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Kommentar
16:03 Uhr, 08.09.2026

Aus dem ETF Magazin: "Gewinn ist kein Zufall"

100 Prozent vs 65 Prozent: Seit Jahren schlagen Value- und Momentum-ETFs den Markt. Wie sie das schaffen und warum eine sorgfältige Auswahl trotzdem wichtig ist, weiß das ETF Magazin.

8. September 2026. MÜNCHEN (ETF Magazin). Wer einfach, transparent und flexibel sein Geld vermehren möchte, greift zu einem ETF. Schon ein Tracker des Weltaktienindex MSCI World war ein ausgesprochen lohnendes Investment: In den vergangenen drei Jahren legten ETFs auf diesen Index um durchschnittlich knapp 18 Prozent pro Jahr zu. Doch mit Faktor-ETFs war noch wesentlich mehr zu holen. Weltaktien-ETFs mit Value- oder Momentum-Strategie erwirtschafteten im gleichen Zeitfenster sogar rund 26 Prozent jährlich – ihr Wert verdoppelte sich in nur drei Jahren.

Auch über fünf Jahre und länger schlugen viele Value- und Momentum-ETFs den Gesamtmarkt, ebenso in enger gefassten Anlageregionen wie Europa oder USA. Dieser Trend dürfte anhalten. „In 85 Prozent aller wahrscheinlichen Szenarien ist es sinnvoll, Value-Aktien überzugewichten“, sagt Joe Davis, Global Head of the Investment Strategy Group der US-Fondsgesellschaft Vanguard. Dennoch empfiehlt sich vor dem Kauf ein Blick in Factsheet und Index-Regelwerk. Nicht jeder ETF fuhr in der Vergangenheit an der Spitze mit – die Konstruktionsmethoden unterscheiden sich.

Faktor- oder Risikoprämienstrategien orientieren sich an einem Zusammenhang, den Eugene Fama und Kenneth French 1992 aufzeigten. Nach ihrer Auffassung lässt sich die Marktrendite in verschiedene Risikofaktoren zerlegen. Variablen wie Region oder Sektor erklären nur zum Teil die Marktrendite. Erst zusätzliche Faktoren wie Value oder die Unternehmensgröße ermöglichten ein vollständiges Bild. Zahlreiche andere Wissenschaftler bestätigten diese Annahmen mit weiteren Studien. Nach dieser Logik können Investoren ganz einfach Überrenditen erzielen, wenn sie nur systematisch auf die richtigen Risikofaktoren setzen. Und die Praxis scheint die Theorie zu bestätigen.

Mehrere Hundert Renditefaktoren wurden inzwischen ausgemacht. Bei ETFs spielen vor allem fünf Faktoren eine Rolle: Value, also Aktien mit niedriger Bewertung; Momentum, also Aktien, deren Kurse sich besser als der Gesamtmarkt entwickeln; Size, Aktien mit geringer Marktkapitalisierung; Quality, verstanden als Aktien ertragsstarker Unternehmen mit goldener Bilanz; Low Volatility, also Aktien mit niedriger bzw. unterdurchschnittlicher Volatilität. In den vergangenen Jahren zeigten sich jedoch nicht alle dieser fünf Faktoren so stark wie Value und Momentum. ETFs mit den Faktoren Quality, Size und Low Volatility blieben hinter dem Markt zurück.

Schlau selektiert

Die meisten Faktor-ETFs bilden Indizes von MSCI ab. Das erleichtert oft den Vergleich, vor allem bei den Momentum-ETFs. Deren Ansatz ist einfach: MSCI fischt einfach die Aktien mit der besten Kursentwicklung aus einem breiten MSCI-Index wie den MSCI World. Rund 350 Aktien landen so im MSCI World Momentum Index, von mehr als 1.300 im MSCI World Index. MSCI bestimmt dabei das Momentum über eine Methodik, die auf der Sechs- und Zwölfs-Monats-Kursentwicklung der Aktien basiert und diese risikoadjustiert zu einem Momentum-Score verdichtet. In den Momentum-Index werden dann die Titel mit den höchsten Scores aufgenommen. Alle drei Monate wird die Zusammensetzung neu berechnet. Zusätzlich achten die Index-Architekten auf eine ausreichende Diversifizierung, stellen also vor allem sicher, dass nicht alle Indexmitglieder aus dem gleichen Sektor stammen.

Dennoch sieht natürlich das Portfolio eines Momentum-Index anders aus, als das eines Index, der die Aktien klassisch nach ihrer Marktkapitalisierung gewichtet. Im MSCI World Momentum Index sind im Augenblick Aktien der Sektoren Technologie, Industrie und Energie leicht übergewichtet. Finanz-Werte und Konsumgüter wurden untergewichtet. Bei der Länder-Allokation liegen US-Titel mit 59 Prozent Anteil deutlich unter ihrem Gewicht im MSCI World Index (72 Prozent).

Etwas weniger homogen sind die Value-ETFs konstruiert, obwohl sie ebenfalls überwiegend MSCI-Indizes abbilden. Auch die MSCI-Value-Indizes enthalten jeweils nur etwa 30 bis 40 Prozent der Aktien ihres jeweiligen Mutter-Index (MSCI World, MSCI Europe, MSCI USA, MSCI EM). In die Value-Indizes kommen Aktien, die im Vergleich zu anderen Titeln besonders günstig bewertet erscheinen, etwa anhand von Kennzahlen wie Kurs-Buchwert-Verhältnis, Kurs-Gewinn-Verhältnis und Dividendenrendite. Dabei kombiniert MSCI diese Bewertungsmerkmale mit weiteren Stilindikatoren zu einem Value-Score, nach dem die Titel in den Index aufgenommen und gewichtet werden.

Wichtige Unterschiede

Bei der Portfolio-Zusammensetzung kommt es so zu markanten Abweichungen vom Mutterindex. So liegt aktuell der Anteil der US-Aktien in den MSCI-World-Value-ETFs von iShares und Xtrackers nur bei rund 50 Prozent. Japan wird dagegen mit knapp 20 Prozent rund drei Mal höher gewichtet als im MSCI World Index. Interessant auch: Unter den zehn am höchsten gewichteten Einzeltiteln finden sich weder Nvidia, noch Apple noch ein anderer Vertreter der glorreichen Sieben. Bei den Sektoren weichen die MSCI-Value-Indizes je nach Index-Variante mehr oder weniger vom Mutterindex ab.

Wer einem Value-ETF auf Basis eines MSCI-Index sucht, sollte allerdings einen Fallstrick kennen: Die nahezu identischen Namen der ETFs lassen ein sehr ähnliches ETF-Portfolio erwarten, doch im Detail gibt es spürbare Unterschiede. Ein Vergleich von drei ETFs für US-Value-Aktien verdeutlicht dies. Fast gleicher Name, gleicher Markt, gleiche Kosten (TER) – aber unterschiedliche Zusammensetzung und Wertentwicklung.

Der UBS MSCI USA Value ETF bildet den MSCI USA Value Index ab. Dieser Index umfasst rund 400 US-Aktien des MSCI USA Index, ausgewählt anhand mehrerer fundamentaler Kennzahlen. Der SPDR MSCI USA Value ETF enthält dagegen nur etwa 120 Titel des gleichen Mutterindex. Dieser ETF kombiniert Value-Exposition mit einem Qualitätsfilter: Eigenkapitalrendite, Verschuldungsgrad und Gewinnstabilität werden ebenfalls geprüft, um schwache Unternehmen auszusondern.

Der iShares Edge MSCI USA Value Factor ETF bildet den MSCI USA Enhanced Value Index ab. In diesen kommen rund 150 Aktien mit relativ günstiger Bewertung aus dem Universum des MSCI USA Index. Das Wort „Enhanced“ im Indexnamen steht dabei allerdings nicht für Qualitätsprüfung, sondern deutet darauf hin, dass MSCI Klumpenrisiken vermeiden will, die sich aus der Übergewichtung einzelner Branchen ergeben könnten: Bei den Enhanced Indizes wird darauf geachtet, dass die Sektorverteilung ähnlich bleibt wie im Ausgangsindex.

Abgesehen von der Titelzahl unterscheiden sich die drei US-Value-ETFs auch bei der Gewichtung der verschiedenen Sektoren. Informationstechnologie (IT) ist die auffälligste Abweichung. Im UBS MSCI USA Value ETF betrug Ende Mai der Technologie-Anteil 17 Prozent. Der SPDR MSCI USA Value ETF gewichtete IT zum gleichen Zeitpunkt mit 40 Prozent mehr als doppelt so stark. Der iShares MSCI USA Value Factor ETF kam sogar auf einen Anteil von 42 Prozent. Sowohl der iShares-ETF als auch der SPDR-ETF räumen damit den Technologie-Werten noch mehr Raum ein als der MSCI USA Index oder der S&P 500 Index. In diesen hatte die IT-Branche Ende Mai ein Gewicht von gut 38 Prozent.

Bei der Finanz- und bei der Gesundheitsbranche zeigt sich ein umgekehrtes Bild. Während iShares und SPDR wieder nahe an den Sektorgewichten der Standardindizes bleiben, werden die beiden Branchen im UBS-ETF deutlich übergewichtet. Wer also die US-Value-ETFs von iShares oder SPDR kauft, investiert im Moment schwerpunktmäßig in Technologie und bleibt damit näher am Gesamtmarkt. Solange die Rally der Technologie-Titel anhält, ist das ja kein Fehler. Wer jedoch eher ein Gegengewicht zum technologielastigen US-Markt sucht, greift besser zum UBS-US-Value-ETF – oder wählt gleich einen Value-ETF der französischen Fondsboutique Ossiam.

Ziemlich anders

Die Ossiam Shiller Barclays CAPE ETFs gibt es für den US-Markt sowie für europäische Aktien und globale Investments. Die Ossiam-Value-ETFs investieren nach einer sektorbasierten Strategie. Diese nutzt das zyklisch und inflationsbereinigte Kurs-Gewinn-Verhältnis (CAPE), das auf ein Konzept des US-Ökonomen Robert Shiller zurückgeht. Die Ossiam-ETFs wollen damit die am günstigsten bewerteten Branchen identifizieren. In den ETF kommen dann typischerweise nur Titel aus den vier am stärksten unterbewerteten Sektoren des jeweiligen Universums (USA, Europa oder global). Jeder Sektor wird mit 25 Prozent gewichtet. Mit ihrer Methode haben die Ossiam-ETFs in einigen Phasen den Gesamtmarkt geschlagen, doch in den vergangenen Jahren blieben sie deutlich zurück.

Ein Blick ins Portfolio des Shiller Barclays CAPE US Sector Value ETF lässt ahnen warum: Der ETF besteht aktuell zur Hälfte aus Aktien der Sektoren Basis- und zyklische Konsumgüter, und den Rest des Portfolios mit Titeln aus den Sektoren Materialien und Kommunikationsdienstleistungen, alles Branchen, die in Standardindizes wie dem S&P 500 relativ niedrig gewichtet sind. Aktien aus der in anderen Indizes meist hochgewichteten Informationstechnologie finden sich im Ossiam-ETF dagegen nicht. Die Beispiele zeigen: Value- und Momentum-Strategien lohnen – aber es kommt auf den richtigen ETF an.

Von Uli Kühn, Juli 2026, © ETF Magazin

Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ETF Magazins, dem Fachjournal für Profis und informierte Anleger*innen.