Aus dem ETF Magazin: "Schwierige Wahl"
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17. Februar 2026. MÜNCHEN (ETF Magazin). Mehr als 300 ETFs sind vergangenes Jahr an Deutschlands Börsen neu zum Handel zugelassen worden. Ungewöhnlich dabei: Erstmals starteten mehr aktiv gemanagte ETFs (Aktiv-ETFs) als passive Index-ETFs – obwohl die Nachfrage nach Aktiv-ETFs bisher überschaubar ist.
Über 160 aktiv verwaltete ETFs kamen bis Ende November an die deutschen Börsen. Ihre Anbieter preisen die neue ETF-Generation als das Beste aus zwei bisher getrennten Welten: Aktives Portfoliomanagement plus Börsenhandel mit untertägiger Liquidität. Kritische Marktbeobachter halten die Aktiv-ETFs jedoch wegen ihrer höheren Verwaltungskosten für eine Mogelpackung.
Höchste Zeit also für eine Bestandsaufnahme: Was unterscheidet die neuen Aktiv-ETFs wirklich von Index-ETFs? Und bieten sie tatsächlich den Mehrwert, den sie versprechen?
Aktiv verwaltete ETFs vertrauen auf einen Portfoliomanager und/oder ein Entscheidungsmodell, um gezielt eine Auswahl von Aktien (oder Anleihen) zu treffen, die im Ergebnis eine bessere Wertentwicklung (abzüglich Kosten) als ihr Vergleichsmarkt erzielen sollen. Aktiv-ETFs streben in aller Regel eine Mehrrendite an. Sie wollen also „Alpha“ erwirtschaften, wie klassische Publikumsfonds, anstatt lediglich die Wertentwicklung eines Marktes zu erzielen.
Aktiv-ETFs sind also keine Index-Tracker mehr, sondern Alpha-Sucher, was bekanntlich nur in wenigen Fällen und oft auch nicht über lange Zeiträume gelingt. Kenner der Fondsbranche wissen zudem, dass Alpha grundsätzlich nur mittels höherer Aufwände und durch Selektion zu erzielen ist, also durch höhere Verwaltungsvergütungen und konzentrierte Portfolios.
Die führenden ETF-Anbieter wie iShares, Amundi, Xtrackers und Invesco, aber auch UBS, Deka und BNP Paribas haben 2025 neben passiven Index-ETFs auch aktiv verwaltete ETFs auf den Markt gebracht. Und J.P. Morgan, der Marktführer bei Aktiv-ETFs, hat im laufenden Jahr bereits 15 Aktiv-ETFs lanciert, die alle mit dem Label „research enhanced“ versehen sind. J.P. Morgan bietet Anlegern im deutschsprachigen Raum inzwischen fast 100 Listings seiner Aktiv-ETFs an.
Viele Mitspieler
Gleichzeitig drängen immer mehr etablierte aktive Fondshäuser wie DJE Kapital, Eurizon, Jupiter, Nordea, Oddo BHF, Robeco und Schroders in den europäischen ETF-Markt. Diese Anbieter waren bislang nur für aktiv verwaltete Fonds ohne Börsenhandel bekannt. Nun möchten sie mit Aktiv-ETFs auch im Wachstumsmarkt der ETFs mitmischen und dabei auch Zugang zu digitalen Plattformen erhalten. Dort handelt vor allem die Gen Z, der unter 35-jährigen Anleger. Sie haben ETF-Sparpläne als bevorzugte Anlageform entdeckt.
Außerdem bringen große amerikanische ETF-Anbieter wie Dimensional und Aventis nun ihre schon in den Vereinigten Staaten aufgelegten Aktiv-ETFs auch in Europa an den Start. Neben diesen großen Spielern erscheinen jedoch auf der ETF-Anbieterbühne auch zunehmend junge, bislang unbekannte europäische Herausforderer wie Ultramarin aus Deutschland und Investlinx aus Italien. Diese neuen Asset Manager setzen überwiegend auf aktive ETFs.
Die Angebote der meisten Anbieter klingen verlockend. Doch es gilt an dieser Stelle bereits festzuhalten: Aktiv-ETFs verkomplizieren die Suche nach dem passenden ETF, weil sie zwar mit Zusatzrendite locken, aber selbst oft für Experten nur schwer nachvollziehbar ist, wie diese erreicht werden soll. Vollkommen undurchsichtig wird es bei den neuen sogenannten
semi-transparenten Aktiv-ETFs von Fidelity. Diese veröffentlichen ihre Portfolio-Zusammensetzung nicht täglich, wie bei ETFs üblich, sondern nur noch nur quartalsweise mit 30 Tagen Verzögerung.
Grundsätzlich sind Aktiv-ETFs auch weniger diversifiziert als marktbreite ETFs, die regionale oder weltweite Standard-Indizes abbilden. Aktiv-ETFs kann man also in vielen Fällen mit Branchen- oder Faktor-ETFs vergleichen. Wenn die Gewichtung von Aktiv-ETFs nicht nach Marktkapitalisierung erfolgt, sondern abweichend quantitativ festgelegt wird, dann sind sie sogar Faktor-ETFs oder Smart-Beta-Strategien sehr ähnlich.
Die europäischen Fondsaufseher haben bis dato noch keine Pflicht erlassen, dass aktiv verwaltete ETFs den Namenszusatz „active“ tragen müssten. Das ist im Sinne der oft bemühten Produkt-Klarheit bzw. -Wahrheit für private Anleger bedauernswert, ja eigentlich unverständlich. Aktuell schmücken sich nur rund 40 Prozent aller Aktiv-ETFs mit dem Zusatz „active“ in ihrem Namen. Interessanterweise findet man aber den Zusatz „enhanced“ im Namen jedes dritten aktiven ETFs und bei mehreren Anbietern. Auch der Namenszusatz „research“ wird häufig verwendet.
Grundsätzlich ist es um ein Vielfaches komplizierter, die Zielrichtung und Anlagestrategie von Aktiv-ETFs zu analysieren als bei Standard-Index-ETFs wie auf den S&P-500 oder für den MSCI-Europe. Deshalb sprechen einige Fonds- und ETF-Selektoren bei Aktiv-ETFs von Abenteuer-ETFs, weil man in vielen Fällen schon über vertiefte Kenntnisse verfügen muss, um überhaupt verstehen zu können, mit welchem aktiven Managementansatz die mögliche Zusatz-Rendite erwirtschaftet werden soll.
Vier Kategorien
Wir unterteilen in unserer Index- und ETF-Datenbank Aktiv-ETFs in vier Kategorien: Freestyle-Aktiv-ETFs, semi-aktive ETFs, derivativ-optimierte Aktiv-ETFs und eine Rest-Gruppe, die sich nicht eindeutig den ersten drei Kategorien zuordnen lässt. Bei Misch-ETFs zählen wir hierzu vor allem die ETFs, die gemäß Verkaufsprospekt ihre Vermögensallokation mittels Rebalancing auf die strategische Aufteilung zurückstellen.
Freestyle-Aktiv-ETFs verzichten meist auf die Benennung eines Referenzindexes. Sie sind Stock-Picker-ETFs, wie man sie aus der Welt der Publikumsfonds kennt. Sie werden von den Anbietern selbst auch als High-Conviction-Aktiv-ETFs bezeichnet.
Semi-aktive ETFs bezeichnen wir auch als Index-Picker-ETFs. Sie versuchen häufig mit 30 Prozent bis 50 Prozent der Indexkomponenten ihre Wertentwicklung im Verhältnis zum Vergleichsmaßstab zu optimieren bzw. sogar zu übertreffen. Oft bieten die Anbieter hierfür auch Bandbreiten für den Tracking-Error, letztendlich den Grad der Abweichung von der Benchmark.
Derivativ-optimierte Aktiv-ETFs sind unserer Auffassung nach nur als taktisches Instrument für Investmentprofis geeignet. Sie setzen derivative Strategien zur Ergebnisoptimierung ein, oft mit dem Ziel mögliche Verlustrisiken zu reduzieren. Die Wertentwicklung dieser strukturierten ETFs ist meist nicht mehr linear und daher für Investoren ohne vertiefte Derivate-Kenntnisse nicht nachvollziehbar. Unser Urteil: Das ist nichts für Privatanleger!
Aktiv vs. Passiv
Um die Unterschiede und Besonderheiten herauszuarbeiten, schauen wir uns einige aktive ETFs für den Weltaktienmarkt etwas genauer an. Für diese Aktiv-Passiv-ETF-Analyse haben wir sieben Aktiv-ETFs von unterschiedlichen Anbietern ausgewählt, die sich wie MSCI World-ETFs überwiegend auf die Aktienmärkte der rund zwei Dutzend Industrieländer konzentrieren, also vor allem die Large- und Mid-Cap-Aktien aus Nordamerika, Europa und Asien.
Zum direkten Vergleich haben wir zwei etablierte Index-ETFs auf den MSCI-World-Index ausgewählt. Zum einen betrachten wir den Marktführer iShares Core MSCI World ETF mit fast 105 Milliarden Euro ETF-Vermögen. Dieser ETF ist aktuell der zweitgrößte ETF Europas und hat 0,2 Prozent pro Jahr laufende Kosten (TER).
Zudem haben wir den aktuellen Preisführer bei den Weltaktien-ETFs berücksichtigt: Der UBS Core MSCI World ETF wird seit diesem Frühjahr mit einer TER von nur noch 0,06 Prozent p.a. angeboten. Damit ist er gegenwärtig im deutschsprachigen Raum der preisgünstigste ETF zur Abbildung des MSCI-World-Index.
Bei den Aktiv-ETFs geht die Kostenschere zwischen den Verwaltungsvergütungen (VV) der einzelnen ETFs unserer Auswahlgruppe noch stärker auseinander. Hier liegt die Spanne der VV p.a zwischen 0,2 Prozent und 0,85 Prozent.
Es sei angemerkt, dass wir in unseren ETF-Vergleichen beziehungsweise Ratings auch weitere Kosten wie Transaktionskosten und geschätzte Kosten für die Wertpapierleihe berücksichtigen. Zudem analysieren wir die Transparenz des ETF-Anbieters und die tatsächliche Liquidität an deutschen Börsen.
Merkliche Abweichungen
Von den ausgewählten sieben Aktiv-ETFs nutzen vier ETFs den MSCI World-Index als Vergleichsmaßstab, der aktuell rund 1320 Aktien enthält. Zwei weitere Aktiv-ETFs bilden noch breitere MSCI-Indizes ab. Die Anzahl der Wertpapiere des Index und der wirklich im Portfolio enthalten Aktien sind jeweils in der Tabelle aufgeführt.So läßt sich intuitiv erschließen, wie nah oder distanziert die einzelnen Manager ihrer Benchmark folgen.
Diese Aktiv-ETFs werden quantitativ gesteuert und sie nutzen die Weltaktien-Indizes von MSCI als Vergleichsmaßstab. Zugleich definiert die Titelliste des Index das „Fanggebiet“ der ETFs, aus dem sie sich dann nach ihrem Management-Ansatz die „Rosinen“ herauspicken. Fünf der betrachteten sieben Aktiv-ETFs sind also „Index-Picker“. Sie wollen mit einer Auswahl von 180 bis 720 Aktien den Index schlagen. Lediglich der aktive Avantis-ETF, der auch in Small Cap-Aktien investiert, ist marktbreit mit rund 3200 Aktien aufgestellt, sein „Fanggebiet“ ist der MSCI World Investable Markets (IMI) mit fast 5200 Aktien, also quasi der MSCI World inklusive Small Caps. Der einzige wirklich aktive Stockpicker-ETF kommt von Investlinx. Dieser Aktiv-ETF konzentriert sich auf nur 30 Aktien und verzichtet beispielsweise grundsätzlich auf Bankaktien, was ETF-Anleger aber nur wissen können, wenn sie die Fondskommentare studiert hätten.
Die beiden passiven MSCI-World-ETFs von iShares und UBS erzielen auf Ein-Jahressicht einen Wertzuwachs von rund 4,6 Prozent (Stand: 21. Nov. 2025), aber der passive UBS-ETF hat die Nase mit 11 Basispunkten leicht vorne. Bei den sieben Aktiv-ETFs gibt es zwei Outperformer und vier Underperformer, während der BNP-Aktiv-ETF mit 4,6 Prozent ebenfalls eine „Passiv-Performance“ erzielt. Diese Ergebnisse sind nicht repräsentativ, aber unsere Auswahlgruppe zeigt exemplarisch, dass die Streuung der Anlageergebnisse bei den sieben Aktiv-ETFs sehr breit ist. Die Jahresrenditen liegen zwischen minus 0,9 Prozent und plus 6,6 Prozent. Die beiden passiven MSCI-World-ETFs erwirtschaften dagegen beide mit je rund 4,6 Prozent die Marktperformance.
Fazit
Aktiv-ETFs sind in unserer Vergleichsgruppe und gemäß unserer Index- und ETF-Datenbank meistens semi-aktiv verwaltete ETFs mit einem Vergleichsindex. Deshalb betrachten wir Aktiv-ETFs in erster Linie als eine Beimischungsmöglichkeit für ein breit diversifiziertes Portfolio, das ausschließlich mit ETFs unterschiedlicher Anbieter bestückt ist. Die Auswahl von Aktiv-ETFs ist vielschichtig und erfordert erhebliche Detailkenntnisse von Investoren, die oft schlicht einfach nicht vorhanden sind.
Anlegerinnen und Anleger sollten aktive und passive ETFs für eine Anlagekategorie, wie in unserem Beispiel für Weltaktien (Industrieländer), immer direkt miteinander vergleichen. Der aktive Quant-ETF von HSBC liegt im Ein-Jahres-Vergleich vorne, dies sogar bei einer niedrigeren Volatilität als die milliardenschweren Passiv-ETFs.
Aber: Im Börsenhandel sind die meisten passiven MSCI-World-ETFs ihren aktiv gesteuerten Herausforderern weit überlegen, denn die Liquidität der passiven Weltaktien-ETFs ist deutlich höher – was sich in sehr viel engeren Geld-Brief-Spannen ausdrückt. Diese somit niedrigeren impliziten Kosten sollten in einer vollumfänglichen Analyse unbedingt auch berücksichtigt werden.
Anleger sollten bei Aktiv-ETFs die wohlklingenden Marketing-Verheißungen genau prüfen. Nur wenige Aktiv-ETFs haben aktuell unseren Analysen zufolge das Zeug dazu, Index-ETFs für marktbreite Aktienindizes zu ersetzen. Für Anleger ohne besondere Kenntnisse und Anlageerfahrungen lohnt es sich mehr, den besten Passiv-ETF (z.B. für den MSCI World Index) ausfindig zu machen, als erheblichen Zusatzaufwand für die Beurteilung eines Aktiv-ETF zu betreiben. Wer jedoch das Abenteuer der aktiven ETF-Auswahl dennoch eingehen möchte, sollte Aktiv-ETFs lediglich als Beimischung betrachten, die mit bis zu 10 Prozent ein Portfolio verfeinern könnte.
Von Markus Thomas, Dezember 2025, © ETF Magazin
Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ETF Magazins, dem Fachjournal für Profis und informierte Anleger*innen.



