Kommentar
00:10 Uhr, 31.03.2026

Wir setzen auf aktive Diversifizierung! – Interview mit Philip Gisdakis

Durch den Angriff der USA und Israels auf den Iran und die in der Folge deutlich gestiegenen Energiepreise hat die Volatilität an den Finanzmärkten spürbar zugenommen. Viele Anlegerinnen und Anleger sind verunsichert und fragen sich, wie sie ihr Portfolio in der aktuellen Gemengelage aus geopolitischen Spannungen, drohenden Inflationsrisiken und einer möglichen Abschwächung der Weltwirtschaft optimal ausrichten können.

Im Gespräch mit onemarkets ordnet Philip Gisdakis, Chefanlagestratege der UniCredit Bank GmbH, die aktuellen Entwicklungen ein, beleuchtet die Auswirkungen auf verschiedene Anlageklassen und gibt Einschätzungen dazu, wie sich Investorinnen und Investoren positionieren können.

onemarkets: Guten Tag, Herr Gisdakis, das Jahr ist ja noch recht jung, aber trotzdem gab es einige Entwicklungen, die die meisten von uns nicht unbedingt auf dem Schirm hatten. Hat sich Ihr Ausblick für Investments im Jahr 2026 angesichts der jüngsten makroökonomischen Daten und Ereignisse geändert?

Philip Gisdakis
Chefanlagestratege der UniCredit Bank GmbH /
HypoVereinsbank

Philip Gisdakis: Unser Basisszenario bleibt grundsätzlich positiv, auch wenn wir die Komplexität der aktuellen Lage und die negativen Auswirkungen auf die Inflation klar erkennen. Der Fokus richtet sich stärker auf die Duration im Anleihebereich – wir empfehlen, die langen Laufzeiten an den Zinskurven zu meiden. Der globale Ansatz im Aktienbereich erweist sich als defensiver Faktor, insbesondere dank der relativen Energieunabhängigkeit der USA.

onemarkets: Beim Weltwirtschaftsforum in Davos wirkten die Beziehungen zwischen den USA und Europa verändert. Wie interpretieren Sie die Entwicklungen dort?

Gisdakis: In Davos hat sich das ohnehin schon angespannte transatlantische Verhältnis weiter verschlechtert. Trumps aggressive Aussagen zur Grönland-Frage und die Androhung neuer Zölle gegenüber europäischen Partnern haben das Vertrauen Europas in die US-Regierung weiter belastet. Zwar ist es nicht zur Eskalation um Grönland gekommen, doch es ist nun endgültig klar, dass Europa sich strategisch stärker von seinem historischen Verbündeten lösen muss.

Positiv ist: Angesichts der neuen Herausforderungen ist Europa dieses Mal geschlossen aufgetreten – anders als bei den früheren Handelsgesprächen mit den USA. Die Reaktion war deutlich selbstbewusster, mit klarer Unterstützung Dänemarks in der Grönland-Frage und einem erneuten Bekenntnis zur europäischen Souveränität. Zudem wurde die Notwendigkeit erkannt, Entscheidungsprozesse zu beschleunigen und die strategische Abhängigkeit von den USA zu reduzieren.

onemarkets: Welche Schlüsse ziehen Sie aus der jüngsten Fed-Sitzung? Mit wie vielen Zinssenkungen rechnen Sie?

Gisdakis: Der starke Anstieg des Ölpreises erschwert der US-Notenbank ihre Position. Das Inflationsrisiko nimmt zu und Zinssenkungen werden schwieriger. Hinzu kommt eine weiterhin robuste US-Wirtschaft, was durch die nach oben revidierten Wachstumsprognosen der Fed unterstrichen wird.

Wir halten dennoch an der Erwartung fest, dass es im Laufe dieses Jahres zu einer Zinssenkung kommt – voraussichtlich sobald Kevin Warsh sein Amt angetreten hat. Die Risiken verschieben sich jedoch spürbar. Während der Markt vor dem Nahost-Konflikt mindestens zwei Zinssenkungen eingepreist hatte, steigt nun die Wahrscheinlichkeit, dass die Fed ihre aktuelle Geldpolitik unverändert lassen muss.

onemarkets: Besteht in den USA also das Risiko einer Rückkehr der Inflation?

Gisdakis: Die USA erleben bereits das fünfte Jahr in Folge eine Inflation oberhalb des Fed-Ziels. Nach der Phase der Zollpolitik folgt nun ein neuer Energieschock. Schon vor dem Konflikt im Nahen Osten waren wir skeptisch, dass die Inflation innerhalb der nächsten zwei Jahre zum 2-Prozent-Ziel zurückkehren könnte – inzwischen sind wir noch skeptischer.

Dies bedeutet jedoch nicht zwingend eine erneute Inflationswelle wie 2022. Damals war das Wachstum durch Konsumnachholeffekte und massive Fiskalstimuli außergewöhnlich hoch, während der Arbeitsmarkt von starker Nachfrage und knappem Angebot geprägt war. Heute ist das Umfeld anders, aber die Verzögerung beim Weg zurück zum 2-Prozent-Ziel erhöht das Risiko einer Entankerung der Inflationserwartungen.

onemarkets: Und wie sieht es aufseiten der EZB aus? Sind Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen attraktiver?

Gisdakis: Die EZB zeigt sich zunehmend „hawkish“, d. h. ihre Geldpolitik wird restriktiver. Die Eurozone reagiert besonders empfindlich auf Energieschocks und die Inflation dürfte in den kommenden Monaten klar über die Zielvorgabe steigen. Viel hängt von Intensität und Dauer des Konflikts ab, doch es ist gut möglich, dass der Preisdruck die EZB zu Zinserhöhungen zwingt.

Wir bevorzugen Unternehmensanleihen – insbesondere Investmentgrade –, da sie im Vergleich zu Staatsanleihen breiter diversifiziert sind und trotz historisch niedriger Spreads bemerkenswerte Stabilität zeigen. High-Yield-Anleihen gewichten wir bewusst niedrig, da ihre starke Korrelation mit Aktienmärkten den Diversifikationseffekt schmälert.

onemarkets: Wird die Diversifizierung innerhalb der Portfolios, die sie mitverantworten, weiter zunehmen?

Gisdakis: Unbedingt. Gerade weil die Finanzmärkte aufgrund der Unsicherheiten im Nahen Osten volatiler und unberechenbarer werden. Wir setzen auf aktive Diversifizierung über Anlageklassen, Regionen und zunehmend auch über Währungen. Letztere gewinnen angesichts der geopolitischen Neuordnung an Bedeutung – insbesondere im Hinblick auf einen langfristig schwächeren US-Dollar.

onemarkets: Wird die Volatilität im Jahr 2026 höher sein als 2025?

Gisdakis: US-Zwischenwahljahre sind historisch zwar meist positiv, aber oft von Turbulenzen begleitet. Der Beginn des Jahres 2026 bestätigt dieses Muster. Deshalb ist es wichtig, auch defensive Positionen aufzubauen, etwa Euro-Geldmarktanteile, die später gezielt eingesetzt werden können, um temporäre Aktienmarktkorrekturen zu nutzen.

onemarkets: Welche Regionen bevorzugen Sie im Aktienbereich? Und welche Sektoren – bleibt Technologie ein Favorit?

Gisdakis: Wir verfolgen einen breit diversifizierten, globalen Ansatz. USA und Europa bilden dabei zwei gleich starke Pfeiler der Aktienallokation, während die Schwellenländer als wachstumsorientierte Ergänzung dienen. Die USA bieten eine einmalige Themenvielfalt und Markttiefe. Die steigende Quote der Schwellenländer spiegelt die wachsende Bedeutung Asiens – realwirtschaftlich wie finanziell – wider.

Die US-Technologie bleibt ein zentraler Wachstumstreiber. Gleichzeitig reduzieren wir gezielt die hohe Konzentration im Sektor und investieren auch in Industriewerte und Versorger – jene Bereiche also, die die Infrastruktur für den nächsten großen Technologiesprung bereitstellen.

onemarkets: Was erwarten Sie von der Bank of Japan (BoJ) angesichts eines möglichen umfangreichen Fiskalpakets?

Gisdakis: Wir gehen davon aus, dass die japanische Notenbank ihren Weg der behutsamen Normalisierung fortsetzt – mit einem Anstieg des Leitzinses von derzeit 0,75 Prozent auf etwa 1,25 Prozent bis Jahresende. Die BoJ zeigt zunehmenden Optimismus hinsichtlich eines sich festigenden Lohn-Preis-Zyklus.

Der Konflikt im Nahen Osten erhöht den Inflationsdruck aufgrund höherer Energiepreise und eines schwächeren Yen. Gleichzeitig dürfte ein großes Fiskalpaket die Wirtschaft in einer Phase hoher geopolitischer Unsicherheit stützen und somit die Inflationsdynamik weiter festigen.

onemarkets: Herr Gisdakis, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

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