Europa will künftig bei KI-Chips mitmischen! Kann das gelingen?
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Während Europas Unternehmen bei Maschinenbau, Autos und Industrieelektronik weiter stark sind, entsteht der große Hebel der nächsten Technologiewelle in Fabriken, die bislang vor allem in Taiwan, Südkorea und den USA stehen. Nun prüft die Europäische Kommission gemeinsam mit dem belgischen Forschungszentrum Imec und der deutschen Innovationsagentur SPRIND den Aufbau einer hochmodernen Chipfabrik für KI-Prozessoren in Europa. Das Projekt trägt nach Informationen aus den Gesprächen den Arbeitstitel "EU-made Advanced Semiconductor Manufacturing".
Es ist der Versuch, einen blinden Fleck in Europas Souveränitätsstrategie zu schließen. KI-Modelle, Cloud-Infrastruktur, autonome Systeme und künftige Verteidigungstechnologien hängen zunehmend von besonders leistungsfähigen Halbleitern ab. Wer diese Chips nicht entwirft oder fertigt, bleibt abhängig von Lieferketten, Exportkontrollen und geopolitischen Spannungen. Genau diese Abhängigkeit will die EU verringern.
Der nächste Anlauf nach enttäuschten Hoffnungen
Die Pläne befinden sich noch in einem frühen Stadium. Weder Standort noch Finanzierung sind entschieden. Diskutiert wird nach Angaben einer mit den Gesprächen vertrauten Person unter anderem eine Fabrik für sogenannte Ein-Nanometer-Chips in Deutschland bis 2035. Das wäre technologisch extrem ambitioniert. Schon heute gelten Zwei-Nanometer-Verfahren als nächste große Stufe in der Chipindustrie, weil sie mehr Rechenleistung bei geringerem Energieverbrauch ermöglichen sollen. Imec hatte im Rahmen des ersten europäischen Chips Act bereits 700 Mio. EUR EU-Mittel für die Entwicklung solcher nächsten Chipgenerationen erhalten.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Die Kommission arbeitet an einer Neuauflage ihrer Halbleiterstrategie, dem Chips Act 2.0. Der ursprüngliche European Chips Act von 2023 sollte Europas Halbleiterökosystem stärken, Lieferketten widerstandsfähiger machen und externe Abhängigkeiten reduzieren. Ein zentrales Ziel war, Europas Anteil an der weltweiten Halbleiterproduktion bis 2030 auf 20 % zu verdoppeln.
Die EU-Kommission beschreibt die Initiative ausdrücklich als Baustein technologischer Souveränität und als Antwort auf die Verwundbarkeit globaler Lieferketten. Doch die Bilanz fällt bislang gemischt aus. Europa hat starke Forschungszentren, führende Ausrüster wie ASML und wettbewerbsfähige Anbieter in Spezialsegmenten. Bei der Fertigung modernster Logikchips aber dominieren TSMC, Samsung und Intel. Besonders schwer wog das Scheitern der geplanten Intel-Megafabrik in Deutschland, die 2024 nach finanziellen Problemen des US-Konzerns kollabierte. Damit verlor Europa eines der sichtbarsten Projekte seiner ersten Chipoffensive.
Chips Act 2.0 soll Nachfrage und Kapital bündeln
Der Chips Act 2.0 soll deshalb breiter ansetzen. Nach einem Entwurf, über den Reuters berichtete, will die Kommission nicht nur neue Produktionskapazitäten fördern, sondern auch die Nachfrage nach europäischen Chips stärken. Vorgesehen sind demnach Instrumente wie "Demand Accelerators", Abnahmevereinbarungen und ein Forum, das Hersteller und Abnehmer zusammenbringen soll. Zudem sollen öffentliche Beschaffungsprogramme stärker genutzt werden, um europäische Start-ups und Scale-ups im Halbleiterbereich zu stützen.
Das ist ein wichtiger Kurswechsel. Der erste Chips Act setzte stark auf Angebot, Forschung, Pilotlinien und Ansiedlungen großer Fabriken. Der zweite Anlauf soll offenbar verhindern, dass Europa teure Kapazitäten aufbaut, für die es anschließend zu wenige Kunden gibt. Genau diese Sorge formulierte ASML-Chef Christophe Fouquet ungewöhnlich deutlich. Eine europäische Spitzenfabrik könne am Ende vor allem Wafer produzieren, die in die USA exportiert würden. Europa würde dann subventionieren, während der größere Teil der Wertschöpfung anderswo anfiele.
Europas Stärke liegt nicht dort, wo der KI-Boom am heißesten ist
Das Problem ist offensichtlich. Europa ist in der Chipindustrie nicht bedeutungslos, aber falsch positioniert für den KI-Boom. Der Kontinent ist stark bei Leistungshalbleitern, Sensoren, Industriechips, Automobilanwendungen und den Maschinen, mit denen Chips hergestellt werden. Bei den Hochleistungsprozessoren für KI-Rechenzentren aber liegt die Wertschöpfung weitgehend außerhalb Europas. Die Designs kommen meist aus den USA, die fortschrittlichste Produktion aus Taiwan oder Südkorea.
Genau hier setzt der neue Vorstoß an. Eine europäische KI-Chipfabrik wäre ein Symbolprojekt für die digitale Souveränität, aber zugleich ein finanzielles Wagnis. Eine einzelne Spitzenfabrik kostet leicht zweistellige Milliardenbeträge. Hinzu kommen laufende Investitionen in neue Prozessgenerationen, extrem teure Maschinen, hochspezialisierte Fachkräfte und ein Kundenstamm, der genügend Volumen garantiert. Eine mit den Gesprächen vertraute Person warnte bereits, eine solche Anlage könne dauerhafte Subventionen benötigen.
Brüssel blickt bei seinen Überlegungen auch nach Japan. Dort soll Rapidus, 2022 mit Unterstützung großer japanischer Konzerne und der Regierung gegründet, ab 2027 in die Massenproduktion fortschrittlicher Chips einsteigen. Das Modell zeigt, wie eng Staat, Industrie und Forschung zusammenarbeiten müssen, wenn ein Nachzügler in der Spitzenfertigung aufholen will. Es zeigt aber auch, wie teuer und riskant ein solcher Sprung ist.
Hinzu kommt eine industriepolitische Grundfrage: Soll Europa wirklich versuchen, TSMC, Samsung und Intel in der modernsten Fertigung frontal herauszufordern? Oder wäre es klüger, die eigenen Stärken auszubauen, etwa bei Spezialchips, energieeffizienten Halbleitern, Automobilanwendungen, industrieller KI und Produktionsausrüstung?
Die Kommission scheint beides zu wollen: mehr Resilienz in klassischen Lieferketten und zugleich einen Einstieg in die anspruchsvollste KI-Chipfertigung. Der Chips Act 2.0 soll deshalb auch Kriseninstrumente enthalten, um bei Engpässen schneller reagieren zu können. Der Fall Nexperia hatte zuletzt gezeigt, wie verwundbar Europas Autoindustrie selbst bei vergleichsweise einfachen, sogenannten Legacy-Chips bleibt.
Fazit: Ohne eigene Kapazitäten bei Schlüsseltechnologien bleibt der Kontinent abhängig von den Entscheidungen anderer. Doch eine hochmoderne KI-Chipfabrik wäre kein Selbstläufer, sondern ein Milliardenprojekt mit unsicherem Markt, langem Zeithorizont und erheblichem Subventionsrisiko. In der heutigen Zeit ist daher Kooperation stärker gefragt, als je zuvor. Niemand kann derzeit alles allein machen. Aber auch ohne Europa geht dank ASML & Co. wenig bei den modernsten KI-Chips.

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