VOLKSWAGEN Vz. - Es geht ums Überleben des Automobilkonzerns
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- Volkswagen AG Vz. - WKN: 766403 - ISIN: DE0007664039 - Kurs: 76,360 € (XETRA)
Der Aufsichtsrat stimmte heute Abend einstimmig einem umfassenden Zukunftsplan zu. Für CEO Oliver Blume ist das ein wichtiger Erfolg. Die konkreten Inhalte des beschlossenen Plans sollen allerdings erst noch veröffentlicht werden.
Vor der Einigung kursierte ein internes Vorstandspapier, nach dem die Fahrzeugproduktion in Emden und Zwickau 2031, Hannover 2032 und Neckarsulm 2034 auslaufen könnte. Modelle beziehungsweise Nachfolger sollen teilweise nach Tschechien, in die Slowakei, nach Polen und Leipzig verlagert werden. Besonders brutal ist die Kostenrechnung. 2025 lagen die Fabrikkosten deutscher Standorte laut dem Papier durchschnittlich bei 6.490 EUR je Fahrzeug, an europäischen VW Standorten außerhalb Deutschlands dagegen bei nur 2.832 EUR. Deutschland wäre damit rund 129% teurer. Tradition ist schön, aber sie zahlt leider keine EBIT-Marge. VW hat bislang nicht bestätigt, dass diese konkreten Werksschließungen Bestandteil des jetzt beschlossenen Zukunftsplans sind.
Der Umbau ist dringend nötig. Im ersten Halbjahr 2026 erzielte VW 158,1 Mrd. EUR Umsatz, aber nur noch 5,9 Mrd. EUR operativen Gewinn. Die operative Marge lag bei mageren 3,8%, der Nettogewinn brach um 30,7% auf rund 3,1 Mrd. EUR ein. Der Nettocashflow des Automobilgeschäfts verbesserte sich deutlich auf 3,2 Mrd. EUR. Für dieses Jahr erwartet VW weiterhin eine operative Marge von 4,0 bis 5,5% sowie 3 bis 6 Mrd. EUR Automotive Nettocashflow. Das Problem ist eine für einen derart kapitalintensiven Weltkonzern viel zu dünne Rendite.
Inzwischen erreicht das Thema sogar die Finanzierungsebene. S&P bewertet VW mit BBB+ und negativem Ausblick, Fitch mit A minus und negativem Ausblick, Moody’s mit Baa1 und stabilem Ausblick. Union Investment warnt vor weiteren Ratingverschlechterungen, falls VW seine Kosten nicht ausreichend senkt. Höhere Fremdkapitalkosten verteuern genau jene Milliardeninvestitionen in Software, Batterien, neue Plattformen, China-Modelle und US Produktion, die VW gleichzeitig stemmen muss.
Parallel verändert VW seine globale Strategie. Marco Schubert übernimmt ab Oktober konzernweit Nordamerika und berichtet direkt an Blume. In den USA will VW amerikanischer werden. Geprüft werden neue SUV und Pickup Modelle speziell für den US Markt. In China vertiefen Audi und SAIC ihre Zusammenarbeit mit einem gemeinsamen Innovationszentrum, während auch die Nutzfahrzeugsparte mit SAIC neue Fahrzeuge entwickeln will. Die Strategie wird regionaler: Amerika bekommt amerikanischere Autos, China chinesischere Autos und Europa muss endlich wieder profitabler werden.
Gerade China zeigt, wie stark sich die Kräfteverhältnisse verändert haben. Früher lernten chinesische Hersteller von Volkswagen, wie man moderne Autos baut. Heute integriert VW chinesische Entwicklungsressourcen, um selbst schneller und wettbewerbsfähiger zu werden. Das ist eine rationale Anpassung an die neue Realität des Automarktes.
Auch bei Elektroautos ist die Lage besser, als die Dauerkrisenstimmung vermuten lässt. VWs europäischer Auftragsbestand lag im ersten Halbjahr rund 12% über Ende 2025, der Auftragseingang für Elektroautos stieg um mehr als 50%, BEVs machten bereits über 30% des europäischen Auftragsbestands aus und für die neue elektrische Kleinwagenfamilie rund um den ID. Polo lagen mehr als 70.000 Bestellungen vor. VW hat also nicht grundsätzlich ein Nachfrageproblem bei Elektroautos. Das Problem lautet: Wie verdient man damit bei hohen deutschen Kosten, Milliardeninvestitionen und aggressiver chinesischer Konkurrenz vernünftig Geld?
Die Börse hat die entscheidende Nachricht übrigens noch kaum verarbeitet. Die VW Vorzugsaktie schloss heute auf Xetra bei 76,36 EUR, +3,61%. Der Zukunftsplan wurde aber erst um 20:30 Uhr veröffentlicht, also 3 Stunden nach Xetra Schluss. Nachbörslich bleibt die Euphorie aber überschaubar.
VW hat einen der größten politischen Stolpersteine seines Turnarounds zunächst aus dem Weg geräumt. Aber Einstimmigkeit ist noch keine Einsparung. Jetzt zählen 3 Zahlen: Wie viele Milliarden werden dauerhaft gespart? Was kostet die Restrukturierung? Und welche operative Marge bleibt anschließend übrig? Werden diese Fragen überzeugend beantwortet, könnte aus der vermeintlich langweiligen Value Aktie plötzlich eine mächtige Restrukturierungsstory werden.
Das technische Big Picture der Aktie sieht derzeit nicht gut aus.
Der Dekaden-Key-Support bei 87,00 EUR wurde in den zurückliegenden Monaten aufgegeben. Davor konnte die Aktie mit Ach und Krach gut ein Jahr lang die wichtige Preismarke verteidigen. Durch den Bruch der 87er Marke ist im langfristigen technischen Signalbild enormer Schaden entstanden. Wenn langsam keine Stabilisierung gelingt, ist das für das langfristige Bild nicht gut. Es muss bald eine Wende her, der Konzern muss kompetitiver werden.
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