Die Bären sterben aus: Anleger setzen fast alles auf die Fortsetzung der Rally
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Eine Kürzung der KI-Investitionen oder ein politischer Machtwechsel in Washington stehen ebenfalls nicht zur Debatte. Genau diese seltene Einigkeit könnte inzwischen das größte Risiko für die Börsen darstellen.
Nach der aktuellen globalen Fondsmanagerumfrage der Bank of America sind netto 56 % der Befragten in Aktien übergewichtet. Das ist der höchste Wert seit November 2021. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Kassenquote auf extrem niedrige 3,5 % gefallen. Die Umfrage wurde zwischen dem 7. und 13. August unter 180 Investoren durchgeführt, die zusammen ein Vermögen von 525 Mrd. USD verwalten.
Das Ergebnis ist die drittbullischste Umfrage seit 2022. Die Strategen um Michael Hartnett fassen den Konsens pointiert zusammen: keine wirtschaftliche Bruchlandung, keine Zinserhöhung der Federal Reserve, keine Kürzung der KI-Investitionen, kein demokratischer Wahlsieg und keine Bären.
Kaum noch Geld für weitere Käufe
Für die Börse ist diese Positionierung zunächst positiv. Wenn professionelle Investoren Aktien übergewichten und Privatanleger gleichzeitig neues Kapital in Fonds und ETFs pumpen, entsteht ein kräftiger Nachfrageüberhang. Nach Berechnungen von Morningstar lagen die Nettomittelzuflüsse in langfristig orientierte US-Fonds im Juli den vierten Monat in Folge über 100 Mrd. USD. Eine solche Serie hat es zuvor noch nicht gegeben.
Das Problem liegt allerdings auf der Hand: Wer bereits investiert ist, kann nicht noch einmal kaufen. Die geringe Kassenquote lässt wenig Spielraum, um auf Rücksetzer mit zusätzlichen Engagements zu reagieren. Negative Überraschungen könnten deshalb stärkere Kursbewegungen auslösen, weil kaum noch pessimistisch positionierte Anleger vorhanden sind, die ihre Absicherungen auflösen oder Aktien zurückkaufen müssten.
Hartnett empfiehlt daher keinen vollständigen Rückzug aus Risikoanlagen, wohl aber eine defensivere Positionierung innerhalb des Aktienmarktes. Anleger sollten nach Einschätzung der BofA eher rotieren und Risiken reduzieren, statt auf dem aktuellen Niveau noch einmal aggressiv nachzukaufen.
Dass die Euphorie bereits erste Risse bekommt, zeigt der Technologiesektor. Der Philadelphia Semiconductor Index verlor zuletzt an einem Handelstag rund 5 %. Dennoch lag der S&P 500 lediglich rund 1,5 % unter seinem Rekordhoch und seit Jahresbeginn noch 12,4 % im Plus. Das ist bemerkenswert, weil gleichzeitig die langfristigen Anleiherenditen auf den höchsten Ständen seit Jahrzehnten liegen und der Konflikt im Nahen Osten den Ölpreis nach oben treibt.
Halbleiter bleiben der angesagteste Trade
Long-Positionen in globalen Halbleiteraktien gelten weiterhin als der am stärksten überlaufene Trade. Allerdings nannten nur noch netto 53 % der Fondsmanager diesen Bereich, nach 82 % im Vormonat. Die starke Abnahme deutet darauf hin, dass die Korrektur im Technologiesektor bereits zu einem gewissen Positionsabbau geführt hat.
Privatanleger nutzen die Schwäche dagegen offenbar zum Nachkaufen. Ein ETF, der ausschließlich in Hersteller von Speicherchips investiert, verlor innerhalb von zwei Monaten mehr als 30 %. Das verwaltete Vermögen des Fonds nahm dennoch weiter zu. Die Anleger interpretieren fallende Kurse bislang nicht als Warnsignal, sondern als Gelegenheit.
Gleichzeitig sehen die Fondsmanager eine mögliche KI-Blase als größtes Extremrisiko. Die Investitionen der großen Cloudkonzerne gelten zudem als wahrscheinlichster Auslöser eines künftigen Kreditereignisses. Der Widerspruch könnte kaum größer sein: Die Anleger erkennen die Gefahr, erwarten aber mehrheitlich nicht, dass sie sich zeitnah materialisiert.
Netto 71 % rechnen 2026 mit keiner Kürzung der KI-Ausgaben. Zudem erwarten 58 %, dass die Technologie frühestens 2028 größere Verwerfungen am Arbeitsmarkt auslösen wird. Die zentrale Annahme lautet damit, dass die Investitionen weiter steigen, die Gewinne folgen und die negativen Nebenwirkungen zunächst ausbleiben.
Ölmarkt und Fondsmanager erzählen unterschiedliche Geschichten
Eine weitere Schwachstelle findet sich beim Ölpreis. Die befragten Fondsmanager erwarten für das Jahresende im Durchschnitt einen Preis von 76 USD je Barrel. Am Terminmarkt wurden Brent-Kontrakte für Januar 2027 dagegen bereits wieder oberhalb von 85 USD gehandelt. Am Kassamarkt näherte sich Brent zuletzt sogar 91 USD.
Diese Differenz ist relevant. Fondsmanager, die über die allgemeine Vermögensallokation entscheiden, sind deutlich optimistischer als jene Marktteilnehmer, die unmittelbar im Ölmarkt handeln. Sollte sich die Lage an der Straße von Hormus nicht entspannen, könnten steigende Energiepreise Inflation und Konsum belasten. Das würde gleich mehrere Grundannahmen der Aktienbullen infrage stellen: stabile Konjunktur, ausbleibende Zinserhöhungen und steigende Unternehmensgewinne.
Auch die Erwartung einer wirtschaftlichen "Nichtlandung" ist zweischneidig. Ein anhaltend kräftiges Wachstum stützt zwar die Unternehmensgewinne. Es könnte zugleich aber die Inflation hochhalten und die Federal Reserve zu einer strafferen Geldpolitik zwingen. Was gut für Aktien sein soll, wäre dann schlecht für Anleihen und könnte über steigende Diskontierungssätze letztlich auch die hohen Aktienbewertungen treffen.
Politisches Risiko wird womöglich unterschätzt
Bei den Zwischenwahlen in den USA erwarten lediglich 23 % der Fondsmanager, dass die Demokraten sowohl das Repräsentantenhaus als auch den Senat gewinnen. Die Prognosemärkte Kalshi und Polymarket taxieren die Wahrscheinlichkeit dagegen auf ungefähr 50 %.
Diese Abweichung könnte bedeuten, dass die Investoren das politische Risiko noch nicht vollständig eingepreist haben. Die Steuersenkungen während der beiden Amtszeiten Donald Trumps erhöhten die nach Steuern verbleibenden Unternehmensgewinne und rechtfertigten damit höhere Aktienbewertungen. Ein politischer Machtwechsel mit der Aussicht auf spätere Steuererhöhungen wäre entsprechend negativ für die Gewinnschätzungen.
Hinzu kommt die Gefahr einer politischen Blockade in Washington. Sobald der Wahlkampf nach dem Labor Day in die entscheidende Phase geht, dürfte dieses Thema stärker in den Fokus der Märkte rücken.
KI-Börsengänge als letzter großer Belastungstest
Die geplanten Mega-Börsengänge im KI-Sektor passen zum ausgeprägten Risikoappetit. Anthropic könnte bei einem kolportierten Börsenwert von bis zu 2 Bio. USD sogar den Rekordbörsengang von SpaceX angreifen. Bei annualisierten Erlösen von mehr als 65 Mrd. USD entspräche eine solche Bewertung allerdings etwa dem 31-Fachen des Umsatzes. Der S&P 500 wird zum Vergleich mit rund dem 3,8-Fachen der Erlöse bewertet.
Die Argumentation der Bullen lautet, dass eine weiterhin hohe Nutzung von KI-Modellen sinkende Preise je verarbeitetem Token ausgleichen kann. Ob die öffentlichen Märkte den Verbrauch von KI-Leistung tatsächlich wie wiederkehrende Softwareerlöse bewerten, ist jedoch offen.
Große Börsengänge bringen außerdem ein bislang wenig beachtetes Problem mit sich. Über Jahre reduzierten Aktienrückkäufe die Zahl der handelbaren Aktien. Nun könnten Neuemissionen im Volumen von mehreren Billionen USD zusätzliches Angebot schaffen. Nach Ablauf der Haltefristen drohen weitere Verkäufe durch Gründer und frühe Investoren. Historisch fielen besonders große Börsengänge nicht selten in die Nähe zyklischer Markthochs.
Fazit: Die Rally besitzt weiterhin starke fundamentale Treiber. Dazu zählen hohe Mittelzuflüsse, robuste Gewinnerwartungen und ungebremste KI-Investitionen. Die Positionierung zeigt jedoch, dass ein großer Teil dieser Zuversicht bereits in den Kursen steckt. Vorsicht bleibt die Mutter der Porzellankiste.
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