Aus dem ETF Magazin: "Kapitalmarkt nutzen"
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10. Oktober 2026. MÜNCHEN (ETF Magazin). Am 1. Januar 2027 schafft Deutschland den Garantiezwang in der staatlich geförderten Altersvorsorge ab. An die Stelle der Riester-Rente tritt das Altersvorsorgedepot. Es setzt beim privaten Vermögensaufbau stärker auf Aktien und Anleihen. Die neue Lösung will so die private Altersvorsorge vom Versicherungs- ins Kapitalmarktdenken überführen.
Das Angebot ist attraktiv für alle, die Vermögen für den Ruhestand aufbauen wollen. Dazu tragen auch hohe staatliche Zulagen bei. Vorgesehen sind bis zu 540 Euro Zuschuss pro Jahr auf Einzahlungen sowie Kinderzulagen und ein Berufseinsteigerbonus (s. Grafik S. 37). Für ETF-Anbieter eröffnet die Reform der Altersvorsorge einen Markt mit erheblichem Nachfragepotenzial. Ob daraus ein Massenmarkt wird, hängt davon ab, ob auch jene erreicht werden, die bisher weder einen ETF-Sparplan noch einen Riester-Vertrag haben. Im Zweifel warten sie eher auf den Besuch eines Vertreters als auf einen Kostenvergleich.
Abkehr vom Dogma
Für die ETF-Branche ist das Altersvorsorgedepot die tiefgreifendste regulatorische Weichenstellung seit Jahren: Kern der Reform, die der Bundestag im März verabschiedet hat, ist die Lockerung der bisherigen Kapitalerhaltungspflicht. Anbieter müssen künftig nicht mehr für jeden eingezahlten Euro eine hundertprozentige Beitragsgarantie stellen. In der Variante des „freien“ Altersvorsorgedepots kann das Kapital fast vollständig in Aktien-ETFs fließen.
Eine Garantiehülle schmälert die Rendite dann nicht mehr. Wer eine Absicherung will, bekommt sie als separat bepreiste, ausdrückliche Zusatzleistung und nicht mehr als automatische Beimischung. Aus einem Teilsegment für Selbstentscheider kann so binnen weniger Jahre ein von staatlichen Zulagen gestützter Massenmarkt für ETF-Anbieter und Vertriebspartner werden. Das jedenfalls erwartet die Finanzbranche.
Günstige Angebote
Der Wettlauf um Kundinnen und Kunden hat schon begonnen, noch bevor die Finanzmarktaufsicht Bafin die ersten Anbieter zertifiziert hat. Scalable Capital machte im August den Anfang. Co-Chef Erik Podzuweit kündigte an, im Standarddepot im ersten Jahr auf Konto-, Depot- und Sparplangebühren zu verzichten. Danach sollen die Gesamtkosten des Depots einschließlich der Kosten des hauseigenen Scalable-ETFs schlanke 0,15 Prozent nicht übersteigen. Der gemeinsam mit der DWS aufgelegte „Scalable MSCI AC World Xtrackers ETF“ kostet genauso viel. Mit einem Volumen von rund 750 Millionen Euro gehört er bereits zu den beliebtesten Produkten der Plattform.
Kurz nach Scalable zogen Quirion und Vanguard nach. Sie bieten Indexfonds für 0,07 bis 0,08 Prozent und einen gebührenfreien Vertrag an. Der Neobroker Smartbroker+ bietet im Standarddepot drei globale Indexvarianten zur Wahl: MSCI World, MSCI ACWI und FTSE All-World. Die Produktkosten liegen überwiegend unter 0,15 Prozent. In den ersten drei Jahren erstattet Smartbroker+ sie zusätzlich. Depotführung, Sparpläne und Orders bleiben darüber hinaus dauerhaft gebührenfrei. Im freien Altersvorsorgedepot, das die Wahl aus mehr als 1000 ETFs erlaubt, entfällt diese Kostenerstattung.
Die Sparkassen-Fondstochter Deka setzte Anfang September dagegen. Ihr Standarddepot investiert in zwei passive Deka-ETFs mit Effektivkosten von 0,1 Prozent. Depot- und Zulagenverwaltung sind kostenfrei. Ein aktiv gemanagtes Individualprodukt kostet je nach Laufzeit 1,0 bis 1,5 Prozent. Ab Januar 2027 soll das Angebot bei allen Sparkassen vor Ort und per App verfügbar sein, vorbehaltlich der für November erwarteten Bafin-Genehmigung. Damit verteidigt die Deka einen Vertriebsweg, der den Neobrokern fehlt: die Filiale.
Auch internationale Anbieter wollen mitspielen. Nach Angaben des Branchenblatts Finanz-Szene bereitet J.P. Morgan unter dem Namen „JPMorgan Personal Investing Germany“ eine digitale Investmentplattform für Deutschland vor. Sie soll mit dem jüngst gestarteten Bankangebot Chase verzahnt werden. Dazu gehören auch Lizenzanträge bei Bafin und Bundesbank.
Branchenkenner sagen: Der Kampf wird über den Preis geführt. Dahinter steht das Kalkül, dass das Vorsorgedepot wie einst der kostenlose ETF-Sparplan als Türöffner für neue Kundenbeziehungen taugt. Ob sich Zertifizierung, Zulagenmanagement und Depotüberwachung dauerhaft zum Nulltarif anbieten lassen, bleibt offen. Einige Anbieter setzen deshalb auf neue Bündnisse. Im September verging kaum ein Tag ohne Meldung über eine neue Kooperation zwischen Produktanbietern, Neobrokern und klassischen Banken.
Bis zum Erscheinen dieses Artikels dürften weitere hinzugekommen sein. Schon belegt sind mehrere Allianzen mit direktem Bezug zum Altersvorsorgedepot. Quirion hat sein Standarddepot ausdrücklich gemeinsam mit Vanguard entwickelt. Dessen FTSE-Global-All-Cap- und Global-Aggregate-Bond-ETF bilden das Fundament. Auch Quirion-Produktchef Matthias Lamberti spricht von einer „Partnerschaft“. Scalable Capital platziert das Kooperationsprodukt mit der DWS gezielt als Vorsorge-ETF. Daneben bleiben viele Verzahnungen konzernintern statt marktübergreifend. Die Deka nutzt für den Vertrieb den Sparkassenverbund. J.P. Morgan verbindet für den deutschen Markt das eigene Banking mit Chase und das eigene Investmentgeschäft.
Die Kostenfalle
Dass die Reform der geförderten Altersvorsorge überhaupt nötig wurde, liegt an der Geschichte der Riester-Rente. Die Pflicht, zum Rentenbeginn mindestens die eingezahlten Beiträge zu garantieren, zwang die Anbieter zu defensiven, anleihenlastigen Portfolios. Aktienquoten und Renditechancen blieben gering. Hinzu kamen wenig sichtbare Strukturkosten. Banken durften keine lebenslange Rente garantieren. Deshalb mussten Sparerinnen und Sparer zum Rentenbeginn einen erheblichen Teil ihres Kapitals für eine separate Rentenversicherung ab dem 85. Lebensjahr reservieren. Dafür fielen zusätzlich Abschlusskosten an.
Wenig überraschend sank denn auch die Zahl der Riester-Neuabschlüsse seit Jahren. Parallel stiegen die Aktionärszahlen, Neobroker kamen auf, und ETFs wurden bekannter. Viele Anbieter zogen sich zurück. Nach Angaben des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales gibt es in Deutschland noch knapp 15 Millionen Riester-Verträge. Von ihnen werden 20 bis 25 Prozent nicht mehr bespart.
Dieser teure Reservierungszwang entfällt beim Altersvorsorgedepot. Ein reiner Auszahlplan bis zum 85. Lebensjahr ist möglich. Auch der Wegfall von Abgeltungsteuer und Vorabpauschale in der Ansparphase soll den Zinseszinseffekt über 30 bis 40 Jahre spürbar verstärken. Ausgeräumt ist das Kostenproblem damit nicht. Kritiker weisen darauf hin, dass ein voll ausgeschöpfter Kostendeckel von 1,0 Prozent die staatliche Förderung über eine lange Ansparphase erheblich aufzehren kann. Das gilt vor allem für junge Sparerinnen und und Sparer. Der Deckel gilt zudem nur für das Standarddepot. Im freien Altersvorsorgedepot und bei Garantieprodukten bestimmt der Markt die Kosten – sie können höher oder niedriger liegen.
Die Gesamtkostenquote setzt sich außerdem aus Produkt-, Verwaltungs- und Depotgebühren zusammen. Diese wirken kumulativ und sind für Laien schwer zu durchschauen. Verbraucherschützer Niels Nauhauser warnt zugespitzt noch vor einer weiteren Kostenart: vor jenen Kosten, die entstehen, wenn Kundinnen und Kunden aus Vertrauen zu ihrem Berater die Angebote gar nicht erst vergleichen.
Es ist keine Überraschung, dass der private Wettbewerb unter den Brokern funktioniert. Doch immer mehr Branchenvertreter und Marktkenner bezweifeln, dass das Standarddepot zusätzlich auch wie geplant bei einer öffentlichen, kommerziell interessenlosen Institution umgesetzt wird. Wenn überhaupt, dann wohl nicht schon im nächsten Januar. Das ist schade. Denn: „Das staatliche Standarddepot ist gerade für diejenigen eine zuverlässige Option, die provisionsgeleitete Verkaufsgespräche nicht mehr über sich ergehen lassen wollen, aber dennoch auf Unterstützung für ihre Entscheidung angewiesen sind“, sagt Nauhauser.
Und wie weit ist die Bevölkerung? Zwischen Innovation und Wahrnehmung klafft eine Lücke. Laut Bitkom haben erst 39 Prozent der Menschen in Deutschland überhaupt vom Altersvorsorgedepot gehört. Immerhin: Zwei Drittel derer, die noch nicht in Rente sind, können sich eine Nutzung vorstellen, sobald sie davon wissen. Und 75 Prozent legen Wert auf digitale Verwaltung.
Problem erkannt
Eine Umfrage im Auftrag des Fondsanbieters Deka zeigt, woher der Bedarf kommt. 77 Prozent der gut 3100 befragten Personen zweifeln daran, dass ihre gesetzliche Rente reicht. 72 Prozent befürchten Einbußen im Alter. Zugleich ist gut jede zweite Person unsicher, wie das Geld angelegt werden soll. Nur 38 Prozent beschäftigen sich gern mit dem Thema. Es gibt, wie Deka-Vertriebschef Dirk Peters sagt, kein Erkenntnisproblem, wohl aber ein Umsetzungsproblem.
Wie ungleich das Thema in der Bevölkerung ankommt, zeigt eine kleine Beobachtung am Rand. Die Autorin dieses Beitrags bot jüngst ehrenamtlich einem Verein in ihrer Verbandsgemeinde an, eine Informationsveranstaltung zum Altersvorsorgedepot zu gestalten. Sie erhielt eine freundliche Absage. Vertreter einer großen Versicherung seien Ende September ohnehin schon vor Ort.
Interesse an der eigenen Vorsorge ist also durchaus vorhanden. Doch die Informationslage ist ungleich verteilt. Vielerorts prägen gewachsene, provisionsbasierte Vertriebsstrukturen sie stärker als ein unabhängiger Vergleich. Für die ETF-Branche heißt das: Reichweite entscheidet mindestens ebenso stark wie Produktqualität.
Damit das Altersvorsorgedepot funktioniert, braucht es vor allem einfache Regeln statt jener Komplexität, an der Riester krankte. Es braucht tatsächlich niedrige, transparente Kosten, die auch im Standarddepot nicht durch Zusatzbausteine unterlaufen werden. Es braucht durchgängig digitale Prozesse, wie sie laut Bitkom die Mehrheit der jüngeren Sparerinnen bereits erwartet. Es braucht steuerliche Planungssicherheit über Jahrzehnte. Und es braucht niedrigschwellige Aufklärung dort, wo bislang Vertriebsstrukturen dominieren. Ohne diese Kombination droht dem Altersvorsorgedepot trotz attraktiver Förderquoten das Schicksal der Riester-Rente: ein gutes Produkt für Informierte, das aber die eigentliche Zielgruppe verfehlt.
Von Edda Vogt, Oktober 2026, © ETF Magazin
Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ETF Magazins, dem Fachjournal für Profis und informierte Anleger*innen.
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