissheit, wann dies tatsĂ€chlich eintritt, schwer zu fassen ist. Aber es gibt noch eine ganze Reihe anderer UnwĂ€gbarkeiten: das Ausmaß der weltweiten KonjunkturabschwĂ€chung und die damit verbundenen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Folgen, das Potenzial einer alarmierenden Eskalation des Krieges in der Ukraine oder eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen den USA und China im Vorfeld der PrĂ€sidentschaftswahlen 2024. WĂ€re die Zinsentwicklung das Einzige, worĂŒber wir uns Sorgen machen mĂŒssten, wĂ€re das in Ordnung. Dem ist aber nicht so. Der Vorschlag der Biden-Regierung, die US-Halbleiterexporte nach China zu beschrĂ€nken, belastete bereits die Aktienkurse der Chiphersteller.

Kurzfristige Anleihen einer der wenigen sicheren Orte

Das Spannungsfeld zwischen gĂŒnstigen (und immer gĂŒnstiger werdenden) Bewertungen und unsicheren Fundamentaldaten wird sich nicht bald auflösen. Gerade wenn ein Portfolio in diesem Jahr bereits erheblichen Schaden genommen hat und die VolatilitĂ€t hoch bleibt, ist das Investieren von Barmitteln auf Grundlage einer langfristigen Perspektive eine Herausforderung. Weitere finanzielle Stresssituationen sind wahrscheinlich – wenn es im normalerweise recht behĂ€bigen britischen Pensionssektor passieren kann, kann es ĂŒberall passieren. Kurzfristige festverzinsliche Wertpapiere scheinen vorerst einer der wenigen sicheren Orte zu sein.

Ist die Gewinnrezession eingepreist?

Die derzeitige Berichtssaison fĂŒr Aktien dĂŒrfte aufschlussreich sein. Das Kursgeschehen auf Marktebene – in allen Regionen – und auf Einzeltitelebene scheint bereits einen Großteil dessen, was eine Gewinnrezession ausmachen sollte, eingepreist zu haben. Unser britisches Aktienteam kennt viele Beispiele und angesichts dessen, was mit dem britischen Pfund passiert ist, bleibt der britische Markt in absoluten Zahlen und im Vergleich zu globalen Aktien gĂŒnstig.

Übertriebener Anstieg der realen Rendite

Ein Trost ist, dass der Anstieg der Realrenditen ĂŒbertrieben zu sein scheint. Im Vergleich zum langfristigen Trend ist der Anstieg der zehnjĂ€hrigen US-Realrendite – gemessen am Markt fĂŒr inflationsgeschĂŒtzte Staatsanleihen – jetzt noch extremer als wĂ€hrend der globalen Finanzkrise. Die aktuelle reale Rendite von 1,6 Prozent liegt weit ĂŒber frĂŒheren SchĂ€tzungen des realen langfristigen Gleichgewichtszinssatzes. Wenn sich die reale Rendite stabilisiert oder sinkt, wĂ€re dies ein sehr gutes Zeichen fĂŒr alle MĂ€rkte – der RĂŒckgang der Aktien-Multiples wĂŒrde aufhören, Wachstumsaktien wĂŒrden besser aussehen als Value-Titel und die Anleiherenditen wĂŒrden sich stabilisieren. Die realen langfristigen Renditen werden wohl nicht wieder tief in den negativen Bereich abtauchen – die Zentralbanken sind heute weniger wichtige StaatsanleihekĂ€ufer, da sie sich aus den Quantitativen Lockerungen zurĂŒckziehen und sich das globale Reservewachstum verlangsamt hat –, aber sie sollten nicht weiter steigen.

Abklingende Schockwellen?

Die vielfĂ€ltigen KrĂ€fte, die das derzeitige Niveau der MarktvolatilitĂ€t verursachen, können von Analysten weder verstanden noch erklĂ€rt und schon gar nicht vorhergesagt werden. Die Schocks der vergangenen Jahre fĂŒr die Weltwirtschaft sind tiefgreifend – Covid-19, der Energieschock und der Übergang zu einem neuen Zinsregime. Ein bestimmtes Datum, an dem die Faktoren aufhören werden, die Wirtschaft und die MĂ€rkte zu beeinflussen, gibt es nicht. Aber die Amplitude der Schockwellen sollte abnehmen und eine gute Bewertung an den MĂ€rkten sollte uns wieder positive Anlagerenditen bescheren.

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