Deutsche Bank: Honeymoon bei KI ist vorbei
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Von Hans Bentzien
DOW JONES--Künstliche Intelligenz (KI) ist überall auf dem Vormarsch, ob im Beruf, im Privaten oder als Investment. Eine Studie des Forschungsinstituts der Deutschen Bank legt nun aber nahe, dass der Honeymoon von menschlicher und künstlicher Intelligenz im laufenden Jahr zu Ende geht. Die Analysten Adrian Cox und Stefan Abrudan haben ihre Bedenken in einem Papier niedergelegt, das in die drei Punkte gegliedert ist.
1. Desillusionierung
KI mag eine transformative Kraft sein, aber noch ist sie es nicht. Nutzer in Unternehmen stoßen zunehmend darauf, dass KI Fehler macht, dass es schwierig ist, sie in den Wechselfällen des "Real Life" einzusetzen und dass es noch einige Zeit dauern wird, bis es wirtschaftlicher ist, KI anstatt von Menschen einzusetzen. Zwar gebe es starke Fortschritte etwa bei der KI-Programmierung mit Hilfe der KI, doch: "Für die meisten Menschen fühlt es sich nicht wie der Wechsel vom Pferd auf den Traktor, sondern wie der Wechsel zu einem komfortableren Sattel an", schreiben die Analysten. KI sei in einem beruflichen Umfeld meist ein Werkzeug, das Orientierung und Interpretation brauche. Und die "gezackte Grenze" zwischen dem, was KI könne und dem, wo sie überraschend schlecht sei, bestehe fort.
Die Deutsche Bank zeigt in ihrer Studie eine Grafik, aus der hervorgeht, dass gegenwärtig vier von acht KI-Agenten Aufgaben ebenso gut wie ein Mitarbeiter mit 14 Jahren Berufserfahrung erledigen können und keine besser. Die Plätze 1 bis 5 in dem von OpenAI und Deutscher Bank erstellten Ranking nehmen GPT-5.2, Claude Opus 4.5, Gemini 3 pro und Claude Sonnet 4.5 ein. Laut einer Umfrage des Bureau of Census nutzen derzeit nur 18 Prozent der US-Unternehmen KI, wobei der Anteil in großen Unternehmen deutlich höher ist.
2. Verwerfung
Die Analysten rechnen damit, dass die Nachfrage nach KI 2026 so stark wachsen wird, dass die Kapazitäten nicht ausreichen werden - Engpässe, Netzeinschränkungen, Personalknappheit. "KI beruht auf der komplexesten Lieferkette der Geschichte, und das Fehlen eines von hunderttausend Teilen kann den Prozess zum Stehen bringen", schreiben sie. Nach ihrer Einschätzung generieren die so genannten Hyperscaler noch genug Cashflow aus ihren Operationen, um alle Investitionen zu finanzieren, und auf der Kundenseite wachsen etwa bei den Banken die Investitionen mit Rekordtempo. Außerhalb der USA wächst die Nachfrage ebenfalls stark, weil man in Europa und im Nahen Osten zunehmend Wert auf Datensouveränität legt.
Die kurzfristig größte Sorge betrifft die Knappheit an Hochleistungsspeichern, die auf die Nachfrage nach normalen Speichern für Laptops, Handys und Autos übergreift und zu Preiserhöhungen zu führen droht. "Es gibt aber viele weitere Gebiete, wo ein einziges Exportverbot oder eine ausbleibende Zulassungsbescheinigung das Ausrollen (eines neuen Produkts) zum Stehen bringen könnten", warnen Cox und Abrudan. Und das gelte auch ohne die Effekte der im August in Kraft tretenden EU-KI-Richtlinie oder eine Eskalation der Spannungen um Taiwan.
2026 könnte nach ihrer Einschätzung zum Schicksalsjahr für unabhängige KI-Entwickler werden. Das gelte besonders für OpenAI, da das Unternehmen bisher kein Geschäftsmodell gefunden habe, das seinen Barmittelbedarf (2026: 17 Milliarden US-Dollar) decke. "Die marginalen Kosten jeder Interaktion steigen weiter, vor allem weil Diskussionen und das Generieren von Videos immer gebräuchlicher werden", schreiben sie. Nur ein Bruchteil der 800 Millionen Nutzer der OpenAI-Modelle zahle dafür. Der Druck auf OpenAI werde im Zuge des für Anfang 2027 geplanten Börsengangs zunehmen.
3. Misstrauen
Die Angst vor KI wird laut der Studie 2026 lauter artikuliert werden. Zeigen werde sich in einer höheren Zahl an gerichtlichen Klagen wegen Verletzungen von Urheberrechten und der Privatsphäre, wegen des Standorts von Datencentern und wegen des Schutzes junger Menschen vor dem schädlichen Einfluss von Chatbots. Auch die Angst vor Arbeitsplatzverlusten durch KI dürfte zunehmen, auch wenn es hinsichtlich des tatsächlichen Schadens diesbezüglich noch wenig verlässliche Daten gibt. Zwar ist der Anteil von Hochschulabsolventen an der Gesamtbeschäftigung in von KI beeinflussten Berufsfeldern laut einer Stanford-Studie um 16 Prozent gesunken, doch fiel ein Großteil des Untersuchungszeitraums in die Phase steigender US-Leitzinsen.
Die Analysten rechnen zudem damit, dass Unternehmen in diesem Jahr Entlassungen vermehrt mit dem Einsatz von KI begründen dürften, obwohl eigentlich andere Gründe vorlägen. Andererseits seien Mitarbeiter mit KI-Fähigkeiten stärker gesucht. Schließlich wird das starke Wachstum der Hyperscaler (Amazon, Alphabet, Meta und Oracle) zunehmend zu einem politischen Thema, weil sie so viel Strom und Wasser verbrauchen. Und es besteht die Gefahr eines verschärften Wettbewerbs zwischen US- und chinesischen Unternehmen. "Der Kampf um den Besitz des globalen Standards wird eskalieren", glauben Cox und Abrudan.
Kontakt: hans.bentzien@dowjones.com
DJG/hab/apo
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