Kommentar
13:40 Uhr, 20.10.2026

EZB erwartet neue Teuerungswelle im Jahr 2027

Die Lebensmittelpreise steigen derzeit nur langsam, jedenfalls im Vergleich zur gesamten Inflationsrate. Doch die EZB rechnet für 2027 mit einer deutlichen Beschleunigung der Teuerung. Verantwortlich sind der Irankrieg und die Folgen des extremen Sommers. Erste Auswirkungen zeigen sich bereits in Deutschland.

Im September verteuerten sich Nahrungsmittel in Deutschland gegenüber dem Vorjahresmonat um lediglich 0,4 %. Im Euroraum lag die Teuerungsrate für Lebensmittel einschließlich Alkohol und Tabak bei 1,3 %. Gleichzeitig erreichte die allgemeine Inflation in der Währungsunion bereits 3,8 %, vor allem wegen der gestiegenen Energiepreise.

Ein Grund zum Optimismus? Die Entspannung bei den Lebensmitteln dürfte von begrenzter Dauer sein. In einer heute veröffentlichten Analyse erläutern vier Ökonomen der EZB, weshalb die Verbraucher im kommenden Jahr wieder mit erheblich höheren Preissteigerungen rechnen müssen. Nach den Septemberprojektionen der EZB dürfte die Lebensmittelinflation im dritten Quartal 2027 auf 3,4 % steigen. Für das Gesamtjahr erwartet die Notenbank einen Durchschnitt von 2,8 %. Im laufenden Jahr sollen es lediglich 1,9 % sein.


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Gute Ernten und sinkende Rohstoffpreise sorgen für Entlastung

Die derzeit niedrige Lebensmittelinflation geht vor allem auf die günstige Entwicklung im vergangenen Jahr zurück. Gute Ernten in Europa sorgten für ein reichliches Angebot an Getreide und Ölsaaten. Hinzu kamen sinkende Weltmarktpreise für Agrarrohstoffe wie Kaffee und Zucker, die zuvor teilweise außergewöhnlich teuer geworden waren.

Davon profitierten zunächst die landwirtschaftlichen Erzeuger und die Lebensmittelindustrie. Inzwischen sind die niedrigeren Kosten auch bei vielen Verbrauchern angekommen. Produkte wie Kaffee, Schokolade, Obst und Milch, die 2025 noch erheblich zur Lebensmittelinflation beigetragen hatten, spielten im September 2026 bei der allgemeinen Preissteigerung kaum noch eine Rolle.

Seit Ende 2021 haben sich die Preise im Euroraum insgesamt trotzdem um rund 30 % erhöht. Dabei gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Ländern. In Finnland beträgt der Anstieg etwa 24 %, in Estland hingegen rund 48 %.

Höhere Energiepreise erreichen die Lebensmittelindustrie verzögert

Für die kommenden Monate sehen die EZB-Ökonomen zwei wesentliche Preistreiber. Der erste ist der Irankrieg, der die Energieversorgung beeinträchtigt und die Kosten der Lebensmittelproduktion steigen lässt.

Im September lagen die Energieverbraucherpreise im Euroraum um 18,9 % über ihrem Vorjahresniveau. An den Tankstellen und bei Heizöl macht sich diese Entwicklung unmittelbar bemerkbar. Bis die höheren Kosten auch vollständig in den Lebensmittelpreisen ankommen, können dagegen viele Monate vergehen.

Landwirte benötigen Treibstoff für ihre Maschinen und Energie für den Betrieb von Gewächshäusern. Hinzu kommen Düngemittel, deren Herstellung energieintensiv ist. Anschließend müssen die landwirtschaftlichen Erzeugnisse verarbeitet, verpackt und transportiert werden. In all diesen Prozessen wird Energie verbraucht.

Besonders bedeutend ist der Gaspreis für die Herstellung von Stickstoffdünger. Seit der Blockade der Straße von Hormus sind die Düngemittelpreise zeitweise kräftig gestiegen. Anders als beim Energiepreisschock von 2022 spielten diesmal neben den höheren Produktionskosten auch unmittelbare Störungen der Versorgung eine wichtige Rolle.

Zwar haben sich die weltweiten Düngemittelpreise nach ihren Höchstständen im Frühjahr wieder etwas beruhigt. Die höheren Kosten dürften sich aber teilweise erst in den kommenden Monaten auf die Lebensmittelpreise auswirken.

Besonders betroffen könnten zunächst Getreideprodukte wie Brot und Nudeln sein, da der Anbau von Weizen, Mais und Gerste vergleichsweise viel Energie und Dünger benötigt. Über die Futtermittelpreise können sich die höheren Kosten anschließend auf die Tierhaltung übertragen. Damit geraten perspektivisch auch Milchprodukte und Fleisch unter Preisdruck.

Bislang ist davon bei den industriellen Erzeugerpreisen für Lebensmittel wenig zu erkennen. Nach den jüngsten verfügbaren Daten hat sich der aktuelle Energiepreisschock dort noch nicht wesentlich niedergeschlagen. Die EZB führt dies auf die zeitliche Verzögerung zurück, mit der höhere Produktionskosten entlang der Lieferketten weitergegeben werden.

Extreme Dürre lässt die Ernteprognosen einbrechen

Der zweite Preistreiber ist das extreme Sommerwetter in Europa. Große Teile West- und Mitteleuropas litten 2026 unter ungewöhnlich hohen Temperaturen und anhaltender Trockenheit. Die Hitze traf zahlreiche Nutzpflanzen in einer besonders empfindlichen Wachstumsphase.

Wie gravierend die Auswirkungen ausfallen, zeigen die Berechnungen der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission. Nach ihren jüngsten Ertragsschätzungen vom September dürfte die Sojabohnenernte je Hektar in der EU um 15 % unter dem fünfjährigen Durchschnitt liegen. Bei Grünmais beträgt der erwartete Rückgang 14 %, bei Zuckerrüben 11 %. Auch für Körnermais und Kartoffeln rechnen die Experten mit erheblichen Einbußen.

Die EZB-Experten erwarten, dass die wetterbedingten Produktionsausfälle die Lebensmittelinflation im kommenden Jahr um etwa 0,3 bis 0,8 Prozentpunkte erhöhen könnten. Das wäre ein erheblicher Beitrag zum allgemeinen Preisanstieg, zumal gleichzeitig die höheren Energiekosten auf die Lebensmittelproduktion durchschlagen.

Im Gegensatz zu den Energiekosten können schlechte Ernten relativ schnell auf die Verbraucherpreise wirken. Im September zeigte sich diese Entwicklung bereits in den europäischen Inflationsdaten. Die Preise für unverarbeitete Lebensmittel lagen um 4,0 % über dem Vorjahresniveau. Bei verarbeiteten Lebensmitteln einschließlich Alkohol und Tabak betrug die Teuerungsrate hingegen lediglich 0,4 %.

Deutsche Kartoffelernte fällt um fast ein Viertel

Ein besonders anschauliches Beispiel für die Folgen des extremen Sommers liefert Deutschland. Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes wird die Kartoffelernte 2026 mit 10,4 Mio. Tonnen um 24,8 % geringer ausfallen als im Vorjahr.

Die Anbaufläche schrumpfte um 11,1 %, zugleich ging der Ertrag je Hektar um 15,4 % zurück. Den schwächeren Flächenertrag führen die Statistiker vor allem auf die extreme Hitze und Trockenheit des Sommers zurück.

Bei den landwirtschaftlichen Erzeugerpreisen ist die Verknappung bereits deutlich sichtbar. Im August erhielten Landwirte für Speisekartoffeln 61,5 % mehr als ein Jahr zuvor. Für Verbraucher verteuerten sich Kartoffeln im September um 11,3 %.

Auch bei anderen Lebensmitteln zeigen sich bereits erhebliche Preissteigerungen. So kostete frisches Gemüse im September 12 % mehr als im Vorjahresmonat, Eier verteuerten sich um 15,2 %. Dagegen verbilligte sich Butter um 29,5 %.

Warum die EZB keine Wiederholung von 2022 erwartet

Trotz der erheblichen Risiken rechnen die EZB-Ökonomen bislang nicht mit einer ähnlich starken Teuerungswelle wie nach dem russischen Angriff auf die Ukraine.

Zwar hat sich Energie 2026 deutlich verteuert, insgesamt fällt der Preisschock aber geringer aus als 2022. Vor allem die Gaspreise sind bislang wesentlich weniger stark gestiegen. Der aktuelle Preisanstieg konzentriert sich stärker auf Rohöl und Mineralölprodukte.

Das ist für die Lebensmittelindustrie besonders wichtig, weil Gas bei der Düngemittelherstellung und in verschiedenen Verarbeitungsprozessen eine wichtige Rolle spielt.

Außerdem hat sich die gesamtwirtschaftliche Nachfragesituation verändert. Angesichts der bereits stark gestiegenen Lebenshaltungskosten verfügen die privaten Haushalte über weniger Spielraum für zusätzliche Ausgaben. Unternehmen dürften deshalb größere Schwierigkeiten haben, höhere Produktionskosten vollständig an ihre Kunden weiterzugeben.

Nach Einschätzung der EZB-Experten wird die Lebensmittelinflation auf ihrem erwarteten Höhepunkt im kommenden Jahr nur ungefähr ein Fünftel des Spitzenwerts erreichen, der nach Beginn des Ukrainekriegs verzeichnet wurde.

Neue Risiken für die Geldpolitik

Für die EZB bringt die erwartete Entwicklung zusätzliche Probleme mit sich. Nach ihren Septemberprognosen soll die allgemeine Inflationsrate im Euroraum von durchschnittlich 3,0 % im laufenden Jahr auf 2,5 % im Jahr 2027 und schließlich 2,1 % im Jahr 2028 sinken. Und da sind die mutmaßlich stärker steigenden Lebensmittelpreise kaum hilfreich. Entsprechend geringer muss die Inflation in anderen Bereichen sein, damit der Durchschnittswert auch wirklich sinkt.

Die Ursachen dieser Preissteigerungen kann die EZB nicht unmittelbar beeinflussen, wie auch schon bei den Energiepreisen. Allerdings könnte sich die Notenbank zu weiteren Zinserhöhungen veranlasst sehen, falls Unternehmen die höheren Kosten breit auf ihre Verkaufspreise überwälzen und die Beschäftigten darauf mit entsprechend höheren Lohnforderungen reagieren. Solche Zweitrundeneffekte könnten die Inflation noch länger über dem Zielwert der EZB von 2 % halten.

Zuletzt deutete sich zumindest eine gewisse Entlastung von der Nachfrageseite an. EZB-Präsidentin Christine Lagarde erklärte am vergangenen Wochenende, dass die zuletzt deutlich gestiegenen Kapitalmarktzinsen das Wirtschaftswachstum bremsen dürften. Dadurch könnte es für Unternehmen im harten Wettbewerb schwieriger werden, höhere Kosten an ihre Kunden weiterzugeben.

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  • Black-Scholes
    Black-Scholes

    Leider steigt jetzt auch der Gaspreis deutlich an. Was sich in den PV-schwachen Wintermonaten über das Merit-Order-Prinzip, also der Preissetzung der dann teueren Gaskraftwerke, zusätzlich auf die Strompreise verstärkend auswirkt. Die Italiener haben hierzu mit der EU einen Preisdeckel bei etwas 60 Euro (MWh) vereinbart (aktueller Gaspreis ca. 90 Euro (MWh).

    14:19 Uhr, 20.10.

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