US-Dominanz in Wissenschaft bröckelt, China/Indien im Rückspiegel
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Noch vor 20 Jahren galt wissenschaftliche Dominanz der USA als nahezu unangreifbar. Die besten Universitäten, die meisten Nobelpreise, die stärksten Forschungslabore, die meisten Patente und die größte Konzentration an Spitzenforschern lagen klar in den USA. Heute sieht die Welt deutlich anders aus. Der wichtigste Trend ist, dass China, Indien und teilweise sogar Iran massiv aufholen. Wissenschaft wird multipolar.
China ist dabei der eigentliche Game Changer. Im Nature Index 2026 wuchs Chinas Forschungsleistung 2025 um weitere 22,4%, während die USA zurückfielen. Bereits 2024 lag China bei den weltweit führenden Wissenschaftsjournalen mit einer Share von 32.122 Punkten rund 45% vor den USA mit 22.083 Punkten. Von 2020 bis 2024 erhöhte China seine Spitzenforschung um 95%, die USA nur um 9,5%. Der wissenschaftliche Schwerpunkt der Welt verschiebt sich damit schneller nach Asien, als viele Experten noch vor wenigen Jahren erwartet hatten.
China produziert inzwischen nahezu doppelt so viele wissenschaftliche Publikationen wie die USA. Bereits 2017 überholte China die USA bei der Gesamtzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Inzwischen führt China nicht nur bei der Menge, sondern zunehmend auch bei hochzitierten Arbeiten. Das ist ein wichtiger Punkt, sie holen bei Qualität auf.
Besonders stark ist China in:
• Künstlicher Intelligenz
• Batterietechnik
• Materialwissenschaften
• Chemie
• Quantenkommunikation
• Halbleiterforschung
• Robotik
• Solartechnik
• Hochgeschwindigkeitsverkehr
Eine oft zitierte Analyse des Australian Strategic Policy Institute kam sogar zu dem Ergebnis, dass China inzwischen bei 57 von 64 kritischen Zukunftstechnologien weltweit führend sei. Anfang der 2000er Jahre waren es lediglich 3 von 64.
Die USA führen weiterhin bei den wissenschaftlichen Durchbrüchen, während China zunehmend bei der Skalierung und Weiterentwicklung bereits identifizierter Forschungsrichtungen dominiert. Die USA entdecken oft die nächste große Idee, China baut daraus ganze Industrien.
Indien befindet sich in einer anderen Phase. Das Land verfügt über etwa 1,4 bis 1,5 Milliarden Einwohner und eine enorme Zahl technischer Absolventen. Die Zahl wissenschaftlicher Publikationen hat sich seit 2000 vervielfacht. Indien produziert inzwischen rund 280.000 wissenschaftliche Arbeiten pro Jahr. Das liegt zwar deutlich unter China (etwa 1 Million) und den USA (etwa 700.000), zeigt aber die enorme Dynamik des Landes.
Die eigentliche Stärke Indiens liegt weniger in der Grundlagenforschung als in seinem Talentpool. Jedes Jahr verlassen Hunderttausende Ingenieure die Universitäten. Viele arbeiten heute bei Google, Microsoft, Nvidia, OpenAI oder gründen eigene Technologieunternehmen. Indien könnte in den 2030er Jahren zu einer Art wissenschaftlicher Supermacht aufsteigen, wenn Forschungsausgaben und Universitäten weiter ausgebaut werden.
Trotz jahrzehntelanger Sanktionen verzeichnete Iran zeitweise die höchste Wachstumsrate wissenschaftlicher Publikationen weltweit. Die jährliche Wachstumsrate wissenschaftlicher Veröffentlichungen lag laut US National Science Foundation zeitweise bei über 25 %. Iran steigerte seine wissenschaftliche Produktion innerhalb weniger Jahre um ein Vielfaches und baute starke Kompetenzen in Chemie, Materialwissenschaften, Ingenieurwesen, Pharmazie und Nukleartechnik auf.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Demografie.
USA: etwa 340 Millionen Einwohner
China: etwa 1,4 Milliarden Einwohner
Indien: etwa 1,5 Milliarden Einwohner
Selbst wenn nur ein kleiner Teil der chinesischen oder indischen Bevölkerung Spitzenforscher wird, entstehen absolute Zahlen, mit denen die USA kaum konkurrieren können.
Der jahrzehntelange Brain Drain funktioniert schlechter. Früher gingen die besten Studenten automatisch nach Boston, Stanford oder Silicon Valley. Heute bieten Städte wie Shenzhen, Peking, Shanghai, Bangalore, Singapur oder Seoul zunehmend attraktive Alternativen. Gleichzeitig kehren viele chinesischstämmige Forscher aus den USA zurück nach China. Studien zeigen eine steigende Rückwanderung hochqualifizierter Wissenschaftler.
Die USA besitzen weiterhin:
• MIT, Stanford, Harvard, Caltech und viele der besten Universitäten der Welt
• Das weltweit stärkste Venture Capital Ökosystem
• Nvidia, OpenAI, Google, Microsoft, Meta, Anthropic und zahlreiche weitere KI-Schwergewichte
• Die meisten Nobelpreise
• Die größte Forschungsfinanzierung privater Unternehmen
• Die stärkste Verbindung zwischen Forschung, Kapital und Unternehmensgründung
Der eigentliche Wandel besteht darin, dass die USA nicht mehr allein dominieren. Vor 25 Jahren war die wissenschaftliche Welt stark amerikanisch geprägt. Heute existieren mehrere wissenschaftliche Machtzentren. Die anderen holen auf!
Wissenschaft ist die Vorstufe wirtschaftlicher Macht. Wer die Forschung kontrolliert, kontrolliert oft 5 bis 15 Jahre später die profitabelsten Industrien. Deshalb geht es bei diesem Wettlauf nicht nur um Universitäten. Es geht um KI, Halbleiter, Biotechnologie, Raumfahrt, Robotik, Quantencomputer, Verteidigungstechnologie und letztlich um Billionenmärkte.
Die USA bleiben vermutlich noch lange die wichtigste Einzelmacht der Forschung. Aber aus einem König wird zunehmend ein Wettbewerber unter mehreren Schwergewichten.
Meine Stimme aus dem Off: Für die Menschheit ist stärkerer Wettbewerb anstrengend, ja. Er bringt aber erheblich schnelleren technologischen Fortschritt. Und er bringt zwangsläufig günstigere Preise für die Produkte. Das ist Fakt. Meiner Meinung nach zwingt die Entwicklung westliche demokratische Gesellschaften politisch klarer gerade aus zu denken und schneller zu reagieren. Schnelligkeit bei Entscheidungsfindungen, Schnelligkeit bei Umsetzungen. Für bestimmte politische ideologische Experimente und ellenlanges Herumdiskutieren ist keine Zeit.
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