Analyse
12:15 Uhr, 22.10.2026

HERMÈS - Birkin am Zweitmarkt nicht mehr so stark gefragt

Das Ledergeschäft wächst zweistellig, Konfektion und Accessoires schrumpfen, Asien stockt. Hermès verfehlt im dritten Quartal die Umsatzerwartungen, die Aktie fällt um rund 5 %. Am Wiederverkaufsmarkt zeigen sich zugleich Risse in jenem Modell, das den Konzern groß gemacht hat.

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Jahrelang galt die Birkin als die vielleicht verlässlichste Geldanlage der Modewelt. Wer eine der Taschen für rund 10.000 USD bei Hermès ergatterte, konnte sie auf Plattformen wie Vestiaire Collective oft für mehr als das Doppelte weiterverkaufen. Der Londoner Händler Cai Baochun hat damit aufgehört. "Ich möchte kein Geld verlieren“, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. Ungetragene Birkins bringen nach seinen Angaben heute mehr als 6.000 USD weniger als auf dem Höhepunkt im Jahr 2022.

Die Quartalszahlen, die der Pariser Luxuskonzern am Donnerstag vorlegte, fügen sich auf unbequeme Weise in dieses Bild. Nicht die Birkin selbst schwächelt, sondern der Weg zu ihr verliert an Reiz.

Leder glänzt, der Rest enttäuscht

Der Umsatz stieg im dritten Quartal währungsbereinigt um 4,3 % auf 4,10 Mrd. EUR. Der Konsens von Visible Alpha hatte bei 4,12 Mrd. EUR gelegen. Schon das erwartete Plus von 5,2 % wäre das schwächste Quartalswachstum seit sechs Jahren gewesen. Getragen wurde das Quartal einmal mehr von Lederwaren und Sattlerei, die um 10,8 % auf 1,91 Mrd. EUR zulegten und damit die erwarteten 1,89 Mrd. EUR übertrafen. Konfektion und Accessoires schrumpften dagegen um 2,0 % auf 1,14 Mrd. EUR, erwartet waren 1,18 Mrd. EUR.

Regional ergibt sich ein gespaltenes Bild. Amerika wuchs um 8,8 % und Europa um 7,2 %, Asien insgesamt dagegen nur um 1,9 %. Die übrigen Märkte gingen um 4,5 % zurück. Nach neun Monaten steht ein Umsatz von 12,26 Mrd. EUR, währungsbereinigt ein Plus von 5,5 %. Wechselkurse kosteten bis Ende September rund 310 Mio. EUR Umsatz. Angaben zum Ergebnis enthält die Quartalsmitteilung nicht, die folgen erst später.


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Die Schwäche jenseits der Lederwaren wiegt schwerer, als ihr Umsatzanteil vermuten lässt. Laut Wiederverkäufern hängt der Zugang zu einer Birkin oder Kelly meist davon ab, wie viel Kunden zuvor für Tücher, Kleidung oder Schuhe ausgegeben haben, häufig 10.000 bis 20.000 USD. Analysten und Branchenberater deuten die abkühlende Nachfrage nach Kleidung, Seidentüchern und Parfums daher als Zeichen, dass weniger Kunden bereit sind, sich die Tasche über solche Vorkäufe zu erarbeiten.

Mehr Werkstätten, unveränderte Zuversicht

Hermès selbst zeigt sich unbeirrt und bestätigte sein als ambitioniert bezeichnetes mittelfristiges Ziel für das währungsbereinigte Umsatzwachstum. Den chinesischen Markt nannte der Finanzchef "sehr schwierig“. Langfristig bleibe man aber zuversichtlich und investiere weiter. Der amerikanische Markt sei nach wie vor dynamisch. Im April eröffnete Hermès in Loupes in der Gironde seine 25. Lederwerkstatt, in Frankreich sollen drei weitere folgen: Charleville-Mézières 2027, Colombelles 2028 und Les Andelys 2030. Die Uhrenfertigung in Le Noirmont in der Schweiz wird bis 2028 erweitert.

Damit verschärft sich ein Zielkonflikt, den Konzernchef Axel Dumas im Juli selbst beschrieb. Die einen fürchteten, zu viele Taschen schadeten der Exklusivität, die anderen fragten, warum nicht mehr produziert werde. Entscheidend für die Menge seien die Zahl voll ausgebildeter Handwerker und die Verfügbarkeit hochwertigen Leders.

Der Zweitmarkt verliert an Glanz

Wie sehr die Knappheit nachlässt, zeigt der Sekundärmarkt. UBS schätzt, dass weltweit sechs- bis siebenmal so viele Birkin- und Kelly-Angebote verfügbar sind wie vor der Pandemie, und stufte die Aktie Anfang Oktober auf "Verkaufen“ ab. "Wir glauben, dass sich die Natur des Geschäfts verändert“, schrieben die Analysten. Laut Bernstein erzielte eine Birkin 25 im dritten Quartal im Schnitt das 1,7-Fache des Ladenpreises, nach dem 2,6-Fachen im Spitzenjahr 2022. Einhellig ist der Befund nicht: Die Plattform Fashionphile meldet stabile, zuletzt sogar leicht steigende Preise.

An der Börse fiel das Urteil deutlich aus. Die Aktie notiert im Bereich ihrer Jahrestiefs, nachdem sie schon vor dem Zahlentag seit Jahresbeginn fast 40 % eingebüßt hatte. Eine Halbierung rückt in Sichtweite. Auch LVMH, Kering und andere Luxuswerte gaben stärker nach als der Gesamtmarkt. Bernstein sah das schwierige Umfeld bestätigt, RBC sprach von einem durchwachsenen Zahlenwerk. Mit Ausnahme Europas hätten sich die relevanten Regionen schwächer als erwartet entwickelt, die Konsensschätzungen dürften weiter sinken.

Operativ bleibt Hermès dennoch eine Klasse für sich. Zwischen 2015 und 2025 verdreifachte sich der Umsatz auf 16 Mrd. EUR. Die operative Marge lag zuletzt bei 41 % und damit über der von Chanel, Gucci oder der Mode- und Lederwarensparte von LVMH. Lederwaren stehen für 44 % des Jahresumsatzes.

Fazit: Das Quartal zeigt ein Unternehmen, dessen Kern funktioniert, dessen Mechanik aber Spiel bekommt. Das zweistellige Wachstum im Ledergeschäft belegt, dass die Taschen gefragt bleiben. Schrumpfende Vorkäufe, ein stockendes Asiengeschäft und sinkende Aufschläge am Zweitmarkt nagen jedoch an jenem Knappheitsversprechen, das den Nimbus der Hermès-Aktie lange getragen hat. Die Bewertung mit einem 28er-KGV ist weiterhin nicht günstig. Anleger sollten vorsichtig bleiben.

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Jahr 2025 2026e* 2027e*
Umsatz in Mrd. EUR 16,00 16,68 17,90
Ergebnis je Aktie in EUR 43,07 44,09 48,65
KGV 29 28 25
Dividende je Aktie in EUR 19,00 19,50 20,75
Dividendenrendite 1,53% 1,57% 1,67%

*e = erwartet, Berechnungen basieren bei
US-Unternehmen auf Non-GAAP-Daten

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