Kommentar
09:09 Uhr, 18.05.2026

"Hipp to be Swap oder warum Aktien in Geldmarkt ETFs gehören"

In den vergangenen Tagen kam die Frage auf, warum Aktien in Geldmarkt ETFs stecken können und ob dies statthaft sei. Auf beide Fragen antwortet Ali Masarwah, ETF Analyst und Geschäftsführer des Beratungshauses envestor, mit einem klaren „Ja!“.

18. Mai 2026. FRANKFURT (envestor). Auf einer Konferenz habe ich neulich mit einer befreundeten Analystin über Trends im ETF Markt gesprochen. Dabei kam das Thema zur Sprache, dass in Geldmarkt-ETFs auch Aktien stecken können. Wir haben diese Frage recht schnell abgehakt. Tenor: Alles ok.

Der Geldmarkt ist ein guter Proxy für den Zins der EZB. Geldmarktpapiere sind indes oft nicht öffentlich notiert. Zudem haben sie so kurze Laufzeiten, dass sie ETFs wegen der hohen Umschlagfrequenz regelrecht „überfordern“ würden. Physisch ist der sogenannte „€STR“ für Geldmarkt ETFs also nicht investierbar. Daher sind diese Produkte Swap-basiert. Das bedeutet, dass sie nicht die Wertpapiere halten müssen, die dem Index zugrunde liegen. Einige Fachmedien haben dieses Thema aufgegriffen und quasi im Vorbeigehen abgehandelt.

Die Diskussion über die Wertpapiere, die ETFs halten können, wurde freilich nicht immer fachlich-nüchtern geführt.

Ich erinnere mich an die Debatte über Swap-ETFs kurz nach der Finanzkrise 2008. „Gehören japanische Aktien in einen DAX-ETF?“ Diese Frage war seinerzeit ein großer Aufreger in der Finanzpresse. Medien hatten bei der Auswertung von Jahresberichten herausgefunden, dass die Deutsche Bank in ihren DAX-ETFs japanische Aktien hielt und nicht die im DAX vertretenen Aktien. Seinerzeit legten Xtrackers und Lyxor (heute Amundi) standardmäßig derivatbasierte ETFs auf, bei denen mittels Swap Geschäften die Rendite von Indizes abgebildet wird. Bei der synthetischen Replikation hält ein ETF ein sogenanntes Trägerportfolio, das sich aus hochliquiden Wertpapieren zusammensetzt, die steuerlich oder operativ passend sind. Das Trägerportfolio muss nicht mit den Bestandteilen des Index befüllt werden, der dem ETF zugrunde liegt. So war es damals, so ist es heute.

Damals löste dieser Fund allerdings eine hitzige Diskussion über Transparenz und versteckte Risiken aus. Viele Privatanleger waren schockiert, dass in einem DAX-ETF keine DAX Aktien steckten. Vermeintliche Experten forderten lautstark einen Bann von Swap-ETFs. Anleger sollten tunlichst nur „echte“ ETFs kaufen, also solche, die die Indexbestandteile auch „physisch“ halten.

Diese Debatte sollte eine nachhaltige Wirkung haben. BlackRock setzte seinerzeit in seinen iShares-ETFs standardmäßig auf die physische Index-Replikation. BlackRock-Vertreter nutzten diese Konstellation im Wettbewerb mit der Deutschen Bank (Marke Xtrackers) und der Société Générale (Marke Lyxor) aus. Ende 2011, auf dem Höhepunkt der Eurokrise, behauptete BlackRock Chef Larry Fink öffentlichkeitswirksam, wer in ETFs von Lyxor investiere, setze sich dem Risiko von unbesicherten Anleihen der Société Générale aus. Das war bestenfalls verkürzt dargestellt und zutiefst unfair – aber höchst effektiv. In der Folge konnte iShares die Konkurrenz aus Deutsche Bank und Société Générale überflügeln – auch dank dieser fragwürdigen Argumente. Heute ist iShares der dominante Marktakteur bei ETFs in Europa.

Die Pointe der Geschichte: iShares setzt heute standardmäßig auch auf Derivate bei der Abbildung von Indexrenditen. Es finden sich immer mehr Swap-ETFs von iShares auf den S&P 500 und den MSCI World. Diese Replikationsart hat unbestrittene Vorteile. Sie ist effizienter, auch steuerlich, und sichert Anlegern häufig eine überlegene Rendite gegenüber physisch replizierenden ETFs. Auch wir bei envestor setzen Swap-ETFs ein, um Anlegerinnen und Anlegern einen effizienten Zugang zur Performance vieler Indizes zu geben.

Fachdiskussionen sollten genau das sein: fachlich motiviert und mit Sachargumenten und Fakten unterlegt. Eine Expertendebatte stark verkürzt über die Massenmedien zu führen, kann nerdigen Finanzthemen nicht gerecht werden. Im Gegenteil: Werden Debatten gekapert und instrumentalisiert, führt das im Zweifel zur Verzerrung des Wettbewerbs. Das wiederum schadet der Anlegerrendite – mitunter auch langfristig.

Von Ali Masarwah, 18. Mai 2026, © envestor.de

Über den Autor

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor.de, eine der wenigen Fondsplattform, die Cashbacks auf Fonds-Vertriebsgebühren zahlt. Masarwah analysiert seit über 20 Jahren Märkte, Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar. Seine Expertise wird auch von zahlreichen Finanzmedien im deutschsprachigen Raum geschätzt.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von Deutsche Börse. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.