EZB untersucht Supermarktpreise: Deutlich weniger Preiserhöhungen als 2022
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Die Energiepreise im Euroraum lagen im September um 18,9 % über dem Vorjahresniveau. Bei Lebensmitteln, Alkohol und Tabak betrug die Teuerung dagegen lediglich 1,3 %. Dieser Gegensatz ist zunächst bemerkenswert, denn höhere Öl- und Gaspreise verteuern mit Verzögerung auch die Herstellung und den Transport von Nahrungsmitteln. Dieser Mechanismus hatte nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 eine massive Lebensmittelpreisinflation ausgelöst.
Eine neue Untersuchung der Europäischen Zentralbank (EZB) liefert nun Hinweise darauf, dass sich die damalige Entwicklung nicht zwangsläufig wiederholen muss. Vier EZB-Ökonomen haben analysiert, wie häufig Supermärkte ihre Preise seit Beginn des jüngsten Energieschocks verändern. Die am Montag veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass die Händler im März 2026 zunächst häufiger ihre Preise erhöhten. Anders als 2022 setzte sich diese Entwicklung in den folgenden Monaten aber nicht fort.
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Künstliche Intelligenz wertet täglich Supermarktpreise aus
Für ihre Untersuchung nutzen die Forscher einen Datensatz, den die EZB seit 2022 aufgebaut hat. Das sogenannte Daily Price Dataset erfasst täglich die Preise von Produkten aus den Onlineangeboten europäischer Supermärkte. Künstliche Intelligenz hilft anschließend dabei, die einzelnen Artikel den Verbrauchskategorien zuzuordnen, die auch der amtlichen Inflationsmessung zugrunde liegen.
Herkömmliche Inflationsstatistiken zeigen lediglich, wie stark sich das Preisniveau verändert hat. Die neuen Daten ermöglichen einen genaueren Blick auf das Verhalten der Händler.
Dabei unterscheiden die Wissenschaftler zwischen der Häufigkeit und der Höhe von Preisänderungen. Eine steigende Inflationsrate kann schließlich unterschiedliche Ursachen haben. So könnten wenige Unternehmen ihre Verkaufspreise besonders kräftig erhöhen. Möglich wäre aber auch, dass sehr viele Händler gleichzeitig kleinere Aufschläge vornehmen.
Gerade die zweite Variante kann problematisch werden, weil sie darauf hindeutet, dass höhere Kosten zahlreiche Produktgruppen erfassen. Um solche Entwicklungen zu erkennen, berechnet die EZB monatlich die Häufigkeit der Preisänderungen. Kurzfristige Sonderangebote bleiben dabei unberücksichtigt. Die jüngsten Ergebnisse reichen bis September 2026.
Warum die Preiserhöhungen 2026 bislang begrenzt bleiben
Nach Beginn des jüngsten Energieschocks stieg die Häufigkeit der Lebensmittelpreiserhöhungen im März zunächst an, allerdings fiel die Reaktion erheblich schwächer aus als nach dem Beginn des Ukrainekriegs.
Noch deutlicher wird der Unterschied in den folgenden Monaten. Im Jahr 2022 erhöhten zunehmend mehr Händler ihre Preise, die Anpassungen erfassten immer weitere Lebensmittelkategorien und setzten sich über mehrere Monate fort.
Im laufenden Jahr beobachtet die EZB dagegen keine vergleichbare Ausweitung. Nach dem anfänglichen Anstieg stabilisierte sich die Häufigkeit der Preiserhöhungen weitgehend. Zudem blieb der Abstand zwischen der Häufigkeit von Preiserhöhungen und Preissenkungen vergleichsweise gering.
Auch die Höhe der einzelnen Preisänderungen nahm im Durchschnitt kaum zu. Der jüngste Energieschock hat bislang also weder eine ungewöhnliche Beschleunigung der Preisanpassungen noch deutlich größere Preisaufschläge ausgelöst.
Die Forscher untersuchen außerdem, welcher Anteil des Lebensmittelwarenkorbs auf Produktkategorien entfällt, in denen mindestens 10 % der beobachteten Einzelpreise innerhalb eines Monats steigen.
Im Jahr 2022 nahm dieser Anteil deutlich zu und verharrte über längere Zeit auf hohem Niveau. Händler erhöhten ihre Preise damals in immer mehr Kategorien, aber eine solche Entwicklung lässt sich 2026 bislang nicht erkennen. Auch die Kategorien mit den häufigsten Preiserhöhungen erreichen überwiegend deutlich niedrigere Werte als vor vier Jahren.
Größere Kostenschocks verstärken die Inflation
Unternehmen passen ihre Verkaufspreise gewöhnlich nicht bei jeder kleineren Kostenveränderung an. Schließlich verursachen Preisänderungen selbst Aufwand, und Händler müssen berücksichtigen, wie ihre Kunden und Wettbewerber reagieren.
Bei einem besonders großen Kostenschock verändert sich die Kalkulation jedoch. Wenn die gestiegenen Kosten die bisherigen Gewinnspannen stark belasten, erhöhen Unternehmen ihre Preise unter Umständen früher als ursprünglich geplant.
In der Wirtschaftswissenschaft bezeichnet man dieses Verhalten als zustandsabhängige Preisbildung. Für die Inflationsentwicklung kann das erhebliche Konsequenzen haben. Wenn viele Unternehmen gleichzeitig auf einen außergewöhnlichen Kostenschock reagieren, fällt der Preisanstieg möglicherweise wesentlich stärker aus, als es der ursprüngliche Kostenimpuls allein vermuten ließe.
Dieses Verhalten spielte bei der Inflationswelle zwischen 2021 und 2024 eine wichtige Rolle. Die damaligen Energiepreissteigerungen veranlassten zahlreiche Unternehmen dazu, ihre Verkaufspreise häufiger anzupassen.
Dass die Reaktion diesmal schwächer ausfällt, dürfte mehrere Gründe haben. Nach Einschätzung der EZB war der Energieschock von 2022 größer und stärker durch die Gaspreise geprägt. Die aktuelle Verteuerung betrifft dagegen vor allem Öl und Ölprodukte, auch wenn inzwischen die Gaspreise ebenfalls gestiegen sind.
Hinzu kommt aber vor allem auch die schwächere Nachfrage. Unternehmen können höhere Kosten heute weniger leicht an ihre Kunden weitergeben als 2022, weil sie dadurch Absatzverluste riskieren
EZB rechnet trotzdem mit deutlich höheren Lebensmittelpreisen
Die vergleichsweise zurückhaltenden Preisanpassungen bedeuten leider keineswegs, dass die Lebensmittelpreise in den kommenden Monaten stabil bleiben.
Eine weitere EZB-Untersuchung vom 20. Oktober zeigt, dass sich bereits neuer Kostendruck aufgebaut hat. Die höheren Energiepreise verteuern beispielsweise die Herstellung von Düngemitteln und den Transport landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Bis sich solche Kostensteigerungen im Supermarkt bemerkbar machen, können mehrere Monate vergehen.
Hinzu kommen die Folgen extremer Wetterbedingungen. Hitze und Trockenheit haben im Sommer 2026 die Ernteaussichten in weiten Teilen Europas verschlechtert. Nach Schätzungen der EZB könnten die wetterbedingten Belastungen die jährliche Lebensmittelpreisinflation im Laufe des kommenden Jahres um 0,3 bis 0,8 Prozentpunkte erhöhen.
Bei unverarbeiteten Lebensmitteln zeigen sich bereits erste Auswirkungen. Im September verteuerten sich diese Produkte gegenüber dem Vorjahr um 4,0 %. Besonders Gemüse trug zu dem Anstieg bei. Bei verarbeiteten Lebensmitteln lag die Inflationsrate dagegen lediglich bei 0,4 %.
Die EZB geht deshalb davon aus, dass sich die Teuerung bei Nahrungsmitteln wieder beschleunigen wird. In ihren September-Projektionen erwartet die Notenbank für das dritte Quartal 2027 eine jährliche Lebensmittelpreisinflation von 3,4 %. Anschließend soll die Teuerungsrate wieder zurückgehen.
Welche Konsequenzen ergeben sich für die EZB?
Die Inflation im Euroraum ist im September auf 3,8 % gestiegen und liegt damit deutlich über dem EZB-Ziel von 2 %. Ende Oktober beließ die Notenbank ihren Einlagensatz bei 2,50 % und verwies auf die zunehmenden Inflationsrisiken durch den anhaltenden Energieschock.
Zugleich stehen die Währungshüter vor einem schwierigen Zielkonflikt. Höhere Energiepreise treiben die Inflation an, können aber auch die wirtschaftliche Aktivität bremsen. Zusätzliche Zinserhöhungen würden möglicherweise den Preisdruck begrenzen, könnten die Konjunktur jedoch weiter belasten.
Umso wichtiger ist für die EZB und ihr Ziel der Preisstabilität die Frage, ob sich die höheren Energiekosten zunehmend auf andere Güter und Dienstleistungen übertragen.
Bislang sprechen die Ergebnisse gegen eine breit angelegte Veränderung des Preisverhaltens im Lebensmittelhandel nach dem Muster von 2022.
Eine verzögerte Reaktion der Händler bleibt möglich. Besonders bei Nahrungsmitteln können höhere Produktionskosten erst mit erheblichem zeitlichem Abstand bei den Verbrauchern ankommen.
Am 4. November veröffentlicht Eurostat die erste Schätzung der Inflationsrate für Oktober. Sie wird weitere Hinweise liefern, ob sich die Teuerung bereits über den Energiesektor hinaus verstärkt.

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