pfp Advisory:''Wir brauchen endlich mehr Wirtschaftswissen''
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28. September 2026. FRANKFURT (pfp Advisory). Wir brauchen endlich mehr Wirtschaftswissen, nicht nur an der Schule. Seit langem schon wünsche ich mir nicht nur als Familienvater, sondern auch als Bürger dieses Landes einen umfassenden Ausbau des Schulfachs „Wirtschaft“. Die Vorteile für die Gesellschaft wären mannigfaltig. Mit einem Maß an Wissen, wie Angebot und Nachfrage die Preise bestimmen und wie etwa staatliche Eingriffe oder auch Zinsen und Wechselkurse einwirken, würde ein deutlich höherer Anteil der Bevölkerung verantwortungsvoller mit dem eigenen Geld umgehen können, was alleine vor dem Hintergrund der nötigen Altersvorsorge essentiell wäre. Es würde aber auch gesellschaftlichen und politischen Debatten mehr Unterbau geben und Populisten mit vermeintlich einfachen Botschaften den Boden entziehen, womit wir bei der Berlin-Wahl sind.
Natürlich ist die gefühlte und echte Wohnungsnot dort (und in vielen anderen Großstädten) ein reales Problem. Eben weil Altverträge im Vergleich so günstig aus Mietersicht sind, ist die Motivation, auszuziehen, kollabiert, somit kommt nichts auf den Markt und auf jede Anzeige melden sich hunderte Bewerber. Dahinter wirkt ein ganz simpler Marktmechanismus immens: Die Nachfrage stieg steil (in den letzten 10 Jahren wuchs die Berliner Bevölkerung vor allem durch Migration um einige Hunderttausend) an. Während von 2015 bis 2019 der Wohnungsbau deutlich anzog, fällt er seit 2019 massiv. Alleine von 2024 auf 2025 sank die Zahl der Fertigstellungen in Berlin um über 28%. Neben der Zinswende wirken hier natürlich stark erhöhte politische Anforderungen an den Bau (etwa Klimaschutz) ein, die das Bauen verteuern. Wer an der Gesamtsituation ernsthaft was verändern will, muss Nachfrage drosseln oder Angebot erhöhen oder beides. Wie es scheint, setzen sich aber nun Konzepte durch, bei denen die Nachfrage weiter erhöht wird und alle potenziellen Investoren, die in den Wohnungsmarkt investieren wollen, nachhaltig vergrault werden.
Die korrespondierenden Debatten bzw. konkreten Pläne zur Enteignung oder Vergesellschaftung (was vielleicht netter klingt, aber für den bisherigen Eigentümer aufs Gleiche hinausläuft) wimmeln nur so von der eingangs thematisierten ökonomischen Oberflächlichkeit. Das beginnt natürlich mit dem ganz einfachen Fakt, dass dieser teure Enteignungs-Spaß keine einzige neue Wohnung schafft (also nichts am Problem ändert) und dazu wohl noch die Bereitschaft, aus Wohnungen auszuziehen, weiter senkt. Schön für die, die drin sind. Sehr schlecht für die, die etwa beruflich bedingt nach Berlin ziehen oder sich etwa wegen Familiengründung räumlich vergrößern müssen.
Spannend sind auch die Parameter, wie so eine Enteignung vonstattgehen soll. Um den bereits jetzt schon problematischen Berliner Haushalt nicht zu sehr zu belasten, plant man keine Enteignung zum Verkehrswert, sondern setzt grob bei einem Drittel dessen an. Bildlich gesprochen: Sie freuen sich gerade über Ihren für 21.000 Euro erworbenen Gebrauchtwagen, ehe Vater Staat Ihnen diesen warum auch immer abnimmt und Ihnen 7.000 Euro in die Hand drückt. Sollten Gerichte diese Aktionen, die politisch kaum noch verhindert werden können, nicht juristisch stoppen, muss man sehr skeptisch sein für künftige Investitionen nicht nur in Wohnungen, sondern vielleicht auch in Unternehmen.
Die unglaublich wirkende Geschichte der Enteignung ist mit der Abnahme zum Bruchteil des Werts übrigens nicht vorbei. Die zumindest mal „kreativen“ Kräfte, die dort wirken, wollen nämlich nicht mit Geld bezahlen, sondern dem bisherigen Eigentümer eine handelbare Anleihe mit 100 (sic) Jahren Laufzeit in die Hand drücken. Vom wichtigen Fakt, dass in den ganzen Ausführungen sehr wenig ausgeführt wird, was eigentlich mit den Finanzierungen dieser Immobilien passiert, ist dieser geplante Bond der nächste „Gag“, den der genannte Zins von 3,5% hat wenig mit dem aktuellen Marktgeschehen und noch weniger mit der Risikostruktur solch eines Marktteilnehmers zu tun. Grob überschlagen: Bei einer Vergleichsrendite im Markt von 4,5% wäre die Entschädigung quasi vom Tag 1 nur noch 78% des genannten Volumens wert. Bei 6,5% reden wir schon von fast 50% Verlust. Um beim Beispiel von oben zu bleiben: Der enteignete Autobesitzer bekommt doch nicht 7.000 Euro, sondern ein Wertpapier, das er für etwas mehr als 3.500 Euro verkaufen kann.
Ohne jetzt auf noch mehr fragwürdige Details dieser eigenartigen Pläne einzugehen, würde ich mich im Sinne aller derer, die (in Berlin und auch anderswo) unter einem Mangel an geeigneten Wohnungsraum leiden, freuen, wenn die Politiker ein echtes Problem nicht mit einer einfach klingenden, aber sehr fragwürdigen und in ihrer Auswirkung sehr gravierenden „Lösung“ bekämpfen. Dieser Wunsch geht übrigens weit über die Immobilienwirtschaft hinaus. Denn von einer Bekämpfung ökonomischer Probleme mit wirtschaftlich tragfähigen und adäquaten Lösungen haben wir uns in Deutschland seit Jahren weit weg bewegt und es scheint momentan noch schlimmer zu werden.
Von Roger Peeters, 28. September 2026, © pfp Advisory
Über den Autor
Roger Peeters ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Christoph Frank steuert der seit über 25 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (<LU1865032954>), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds, sowie den im August 2021 gestarteten pfp Advisory Aktien Mittelstand Premium (<LU2332977128>). Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Peeters ist weiterhin Mitglied des Vorstands der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) e.V. Roger Peeters schreibt regelmäßig für die Deutsche Börse.
