pfp Advisory: „Über die Parallelen zweier bekannter Fonds-Kollapse"
- Lesezeichen für Artikel anlegen
- Artikel Url in die Zwischenablage kopieren
- Artikel per Mail weiterleiten
- Artikel auf X teilen
- Artikel auf WhatsApp teilen
- Ausdrucken oder als PDF speichern
Erwähnte Instrumente
- VerkaufenKaufen
Schnell. Sicher. Direkt.Trading über stock3 war noch nie so einfach.
Mehr erfahren Nein, danke
3. August 2026. FRANKFURT (pfp Advisory). Ursprünglich hatte ich vor, meine heutige Kolumne dem Thema Rotation zu widmen. Die echten oder auch vermeintlichen Trendwenden sind dieses Jahr unfassbar schnell und intensiv, was einiges über das Börsengeschehen aussagt. Ich habe mich aber kurzfristig umentschieden, weil ich den steilen Absturz des Fonds „Situational Awareness LP“, der vom deutschen „Wunderkind“ Leopold Aschenbrenner gelenkt wird, für sehr bemerkenswert halte, und mich dieser schnelle Aufstieg und Sturz doch sehr an einen anderen spektakulären Aufprall vor fast 28 Jahren erinnern: Sie werden es erahnen, ich meine den Zusammenbruch des berühmt gewordenen Hedge Funds mit dem Namen Long-Term Capital Management (LTCM) im September 1998.
Das damalige Ereignis, eine „Über-Nacht-Rettungsaktion“ von 14 namhaften Banken und Brokern unter Koordination der Fed (die selber nicht investiert hat) mit einem Gesamteinsatz von 3,6 Mrd. US-Dollar zur Stützung des angeschlagenen Hedge Funds, faszinierte mich in meinen jüngeren Jahren sehr. Ich war damals in der Spätphase meines Studiums, arbeitete nebenher als Werkstudent bei einem Online-Broker und fand dort morgens die Meldungen auf dem Ticker, die die Tragweite des vermiedenen Kollapses (Fachleute sprachen angesichts des Umfangs von einer Fast-Kernschmelze des Finanzsystems) gut auf den Punkt brachten. Obwohl ich mich seinerzeit schon seit Jahren intensiv mit dem Kapitalmarkt beschäftigt habe, war mir LTCM nicht präsent und ich war fast ein wenig schockiert, welche Dimensionen der verhinderte Crash hatte. Jedem, der sich für die Geschichte interessiert, rate ich zu dem auch auf Deutsch unter dem Namen „Der große Irrtum“ erschienenen Buch des WSJ-Journalisten Roger Lowenstein, welches im Buchhandel immer noch verfügbar ist. Ich habe es bei der ersten Lektüre vor Dekaden regelrecht verschlungen.
Der Originaltitel des Buchs „When Genius Failed“ bringt die Tragik bei LTCM viel besser auf den Punkt als der Titel der deutschen Ausgabe, denn ein sehr bemerkenswerter Aspekt war seinerzeit die immense intellektuelle Kapazität der Verantwortlichen. Neben dem sehr erfahrenen und erfolgreichen Protagonisten John Meriwether, der zuvor die bekannte Arbitrage-Abteilung bei Salomon Brothers geleitet hatte, saßen mit dem ehemaligen Fed-Vize David Mullins mit Myron Scholes und Robert C. Merton Wirtschafts-Nobelpreisträger als Partner in den Gremien. Das von Scholes mitentwickelte und von Merton erweiterte „Black-Scholes-Modell“ ist wohl so ziemlich jedem professionellen Kapitalmarktteilnehmer mal in der Ausbildung begegnet.
An Intelligenz, und da kommen wir zur ersten Parallele zum aktuellen Fall von Leopold Aschenbrenner, mangelt es auch hier dem Protagonisten ganz sicher nicht. Im Gegenteil: Der junge Mann legte eine Karriere hin wie aus einem Bilderbuch: Abitur mit 15, bereits mit 19 einer der jahrgangsbesten Absolventen an der US-Eliteuniversität Columbia und anschließend Vordenker in der pulsierenden KI-Szene, in der er 2024 mit einem 165-seitigen Essay mit dem Namen „Situational Awareness“ Kultstatus erlangte. Eine interessante, konsequente Fortführung dieser Karriere, dass er einen Fonds unter dem gleichen Namen auflegte und bis Juni extrem erfolgreich war, ehe ein steiler Richtungswechsel im Juli große Teile des Portfolios hart traf und auch hier die Wall Street den Brandherd schnell austrat, bildlich gesprochen. Konkret übernahm die Legende Ken Griffin mit seinem bekannten Vehikel Citadel den Großteil des börsennotierten Portfolios von Aschenbrenner.
Wie es den Anschein hat, gab es neben der ausgeführten Genialität auch eine weitere enge Parallele zu LTCM: Beide Vehikel waren im Aufschwung auch deshalb so erfolgreich, weil sie maßgeblich „gehebelt“, also mit dem Einsatz von (viel) Fremdkapital, tätig waren. Zwar agierte Aschenbrenner nach dem, was man gerade so liest, „nur“ mit einem vierfachen Leverage (bei LTCM lag der Faktor etwa bei dem 25-30-fachen), aber auch hier war die Lektion am Ende, dass die Hebelwirkung nun mal in beide Richtungen gravierend ist. So kam es dann zur dritten Gemeinsamkeit, der schnellen Abwärtsentwicklung mit einer Rettung über Nacht. LTCM wurde in den Jahren nach der Rettungstat abgewickelt. Soweit ist Situational Awareness nicht, aber der Fonds scheint nun ein ganz anderer.
Abschließend möchte ich aber auch einen großen Unterschied der beiden Fälle thematisieren, und dann komme ich doch noch zum Thema der abrupten und intensiven Rotationen im Jahr 2026. LTCM wurde 1994 gegründet und war mehrere Jahre lang sehr erfolgreich, ehe 1998 (als Auslöser) die Russlandkrise den Fonds pulverisierte. Die Abfolge der Aufs und Abs war im aktuellen Fall noch mal deutlich rasanter und es passt in diese Märkte, in der beispielsweise über Nacht die sonst als Zykliker hinterfragten Chiphersteller auf einmal das Nonplusultra sind und genauso schnell auch wieder hinterfragt werden. Ich kann da guten Gewissens jedem Anleger anraten, besonnen zu bleiben und langfristig zu agieren statt den heißen Trends hinterher zu jagen. An den Klippen der rauen Börsensee sind bei plötzlichen Gegenwinden auch schon sehr gute Kapitäne zerschellt.
Von Roger Peeters, 3. August 2026, © pfp Advisory
Über den Autor
Roger Peeters ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Christoph Frank steuert der seit über 25 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (<LU1865032954>), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds, sowie den im August 2021 gestarteten pfp Advisory Aktien Mittelstand Premium (<LU2332977128>). Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Peeters ist weiterhin Mitglied des Vorstands der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) e.V. Roger Peeters schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt.
