Wenn der Bankkredit nicht reicht: Neue Krypto-Wege für den Mittelstand
- Lesezeichen für Artikel anlegen
- Artikel Url in die Zwischenablage kopieren
- Artikel per Mail weiterleiten
- Artikel auf X teilen
- Artikel auf WhatsApp teilen
- Ausdrucken oder als PDF speichern
Dieser Gastbeitrag wurde von den Autoren Dr. Robert Oppenheim, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht sowie Partner bei Osborne Clarke und Lilly Pfaf, Rechtsanwältin und Senior Associate, verfasst.
Die Finanzierung im deutschen Mittelstand verändert sich. Neben dem klassischen Bankkredit stehen Unternehmen heute zunehmend Alternativen zur Verfügung, die eine flexiblere Kapitalaufnahme mit schlankeren Prozessen ermöglichen. Insbesondere die Distributed-Ledger-Technologie (DLT) und Blockchain-basierte Finanzierungsinstrumente eröffnen neue Wege der Kapitalmarktfinanzierung. Neue regulatorische Rahmenbedingungen flankieren diese Entwicklung und erleichtern den Zugang. In unserer Beratungspraxis sehen wir, dass immer mehr mittelständische Unternehmen diese Instrumente ernsthaft prüfen. Der Bankkredit bleibt wichtig – ist aber längst nicht mehr die einzige Option.
Das Problem mit dem Bankkredit
Warum der Bankkredit an Grenzen stößt, hat vor allem regulatorische und strukturelle Gründe. Die Verordnung (EU) 2019/876 hat die Eigenkapitalanforderungen und die Verschuldungsquote (Leverage Ratio) für Kreditinstitute verschärft – als Teil der schrittweisen Umsetzung der Basel-III/IV-Standards auf europäischer Ebene. Banken müssen Kreditrisiken daher stärker mit Eigenkapital unterlegen. Das verteuert die Kreditvergabe an den Mittelstand und macht sie aufwändiger.
Gleichzeitig verfügen Unternehmen gerade dann, wenn sie Kapital am dringendsten benötigen – etwa in Wachstumsphasen oder bei größeren Investitionen –, häufig nicht über die Bonität oder die Sicherheiten, die Banken voraussetzen. Das gestiegene Zinsniveau nach der historischen Niedrigzinsphase hat die klassische Bankfinanzierung zusätzlich verteuert. Dazu kommt der bürokratische Aufwand des Kreditprozesses selbst: Banken fordern umfangreiche Unterlagen und Sicherheiten. Von der ersten Anfrage bis zur Auszahlung vergehen nicht selten mehrere Monate.
Das sind kapitalmarktorientierte Alternativen
Wer sich nicht allein auf den Bankkredit stützen will oder kann, der muss kapitalmarktorientierte Alternativen in den Blick nehmen. In Betracht kommen Unternehmensanleihen oder Genussrechte – klassisch verbrieft oder auf Blockchain-Basis als tokenisierte Emission, sei es als Wertpapier sui generis (sog. Security Token) oder als elektronisches Wertpapier nach dem Gesetz über elektronische Wertpapiere (eWpG).
Der regulatorische Rahmen für solche Instrumente ist in den letzten Jahren deutlich günstiger geworden: Die Prospektverordnung (EU) 2017/1129 in der durch den EU Listing Act (Verordnung (EU) 2024/2809) geänderten Fassung hebt die prospektfreie Schwelle EU-weit für solche Emissionen von Wertpapieren auf 12 Millionen Euro an.
Über den durch den EU Listing Act deutlich vereinfachten EU-Wachstumsemissionsprospekt erhalten KMU und – bei Emissionsvolumina bis 50 Millionen Euro – auch andere Emittenten einen erleichterten Zugang zur Kapitalmarktfinanzierung. Sofern keine Wertpapiere dieser Emittenten an einem MTF gehandelt werden und ihre durchschnittliche Beschäftigtenzahl im letzten Geschäftsjahr höchstens 499 betrug.
Welche konkreten Alternativen stehen zur Verfügung?
Instrumente der Kapitalmarktfinanzierung wie Genussrechte oder Schuldverschreibungen lassen sich sowohl klassisch als auch digital begeben. Sog. Wertpapier-Token (auch Security Token) ermöglichen es, solche Finanzierungsinstrumente zu tokenisieren und als digitale Einheiten auf einer Blockchain abzubilden. Die Aufsicht ordnet Security Token als Wertpapiere sui generis ein; sie unterliegen damit grundsätzlich den kapitalmarktrechtlichen Vorgaben der Prospektverordnung. Gegenüber klassisch verbrieften Instrumenten bieten sie eine Reihe praktischer Vorteile. Der Emissionsprozess wird schlanker: Die Ausgabe erfolgt über Smart Contracts, die Zins- und Rückzahlungen regelbasiert ausführen und den administrativen Aufwand auf Seiten der Emittentin erheblich reduzieren können.
Auch der Zeichnungsprozess lässt sich vollständig digital abbilden. Ein wesentlicher struktureller Vorteil liegt darin, dass tokenisierte Emissionen ohne Zentralverwahrer und ohne Depotbanken auskommen. Investoren können ihre Security Token im eigenen Wallet halten, statt auf eine klassische Verwahrinfrastruktur angewiesen zu sein. Die Stückelung in kleinere Einheiten senkt die Mindestanlageschwelle und erleichtert den Zugang für eine breitere Investorenbasis. Gerade bei kleineren Emissionsvolumina fällt der Wegfall der Kosten für Wertpapierverwahrung und -abwicklung über Zentralverwahrer und Depotbanken ins Gewicht.
Wie die Tokenisierung in regionalen Unternehmen funktioniert
Die Tokenisierung lässt sich gut mit einem Community-basierten Vertriebsansatz verbinden. Regional verwurzelte Mittelständler können ihre räumliche und persönliche Nähe als Vorteil nutzen: Kunden, Mitarbeitende oder lokale Unternehmer werden direkt als Kapitalgeber gewonnen – über eine digitale Zeichnungsplattform der Emittentin, die den Zugang niedrigschwellig macht. Mittlerweile bieten spezialisierte Plattformdienstleister die technische Infrastruktur für solche Eigenemissionen an – von der Zeichnungsstrecke über das Anleger-Onboarding bis hin zur Tokenisierung und Verwahrung –, sodass Emittenten keine eigene technische Lösung entwickeln müssen.
Regulatorisch wird dies dadurch erleichtert, dass mit dem EU Listing Act und den Anpassungen im Wertpapierprospektgesetz (WpPG) prospektfreie Emissionen bis zu einem Gesamtgegenwert von 12 Millionen auch im Wege der Eigenemission erfolgen können, ohne hierfür ein Haftungsdach oder eine eigene Erlaubnis nach dem WpIG zu benötigen. Ein lokal bekanntes Unternehmen verfügt in seinem Umfeld bereits über Vertrauen und Reputation – zwei Faktoren, die im klassischen Kapitalmarktvertrieb erst aufgebaut werden müssen. Diese Nähe erleichtert nicht nur die Information der Anleger, sondern auch den Vertrieb der Emission. Im Ergebnis können Unternehmen so ihre bestehende Community unmittelbar in die Finanzierung einbinden.
Von der Idee zur Emission: Umsetzung und Vertrieb
Wer alternative Finanzierungsinstrumente strukturieren und an Anleger vertreiben will, muss einige regulatorische Vorgaben beachten – der Vorbereitungsaufwand lässt sich mit der richtigen Begleitung jedoch effizient bewältigen. Am Anfang steht ein Term Sheet, das die wesentlichen Konditionen der Emission – Emissionsform, Volumen, Laufzeit, Verzinsung, Rang und Kündigungsrechte – zusammenfasst und als Grundlage für die weitere Strukturierung dient.
Je nach Art und Volumen der Emission ist sodann ein Wertpapierinformationsblatt (WIB), ein Basisinformationsblatt (BIB) nach der PRIIPs-Verordnung oder ein Wertpapierprospekt zu erstellen, das den Anlegern die gesetzlich vorgeschriebenen Informationen in standardisierter Form bereitstellt. Hinzu kommen häufig Risikohinweise und verbraucherschutzrechtliche Informationen.
Auch die Vertriebsstrategie sollte frühzeitig durchdacht werden: Gerade bei Community-basierten Emissionen empfiehlt sich eine Kombination aus digitaler Ansprache – z.B. über die eigene Zeichnungsplattform – und persönlicher Kommunikation im regionalen Umfeld. Entscheidend ist dabei, dass sämtliche Werbemitteilungen den Anforderungen des Art. 22 der Prospektverordnung genügen – sie müssen als Werbung erkennbar sein, dürfen nicht irreführend sein und müssen mit den Informationen im Wertpapierinformationsblatt bzw. Prospekt im Einklang stehen. Darüber hinaus sind die Grenzen der erlaubnisfreien Tätigkeit zu beachten, insbesondere beim Einsatz von Tippgebern.
Live erleben: Fintech Gespräche in Berlin am 15. Oktober 2026
Wie eine blockchainbasierte Mittelstandsfinanzierung in der Praxis funktioniert, zeigen wir bei den Berliner Fintech Gesprächen am 15. Oktober 2026. Eine Emittentin gewährt unmittelbaren Einblick in ihre aktuelle Emission – von der Strukturierung über die Regulatorik bis zum Vertrieb. Ergänzt wird das Programm durch eine Paneldiskussion mit Partnern, die die technische Infrastruktur für blockchainbasierte Emissionen bereitstellen.
Du willst auch die Artikel mit dem + lesen? Dann hol Dir BTC-ECHO Plus+
Mit Deinem Abo bekommst Du:
- Unbegrenzten Zugang zu allen Inhalten
- Exklusive Artikel, Interviews & Analysen
- Detaillierte Reports & Hintergrundberichte
- Technische Chartanalyse & Kursziele
Es sollen noch mehr Vorteile sein? Via Web und App hast Du geräteübergreifend Zugriff auf alle Beiträge. Damit verschaffen wir Dir ein optimales Lesevergnügen und du bleibst jederzeit flexibel.
