Kommentar
11:00 Uhr, 08.11.2026

“Wer Bitcoin keinen Aufschlag gibt, hat Bitcoin nicht verstanden”

Swan-Bitcoin-Gründer Cory Klippsten würde Aktien im Wert von 100.000 US-Dollar gegen Bitcoin für 65.000 US-Dollar tauschen. Was steckt hinter dieser Aussage?

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Die meisten Anleger würden ein solches Angebot ganz klar ausschlagen. Denn auf dem Papier ist der Tausch ein reines Verlustgeschäft. Der US-amerikanische Unternehmer hält jedoch an seiner Überzeugung fest. Wichtiger als der nominelle Wert ist ihm, wer im Ernstfall tatsächlich über ein Vermögen verfügen kann. Aktien und Anleihen liegen immer bei einer Bank oder einem Broker. Wie verwundbar fremd verwahrtes Vermögen aber ist, hat Ende Oktober Binance erlebt: Hacker zogen bei der Börse rund 6,3 Milliarden US-Dollar ab und die Kunden kamen tagelang nicht an ihre Bestände.

Die Rechnung hinter dem Tausch

Wie viel es einem Anleger wert ist, dass nur er selbst an sein Erspartes herankommt, beantwortet Klippsten mit einer Zahl. Er nennt sie den "Souveränitätsmultiplikator", also den Aufschlag auf ein Vermögen, über das niemand außer seinem Besitzer verfügen kann. Er persönlich setzt den Faktor bei etwa 1,5 an. Ein Bitcoin in eigener Verwahrung ist ihm also anderthalbmal so viel wert wie eine Aktie mit gleichem Kurswert im Depot.

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Eine feste Formel ist der Multiplikator natürlich nicht, eher ein Rahmen, den jeder für sich selbst definieren muss. Eine Untergrenze nennt er trotzdem: Selbst in den sichersten westlichen Rechtsordnungen sollte niemand unter 1,2 ansetzen. "Wer Bitcoin keinen Aufschlag von mindestens 20 Prozent gibt, hat Bitcoin nicht verstanden."

Drei Millionen Kunden ohne Zugang

Viele Anleger halten es für ausgeschlossen, dass Regierungen im Westen jemals auf die Bankguthaben ihrer Bürger zugreifen würden. Klippsten hält das für einen Trugschluss: "Sobald Regierungen zu viel ausgeben und unter Druck geraten, überschreiten sie diese Grenze immer wieder." Dass Sparer auch ohne staatlichen Zugriff über Nacht von ihrem Geld abgeschnitten sein können, zeigen die jüngsten Ereignisse in Paraguay.

Die Zentralbank übernahm dort die Ueno Bank, die größte Digitalbank des Landes, nachdem deren Eigenkapitalquote auf 5,56 Prozent gefallen war, weit unter das Minimum von 12 Prozent. Seitdem funktionieren weder App noch Karten. Rund drei Millionen Kunden kommen nicht an ihr Geld, schätzungsweise 60 Prozent der erwachsenen Bevölkerung.

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Ermittler führen den Zusammenbruch auf Kredite an Firmen der Eigentümer zurück, acht Führungskräfte der Bank sitzen in Haft. Über die Einlagensicherung sollen Kunden einen Teil ihres Geldes binnen 24 Stunden zurückbekommen.

Eigene Verwahrung, eigenes Risiko

Wer über einen ETF in Bitcoin investiert, fällt aus dieser Rechnung heraus. Er besitzt einen Anteil an einem Fonds, der die Coins für ihn verwahrt. Solche Anleger gehen nach Klippstens Worten „bis zur Ein-Yard-Linie und bleiben dann stehen“. Den eigentlichen Vorteil von Bitcoin geben sie aus der Hand: Besitz, für den niemand um Erlaubnis gefragt werden muss und den niemand beschlagnahmen kann.

Für die Verwahrung zahlen ETF-Anleger außerdem jährliche Gebühren. Der Grayscale-Fonds GBTC verlangt 1,5 Prozent im Jahr, BlackRocks IBIT 0,25 Prozent. Viele Anleger stört das offenbar wenig, denn der Bestand der Fonds liegt heute rund 80 Prozent über dem Niveau vor dem Start der US Spot ETFs. Selbstverwahrung hat allerdings ihre eigenen Risiken, wie der Sommer gezeigt hat. Ab dem 30. Juli nutzten Angreifer einen fünf Jahre alten Firmware-Fehler der Hardware-Wallet Coldcard. Laut Berichten erbeuteten sie so rund 1.816 Bitcoin.

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Klippsten selbst setzt deshalb auf eine sogenannte Multisig-Wallet, bei der mehrere Schlüssel eine Zahlung gemeinsam freigeben müssen, in seinem Fall zwei von drei. "Ich besitze zwei von drei Schlüsseln und kann die Coins selbst bewegen", beschreibt Klippsten das Prinzip. Den dritten Schlüssel hält ein Dienstleister als Reserve, etwa für den Fall, dass einer der eigenen Schlüssel verloren geht. Ein einzelner kompromittierter Schlüssel reicht in diesem Modell nicht aus, um die Coins zu bewegen.

Bitcoin reagiert zuerst

Kurzfristig sieht Klippsten Bitcoin als Seismografen der Märkte, als ersten Ausschlag nach jeder größeren Nachricht. Bitcoin wird rund um die Uhr gehandelt, auch am Wochenende, und gilt vielen Vermögensverwaltern als riskantester Baustein im Depot. Wer Risiko abbauen will, verkauft ihn deshalb zuerst. Aktuell bekommt Bitcoin diesen Druck vor allem durch die US-Notenbank zu spüren. Die Fed hielt den Leitzins im Oktober stabil, zwei ihrer Mitglieder stimmten bereits für eine Erhöhung, und der Bitcoin-Kurs rutschte danach wieder unter 80.000 US-Dollar.

Auf lange Sicht hält der Experte solche Verbindungen für vergänglich. Korrelationen, also der Gleichlauf von Bitcoin mit Aktienindizes oder der Geldmenge, „halten nie lange und führen die Leute nur in die Irre“. Nach seiner Überzeugung verbreitet sich Bitcoin nach eigenen Gesetzmäßigkeiten, unabhängig von Zinsen und Konjunktur. Kurzfristige Kursrückgänge ändern an seiner Rechnung deshalb wenig, und so nimmt er beim hypothetischen Tausch 35.000 US-Dollar weniger Nennwert in Kauf, um ein Vermögen zu halten, an das außer ihm niemand herankommt.

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