Kommentar
09:00 Uhr, 20.04.2026

"Aktien stimulieren die Fantasie, Anleihen punkten mit Mathematik"

Wenn eine Aktie abstürzt, trösten sich viele mit dem Satz „kommt schon wieder“. Manchmal stimmt das, manchmal nicht. Anleihen ticken anders: Sie haben ein eingebautes „Rückholgummi“ – solange der Emittent überlebt. Ali Masarwah, Geschäftsführer des Beratungshauses envestor, erläutert den Zauber des „Pull‑to‑Par“-Effekts.

20. April 2026. FRANKFURT (envestor). Aktien gelten als Königsweg der Geldanlage: theoretisch unbegrenzte Gewinnchancen, Beteiligung am Produktivkapital, Schutz vor Inflation. Alles richtig – nur blendet die Erzählung aus, dass viele Anlegerinnen und Anleger an Korrekturen oft lange zu knapsen haben. Oder zur Unzeit aussteigen, weil ihnen die Ungewissheit zu groß ist.

Am Aktienmarkt gibt es keine Pflicht zur Wiedergutmachung. Viele machen aus ihrem Einstiegskurs den "Anker" für ihre Erwartungen, aber ob und wann diese erfüllt werden, steht auf einem anderen Blatt. Extrembeispiel: Wer 1990 zum Hoch in den japanischen Aktienmarkt eingestiegen ist, musste 34 Jahre warten, bis der Nikkei 225 seinen damaligen Stand wieder erreichte. Das gilt, wohlgemerkt, für den Index, nicht für die vielen einzelnen Aktien, die unterwegs vom Kurszettel verschwunden sind.

Anleihen ticken anders. Eine typische Anleihe wird zu einem festen Kurs – in der Regel 100 Prozent – ausgegeben und zu genau diesem Kurs am Ende der Laufzeit zurückgezahlt, wenn auch auf dem Weg dahin der Kurs schwanken mag, wenn sich Zinsen und Risikoaufschläge ändern.

Anleihen und Aktien haben Gemeinsamkeiten. Fallen die Kurse von 100 auf, sagen wir, 80, braucht es bei beiden Papieren einen Anstieg um 25 Prozent, um wieder auf 100 zu kommen. Der Unterschied: Bei der Aktie steht in den Sternen, ob und wann Anlegende die „100“ wieder sehen. Bei der Anleihe ist dieser Sprung dagegen terminiert – der Rückzahlungszeitpunkt ist vertraglich festgelegt, die Kupons sind definiert. Solange der Emittent nicht scheitert, greift der „Pull‑to‑Par“-Effekt: Der Kurs wird im Zeitablauf an den Rückzahlungskurs „herangezogen“. Das gilt spiegelbildlich auch für Anleihen, deren Kurs während der Laufzeit bei über 100 notiert, wie aus der Grafik hervorgeht.

Das macht den Unterschied zwischen Voodoo und Mathematik. Aktienkurse hängen an Erwartungen, Stimmungen und an der sogenannten Kursfantasie. Bei Anleihen ist die Obergrenze klar: die Rendite bis zur Fälligkeit. Wer heute eine Unternehmensanleihe mit einem Kupon von 5 Prozent zu 80 kauft, die in fünf Jahren zu 100 zurückgezahlt wird, kann die jährliche Rendite exakt berechnen. Sie liegt bei gut 10,5 Prozent pro Jahr. Das ist weniger spektakulär als die Hoffnung auf den Aktien‑Tenbagger, aber viele Anleger sind wegen der ungewissen Aussichten bei Aktien gestresst.

Riskante, schwankungsintensive Anleihen haben vergleichsweise kurze Laufzeiten. Staaten verschulden sich mitunter für 20, 30 oder sogar 100 Jahre; Hochzinsanleihen in Europa werden typischerweise mit einer Laufzeit von vier bis sechs Jahren begeben und bieten auskömmliche Kupons. Unternehmensanleihen mit einem Rating von „B“ müssen – je nach Marktphase – Risikoaufschläge von 350 bis 550 Basispunkten über dem risikofreien Zins zahlen.

Alles auf High‑Yield‑Anleihen also? Obacht. Hier rückt die Bonität der Emittenten in das Blickfeld. Bei relativ guten europäischen Unternehmensanleihen mit Ratings von „BB“ lag die Ausfallrate historisch bei rund 1 Prozent pro Jahr. Das ist erträglich. Bei Anleihen mit „B“-Ratings lag die Quote indes bei maximal 5 Prozent. Bei „CCC“-Papieren betrug sie über die Zeit bei rund 20 Prozent. Der typische Hochzinsfonds oder ‑ETF investiert schwerpunktmäßig daher in „BB“-Anleihen. Nur tollkühne oder erfahrene Fondsmanager setzen im großen Stil auf die „C‑Regionen“ des Hochzinsmarkts.

Für die Portfolio‑Praxis heißt das nicht, dass Anleihen Aktien ersetzen. Aktien bleiben der Wachstumsbaustein, ohne den langfristig kaum ein Vermögensaufbau funktioniert. Aber sie sind nicht das Allheilmittel. Anleihen sind in Phasen hoher Aktienbewertungen oder für Anleger, die in den Entnahme‑ oder Ruhestandsmodus wechseln, attraktiv. Die Kombination aus (begrenztem) Ertrag und guter Vorhersehbarkeit der Auszahlung ist für sie mitunter schlagend.

Von Ali Masarwah, 20. April 2026, © envestor.de

Über den Autor

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor.de, eine der wenigen Fondsplattform, die Cashbacks auf Fonds-Vertriebsgebühren zahlt. Masarwah analysiert seit über 20 Jahren Märkte, Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar. Seine Expertise wird auch von zahlreichen Finanzmedien im deutschsprachigen Raum geschätzt.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von Deutsche Börse. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.