Werbung
Kommentar
16:46 Uhr, 01.09.2026

Aus dem ETF Magazin: "Wir haben einige Hebel"

Iain Stealy, der Chef-Anleiheninvestor bei J.P. Morgan Asset Management in London verrät, welche Zins-Papiere jetzt am meisten bringen – und warum er aktive Renten-ETFs empfiehlt. Das ETF Magazin hat mit ihm gesprochen.

1. September. MÜNCHEN (ETF Magazin).

Drohen Anleihen Kursverluste, weil die Notenbanken die Zinsen erhöhen?

Nein, vor allem in Europa gibt es Chancen. Der Markt hat deutlich mehr Straffung eingepreist als bei US-Anleihen. Und die Wachstumsaussichten in Europa sind schlechter als in den USA. Europa ist ein Energieimporteur, die Konjunktur wird durch teures Öl und Gas stärker belastet. Früher oder später verschiebt sich der Fokus von der Inflationsbekämpfung auf das Wachstum – und dann wird die EZB nicht so stark an der Zinsschraube drehen, wie am Markt erwartet. Wer europäische Anleihen übergewichtet und US-Anleihen untergewichtet, hat aus meiner Sicht gerade einen klaren strukturellen Vorteil.

Aber der neue Fed-Chef will doch die Zinsen senken.

Die USA sind in einer anderen Lage als Europa. Die Beschäftigung ist stabil, Löhne und Gehälter steigen, das Wirtschaftswachstum ist in Ordnung. Dazu kommen Steuerrückerstattungen und massive KI-Investitionen. Für Zinssenkungen gibt es im Moment keine Datengrundlage. US-Unternehmensanleihen lohnen sich dennoch. Die Spreads sind zwar relativ eng, aber die realen Renditen sind attraktiv.

Welche Renten-ETFs gehören jetzt ins Depot?

Wer flexibel auf Zinsveränderungen und makroökonomische Verschiebungen reagieren will, kommt mit passiven Indexfonds an Grenzen. Ein typischer passiver ETF kauft genau das, was der Index vorschreibt – investiert also am stärksten in die Emittenten mit den höchsten Schulden. In einem Umfeld wie dem heutigen, in dem das Wachstum in Europa und den USA auseinanderdriftet, braucht man Entscheidungsfreiheit. Aktive Renten-ETFs bieten genau das: die gleiche Börsenliquidität wie ein passives Produkt, aber mit aktivem Portfoliomanagement.

Mit welchen Strategien können Sie den Markt schlagen?

Wir haben einige Hebel. Im JPM Global Aggregate Bond Active ETF können wir Europa gegenüber den USA übergewichten, bestimmte Branchen bevorzugen und die Duration aktiv steuern, also beispielsweise mehr Anleihen mit langer Restlaufzeit halten als der Index. Unser Team arbeitet mit dieser Strategie seit mehr als zehn Jahren – zunächst bei Publikumsfonds, seit Ende 2023 auch im ETF-Mantel.

Was machen Sie bei aktiven Renten-ETFs anders?

Im Portfoliomanagement gibt es kaum Unterschiede: Gleiche Analyse, gleiche Entscheidungen, gleiches Team. Der Unterschied liegt in der Fondshülle: ETFs handeln über die Börse, was im Sekundärmarkt für Liquidität sorgt. Dazu kommt der In-kind-Mechanismus bei Zeichnungen und Rückgaben – wir können Anleihen direkt aus dem Portfolio herausgeben oder hereinnehmen, ohne sie am Markt kaufen oder verkaufen zu müssen. Das senkt die Transaktionskosten.

Von Uli Kühn, Juli 2026, © ETF Magazin

Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ETF Magazins, dem Fachjournal für Profis und informierte Anleger*innen.