Kommentar
12:15 Uhr, 20.05.2026

Dr. Spendigs Nachhaltigkeitssprechstunde: SBTi – Wissenschaftliche Klimaziele mit Widersprüchen?

Servus und moin, moin allerseits aus München!

Willkommen zur nächsten Ausgabe der Nachhaltigkeitssprechstunde! Heute nehmen wir uns ein Kürzel vor, das aus Nachhaltigkeitsberichten kaum noch wegzudenken ist: SBTi. Vier Buchstaben, hinter denen sich eine ganze Philosophie versteckt – und eine ziemlich turbulente Geschichte dazu.

Was ist SBTi – und woher kommt sie?

Die Science Based Targets initiative wurde 2015 gegründet, just in jenem Jahr, in dem auch das Pariser Klimaabkommen verabschiedet wurde. Das Jahr war kein Zufall – man wollte Unternehmen ein konkretes Werkzeug an die Hand geben, um die abstrakten Ziele von Paris in messbare Unternehmensstrategien zu übersetzen. Hinter der Initiative stehen vier Organisationen: der CDP (ehemals Carbon Disclosure Project), der UN Global Compact, das World Resources Institute (WRI) und der WWF. Aus dieser NGO-Allianz ist inzwischen eine eigenständige, gemeinnützige Organisation geworden, die sich selbst zum De-facto-Standard für glaubwürdige Klimaambitionen entwickelt hat.

Die Kernidee ist so simpel wie ehrgeizig: Unternehmen sollen ihre Treibhausgasreduktionsziele nicht mehr nach Gutdünken oder PR-Kalkül festlegen, sondern auf Basis der neuesten Klimawissenschaft – also in dem Maß, das notwendig ist, um die Erderwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen. Daher der Name: science based (wissenschaftsbasiert).

Wie funktioniert SBTi?

Unternehmen, die mitmachen wollen, durchlaufen einen mehrstufigen Prozess. Zunächst verpflichten sie sich öffentlich, innerhalb von 24 Monaten ein wissenschaftsbasiertes Ziel einzureichen. Dann erarbeiten sie – mithilfe standardisierter Methoden – ihre Emissionsreduktionspfade für Scope 1 (direkte Emissionen), Scope 2 (Energie) und in vielen Fällen gefordert und besonders knifflig, Scope 3 (die gesamte Wertschöpfungskette). Die eingereichten Ziele werden von SBTi-Experten geprüft und – bei Erfolg – öffentlich validiert.

Vom Nischen-Phänomen zum Mainstream

Mittlerweile haben sich über 10.000 Unternehmen zur SBTi verpflichtet, darunter viele DAX-Konzerne und globale Schwergewichte wie Apple, PepsiCo oder SAP. Das Besondere: Wer mitmacht, bekommt keine grüne Medaille für nette Absichtserklärungen. Die Ziele werden extern validiert und öffentlich einsehbar gemacht.

Die Wachstumskurve der SBTi ist beeindruckend. Während die ersten 1.000 Validierungen bis 2021 noch sechs Jahre dauerten, kamen allein 2025 über 2.800 neue Unternehmen hinzu – ein Plus von 40 Prozent. Besonders interessant: Europa war lange Vorreiter, doch das aktuelle Wachstum wird maßgeblich von Asien getrieben. Japan ist mit über 2.000 Firmen absoluter Spitzenreiter, und China legte zwischen 2024 und 2025 um 92 Prozent zu.

Für Unternehmen hat die SBTi-Zertifizierung längst potenziell strategische Bedeutung. SBTi berichtet, dass entsprechende Maßnahmen die Profitabilität steigern und das Vertrauen von Investoren heben solle. Hinzu kommt: Unter der CSRD und dem ESRS E1 müssen Unternehmen erklären, inwieweit ihre Ziele mit der Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad vereinbar sind. Wer ein validiertes SBTi-Ziel vorweisen kann, hat diesen Nachweis bereits in der Tasche.

Wer ohne SBTi-Validierung von „Klimaneutralität“ spricht, riskiert zunehmend den Vorwurf des Greenwashings. SBTi hat damit einen wichtigen Beitrag zur Qualitätssicherung im Nachhaltigkeitsreporting geleistet – zumindest in der Theorie.

Kein Aufstieg ohne Stolpersteine

Doch in jüngster Zeit hat SBTi selbst erheblich an Glaubwürdigkeit verloren. 2024 wurde bekannt, dass der Vorstand der Initiative – ohne Rücksprache mit den wissenschaftlichen Experten – ankündigte, zukünftig auch Kohlenstoffdioxidkompensationen (Carbon Offsets) für Scope-3-Emissionen anzuerkennen. Das war eine fundamentale Kehrtwende gegenüber der bisherigen strengen Linie.

Die Reaktion war scharf: Mehr als 80 % der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterzeichneten einen offenen Protestbrief. Mehrere Vorstandsmitglieder traten zurück. Externe Klimawissenschaftler kritisierten die Entscheidung als Untergrabung der gesamten Initiative. Der Verdacht stand im Raum, dass Unternehmenslobbyismus Einfluss auf die Governance genommen hatte.

Hinzu kamen Berichte über strukturelle Probleme: zu lange Validierungszeiten, intransparente Prüfprozesse und das Vorwurf, dass manche Unternehmen ihre Ziele zwar einreichen, aber bei der Umsetzung kaum Kontrolle erfahren. SBTi prüft nämlich die Ziele, nicht deren tatsächliche Erreichung.

Was bleibt?

SBTi bleibt trotz aller Turbulenzen ein wichtiges Instrument – vielleicht sogar das wichtigste, das wir derzeit haben, um Unternehmensklimastrategie zu standardisieren. Aber die Ereignisse der letzten Jahre zeigen: Auch vermeintlich neutrale Institutionen sind anfällig für Interessenkonflikte und Governance-Versagen.

Die entscheidende Frage für die Zukunft lautet: Kann SBTi seine wissenschaftliche Integrität zurückgewinnen und gleichzeitig praktikabel genug bleiben, um breite Akzeptanz zu finden? Die Antwort darauf wird darüber entscheiden, ob das Kürzel „SBTi“ weiterhin für Glaubwürdigkeit steht – oder eines Tages nur noch für gut gemeinte, aber zahnlose Absichtserklärungen.

Die SBTi ist kein makelloses Instrument. Sie ist politisch umkämpft, methodisch im Wandel und organisatorisch unter Druck. Aber sie bleibt ein – wenn nicht gar das – Maßstabssystem, an dem sich glaubwürdige Klimaambitionen in der Wirtschaft messen lassen.

IHRE, werte Leserinnen und Leser, glaubwürdige Ambition sollte sein, nachhaltig gesund zu bleiben. Daher: Achten Sie gut auf sich. Bis zur nächsten Sprechstunde,

Ihr Dr. Spendig

Das könnte Dich auch interessieren