Kommentar
08:19 Uhr, 04.05.2026

"Index Segmentitis vernebelt ETF Anlegenden die Sicht"

Für ETF Anlegende sind Indizes das Maß der Dinge. Indizes machen Märkte transparent, spiegeln Investmenttrends wider, geben Orientierung und bilden die Grundlage für erfolgreiche passive Investment Vehikel. ETF Anleger sollten allerdings bei Emerging Markets die Nachteile beachten, warnt Ali Masarwah, Fondsanalyst und Geschäftsführer des Beratungshauses envestor.

4. Mai 2026. FRANKFURT (envestor). Zunächst die frohe Botschaft: Unsere Prognose vom Jahresanfang entwickelt sich ganz ordentlich. Seinerzeit haben wir eine Lanze für Emerging Markets Aktien gebrochen: „Nach einem verlorenen Jahrzehnt melden sich Schwellenländer Aktien eindrucksvoll zurück. Der MSCI Emerging Markets hat den MSCI World im letzten Jahr erstmals seit fünf Jahren outperformt. Der Favoritenwechsel könnte nicht nur zyklisch, sondern auch strukturell begründet sein“, war unsere optimistische Sicht auf Schwellenländer Aktien hier an dieser Stelle. Aktuell liegt der MSCI Emerging Markets deutlich vor dem MSCI World: 15,4 Prozent im Plus liegt der entsprechende ETF auf den Schwellenländer Index vs. 5,8 Prozent für einen ETF auf den MSCI World.

Wir sind nach wie vor optimistisch für Schwellenländer, möchten jedoch heute auf einen scheinbaren Nebenaspekt hinweisen: Anleger erhalten mit ETFs auf Emerging Markets nur die zweitbeste Wahl. Es gibt zahlreiche aktiv verwaltete Fonds, die besser abschneiden als ihre Benchmark – nicht nur zufällig, sondern weil sie das enge Korsett der Indexlogik verlassen und das gesamte Universum der Schwellenländer nutzen können. ETFs machen Märkte zu scheinbar praktischen Schubladen. Wer genauer hinschaut, merkt schnell: Die Schubladen können ganz schön klemmen. Sperrige Inhalte passen erst gar nicht hinein. Die „systematische Ordnung“ des Index verengt mitunter das Blickfeld – eine „Segmentitis“, die Anleger Chancen verpassen lässt.

Zunächst der bekannte Einwand, dass ETFs auf den MSCI Emerging Markets Index eine Asien Wette mit massivem Übergewicht auf China, Indien und Taiwan darstellen. Osteuropa? Lateinamerika? Afrika? Gibt es nur in Kleinstdosierungen und sie bewegen jeweils nicht die Nadel, wenn es um das Performance Bild im Ganzen geht. Stichwort Osteuropa: Polen ist mit unter einem Prozent gewichtet, Länder wie Griechenland oder die Türkei machen weniger als 0,5 Prozent des MSCI EM aus.

Regelrecht absurd wird es bei der Index Zuordnung. Hier spielen Indexanbieter wie MSCI Schicksal: Es gibt die erste Reihe (Emerging Markets) und dann die Resterampe (Frontier Markets). Diese Trennung ist für die allermeisten Anleger irrelevant, führt aber dazu, dass Regionen, die ökonomisch zusammengehören, in unterschiedlichen Anlageuniversen landen – mit Folgen für die Kapitalallokation. Polen ist in der MSCI Logik ein Emerging Market. Rumänien und Slowenien sind Frontier Länder. Kroatien passt in gar keine Schublade. Das Chaos wird perfekt, wenn man die Indexanbieter vergleicht. Was bei MSCI als „Frontier“ gilt, kann beim Konkurrenten FTSE Russell bereits ein „Emerging Market“ sein. Länder wie Polen oder Südkorea sind die klassischen Wanderpokale dieser Klassifizierungskriege – Industrieland hier, Schwellenland dort.

Die vermeintliche Einfachheit des ETF Investierens ist bei Emerging Markets eine Illusion. Um eine repräsentative Abdeckung der aufstrebenden Volkswirtschaften zu erhalten, reicht ein ETF nicht aus. Um einen repräsentativen Strauß an Schwellenländern im Portfolio zu erhalten, sind drei, vier oder fünf ETFs vonnöten. Sonst zeigen sich hässliche „weiße Flecken“ auf der ETF Landkarte. Doch selbst wer einen ETF Strauß für Schwellenländer gebündelt hat, ist noch nicht am Ziel. Vielmehr steht dann die nächste Herkulesaufgabe an: Wie sollen die einzelnen Märkte gewichtet werden? Die vermeintlich „passive“ Anlage wird so zu einer hochgradig aktiven und komplexen Portfolio Konstruktion. In ineffizienten Märkten – und dazu zählen Schwellenländer wie übrigens auch viele Anleihenmärkte – versagt das Prinzip der Kapitalisierungsgewichtung. Ein Index bildet nicht die wirtschaftliche Realität ab, sondern das, was an den Börsen liquide handelbar ist. Doch ein wesentlicher Charme der Emerging Markets ist die Illiquiditätsprämie. Diese geht Anlegenden in ETFs teilweise verloren.

Mein Fazit: Ein Index ist keine göttliche Ordnung und auch kein Abbild der Welt, sondern nur ein Algorithmus, der den Kurs eines Wertpapiers mit der Zahl der frei handelbaren Anteile multipliziert. In effizienten Märkten ist dieses Prinzip überwiegend solide, in den ineffizienten Winkeln der Weltmärkte aber ein denkbar schlechter Wegweiser. Wer diversifizieren will, muss den Mut haben, über den Tellerrand der großen Indexanbieter hinauszuschauen – auch wenn das bedeutet, die Komfortzone des „einfachen“ ETF Investierens zu verlassen.

Von Ali Masarwah, 4. Mai 2026, © envestor.de

Über den Autor

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor.de, eine der wenigen Fondsplattform, die Cashbacks auf Fonds-Vertriebsgebühren zahlt. Masarwah analysiert seit über 20 Jahren Märkte, Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar. Seine Expertise wird auch von zahlreichen Finanzmedien im deutschsprachigen Raum geschätzt.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von Deutsche Börse. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.