Werbung
Kommentar
08:37 Uhr, 10.08.2026

"Riester ist tot, es lebe das Altersvorsorgedepot!"

25 Jahre nach Auflage der Riester-Rente kommt die Reparatur in Form des Altersvorsorgedepots. Unser Kolumnist Ali Masarwah hält in fünf Punkten fest, warum „Riester“ gescheitert ist und was das neue Produkt auszeichnet.

10. August 2026. FRANKFURT (envestor). 25 Jahre nach ihrem Start könnte man versucht sein, die Riester-Rente als wichtigen Faktor in der privaten, staatlich geförderten Altersvorsorge misszuverstehen: Es gibt 16 Millionen Verträge mit einem angesparten Vermögen von rund 220 Milliarden Euro. Rund 11 Milliarden Euro fließen jedes Jahr in Versicherungs und Fondsverträge. Das klingt nach viel, aber die Realität ist trist. Bis zu einem Viertel der Riester-Verträge werden nicht bespart. Sie „ruhen“, was bedeutet, dass kein Geld mehr investiert wird. Die Folgen sind eine geringe Rente im Alter. Laut Bundesfinanzministerium kommen Riester-Sparer am Ende im Schnitt auf weniger als 150 Euro Monatsrente. Das ist nicht mehr als ein Zubrot – und eine traurige Bilanz. Mit dem Altersvorsorgedepot (AV-Depot) tritt 2027 der Nachfolger an. Ich habe mir fünf Fragen gestellt, die über Erfolg oder Misserfolg der Reform entscheiden.

1. Warum ist Riester eigentlich gescheitert?

In allererster Linie am Geburtsfehler Beitragsgarantie. Wer verspricht, dass am Ende mindestens das eingezahlte Kapital herauskommt, muss den Großteil der Beiträge in renditearme Anleihen parken. In der Nullzinsphase hieß das: kaum Aktien, kaum Rendite. Dazu kamen Kosten, die sich gewaschen haben: Laut Finanzaufsicht BaFin lagen die Effektivkosten fondsgebundener Riester-Verträge im Schnitt bei 1,9 Prozent pro Jahr, einzelne Versicherungstarife knackten sogar die 4-Prozent-Marke. Riester war damit weniger eine Altersvorsorge für Angestellte als ein Versorgungswerk vor allem für die Versicherungsbranche – und ihre Vertriebe.

2. Was macht das Altersvorsorgedepot anders?

Es streicht den Garantiezwang – der wichtigste Handgriff dieser Reform. Wer will, fährt mit 100 Prozent Aktienquote. Wer Sicherheit vorzieht, kann weiterhin eine 80- oder 100-Prozent-Kapitalgarantie wählen und wird aller Voraussicht nach für diese scheinbare Sicherheit weniger Rendite einstreichen. Aber das tun Anlegende dann freiwillig. Der Unterschied ist gewaltig: Ein breit gestreuter Aktienfonds oder -ETF bringt über 30 Jahre historisch 7 bis 10 Prozent pro Jahr, klassische Riester Policen kamen auf rund 2 Prozent. Garantien und Kosten machen Riester zum realen Verlustgeschäft für Vorsorgende.

3. Was zahlt der Staat – und für wen lohnt es sich am meisten?

Beim AV-Depot gibt es für die ersten 360 Euro Eigenbeitrag pro Jahr 50 Cent Zulage pro eingezahltem Euro, darüber bis 1.800 Euro noch 25 Cent pro gespartem Euro. Wer den Höchstbetrag von 1.800 Euro einzahlt, kassiert also eine Zulage von 540 Euro pro Jahr – dreimal so viel wie bei Riester. Für Kinder gibt es 100 Prozent Matching bis 300 Euro Eigenbeitrag, und wer unter 25 einsteigt, bekommt einen einmaligen Berufseinsteigerbonus von 200 Euro. Neu ist auch: Die rund 3,6 Millionen Selbstständigen sind förderberechtigt – für sie gab es bislang nur die wenig erfolgreiche Rürup-Rente.

Am meisten profitieren Geringverdiener, Familien und Berufseinsteiger. Gutverdiener müssen dagegen rechnen: Bei hohen Grenzsteuersätzen in der Auszahlphase kann ein ungefördertes Fondsdepot am Ende die Nase vorn haben – das zudem jederzeit verfügbar ist. Wer sich für das AV Depot entscheidet, kann zwar bei einer verschlechterten persönlichen finanziellen Situation seinen Vertrag ruhen lassen, muss aber bei einer Kündigung alle Zulagen und Steuervorteile zurückzahlen.

4. Lauert die nächste Kostenfalle?

Nicht zwingend. Zunächst muss jeder Anbieter eines AV-Depots ein sogenanntes Standardprodukt mit maximal 1 Prozent Effektivkosten bereitstellen – gemessen an Riester ein Riesenfortschritt. Aber auch 1 Prozent ist keine Bagatelle: Über 40 Jahre und bei 6 Prozent Bruttorendite frisst diese Gebühr rund ein Drittel der gesamten Kapitalmarkterträge auf. Wer ein normales Fonds- oder ETF-Depot unterhält, zahlt unter Umständen deutlich weniger – viele Aktien ETFs gibt es schon für 0,2 Prozent und weniger pro Jahr zu haben.

Dann wird es noch die sogenannten „Deluxe“-Varianten des AV-Depots geben: aktiv gesteuerte Produkte. Diese werden deutlich mehr kosten als Standardprodukte. Sie können unter Umständen deutlich besser strukturiert sein, aber hier müssen Anlegende mit spitzem Bleistift rechnen.

Und dann ist da noch die Hausmarken-Falle: Wer zur Volksbank geht, bekommt Union Investment-Fonds, wer zur Sparkasse geht, Deka-Fonds. Das ist gut für die Banken, da die Marge im eigenen Haus bleibt. Die potenziellen Nachteile für Anleger: Sie könnten bei einem mittelmäßigen Fonds landen. Zwischen dem besten und einem durchschnittlichen globalen Aktienfonds liegen über 20 Jahre oft mindestens 2 Prozentpunkte Rendite pro Jahr. Bei einer Einmalanlage, die mit rund 6 Prozent p. a. auf 100.000 Euro Endkapital wächst, würde ein zweites Fondsinvestment mit 2 Prozentpunkten mehr Rendite über 20 Jahre auf etwa 145.000 Euro kommen – ein Unterschied von knapp 45.000 Euro.

Wer sich also für ein aktiv gemanagtes AV-Depot entscheidet, sollte Anbieter mit einer freien Fondsauswahl in Betracht ziehen. Das müssen nicht nur Banken und ETF-Anbieter sein – auch konzernunabhängige, freie Berater mit günstigen Kosten werden voraussichtlich AV Depots anbieten.

5. Und was tun mit dem alten Riester-Vertrag?

Für die allermeisten Vorsorgenden dürfte der Wechsel ins AV-Depot ab 2027 die klügere Entscheidung sein – die eingezahlten Beiträge und die Förderung der alten Riester Verträge bleiben erhalten, in den allermeisten Fällen wird der Wechsel zum AV-Depot kostenlos sein. Für manche Anleger könnte allerdings „Riester“ die bessere Wahl sein. Ältere Fondssparplan-Riester mit hohen historischen Aktienquoten aus der Zeit bis 2010 haben trotz Garantie mitunter ordentliche Renditen erwirtschaftet. Für diejenigen, denen eine lebenslange Rente wichtig ist, könnte bei einer kurzen Restlaufzeit der „Altriester“ eine akzeptable Option sein. Auch Geringverdiener mit Kindern, die nur wenig mehr als den Sockelbetrag von 60 Euro pro Jahr lockermachen können, fahren mit Riester unter Umständen besser, weil dann keine Mindesteinzahlung für Kinder („Matching“) geleistet werden muss, um auf 300 Euro Kinderförderung zu kommen.

Fazit: Das AV-Depot – eine überfällige, gute Lösung!

Die fünf Punkte zeigen: Das AV-Depot dürfte für die allermeisten Anlegenden eine gute Wahl sein. Der Kreis der Bezieher ist deutlich größer als bei Riester, die Renditechancen sind wegen der weggefallenen Beitragsgarantie sehr viel besser. Eine weitere gute Nachricht: Nicht nur ist das Kostenbewusstsein vieler Anleger seit dem Riester-Start 2002 größer geworden, sondern der Staat hat – zumindest beim Standarddepot einen Kostendeckel eingezogen – den voraussichtlich die meisten AV-Anbieter zudem überwiegend unterbieten werden. Es zeichnet sich schon heute ab, dass es auf deutlich weniger als 1,0 Prozent pro Jahr hinausläuft. Allerdings müssen Anlegende zunächst das Jahr 2027 abwarten. Noch gibt es keine AV-Depots. Daher sollten sie sich nicht auf Verkäufer einlassen, die schon jetzt auf einen Abschluss eines „AV-Depots“ drängeln. „Informieren und abwarten“, lautet also das Motto bis Anfang 2027.

Von Ali Masarwah, 10. August 2026, © envestor.de

Über den Autor

Ali Masarwah ist Fondsanalyst, Geschäftsführer von envestor.de und cleverrente.de sowie ehemaliger Analyst beim Researchhaus Morningstar. Seit mehr als 25 Jahren analysiert er Kapitalmärkte, Fonds und ETFs und wird regelmäßig von Wirtschafts- und Fachmedien zitiert. Mit envestor berät Masarwah Anlegende bei der langfristigen Strukturierung von Fonds- und ETF-Portfolios. Mit cleverrente.de befasst er sich insbesondere mit der Frage, wie sich das kommende Altersvorsorgedepot sinnvoll in eine private Ruhestandsplanung einfügen lässt.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion der Deutschen Börse. Sein Inhalt liegt in der alleinigen Verantwortung des Autors.