Momentum Trading: Starke Aktien zum richtigen Zeitpunkt
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Warum steigen manche Aktien monatelang weiter, obwohl sie „eigentlich schon zu teuer“ sind? Und warum dümpeln andere ewig vor sich hin, obwohl sie auf dem Papier günstig aussehen? Hinter beidem steckt derselbe Effekt, und er gehört zu den am besten dokumentierten Mustern der Börsengeschichte: Stärke zieht Stärke an.
Genau dieses Muster handelt das Momentum Trading: Du kaufst systematisch die Aktien, die sich zuletzt am stärksten entwickelt haben, und meidest die Nachzügler. Das klingt fast zu simpel, um zu funktionieren, und widerspricht dem Instinkt vieler Anleger, lieber Schnäppchen zu jagen. Doch die Finanzforschung zeigt seit Jahrzehnten: Der Momentum-Effekt ist real, messbar und über Märkte und Zeiträume hinweg erstaunlich stabil.
Dieser Artikel zeigt dir: Wie Momentum Trading funktioniert und was die Forschung dazu sagt, wie du relative Stärke misst, mit welchen Kriterien du Momentum-Aktien findest, wie Einstieg, Ausstieg und Rotation in der Praxis ablaufen und wo die Risiken des Ansatzes liegen, insbesondere bei Marktwenden.
Was ist Momentum Trading?
Momentum Trading setzt darauf, dass sich Kursbewegungen fortsetzen: Aktien, die den Markt in den vergangenen Monaten geschlagen haben, tun das mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auch in den kommenden Monaten. Statt nach unterbewerteten Nachzüglern zu suchen, kaufst du also gezielt die Gewinner und tauschst sie erst aus, wenn ihre Stärke nachlässt.
Der Ansatz ist eng mit der Trendfolge verwandt, setzt den Fokus aber anders. Die Trendfolge schaut auf den einzelnen Wert: Ist der Trend dieser Aktie intakt, ja oder nein? Momentum vergleicht dagegen viele Werte miteinander: Welche Aktien sind relativ zum Markt und zueinander am stärksten? Aus diesem Vergleich entsteht ein Ranking, und gehandelt wird die Spitze der Liste.
Der typische Zeithorizont liegt zwischen mehreren Wochen und Monaten. Damit passt Momentum Trading gut zu Swing- und Position-Tradern, die nicht täglich vor den Charts sitzen wollen: Die Auswertung läuft in Ruhe am Wochenende, umgeschichtet wird in festen Abständen.
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Der Momentum-Effekt in der Forschung
Bereits 1993 zeigten die Ökonomen Jegadeesh und Titman, dass US-Aktien mit starker Performance der vergangenen 3 bis 12 Monate ihre schwachen Pendants auch in den Folgemonaten schlugen. Der Effekt wurde seitdem in Dutzenden Studien über Länder, Anlageklassen und Jahrzehnte hinweg bestätigt und zählt zu den robustesten Faktoren der Kapitalmarktforschung.
Relative Stärke: das Herzstück der Momentum-Strategie
Der zentrale Begriff im Momentum Trading ist die relative Stärke. Sie beschreibt, wie sich eine Aktie im Vergleich zu ihrem Markt oder zu anderen Aktien entwickelt hat. Eine Aktie, die in sechs Monaten 25 % zulegt, während der Index 5 % schafft, zeigt hohe relative Stärke. Eine Aktie, die im selben Zeitraum nur 2 % gewinnt, ist relativ schwach, selbst wenn sie absolut im Plus liegt.
Die einfachste Messung ist der direkte Performance-Vergleich über einen festen Zeitraum, üblich sind 3, 6 oder 12 Monate. In der Forschung hat sich außerdem eine Feinheit bewährt: den letzten Monat auszuklammern, weil Kurse auf ganz kurze Sicht eher zu Gegenbewegungen neigen. Daneben existieren Kennzahlen wie das Relative-Stärke-Konzept nach Levy, das den aktuellen Kurs ins Verhältnis zu seinem Durchschnitt der vergangenen Monate setzt. Wichtig: Die relative Stärke hat nichts mit dem RSI-Indikator zu tun, der trotz ähnlichem Namen etwas völlig anderes misst.
Aus der Messung entsteht das Ranking. Du sortierst dein Anlageuniversum, etwa alle Aktien eines Index, nach ihrer Performance über den gewählten Zeitraum und konzentrierst dich auf das oberste Zehntel oder die Top 20. Genau diese Liste ist dein Jagdrevier: Momentum Trader kaufen nicht irgendwelche steigenden Aktien, sondern gezielt die stärksten des Marktes.
Momentum-Aktien finden: das Screening
Für die Praxis brauchst du einen wiederholbaren Screening-Prozess. Bewährt hat sich eine Kombination aus drei Filtern. Erstens die Performance: Die Aktie gehört über 6 und idealerweise auch 12 Monate zu den stärksten ihres Universums. Zweitens die Trendqualität: Der Kurs notiert über dem SMA200, und die Bewegung verläuft relativ gleichmäßig statt in einem einzigen Nachrichtensprung. Eine Aktie, die ihre gesamte Jahresperformance einer Übernahmemeldung verdankt, hat kein echtes Momentum. Drittens die Liquidität: ausreichend Handelsvolumen und enge Spreads, damit Ein- und Ausstieg nicht selbst zum Kostenfaktor werden.
Viele Momentum-Aktien notieren zwangsläufig nahe ihrem 52-Wochen-Hoch, und häufig ballen sie sich in wenigen Sektoren, die gerade strukturellen Rückenwind haben. Diese Sektorkonzentration ist Teil des Spiels, sollte dir aber bewusst sein: Wer die zehn stärksten Aktien kauft und dabei achtmal denselben Sektor erwischt, hat kein diversifiziertes Depot, sondern eine Sektorwette. Ein einfaches Limit, etwa maximal zwei bis drei Werte pro Branche, hält das Klumpenrisiko im Zaum.
Momentum Trading in der Praxis: Kaufen, halten, rotieren
Die klassische Momentum-Strategie funktioniert als Rotationssystem mit festen Regeln. Zuerst definierst du dein Universum, zum Beispiel die Aktien eines breiten Index. Dann legst du den Rhythmus fest: Einmal im Monat wird das Ranking neu berechnet, häufiger ist selten nötig und treibt nur die Kosten. Gekauft werden die stärksten Werte der Liste, gehalten wird, solange sie stark bleiben.
Der Ausstieg folgt derselben Logik wie der Einstieg, nur umgekehrt: Verkauft wird, wenn eine Aktie ihre relative Stärke verliert und aus dem oberen Bereich des Rankings fällt, oder wenn ihr übergeordneter Trend bricht, etwa durch einen nachhaltigen Fall unter den SMA200. Frei werdende Plätze übernimmt der nächste Kandidat aus der Liste. Zusätzlich sichern viele Momentum Trader jede Position mit einem Stop ab und begrenzen das Risiko pro Trade nach der bekannten 1-%-Regel.
Ein Marktfilter rundet das System ab: Notiert der Gesamtmarkt selbst unter seinem SMA200, werden keine neuen Positionen eröffnet oder die Aktienquote wird reduziert. Dieser simple Schalter schützt nicht vor allem, entschärft aber das größte Risiko der Strategie, dazu gleich mehr.
Stärken und Schwächen des Momentum Tradings
Die Stärken: Der Ansatz ist komplett regelbasiert, wissenschaftlich so gut belegt wie kaum ein zweiter und braucht wenig Zeit, weil Auswertung und Rotation in festen Abständen laufen. Emotionale Einzelfallentscheidungen entfallen weitgehend, das Ranking entscheidet.
Die Schwächen haben es dafür in sich. Die größte ist der sogenannte Momentum-Crash: An scharfen Marktwenden dreht sich der Effekt schlagartig um. Die bisherigen Gewinner fallen dann am tiefsten, während die zuvor schwächsten Aktien am stärksten zurückschnellen, so geschehen etwa in der Erholung nach der Finanzkrise 2009. Wer in solchen Phasen voll investiert in den Vormonats-Gewinnern steckt, erlebt überdurchschnittliche Verluste. Dazu kommen die Kosten durch regelmäßiges Umschichten und die Psychologie: Momentum verlangt, Aktien zu kaufen, die sich „zu teuer“ anfühlen, und Verlierer abzustoßen, an denen das Herz hängt. Beides fällt den meisten Menschen schwer.
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Vorsicht Momentum-Crash
Der Momentum-Effekt funktioniert im Durchschnitt, nicht in jedem Moment. Besonders gefährlich sind V-förmige Markterholungen nach Crashs: Dann rotiert das Kapital abrupt von den alten Gewinnern in die abgestraften Verlierer. Ein Marktfilter und konsequente Stops federn diese Phasen ab, ganz vermeiden lassen sie sich nicht.
In der nächsten Lektion drehen wir die Logik komplett um: Mean Reversion: Übertreibungen nutzen Dort kaufst du gezielt das, was gerade übertrieben abgestraft wurde.
Alle Lektionen und Strategien des Kurses findest du auf der Übersichtsseite Trading-Strategien.
Zusammenfassung: Momentum Trading
✅ Momentum Trading kauft systematisch die stärksten Aktien der vergangenen Monate und setzt darauf, dass sich ihre Stärke fortsetzt.
✅ Der Momentum-Effekt ist seit der Studie von Jegadeesh und Titman 1993 einer der am besten dokumentierten Faktoren der Kapitalmarktforschung.
✅ Kernwerkzeug ist die relative Stärke: die Performance einer Aktie über 3 bis 12 Monate im Vergleich zu Markt und Konkurrenz, verdichtet zu einem Ranking.
✅ Gute Momentum-Aktien kombinieren Top-Performance mit intaktem Trend über dem SMA200, gleichmäßiger Bewegung und ausreichender Liquidität.
✅ Gehandelt wird als Rotationssystem: monatliches Ranking, Kauf der Spitzenwerte, Verkauf bei nachlassender Stärke, Absicherung über Stops und 1-%-Regel.
✅ Größtes Risiko ist der Momentum-Crash an scharfen Marktwenden, wenn die bisherigen Gewinner am stärksten fallen. Ein Marktfilter entschärft diese Phasen.
✅ Psychologisch verlangt die Strategie das Gegenteil der Schnäppchenjagd: Stärke kaufen, Schwäche verkaufen, dem Ranking vertrauen statt dem Bauchgefühl.
Offenlegung wegen möglicher Interessenkonflikte
Die Autoren sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Analyse in den erwähnten Wertpapieren nicht investiert.
