Analyse
14:52 Uhr, 11.10.2026

Chip-Krieg der Zukunft: USA und Asien dominieren und Europa?!

Die wichtigste Industrie der nächsten Jahrzehnte ist der Chipsektor! Europas gefährliche Lücke, ASML Weltklasse, beim KI-Chipboom trotzdem fast außen vor ...

Halbleiter sind inzwischen keine gewöhnliche zyklische Industrie mehr. Sie sind die Basistechnologie hinter KI, Robotik, autonomem Fahren, Rechenzentren, Energienetzen, Verteidigung, Kommunikation und industrieller Automatisierung. Wer die entscheidenden Teile dieser Wertschöpfungskette kontrolliert, kontrolliert einen erheblichen Teil der technologischen Entwicklung der kommenden Jahrzehnte. Europa besitzt mit ASML den strategisch wichtigsten einzelnen Zulieferer der gesamten Halbleiterindustrie, ist aber beim eigentlichen KI Compute Boom trotzdem überwiegend Zuschauer. Europa fehlen sowohl große, führende Fabs für die massenhafte Produktion modernster Chips wie in Taiwan und Südkorea als auch die breite Weltklasse im Chip Design, wie sie die USA mit Nvidia, AMD, Broadcom oder Qualcomm haben.

Beim KI Chip Boom sitzt die eigentliche Wertschöpfungsmacht heute vor allem in den USA sowie in Taiwan, Südkorea und Japan. 2025 wuchs der globale Halbleitermarkt auf rund 796 Mrd. Dollar, getrieben vor allem von Logic (CPUs, GPUs und KI-Beschleuniger) und Memory (DRAM, HBM, NAND Flash) für Rechenzentren und KI. Asien Pazifik legte dabei um 45,4% zu, die USA um 31,4%, Europa dagegen nur um 6,7%.

Die USA sind dabei vor allem das Gehirn des Systems, sie sind also auch hier Supermacht. Wer die USA abschreibt, lebt hinterm Mond. Paradebeispiel ist NVidia mit Architektur, GPU Design, CUDA Software, kompletten KI-Systemen. Dazu kommen AMD bei GPUs und CPUs, Broadcom und Marvell bei Custom AI ASICs und Networking, Qualcomm im Edge Bereich, Micron beim Speicher, Intel bei CPUs, Foundry und Packaging sowie Applied Materials, Lam Research und KLA beim Fertigungsequipment. Auch die dominierenden Chipdesign Werkzeuge und IP-Ökosysteme kommen überwiegend aus den USA. Deshalb kann man den amerikanischen Anteil nicht einfach anhand der dort produzierten Wafer messen. Die USA kontrollieren überproportional viel geistiges Eigentum, Systemdesign, Software und damit die margenstärksten Teile der Wertschöpfung. Die eigentliche KI-Nachfrage ist ebenfalls stark amerikanisch geprägt durch Microsoft, Amazon, Google, Meta, Oracle und andere Hyperscaler.

Asien ohne China ist dagegen die Fabrik und zunehmend auch ein technologisches Herzstück. Taiwan ist mit Taiwan Semiconductor (TSMC) praktisch das industrielle Rückgrat des KI-Booms. Nvidia, AMD, Apple, Broadcom und viele Custom ASIC Anbieter können ihre modernsten Designs nur deshalb in riesigen Stückzahlen bauen, weil TSMC die führenden Fertigungsprozesse und Advanced Packaging Verfahren beherrscht. TSMCs Umsatz sprang allein im dritten Quartal um rund 50% auf einen Rekordwert von etwa 46,7 Mrd. Dollar, maßgeblich wegen KI. Der Aktienmarkt Taiwan hat durch den enormen KI- und Halbleiterboom inzwischen etwa 5,3 bis 5,5 Billionen Dollar erreicht und ist damit in dem Ranking der weltgrößten Aktienmärkte zeitweise sogar auf Rang 4 vorgerückt. Hinter Japan. Diese kleine Insel direkt vor dem chinesischen Festland auf Platz 4, krass.

Südkorea ist wiederum das Gedächtnis der KI-Revolution. SK hynix und Samsung sind zusammen mit Micron die entscheidenden Hersteller von DRAM und besonders HBM. Ohne HBM funktionieren die modernen Nvidia, AMD und Custom AI Beschleuniger schlicht nicht sinnvoll. Der aktuelle KI- Zyklus ist also ein GPU Zyklus UND ein HBM Zyklus.

Japan wird häufig unterschätzt. Es hat seine frühere Dominanz bei fertigen Chips verloren, sitzt aber an vielen Stellen tief in der Produktionskette. Tokyo Electron ist einer der größten Halbleiterausrüster der Welt, Advantest ist zentral beim Chip Testing, Disco bei Schneid- und Bearbeitungssystemen, Lasertec bei EUV Maskeninspektion. Hinzu kommen extrem starke Hersteller von Wafern, Chemikalien, Fotolacken und Spezialmaterialien.

China ist ein Sonderfall. China besitzt inzwischen gewaltige Fertigungskapazitäten, besonders bei älteren und mittleren Nodes. SEMI erwartet für dieses Jahr etwa 25% der weltweiten 300 mm Kapazität, mehr als jede andere einzelne Region. Bei Analog Chips dürfte China dieses Jahr bereits ungefähr 34% der globalen Kapazität stellen, bei Discretes sogar rund 49%, bei Logic und Micro etwa 23%. Bei Hochleistungs-KI-Chips rangiert China aber unter ferner liefen weiterhin weit hinter Nvidia, TSMC und den koreanischen HBM-Herstellern, vor allem wegen Lithografie, Equipment, HBM und Exportrestriktionen. Man sollte China aber nicht abschreiben. Huawei, HiSilicon, SMIC, CXMT und YMTC bauen systematisch ein eigenes Ökosystem auf. Chinas riesiger Binnenmarkt und industrielle Fertigung ermöglichen enorme Skalierung und schnelle Iteration. Iteration meint, ein Produkt wird entwickelt, getestet, Fehler und Schwächen werden erkannt, verbessert und sehr schnell in einer neuen Version wieder produziert. Je kürzer diese Schleife aus Entwickeln, Testen, Lernen und Verbessern ist, desto schneller steigt die Qualität.

Europa hält insgesamt ungefähr 10% des weltweiten Halbleiterumsatzes beziehungsweise rund 12% der gesamten Semiconductor Value Chain, besitzt aber weniger als 1% der globalen Massen-Auftragsfertigung in Fabriken und Hochleistungs-Chipdesign. ASML ist die gewaltige Ausnahme. Das niederländische Unternehmen ist zentral im weltweiten Chipsektor gelegen, ohne ASML geht nichts! Derzeit wird mit der Begrifflichkeit "Flaschenhals" inflationär um sich geworfen, aber für ASML trifft der Begriff zu 100% zu. Ohne ASMLs EUV-Systeme gibt es keine wirtschaftliche Spitzenfertigung bei TSMC, Samsung oder Intel. 2025 erzielte ASML 32,7 Mrd. € Umsatz und verkaufte 48 EUV Systeme. Dieses Jahr soll der EUV-Umsatz wegen KI, Leading Edge Logic und DRAM erneut stark steigen. Zusammen mit Zeiss, das die hochpräzisen EUV-Spiegel liefert, kontrolliert Europa hier eine Technologie, die praktisch nicht substituierbar ist.

Aber Europa besteht nicht nur aus ASML. Im Folgenden übernehme ich die Beschreibung mit Fachbegriffen direkt aus institutionellem Research, liest sich also etwas trocken, sorry: ASM International aus den Niederlanden ist bei Atomic Layer Deposition, kurz ALD, ausgesprochen wichtig. ALD wird mit immer komplexeren Transistorstrukturen wie Gate All Around noch relevanter. ASM hat außerdem seinen Anteil am Leading Edge Epitaxy Markt auf rund 25% erhöht und profitiert direkt von Advanced DRAM und HBM. Mehr als die Hälfte des Equipment Umsatzes 2025 kam bereits aus ALD. Besi aus den Niederlanden ist im Advanced Packaging und Hybrid Bonding interessant. Packaging wird durch Chiplets, HBM und die enorme Bandbreite moderner KI-Systeme immer wichtiger. Dann gibt es Soitec aus Frankreich bei Spezialsubstraten und Silicon Photonics. Deren Photonics SOI steckt bereits in modernen optischen Datenübertragungssystemen und wird für Co Packaged Optics interessant, wenn Rechenzentren immer mehr Daten zwischen GPUs bewegen müssen. Deutschland besitzt mit Infineon einen Weltklassekonzern, allerdings nicht im Nvidia-Segment. Infineon ist stark bei Leistungshalbleitern, Siliziumkarbid, Galliumnitrid, Automotive, Mikrocontrollern und Energieversorgung. Immerhin gibt es hier einen indirekten KI-Hebel: Ein KI-Rechenzentrum muss enorme Strommengen sehr effizient umwandeln. Infineon adressiert dieses Geschäft inzwischen ausdrücklich als Wachstumsmarkt für KI Data Center. Dazu kommen STMicroelectronics sowie NXP. Beide sind technologisch bedeutend bei Automotive, Industrie, Mikrocontrollern, Analog, Sensorik und Edge Computing. Sie sitzen aber eben nicht dort, wo momentan die extremsten Gewinnpools entstehen, also GPU, HBM, Leading Edge Foundry und hyperskalige KI-Beschleuniger. Eine interessante europäische Sonderrolle spielt außerdem Arm aus Großbritannien. Arm produziert keine Chips, seine CPU Architektur steckt aber inzwischen fast überall und wird auch im KI-Rechenzentrum immer wichtiger. Neoverse CPUs koordinieren GPUs und KI-Beschleuniger, bewegen Daten und übernehmen Networking, Storage und Control Workloads. Mit zunehmender Agentic KI steigt diese CPU Last. Arm positioniert seine neuen Neoverse Systeme deshalb explizit für KI- Rechenzentren.

Wenn man die globale KI-Halbleiterkette stark vereinfacht, sieht sie deshalb ungefähr so aus:

USA: Design, GPU, Custom ASICs, Software, EDA, Equipment und Hyperscaler.

Taiwan: Modernste Auftragsfertigung und Advanced Packaging.

Südkorea: HBM und DRAM, und Foundry.

Japan: Equipment, Materialien, Wafer, Testing und Spezialtechnologien.

China: Enorme Fertigungskapazität, Mature Nodes, wachsendes eigenes KI-Ökosystem.

Europa: Lithografie und ausgewählte kritische Equipment Technologien, Power Chips, Automotive, Analog und Spezialmaterialien, aber kaum Leading Edge AI Chipdesign und kaum große Foundries.

Die eigentliche Achse des KI-Zeitalters sind USA plus Taiwan plus Korea plus Japan. Die USA liefern einen großen Teil der Designs und Software, Taiwan fertigt sie, Korea liefert den Speicher, Japan und Europa liefern kritische Produktionswerkzeuge und Materialien. China versucht mit gewaltigem Kapitaleinsatz eine zweite, zunehmend eigenständige Semiconductor Wertschöpfungskette daneben aufzubauen. Hier spielt Europa derzeit eine marginale Rolle (wenn wir ASML ausklammern).


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