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Die Zukunft des Touchscreens

Touchscreens waren eine Revolution und haben viele Geräte grundlegend verändert. Bald schon könnte das vollkommen überholt sein.

Die Zukunft des Touchscreens

Touchscreens waren eine Revolution und haben viele Geräte grundlegend verändert. Bald schon könnte das vollkommen überholt sein.

Die Zukunft des Touchscreens wird nicht mehr viel mit Berührung zu tun haben. Die Zukunft ist berührungslos. Touchscreens werden nicht gleich morgen obsolet werden, doch die Weiterentwicklung in Richtung berührungsloser Steuerung schreitet schnell voran. Obwohl Touchscreens ihren Durchbruch erst vor 10 Jahren erlebten wird die Technologie in vielen Bereichen bald überholt sein.

Es ist noch nicht lange her, dass Tastaturen und Mäuse von Touchscreens teilweise abgelöst wurden. Tastaturen und Mäuse sind immer noch unverzichtbar – je nachdem, welches Gerät man für welchen Zweck verwendet. Dort, wo heute Touchscreens verwendet werden, wird zukünftig eine neue Technologie zum Einsatz kommen. Wie aber bedient man ein Gerät, wenn man es nicht mehr berührt?

Die Zukunft der Steuerung liegt in der Blicksteuerung. Die Blicksteuerung wird teilweise mit Sprachsteuerung konkurrieren. Keine der beiden Varianten deckt jedoch den Gesamtmarkt ab. Sprachsteuerung kann unpraktisch sein, z.B. im öffentlichen Raum, bei bestimmten Geräten oder, wenn man schlichtweg nicht sprechen kann – etwa wegen einer Krankheit wie ALS.

Die Blicksteuerung wird vermutlich drei große Anwendungsbereiche haben: in der Medizin, in der Forschung und im Gaming Bereich. Für Patienten, die nicht sprachlich kommunizieren können und in ihrer Bewegungsfähigkeit stark eingeschränkt sind, kommt Blicksteuerung bereits zum Einsatz. Es lassen sich so Computer steuern, die z.B. mit den Augen „getippten“ Text in Sprache umwandeln. Für viele Menschen wird Kommunikation so überhaupt erst möglich.

In der Forschung ist weniger die Blicksteuerung von Interesse als die Blickerfassung (Eye-Tracking). Blicke geben Aufschluss darüber, was die Aufmerksamkeit eines Menschen erregt, wo er hinblickt, ob er überhaupt aufmerksam ist oder abgelenkt wird. Kein Wunder, dass insbesondere Marketing- und Werbeunternehmen die Technik für ihre Zwecke verwenden.

Eye-Tracking kann viele Anwendungsbereiche haben. In den USA wird geprüft, ob man durch Eye-Tracking im Auto die Anzahl an Unfällen deutlich reduzieren kann. Wird ein Fahrer beobachtet und die Blicke ausgewertet, kann es rechtzeitig eine Warnung geben, wenn der Fahrer zum Beispiel einzuschlafen droht.

Der dritte Bereich ist die Unterhaltungselektronik. Insbesondere Videospiele können durch Blicksteuerung eine zusätzliche Dimension erhalten, die den Spieler noch tiefer in das Spiel einbindet. Dieser Bereich steckt noch in den Kinderschuhen. Derzeit gibt es nur eine Handvoll von Spielen, die überhaupt für Blicksteuerung geeignet sind. Die Spiele müssen dafür entwickelt werden.

Auf Konsumenten wird in den kommenden Jahren eine Welle dieser Technologie zukommen. Noch ist vollkommen unklar wie schnell und mit wie viel Begeisterung Konsumenten die Technologie annehmen werden. Der Touchscreen brauchte zwei Jahrzehnte Entwicklung bis zur breiten Marktreife und erst das iPhone und iPad haben eine Lawine losgetreten.

Sofern Verbraucher die Technologie annehmen ist das Potential gigantisch. Man denke nur daran wie viele Geräte jährlich verkauft werden, bei denen die Blicksteuerung eingesetzt werden kann. Pro Jahr werden an die 40 Mio. Spielkonsolen verkauft. Über 1 Mrd. Smartphones gehen Jahr für Jahr über die Ladentische und ca. 200 Mio. Tablet Computer. Wird auch nur ein Teil dieser Geräte mit Eye-Tracking und Blicksteuerung ausgestattet, dann kann man sich vorstellen wie groß dieser Markt werden kann.

Als Anleger kann man mit dem schwedischen Unternehmen Tobii auf diese Entwicklung setzen. Tobii wurde 2001 gegründet. Grafik 1 zeigt wie schnell das Unternehmen gewachsen ist. Hohes Wachstum ist zu Beginn nicht allzu schwer. Einen niedrigen Umsatz kann man schnell verdoppeln. Inzwischen hat Tobii aber eine nennenswerte Größe erreicht. Im Geschäftsjahr 2015 sollte erstmalig ein Umsatz von mehr als einer Milliarde Kronen (ca. 115 Mio. EUR) gemacht werden.

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115 Mio. EUR sind noch nicht die Welt, das muss man bei allem Wachstum realistischerweise festhalten. Bei Wachstumsraten von 50 % pro Jahr kann aus diesen 115 Mio. relativ schnell eine stattliche Summe werden. Derzeit wird ein Großteil des Umsatzes im Bereich Tobii Dynavox erwirtschaftet. Dieser Bereich stellt Eye-Tracking und Blicksteuerung für den Kommunikationsbereich her. Menschen, die nicht in der Lage sind zu sprechen, können einen Computer über Blicke steuern und Texte schreiben, die in Sprache umgewandelt werden.

Dynavox wächst rapide, auch dank einer Akquisition. Die Technologie von Tobii ist marktführend. Der Weltmarktanteil von Dynavox liegt bei 45 %. Das Wachstumspotential ist hoch. Die Technologie ist relativ neu und die Marktdurchdringung gering. In entwickelten Ländern liegt das Potential theoretisch bei 2,7 Mio. Einheiten.

Das zweite Segment, Tobii Pro, ist allein auf Eye-Tracking spezialisiert. Derzeit nutzen über 1.500 Universitäten und Forschungsinstitute Tobii Technologie für ihre Forschung im Bereich Psychologie, Neurologie und Ophthalmologie (Augenheilkunde). Das Unternehmen generiert die Hälfte seines Umsatzes durch diese Abnehmer. Die andere Hälfte kommt von kommerziellen Unternehmen im Bereich Marketing und Werbung. Hier wird Eye-Tracking eingesetzt, um Werbung, Verpackung und Webseiten zu optimieren.

Der dritte Bereich, Tobii Tech, entwickelt Anwendungen für Unterhaltungselektronik, Automobile und virtuelle Realität. Der Umsatz ist derzeit noch überschaubar. Der Markt steckt noch in den Anfängen und ist weit davon entfernt großes Volumen zu generieren. Die Entwicklung des Marktes kostet sehr viel Geld. Grafik 2 zeigt wie viel Geld das derzeit kostet. Während Dynavox und Tobii Pro ein positives operatives Ergebnis (EBIT – Earnings before Interest and Tax) ausweisen ist Tobii Tech tiefrot. Das wird auch vorerst so bleiben. Das Unternehmen geht davon aus, dass der Bereich erst 2018 einen positiven Cashflow generieren wird.

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Tobii Tech verbraucht derzeit fast den gesamten Cashflow der anderen Bereiche. Das Unternehmen investiert also so gut wie jede Krone, die es an Cashflow hat, in das Tech Segment. Gemessen an der potentiellen Marktgröße macht das Sinn. Wenn es Tobii gelingt durch Investitionen ganz vorne mit dabei zu sein, dann lohnt sich der Aufwand.

Die Strategie von Tobii lässt sich ziemlich gut zusammenfassen: Dynavox und Tobii Pro generieren positiven Cashflow, der genutzt wird, um Tobii Tech zu entwickeln. Gewinne darf man sich als Aktionär so bald nicht erwarten. Man muss auch festhalten, dass die Strategie risikoreich ist. Bei der Erschließung um den Markt für Unterhaltungselektronik handelt es sich im Prinzip um ein Wettrennen. Wer als einer der ersten ins Ziel gelangt, gewinnt sehr viel. Wer nicht dabei ist, verliert fast alles.

Momentan hat Tobii eine gute Position. Das Unternehmen arbeitet schon lange an der Technologie und hat zwei Bereiche, in denen sie erfolgreich zum Einsatz kommt. Im Gegensatz zu anderen Unternehmen wie Samsung oder Microsoft handelt es sich bei Tobii um eine Kernkompetenz. Das zeigt auch die Anzahl an bestehenden Patenten in diesem Bereich (Grafik 3).

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Tobii ist für das Wettrennen gut gerüstet. Als Anleger muss man darauf vertrauen, dass das auch so bleibt. Scheitert Tobii in diesem Bereich, dann scheitert es vermutlich als Gesamtunternehmen. Gelingt Tobii der Durchbruch, dann winken hohe Gewinne. Bis dahin müssen Anleger Geduld haben. Vor 2018-2020 wird der Konzern wohl keinen Gewinn schreiben.

Bewertet wird Tobii derzeit mit 5,4 Mrd. Kronen (650 Mio. EUR). Das ist eine sportliche Bewertung gemessen am momentanen Umsatz. Gemessen am Potential ist die Bewertung noch akzeptabel. So manches junge US Technologieunternehmen wird mit einem Vielfachen bewertet.

Die Aktie (ISIN SE0002591420) ist eine Wette auf die Zukunft der Blicksteuerung, insbesondere in der Unterhaltungselektronik. Für spekulativ orientierte Anleger mit einem langen Anlagehorizont ist das Unternehmen interessant. Es ist jedoch eine Anlage, die auch in einem Totalverlust münden kann. Dessen muss man sich bewusst sein.

3 Kommentare

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  • Unbedingt
    Unbedingt

    In gut laufenden Ehen ist die Blicksteuerung schon lange etabliert!

    17:27 Uhr, 08.01.2016
  • Husky
    Husky

    das wird eine Nische bleiben oder die Menschen mutieren zu Maschinen.

    Sprachsteuerung ist unbrauchbar in Fachbereichen mit speziellen Begriffen und auch bei Hintergrundgeräuschen, die sich ändern.

    Es gibt in der deutschen Sprache viele Worte, die akustisch identisch sind, sich aber geschrieben deutlich und ebenso in der Bedeutung unterscheiden. Ihr Unterschied liegt in einem lautlosen Konsonanten. Wer kann (ohne dem Sprecher von den Lippen abzulesen) die folgenden einzelnen Worte akustisch unterscheiden?

    Nacht

    lacht

    wacht

    Macht

    Spracherkennung war mal wortbasiert, dann wurden Wortgruppen genutzt (also der Zusammenhang hergestellt, um bei Mehrdeutigkeiten die Fhelerrate einzuschränken) und inzwischen ist man bei ganzen Sätzen (da spricht man dann schon von KI).

    Wenn jemand eine "belegte" Stimme hat oder sich räuspert - was macht das Gerät dann?

    Englisch ist die weltweit am weitesten verbreitete udn auch am meisten vergewaltigte Sprache der Welt. Renommierte Forscher bei IBM waren daran gescheitert, eine sichere Spracherkennugn für "Hilfe" zu realisieren. Die Dialekte sind einfach zu sehr verschieden. Wenn sie nun aber alle Worte erst einlernen müssen, damit der Spracherkenner sie erkennen kann, dann viel Spaß beim Vorlesen ;-)

    Übrigens: mein Avatar hört zuverlässiger als Siri !

    Spracherkenner laufen ja nicht mal auf einem Quad-Core mit 2GHz zufriedenstellend, wie soll das in komplexen Szenarien dann funktionieren.

    11:08 Uhr, 08.01.2016
  • Marco Soda
    Marco Soda

    und siehe da, da werden wieder Menschen mit Augenfehler ( Schielen ) ausgegrenzt ;-)))))

    08:41 Uhr, 08.01.2016

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Über den Experten

Clemens Schmale
Clemens Schmale
Finanzmarktanalyst

Clemens Schmale hat seinen persönlichen Handelsstil seit den 1990er Jahren an der Börse entwickelt.

Dieser gründet auf zwei Säulen: ein anderer Analyseansatz und andere Basiswerte. Mit anders ist vor allem die Kombination aus Global Makro, fundamentaler Analyse und Chartanalyse sowie Zukunftstrends gemeint. Während Fundamentaldaten und Makrotrends bestimmen, was konkret gehandelt wird, verlässt sich Schmale beim Timing auf die Chartanalyse. Er handelt alle Anlageklassen, wobei er sich größtenteils auf Werte konzentriert, die nicht „Mainstream“ sind. Diese Märkte sind weniger effizient als andere und ermöglichen so hohes Renditepotenzial. Sie sind damit allerdings auch spekulativer als hochliquide Märkte. Die Haltedauer einzelner Positionen variiert nach Anlageklasse, beträgt jedoch meist mehrere Tage, oft auch Wochen oder Monate.

Rohstoffe, Währungen und Volatilität handelt er aktiv, in Aktien und Anleihen investiert er eher langfristig. Die Basiswerte werden direkt – auch über Futures – oder über CFDs gehandelt, in Ausnahmefällen über Optionen und Zertifikate.

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