Aus dem ETF Magazin: "Zeit für mehr Balance"
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21. April 2026. MÜNCHEN (ETF Magazin). Wie entwickelt sich die Weltwirtschaft? Das ist eine Frage, die sich EZB, Fed, IWF und Geldanleger fortlaufend stellen. In der Regel kommt dann eine Art Status-quo-Prognose zum Einsatz. Die Modelle dahinter gehen davon aus, dass sich die Wirtschaftsentwicklung der vergangenen Jahre fortschreiben lässt: Deutschlands Wachstum bleibt bei 1 Prozent, das der USA bei zwei und Chinas bei 5 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Konsensprognosen eintreffen, liegt jedoch bei weniger als 20 Prozent. Das belegt unsere statistische Analyse. Unser Modell widerspricht der gängigen Konsensmeinung. Es erklärt, wieso eine große Korrektur in den nächsten Jahren nahezu sicher ist und zeigt, welche Investments in den zu erwartenden Szenarien die besten Aussichten haben.
Bei Vanguard haben wir vor zehn Jahren damit begonnen, die möglichen Auswirkungen Künstlicher Intelligenz (KI) auf die Arbeitsmärkte und die Produktivität zu untersuchen. In den vergangenen drei Jahren hat das Thema massiv an Fahrt aufgenommen. Gleichzeitig veränderten Globalisierung, Demografie, US-Zölle, geopolitische Spannungen und hohe Schuldenniveaus das Umfeld. Unser Anspruch war es, alle Veränderungen in ein einheitliches, datenbasiertes Modell zu integrieren – etwas, das es zuvor in dieser Form nicht gab. Als Basis haben wir eine umfangreichere Datenbasis geschaffen als jedes andere Unternehmen oder jede staatliche Institution.
Die Ergebnisse sind überraschend, denn in der Regel fällt die Konsensmeinung der Ökonomen zu pessimistisch aus. Sie überschätzen Demografie und Schulden als Wachstumsbremsen, obwohl diese Faktoren nur einen untergeordneten Effekt auf die langfristige wirtschaftliche Entwicklung haben. Der Einfluss technologischer Entwicklungen wird hingegen unterschätzt – obwohl solche Veränderungen einen siebenfach stärkeren Hebel auf die Konjunktur haben dürften als alle anderen Faktoren. Was lässt sich daraus für die Zukunft ableiten?
Wir beobachten seit einiger Zeit ein seltenes und rätselhaftes Phänomen: Sowohl Gold als auch US-Aktien – insbesondere im Technologiesektor – erreichen beide neue Höchststände. Das ist überraschend, denn in der Regel ist die Korrelation dieser Märkte negativ: Der Goldpreis steigt, wenn die Aktienmärkte korrigieren. Die aktuelle, außergewöhnliche Entwicklung ist ein starker Hinweis, dass Marktteilnehmer zunehmend über die Zukunft nachdenken – und, dass diese komplexer ist, als es der Konsens vermutet.
Zwei Szenarien
Unsere Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit von unerwarteten Ergebnissen für die US-Wirtschaft in den nächsten fünf Jahren bei über 80 Prozent liegt. Der Grund ist ein zunehmendes Tauziehen zwischen dem transformativen Potenzial der künstlichen Intelligenz (KI) und den strukturellen Belastungen aufgrund steigender Haushaltsdefizite. Unsere Forschung, die sich auf Wirtschaftsdaten der vergangenen 130 Jahre stützt, lässt auf zwei Szenarien schließen. Beide stehen im Einklang mit dem gleichzeitigen Anstieg des Goldpreises und der US-Aktien; keine davon entspricht den Erwartungen der meisten Ökonomen.
Das wahrscheinlichste Szenario: Mit 60 Prozent „gewinnt“ KI und hebt die Produktivität spürbar an. Die Wachstumsrate Deutschlands steigt von 1 auf rund 2 Prozent. In den USA steigt sie von 2 auf mehr als 3 Prozent. Das ist, als würden Millionen von Arbeitskräften aus der Baby-Boomer-Generation doch noch nicht in Rente gehen – in den USA entspricht der Produktivitätsgewinn etwa 17 Millionen zusätzlichen Erwerbstätigen.
KI-gestützte Technologie wird in diesem Szenario zu einer Art Allzweckwaffe – eine ähnliche Entwicklung, wie wir sie bei der Einführung des Personal Computers oder des Internets beobachten konnten. Der US-amerikanische Aktienmarkt antizipiert weitgehend dieses optimistische Zukunftsszenario.
Im pessimistischeren Szenario – mit etwa 30 Prozent Wahrscheinlichkeit – bleibt die KI hinter den Erwartungen zurück. Gleichzeitig halten die fiskalischen Ungleichgewichte die Zinsen hoch und bremsen das Wachstum. Verschärft wird dieser Trend durch die alternde Bevölkerung und geopolitische Spannungen. In diesem Szenario würden Demografie und Schulden wieder stärker wiegen – Inflation und Zinsen steigen, das Wachstum fiele wieder in Richtung ein Prozent. Anleger, die von diesem Szenario ausgehen treiben den Goldpreis. Der Markt betrachtet Gold traditionell als Wertspeicher und als eine Absicherung für eine Zukunft, in der die wirtschaftliche Sonderstellung der USA schwindet.
Aber was bedeutet es für Anlegerinnen und Anleger, wenn die wirtschaftlichen Aussichten wirklich so gespalten sind, wie dargelegt: Wie sollten sie sich angesichts des Spannungsfelds zwischen produktivitätsbedingtem Optimismus und schuldenbedingter Vorsicht für die nächsten Jahre positionieren? Würde eine Mischung aus Gold und US-Technologieaktien diese Risiken in den kommenden drei bis fünf Jahren optimal ausgleichen? Unsere Untersuchungen sagen: Nein.
Wesentlich überzeugendere Anlagemöglichkeiten ergeben sich, wenn wir beginnen, über die zweite Hälfte des Schachbretts nachzudenken. Angenommen die Wirtschaft entwickelt sich wie im „KI gewinnt“-Szenario, dann sollten Anleger darüber nachdenken, einen größeren Teil ihrer Aktieninvestments außerhalb des Silicon Valley zu tätigen. Das mag kontraintuitiv erscheinen. Doch für unsere Analyse haben wir uns die Investitionszyklen der letzten Jahrhunderte im Hinblick auf die technologische Entwicklung detailliert angeschaut. Es gibt in den Zyklen immer zwei Phasen – das galt bei der Elektrizität, bei der Lokomotive, der Erfindung des Computers und beim Internet.
In der ersten Phase läuft es für die neuen Technologieunternehmen hervorragend. Ihre Aktien laufen deutlich besser als der Markt. Dann kommt aber Phase zwei, in der der Technologiesektor schlechter läuft als der Gesamtmarkt. Es ist ein erstaunlich konsistentes Muster – sobald eine allgemeine Basistechnologie in die breite Wirtschaft diffundiert, steigen Produktivität und Profitabilität vor allem bei den Nicht-Tech-Unternehmen. Laut unseren Daten wachsen deren Gewinne dann um den Faktor drei. Nur werden diese nicht so euphorisch hoch bewertet wie die Technologietitel.
Im Zeitalter der Elektrizität profitierten Hersteller und Dienstleistungsunternehmen. Rund um KI könnten es etwa Unternehmen aus dem Finanzsektor oder aus dem Gesundheitswesen sein. Es kommt zu einer Rotation der Aktienperformance, die sich von Technologieaktien auf andere Bereiche des Marktes verlagert. Tatsächlich zeigen unsere Analysen, dass ein Großteil der Wertprämie während der Verbreitung von Allzwecktechnologien entsteht. Das heißt: Je optimistischer Anleger beim Thema KI sind, desto weniger Technologieaktien sollten sie im Depot haben.
Wir gehören zu den größten Optimisten in Hinblick auf die Konjunkturentwicklung in den USA, insbesondere für KI. Es würde mich nicht überraschen, wenn der S&P 500 und die KI-Aktien im Jahr 2026 noch einmal um 30 Prozent steigen. Ein Vergleich mit früheren Zyklen legt nahe, dass der Investitionszyklus rund um KI noch nicht zu Ende ist. Unterm Strich geht es aber darum, Risiken langfristig richtig zu bewerten. Derzeit gibt es allein in den USA etwa 5.000 KI-Unternehmen. Nicht all diese Unternehmen werden jährlich um 20 Prozent wachsen. Es wird Gewinner und Verlierer geben. Es kann gut sein, dass wir zu früh zur Vorsicht raten, aber es ist unmöglich, diese langfristige Entwicklung richtig zu timen. Die meisten Anleger haben einen Horizont von fünf, sieben oder gar zehn Jahren. Anleger, die jetzt frisches Geld anlegen, sollten nicht nur auf eine Karte setzen.
Wie sieht es aber im pessimistischen Szenario aus, in dem KI enttäuscht? Fahren Anleger dann mit Gold am besten? Ganz im Gegenteil. Die Federal Reserve wird im pessimistischen Szenario wahrscheinlich kämpfen, die Inflation in Schach zu halten. Wie Mitte der 1980er Jahre tragen deshalb in diesem Szenario kurzfristig höhere Zinsen dazu bei, den schwachen Aktienmarkt bis zu einem gewissen Grad auszugleichen – aber Gold eine unterdurchschnittliche Performance zeigen. Selbst wenn KI enttäuscht, ist die zu erwartende restriktive Anti-Inflations-Politik der Zentralbank die Achillesferse der Goldkäufer. Für Anleiheinvestoren wäre diese Geldpolitik dagegen ein Segen in einem ansonsten schwierigen Investitionsumfeld. Wenn KI enttäuscht, könnten auch Aktien außerhalb der USA und des Technologiesektors einen Teil des Schlags abfedern.
Value überzeugt
Angesichts der offensichtlichen Überhitzung und Dynamik der aktuellen Finanzmärkte ist es leicht, den parallelen Anstieg von Gold und Tech-Titeln als Kuriosum abzutun. Dennoch sendet diese Entwicklung ein deutliches Signal, das Ökonomen, politische Entscheidungsträger und Anleger beachten sollten: Es stehen wirtschaftliche Umbrüche bevor. Die Wahrscheinlichkeit einer zweistelligen Korrektur in den kommenden Jahren liegt bei nahezu 99 Prozent. So funktionierte bislang jeder große Investitionszyklus.
Das Überraschendste unserer Untersuchung ist, dass es in 85 Prozent aller wahrscheinlichen Szenarien sinnvoll ist, Value-Aktien überzugewichten und Tech-Aktien unterzugewichten – egal ob KI enttäuscht oder den großen Durchbruch schafft. Wenn Anleger nun zweifeln, ist es Zeit, sich etwas defensiver aufzustellen. Das heißt aber keinesfalls, dass sie alle KI-Aktien verkaufen sollten. In den vergangenen drei Jahren sind Tech-Aktien hervorragend gelaufen und damit in vielen Anlegerdepots sehr hoch gewichtet. Die Risiken sind jedoch deutlich gestiegen. Etwas mehr Balance kann nicht schaden.
Von Joe Davis, März 2026, © ETF Magazin
Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ETF Magazins, dem Fachjournal für Profis und informierte Anleger*innen.
