Welche DeFi-Token massiv unterbewertet sind
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Wer zuletzt in sein Portfolio geschaut hat, braucht eine gewisse Leidensbereitschaft. Ein CryptoQuant-Chart macht die Lage deutlich: Der Altcoin-Markt befindet sich seit 13 Monaten im kontinuierlichen Abwärtstrend – die meisten Token haben zwischen 30 und 50 Prozent ihres Werts eingebüßt.
Ein Blick auf die Fakten
Wer statt auf Kurse auf Protokolleinnahmen schaut, findet hingegen ein anderes Bild. Matt Hougan, Chief Investment Officer bei Bitwise Asset Management, formuliert es nüchtern: “In Bärenmärkten neigen Investoren dazu, gute Nachrichten zu ignorieren. Das kann Chancen für diejenigen schaffen, die aufmerksam sind.”
Der Makro-Analyst Jamie Coutts hat die Fee-Daten der größten Protokolle ausgewertet. Ergebnis: Die zehn umsatzstärksten Protokolle nach Gebühreneinnahmen stammen fast ausnahmslos aus dem Ethereum- und Solana-Ökosystem. Gehandelt werden sie zum Großteil unterhalb eines Verhältnisses von zehn zwischen Marktkapitalisierung und annualisierten Fees. Klassische Finanzwerte wie Visa oder JPMorgan kommen auf ein Vielfaches davon.
4 months of drawdown. Most tokens down 30-50%. But the fee data tells you who's likely going to come out of this in good shape.
The Helios screener shows that the top 10 protocols by fee revenue are almost all ETH/SOL dApps. Most trade below 10x MC/Fees. Only Tron and… pic.twitter.com/pDQPmKgpCN
— Jamie Coutts CMT (@Jamie1Coutts) February 17, 2026
Lending-Protokolle stechen dabei besonders hervor. Sky verzeichnete im 90-Tage-Zeitraum einen Gebührenanstieg von 204 Prozent, Morpho von 160 Prozent. Coutts weist zwar darauf hin, dass Liquidierungen in Abschwungphasen die Zahlen verzerren können – historisch seien solche Fee-Spitzen aber Vorläufer von Trendumkehrungen gewesen.
Für Investoren, die auf die Nachhaltigkeit dieser Einnahmen setzen und auf eine Kurserholung warten, könnte der Zeitpunkt günstiger sein, als er wirkt.
Das DeFi-Paradox: Starke Protokolle, schwache Token
Diese Protokolle haben sich längst zu realen Wirtschaftseinheiten entwickelt. Aave, das größte dezentrale Lending-Protokoll, erwirtschaftet laut Hougan über 100 Millionen US-Dollar Jahresumsatz. Uniswap übertrifft regelmäßig Coinbase beim Handelsvolumen. Und dennoch: Der AAVE-Token hat in den vergangenen zwölf Monaten rund 50 Prozent verloren, UNI notiert seit fünf Jahren nahezu unverändert – trotz Investments von BlackRock.
Die Ursache liegt in der Entstehungsgeschichte dieser Token. Als DeFi-Protokolle ihre Governance-Token lancierten, war die SEC maximal feindselig gegenüber allem, das nach Wertpapier aussah. Utility- und Governance-Token ohne Anspruch auf Protokolleinnahmen waren die regulatorische Kompromisslösung. Starkes Protokoll, schwacher Token – kein Fehler im System, sondern ein bewusstes Zugeständnis an die Rechtsunsicherheit.
Löst sich diese strukturelle Entkopplung auf, entstünde erstmals eine direkte Verbindung zwischen Protokollwachstum und Token-Performance.
“Aave Will Win” – der Versuch, den Hebel einzubauen
Genau das ist der Anspruch des Governance-Proposals “Aave Will Win“. Messari-Analysten bezeichnen ihn als “einen der folgenreichsten Governance-Vorschläge in der Geschichte von DeFi.” Im Kern geht es um eine Neuordnung der Wirtschaftsbeziehung zwischen Aave Labs, dem Entwicklerteam, und der Aave DAO, der durch Token-Inhaber kontrollierten Governance-Instanz.
Bisher flossen Protokollgebühren an die DAO, während Aave Labs die Einnahmen aus dem Produktlayer – Website, mobile App, Aave Pro, Aave Card, institutionelles Aave Horizon – für sich behielt. Allein die Swap-Integration auf aave.com generiert annualisiert rund zehn Millionen US-Dollar. Im Dezember 2025 hatte Aave Labs diese Swap-Gebühren direkt an sich selbst weitergeleitet, was in der Community für erheblichen Unmut sorgte.
Der neue Proposal sieht vor, dass sämtliche Einnahmen aus Aave-gebrandeten Produkten vollständig in die DAO-Treasury fließen. Aave Labs erhält im Gegenzug ein Finanzierungspaket: 25 Millionen US-Dollar in Stablecoins, 75.000 AAVE-Token mit zweijährigem Vesting sowie bis zu 17,5 Millionen US-Dollar in meilensteingebundenen Grants. Eine neu gegründete Foundation soll Markenrechte und Trademarks im Namen der Community verwalten. Aave Labs würde damit zum bezahlten Dienstleister der DAO.
Setzt sich der Proposal durch und schließen Folgeproposals die noch offenen Fragen, entstünde erstmals ein Token mit nachvollziehbarem Anspruch auf den gesamten wirtschaftlichen Output des Ökosystems – strukturell etwas anderes als ein reiner Governance-Token.
Entsprechend haben wir AAVE bereits im Dezember in unser Musterportfolio aufgenommen. Erfahre mehr im Beitrag: Diese zwei Altcoins kaufen wir jetzt für das Portfolio.
DeFi-Revival – diesmal mit Substanz?
Das größere Bild zeigt eine klare Richtung. Institutionen haben es registriert: BlackRock hält Uniswap-Token, Apollo hat in Morpho investiert, einen direkten Konkurrenten von Aave. Coutts sieht als nächste strukturelle Treiber die Tokenisierung realer Finanzassets, den noch ausstehenden CLARITY Act sowie die aufkommende KI-Agenten-Ökonomie, die zunehmend On-Chain agiert.
Für Anleger ergibt sich daraus eine Investitionsthese in zwei Schritten. Erstens: DeFi-Protokolle mit stabilen Gebührenströmen und niedrigen Marktkapitalisierungs-zu-Fee-Verhältnissen sind im historischen Vergleich günstig bewertet. Zweitens: Protokolle, die ihre Tokenomics aktiv reformieren und den Token zum zentralen wirtschaftlichen Anspruchsträger machen, bieten einen strukturellen Hebel, den reine Governance-Token nicht besitzen.
Ob Aave diesen Hebel tatsächlich aktiviert, bleibt abzuwarten. Dass DeFi mitten im Bärenmarkt an seinen strukturellen Schwächen arbeitet, ist allerdings keine schlechte Ausgangslage. Bärenmärkte sind, wie Hougan schreibt, schlechte Nachrichtenleser – aber gute Zeitpunkte, um genau hinzuschauen.
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