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Kommentar
17:00 Uhr, 01.09.2026

Aus dem ETF Magazin: "Attacke auf den Index"

Aktive Renten-ETFs wollen den Markt abhängen. Valide Argumente untermauern ihren Anspruch. Ein Blick auf sechs ETFs zeigt, was die jungen Herausforderer tatsächlich leisten.

1. September 2026. MÜNCHEN (ETF Magazin). Mehr Rendite, mehr Flexibilität, mehr Ruhe: Aktive Renten-ETFs versprechen einiges. Wer in einen aktiven ETF investiert, kauft einen Fonds, der von starren Vorgaben abweichen darf, der auf bessere Bonität achtet, schnell auf Zinsänderungen reagieren kann und dabei dennoch die Liquidität eines ETFs behält. Verständlich, dass immer mehr Anleger zu aktiven Anleihen-ETFs greifen. Kein anderes Segment des ETF-Markts wächst schneller.

Die These dahinter: Aktive Renten-ETFs bieten mehr Rendite als passive Rentenfonds, die streng einen Anleihen-Index abbilden. Eine Garantie für die erhoffte Outperformance gibt es nicht. Doch einige Argumente sprechen für aktive Strategien. Auch die bisherige Wertentwicklung der noch relativ jungen ETFs ist ermutigend. Dazu kommt: „Jetzt könnte ein sehr guter Zeitpunkt für langfristige Anleihenanleger sein, um sich attraktive Renditen zu sichern“, sagt Iain Stealey, Chef-Anleiheninvestor bei J.P. Morgan AM in London. Im Interview erläutert er seine Markteinschätzung und begründet, warum für ihn aktive Renten-ETF das bessere Instrument sind.

Eine aktuelle Analyse von HQ Trust stützt seine Einschätzung. Der Bad Homburger Vermögensverwalter untersuchte, wie viele aktive Fonds ihren Index über rollierende Drei-Jahres-Zeiträume schlugen. Bei Aktien fällt die Bilanz mager aus. Im Anleihenbereich konnte jedoch etwa die Hälfte den Markt schlagen. „Aktive Manager können in diesem Segment scheinbar einen größeren Mehrwert erzielen“, sagt Untersuchungsleiter Jan Tachtler. Entscheidend sei aber, wie viel Flexibilität ihr Anlageuniversum bietet.

Rentenmanager haben einen breiten Instrumentenkasten. Sie steuern Laufzeiten, rotieren zwischen Sektoren, variieren Kredit- und Spread-Risiken oder investieren außerhalb der Benchmark. Aufgrund dieser Freiheit können aktive Rentenfonds zumindest zeitweise besser abschneiden als ihr Vergleichsindex, erklären die Analysten von AQR Capital Management im Fachmagazin „The Journal of Fixed Income“. Sie betrachten das Verhalten von US-Rentenfonds im Zeitraum von 1997 bis 2019.

Das Erfolgsgeheimnis

Ein Großteil der Outperformance lässt sich laut AQR auf systematische Abweichungen vom Risikoprofil der jeweiligen Benchmark zurückführen. Besonders häufig wirkten höhere Kreditrisiken und längere Laufzeiten. Auch andere Renditequellen wie Liquiditätsprämien oder Bewertungsunterschiede zwischen vergleichbaren Emittenten sind empirisch gut dokumentiert – und sie lassen sich systematisch in einem ETF abbilden.

Ein einfacher Grund für das bessere Abschneiden der aktiven Strategien könnte auch nur die Bauweise gängiger Anleihenindizes sein. In den meisten Indizes werden Anleihen nach ausstehendem Schuldenvolumen gewichtet. Passive Renten-ETFs bilden diese Struktur eins zu eins ab. „Ein typischer passiver ETF investiert also am stärksten in die Emittenten mit den höchsten Schulden“, sagt Stealey. Aktive Manager können dagegen hoch verschuldete Emittenten meiden oder niedriger gewichten und so gezielt Risiken reduzieren, die der Index mitträgt.

Auch auf makro-ökonomische oder geldpolitische Trends können aktive Fonds flexibel reagieren. Aktuell marschieren etwa die EZB und die US-Notenbank nicht mehr im Gleichschritt, denn Wachstum und Inflation entwickeln sich in Europa und den USA unterschiedlich. Stealey reagiert darauf in seinen globalen Fonds indem er regionale Gewichte ändert, bestimmte Branchen bevorzugt und die Duration anpasst.

Und natürlich profitieren auch aktive Renten-ETFs von ihrem ETF-Mantel. Fonds- und Transaktionskosten sind niedriger als bei klassischen Investmentfonds. Auch in Stressphasen bietet die clevere Konstruktion der ETFs einen Vorteil. Anleihenmärkte werden in Krisen schnell illiquide. ETFs mildern das ab: Anleger können ETF-Anteile zurückgeben, doch der ETF muss deshalb nicht zwingend selbst Anleihen verkaufen.

Starke ETF-Palette

Wer das Versprechen der aktiven Renten-ETFs testen will, findet inzwischen ein umfangreiches und stetig wachsendes Produkt-Angebot. Ende Mai waren fast 180 aktive Renten-ETFs an der Deutschen Börse gelistet. Rund 40 dieser ETFs werden seit mindestens drei Jahren gehandelt. Die im folgenden vorgestellten ETFs verdeutlichen, wie unterschiedlich die Ansätze ausfallen.

Der JP Morgan Global Aggregate Bond Active ETF ist eine der am breitesten investierten Varianten. Er deckt globale Investment-Grade-Anleihen aus allen Sektoren ab, von Staatsanleihen über Unternehmensanleihen bis zu Schwellenländern und verbrieften Titeln. Das Managementteam um Iain Stealey kombiniert eine Top-down-Länderpositionierung mit einer Bottom-up-Titelauswahl und steuert Sektorgewichte, Währungen und die Positionierung auf der Renditekurve aktiv. Die durchschnittliche Bonität liegt im AA-Bereich, was den ETF zu einer soliden Basisanlage macht. Wie versprochen war die Wertentwicklung des ETFs in den vergangenen zwölf Monaten etwas besser als die des Vergleichsindex Bloomberg Global Aggregate.

Auch der JP Morgan Global IG Corporate Bond Active ETF konnte seinen Vergleichsindex ganz leicht übertreffen. Dieser aktive Renten-ETF investiert in Unternehmensanleihen guter Bonität aus der ganzen Welt, wobei amerikanische Anleihen mit 60 Prozent Anteil das Schwergewicht im Portfolio bilden. Beide JPM-ETFs gibt es auch als Variante mit integrierter Währungssicherung.

Der BNP Paribas Easy Alpha Enhanced Global High Yield gehört zur neuen Alpha-Enhanced-Reihe von BNP Paribas Asset Management. Bei diesen aktiven Renten-ETFs trifft kein Fondsmanager Einzelentscheidungen zu Anleihen. Die Auswahl folgt einem systematischen Modell. Vier Faktoren bestimmen Auswahl und Gewichtung: Value, verstanden als attraktive Rendite im Verhältnis zum Risiko; Momentum, das Marktsentiment gegenüber dem Emittenten; Qualität, gemessen an der Fähigkeit des Emittenten, Cash flows zu generieren, sowie Low Risk, Vermeidung ausfallgefährdeter Emittenten. Das Multi-Faktor-Modell hat nach Angaben von BNP Paribas seit 2018 überwiegend Überrendite mit geringem Tracking Error geliefert.

Der Invesco EUR IG Corporate Bond Active ETF verzichtet komplett auf eine Bindung an den Index. Die Titelauswahl folgt einer fundamentalen Strategie, die Invesco im klassischen Fondsmantel bereits seit 20 Jahren verfolgt, im ETF nur mit etwas strengeren Liquiditätsvorgaben. Die Wertpapierauswahl erfolgt dabei auf Basis makroökonomischer Faktoren, Kreditresearch, Einzeltitelranalysen und Risikomanagement-Überlegungen.

Die Portfoliomanager entwickeln zunächst eine Einschätzung zu Zins- und Kreditrisiko im Markt, anschließend füllen sie das Portfolio mit Anleihen, die zu dieser Positionierung passen und ein attraktives Rendite-Risiko-Verhältnis bieten. „Die Ergebnisse unserer Makro-Analysen und Bottom-up-Kreditanalysen fließen in unsere Entscheidungen ein. Die aktiven Allokationen betreffen vor allem die Titelauswahl, die Sektorallokation, die Kreditqualität und die Zinskurvenpositionierung“, erläutert Fondsmanager Tom Hemmant. Kreditanalysten prüften dafür operative Ertragskraft, Verschuldung, und Wettbewerbsposition jedes Emittenten. Die Titelauswahl ziele dabei sowohl auf unterbewertete Anleihen als auch auf das Vermeiden von Emittenten mit Kreditrisiken. Rund 200 von 4000 Anleihen im Bloomberg Euro Corporate Index schaffen es ins ETF-Portfolio.

Ebenfalls Benchmark-unabhängig positioniert sich der im April gestartete Goldman Sachs Global Credit Plus Active ETF. Der Kern liegt in globalen Investment-Grade-Unternehmensanleihen, ergänzt um kleinere Beimischungen aus Hochzinsanleihen, Schwellenländern und verbrieften Wertpapieren. Gesteuert wird der Fonds vom Fixed-Income-Team von Goldman Sachs Asset Management.

Noch freier agiert der iShares € Flexible Income Bond Active ETF. Seine drei Fondsmanager können zwischen Staats-, Unternehmens- und verbrieften Anleihen wechseln, auch außerhalb des Investment-Grade-Bereichs. Das Konzept zielt auf maximale laufende Erträge. Rund 1000 Einzelpositionen sorgen für breite Streuung, die effektive Duration liegt relativ niedrig bei 3,5 Jahren. Damit kam der ETF Ende Mai auf eine durchschnittliche Rendite der Anleihen von 4,7 Prozent. Das ist deutlich mehr als bei europäischen Investment-Grade-Unternehmensanleihen.

Bei der Bonität zeigt sich dann allerdings der Preis für die höhere Rendite: Nur rund 37 Prozent der Anleihen im ETF tragen ein A-Rating oder besser. Mehr als 40 Prozent des Portfolios ist nur mit BB oder B benotet. Bislang profitierte der erst im Frühjahr 2025 gestartete ETF jedoch vom höheren Risiko: Über ein Jahr erzielte der ETF 3,7 Prozent Wertzuwachs, sein Vergleichsindex, der Bloomberg Euro Aggregate Index, kam nur auf 1,2 Prozent. Das relativiert auch die relativ hohe Kostenquote von 0,40 Prozent – und zeigt zugleich, welches Potenzial aktive Renten-ETFs haben.

Von Uli Kühn, Juli 2026, © ETF Magazin

Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ETF Magazins, dem Fachjournal für Profis und informierte Anleger*innen.