Was sind Derivate? Hebelprodukte einfach erklärt
- Lesezeichen für Artikel anlegen
- Artikel Url in die Zwischenablage kopieren
- Artikel per Mail weiterleiten
- Artikel auf X teilen
- Artikel auf WhatsApp teilen
- Ausdrucken oder als PDF speichern
Wer sich eine Weile mit der Börse beschäftigt, stößt irgendwann auf Produkte, die kein Unternehmen abbilden, sondern nur auf dessen Kurs setzen: Optionsscheine, Knock-Outs, Faktor-Zertifikate, CFDs. Sie versprechen große Bewegungen mit kleinem Einsatz und sind genau deshalb der Punkt, an dem viele Anleger zum ersten Mal richtig Geld verlieren.
Was sind Derivate genau, wie leiten sie ihren Wert vom Basiswert ab, und welche Produktarten gibt es? Dieser Artikel eröffnet Teil A des Kurses „Trading und Investieren für Fortgeschrittene“ und legt das Fundament, auf dem die folgenden Lektionen zu Hebel, Optionsscheinen, Knock-Outs und Leerverkäufen aufbauen.
Dieser Artikel zeigt dir: was ein Derivat von einer Aktie unterscheidet, welche Rolle Basiswert, Hebel, Laufzeit und Emittent spielen, wie sich Optionsscheine, Knock-Outs, Faktor-Zertifikate, CFDs und Futures unterscheiden, wofür Derivate eingesetzt werden, wo und wie du sie handelst und warum der Totalverlust bei diesen Produkten kein theoretisches Risiko ist.
Was sind Derivate? Definition und Grundprinzip
Das Wort kommt vom lateinischen „derivare“, ableiten. Ein Derivat ist ein Finanzinstrument, dessen Preis sich aus einem anderen Wert ableitet, dem sogenannten Basiswert. Kaufst du eine Aktie, erwirbst du einen Anteil an einem Unternehmen: mit Stimmrecht, Anspruch auf Dividende und einem Wert, der am Ende von Umsatz und Gewinn abhängt. Kaufst du ein Derivat, erwirbst du einen Vertrag. Dieser Vertrag legt fest, wie viel Geld du bekommst, wenn sich der Basiswert in eine bestimmte Richtung bewegt.
Die Idee ist alt. Schon im 19. Jahrhundert verkauften Bauern in Chicago ihre Ernte im Frühjahr zu einem festen Preis, obwohl das Getreide erst im Herbst geliefert wurde. Der Bauer wusste, was er bekommt. Die Mühle wusste, was sie zahlt. Beide Seiten hatten sich gegen Preisschwankungen abgesichert, und genau das ist der Ursprung des Terminkontrakts, des ältesten Derivats. Der Vertrag über die Ernte war mehr wert, wenn der Getreidepreis stieg, und weniger, wenn er fiel. Er leitete seinen Wert vom Getreide ab.
An der Börse funktioniert das heute genauso, nur schneller und mit anderen Basiswerten. Ein Optionsschein auf eine Aktie gibt dir kein Stück des Unternehmens, sondern das Recht, an der Kursbewegung teilzuhaben. Steigt die Aktie, steigt der Optionsschein in der Regel überproportional. Fällt sie, verlierst du überproportional. Diese Verstärkung nennt man Hebel, und sie ist der Grund, warum Derivate im Trading beliebt und im Depot vieler Einsteiger gefährlich sind.
✓
✕
”
Aktie oder Derivat: der entscheidende Unterschied
Eine Aktie kannst du aussitzen. Das Unternehmen existiert weiter, zahlt vielleicht Dividende, und der Kurs kann sich nach Jahren erholen. Ein Derivat hat oft eine Laufzeit, eine Schwelle oder einen Zeitwert, der gegen dich arbeitet. Wer eine Aktie fünf Jahre hält, hat eine Chance. Wer einen Optionsschein fünf Jahre halten will, hat meist keinen mehr.
Der Basiswert: Woraus ein Derivat seinen Wert bezieht
Der Basiswert (englisch „Underlying“) ist die Größe, an der ein Derivat hängt. Fast alles, was einen börslich handelbaren Preis hat, kann als Basiswert dienen. Für Privatanleger sind vor allem fünf Gruppen relevant.
| Basiswert | Beispiele | Typische Derivate darauf |
|---|---|---|
| Einzelaktien | SAP, Nvidia, Rheinmetall | Optionsscheine, Knock-Outs, CFDs, Optionen |
| Indizes | DAX, S&P 500, Nasdaq 100 | Knock-Outs, Faktor-Zertifikate, Futures, CFDs |
| Rohstoffe | Gold, Öl, Kupfer | Knock-Outs, Futures, ETCs |
| Währungen | EUR/USD, EUR/CHF | CFDs, Knock-Outs, Futures |
| Zinsen und Anleihen | Bund-Future, US-Staatsanleihen | Futures, Optionen (vor allem für Profis) |
| Kryptowährungen | Bitcoin, Ethereum | CFDs, Knock-Outs, ETNs, Futures |
Wichtig ist: Du besitzt den Basiswert nicht. Ein Knock-Out auf Gold liegt nicht im Tresor, ein CFD auf Nvidia bringt kein Stimmrecht. Du bist an der Preisentwicklung beteiligt, nicht am Vermögenswert selbst. Das hat praktische Folgen. Bei Derivaten auf Aktien bekommst du keine Dividende, die Ausschüttung wird bei vielen Produkten aber rechnerisch berücksichtigt, etwa durch eine Anpassung des Basispreises. Bei Rohstoff-Derivaten musst du dich nicht um Lagerung kümmern, dafür können Rollkosten entstehen, wenn das Produkt von einem Terminkontrakt in den nächsten wechselt.
Der Basiswert bestimmt außerdem, wie stark ein Derivat schwankt. Ein Knock-Out auf den DAX bewegt sich ruhiger als einer auf eine Biotech-Aktie, selbst bei gleichem Hebel. Wer ein Derivat auswählt, sollte den Basiswert deshalb genauso analysieren wie eine Aktie, die er direkt kaufen würde.
Derivate einfach erklärt: Hebel, Laufzeit und Emittentenrisiko
Drei Begriffe tauchen bei fast jedem Derivat auf. Wer sie versteht, versteht den Großteil der Produktlandschaft.
Der Hebel
Der Hebel beschreibt, um wie viel stärker sich ein Derivat bewegt als sein Basiswert. Ein Hebel von 5 bedeutet: Steigt die Aktie um 2 Prozent, steigt das Derivat um rund 10 Prozent. Fällt die Aktie um 2 Prozent, verliert das Derivat rund 10 Prozent. Der Hebel entsteht, weil du nur einen Bruchteil des Basiswerts bezahlst, der Rest wird vom Emittenten finanziert oder über die Konstruktion des Produkts abgebildet. Hebel ist keine zusätzliche Gewinnchance, sondern eine Verstärkung in beide Richtungen.
Wie der Hebel genau entsteht, warum er sich im Zeitverlauf verändert und wie du ihn mit deiner Positionsgröße abstimmst, erklären wir Schritt für Schritt im Artikel Hebel bei Aktien: So funktioniert die Hebelwirkung im Trading.
Die Laufzeit
Viele Derivate haben ein Ablaufdatum. Ein Optionsschein verfällt am Laufzeitende, ein klassischer Turbo ebenso. Bis dahin verliert das Produkt jeden Tag ein Stück seines Zeitwerts, selbst wenn der Basiswert stillsteht. Andere Produkte sind „Open End“, also ohne festes Ende. Dafür fallen dort laufende Finanzierungskosten an, die täglich eingepreist werden. Kostenlos ist das Halten eines Derivats also nie, die Frage ist nur, ob du über Zeitwert oder über Finanzierungskosten zahlst.
Das Emittentenrisiko
Optionsscheine und Zertifikate sind rechtlich Schuldverschreibungen. Herausgeber ist eine Bank, der Emittent, und du bist deren Gläubiger. Geht der Emittent pleite, kann dein Derivat wertlos werden, völlig unabhängig davon, wie sich der Basiswert entwickelt. Das ist keine Theorie: Als Lehman Brothers im September 2008 Insolvenz anmeldete, verloren Zehntausende Anleger in Deutschland ihr Geld in Zertifikaten der Bank. Bei Aktien und ETFs gibt es dieses Risiko nicht, weil sie Sondervermögen beziehungsweise Eigentum sind.
✓
✕
”
Emittentenrisiko im Alltag
Bei großen Emittenten wie Société Générale, HSBC, BNP Paribas, Morgan Stanley oder Vontobel ist das Ausfallrisiko gering, aber nicht null. Wer große Summen in Derivaten hält, sollte sie auf mehrere Emittenten verteilen, so wie er Aktien auf mehrere Sektoren verteilt. Bei CFDs kommt ein weiteres Gegenparteirisiko hinzu, denn hier ist der Broker selbst dein Vertragspartner.
Hebelprodukte im Überblick: Optionsscheine, Knock-Outs, Faktor-Zertifikate, CFDs und Futures
Für Privatanleger in Deutschland sind fünf Produktgruppen relevant. Sie unterscheiden sich in der Art, wie der Hebel entsteht, wann der Totalverlust eintritt und wie transparent die Preisbildung ist.
| Produkt | So entsteht der Hebel | Laufzeit | Totalverlust wenn … | Preisbildung |
|---|---|---|---|---|
| Optionsschein | Recht auf Kauf (Call) oder Verkauf (Put) zum Basispreis | Fest, meist Monate bis wenige Jahre | … der Basiswert am Laufzeitende auf der falschen Seite des Basispreises steht | Komplex: Kurs, Zeit, Volatilität |
| Knock-Out-Zertifikat | Emittent finanziert den Basispreis, du zahlst die Differenz | Open End oder fest | … die Knock-Out-Schwelle berührt wird, auch nur für Sekunden | Transparent: Kurs minus Basispreis |
| Faktor-Zertifikat | Konstanter Hebel auf die tägliche Kursbewegung | Open End | … nach mehreren Verlusttagen in Folge, kein harter Knock-Out | Transparent am Tag, tückisch über Wochen |
| CFD | Margin: du hinterlegst nur einen Teil des Positionswerts | Keine | … die Margin aufgebraucht ist (Zwangsschließung) | Direkt am Basiswert, Broker stellt Kurse |
| Future | Standardisierter Terminkontrakt an der Börse, Margin | Fest, meist Quartale | … die Margin aufgebraucht ist, Nachschuss möglich | Transparent, Börsenhandel (Eurex, CME) |
Optionsscheine sind die klassische Form. Ein Call gibt dir das Recht, den Basiswert zu einem festen Preis zu kaufen, ein Put das Recht zu verkaufen. Ihr Preis hängt nicht nur vom Kurs ab, sondern auch von der Restlaufzeit und der erwarteten Schwankungsbreite, der Volatilität. Das macht sie schwerer zu bewerten als Knock-Outs, aber sie haben keine Schwelle, an der sie schlagartig verfallen.
Wie Call und Put funktionieren, was innerer Wert und Zeitwert bedeuten und wann ein Optionsschein sinnvoll ist, zeigt der nächste Teil des Kurses: Optionsscheine einfach erklärt: Call, Put und Hebel.
Knock-Out-Zertifikate (auch Turbos, Mini Futures oder Waves genannt) sind bei Tradern die beliebteste Gruppe, weil ihr Preis leicht nachvollziehbar ist: Kurs des Basiswerts minus Basispreis, angepasst um das Bezugsverhältnis. Dafür gibt es die Knock-Out-Schwelle. Wird sie berührt, ist das Produkt wertlos, egal, was der Basiswert danach macht.
Basispreis, Schwelle, Finanzierungskosten und ein vollständiges Rechenbeispiel findest du im Artikel Knock-Out-Zertifikate: Funktionsweise, Hebel und Risiko.
Faktor-Zertifikate bilden einen festen Hebel auf die tägliche Bewegung ab, etwa Faktor 3 oder Faktor 5. Sie haben keine Knock-Out-Schwelle, dafür eine Eigenschaft, die viele unterschätzen: In seitwärts laufenden, schwankenden Märkten verlieren sie an Wert, selbst wenn der Basiswert am Ende genau da steht, wo er angefangen hat.
CFDs (Contracts for Difference) sind keine Wertpapiere, sondern Verträge zwischen dir und dem Broker. Du hinterlegst eine Sicherheitsleistung, die Margin, und handelst die Differenz zwischen Einstiegs- und Ausstiegskurs. In Deutschland gelten seit der BaFin-Allgemeinverfügung von 2019 feste Hebelgrenzen für Privatanleger (bei Einzelaktien maximal 5:1) und ein Verbot der Nachschusspflicht. Die Anbieter müssen in ihrer Risikowarnung ausweisen, wie viele Kundenkonten Geld verlieren. Je nach Broker liegt diese Quote zwischen rund 70 und 90 Prozent.
Futures sind standardisierte Terminkontrakte, die an Terminbörsen wie der Eurex oder der CME gehandelt werden. Sie sind das Werkzeug institutioneller Anleger und erfahrener Trader. Wegen hoher Kontraktgrößen (ein DAX-Future bewegt pro Punkt 25 EUR) und möglicher Nachschusspflicht sind sie für die meisten Privatanleger ungeeignet.
Absicherung oder Spekulation: Wofür Derivate eingesetzt werden
Derivate haben zwei völlig unterschiedliche Einsatzzwecke, und es lohnt sich, sie auseinanderzuhalten.
Absicherung (Hedging) ist der ursprüngliche Zweck. Angenommen, du hältst ein ETF-Depot über 20.000 EUR und erwartest eine unruhige Phase, willst aber nicht verkaufen, etwa aus steuerlichen Gründen. Dann kannst du einen Put-Optionsschein oder einen Short-Knock-Out auf den passenden Index kaufen. Fällt der Markt, verliert dein Depot, aber das Derivat gewinnt und gleicht einen Teil aus. Steigt der Markt, verfällt das Derivat oder verliert an Wert, das ist dann die Versicherungsprämie, die du bezahlt hast. Für Privatanleger ist Hedging selten wirtschaftlich sinnvoll, weil die Kosten der Absicherung über die Jahre die vermiedenen Verluste oft übersteigen. Verstehen sollte man das Prinzip trotzdem, denn genau so nutzen Fonds, Versicherungen und Unternehmen den Markt.
Spekulation ist der Grund, warum die meisten Privatanleger Derivate kaufen. Du hast eine Meinung zur Kursrichtung und willst diese Meinung mit Hebel umsetzen, weil du mit begrenztem Kapital eine größere Bewegung mitnehmen willst. Das ist legitim, es ist aber auch die Nutzung, bei der die Verlustquoten entstehen, die die CFD-Anbieter ausweisen müssen. Wer spekuliert, sollte das mit einem klar begrenzten Teil seines Kapitals tun und die Positionsgröße vor dem Hebel festlegen, nicht danach.
Daneben gibt es Anlagezertifikate ohne Hebel, etwa Discount- oder Bonus-Zertifikate. Sie tauschen einen Teil der Kurschance gegen einen Puffer nach unten. Auch sie sind Derivate mit Emittentenrisiko, spielen im Trading aber eine untergeordnete Rolle und sind nicht Thema dieses Kurses.
Wo und wie du Derivate handelst
Optionsscheine und Zertifikate werden in Deutschland an zwei spezialisierten Handelsplätzen gehandelt: an der Börse Stuttgart (Euwax) und an der Börse Frankfurt (Zertifikate-Segment). Beide bieten lange Handelszeiten, meist von 8 bis 22 Uhr, und stellen sicher, dass der Emittent laufend An- und Verkaufskurse liefert. Zusätzlich bieten fast alle Broker den außerbörslichen Direkthandel mit dem Emittenten an. Er ist oft günstiger, weil keine Börsengebühren anfallen, und häufig schneller, weil der Kurs direkt bestätigt wird.
CFDs handelst du ausschließlich über einen CFD-Broker, der als Gegenpartei auftritt. Optionen und Futures laufen über Terminbörsen und erfordern einen Broker mit Terminmarktzugang, etwa Interactive Brokers oder spezialisierte Anbieter.
Bevor du zum ersten Mal ein Derivat handelst, verlangt dein Broker in der Regel zwei Dinge. Erstens musst du eine Angemessenheitsprüfung durchlaufen, bei der du Kenntnisse und Erfahrung angibst. Zweitens wirst du für die entsprechende Risikoklasse freigeschaltet, umgangssprachlich „Termingeschäftsfähigkeit“. Außerdem stellt dir der Broker vor jedem Kauf das Basisinformationsblatt des Produkts zur Verfügung. Es enthält den Risikoindikator auf einer Skala von 1 bis 7, Szenariorechnungen und die Kosten. Für Hebelprodukte steht dort fast immer die 7. Lies das Blatt wenigstens einmal, bevor du wegklickst.
Zwei Dinge aus den Grundlagen werden bei Derivaten deutlich wichtiger als bei Aktien. Der Spread, also die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs, ist bei Hebelprodukten relativ zum Preis größer und frisst bei kurzen Haltedauern einen spürbaren Teil des Gewinns. Und Limit-Orders sind Pflicht, weil sich die Kurse bei hohem Hebel innerhalb von Sekunden bewegen.
Wie du Market-, Limit- und Stop-Orders richtig einsetzt, erklärt der Artikel Ordertypen erklärt. Was der Spread wirklich kostet, rechnen wir im Artikel Spread bei Aktien vor.
Die Risiken: Warum Derivate kein Anfängerwerkzeug sind
Jedes Derivat bündelt mehrere Risiken, die es bei einer Aktie so nicht gibt. Sie treten selten einzeln auf, sondern verstärken sich gegenseitig.
Das offensichtlichste ist das Hebelrisiko. Ein Hebel von 10 macht aus einem normalen Rücksetzer von 10 Prozent einen Totalverlust. Solche Rücksetzer kommen bei Einzelaktien mehrmals im Jahr vor, bei Quartalszahlen auch innerhalb von Minuten.
Dazu kommt das Zeitrisiko. Bei Optionsscheinen läuft die Zeit gegen dich, weil der Zeitwert täglich schmilzt. Bei Open-End-Produkten kosten dich die Finanzierungskosten jeden Tag ein Stück Substanz. Wer mit einem Derivat auf eine Bewegung wartet, die erst in drei Monaten kommt, hat bis dahin oft schon verloren.
Das Schwellenrisiko betrifft Knock-Outs: Ein kurzes Antippen der Schwelle, etwa in einer illiquiden Handelsminute am Morgen, reicht für den Totalverlust. Bei Übernacht-Kurslücken kann der Basiswert die Schwelle sogar überspringen.
Das Emittentenrisiko und bei CFDs das Gegenparteirisiko kommen hinzu, ebenso das Kostenrisiko aus Spread, Finanzierung und Aufgeld. Und schließlich das Verhaltensrisiko: Hebelprodukte verleiten dazu, nach einem Verlust die Position zu verdoppeln, um „schnell wieder reinzukommen“. Das ist der Mechanismus, der aus einem Fehltrade ein leeres Konto macht.
✓
✕
”
Risikohinweis Totalverlust
Bei allen in diesem Artikel beschriebenen Hebelprodukten kannst du dein eingesetztes Kapital vollständig verlieren. Bei Futures und einigen Margin-Konten außerhalb der EU kann der Verlust das eingesetzte Kapital sogar übersteigen. Setze nur Geld ein, dessen Totalverlust dich nicht ruinieren würde, und halte den Anteil von Derivaten an deinem Gesamtvermögen klein. Dieser Artikel ist keine Anlageberatung.
Steuern bei Derivaten in Kürze
Gewinne aus Optionsscheinen, Knock-Outs und Faktor-Zertifikaten sind Kapitalerträge und unterliegen der Abgeltungssteuer von 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer. Der Sparerpauschbetrag von 1.000 EUR (2.000 EUR für Ehepaare) gilt auch hier. Verluste aus diesen Produkten lassen sich mit anderen Kapitalerträgen verrechnen, inklusive Dividenden und ETF-Gewinnen.
Optionen, Futures und CFDs gelten steuerlich als Termingeschäfte. Für sie galt von 2021 bis 2024 eine viel kritisierte Sonderregel, nach der Verluste nur bis 20.000 EUR pro Jahr verrechnet werden durften. Diese Beschränkung wurde mit dem Jahressteuergesetz 2024 rückwirkend gestrichen. Verluste aus Termingeschäften sind seitdem wieder voll mit anderen Kapitalerträgen verrechenbar. Da die Banken diese Änderung im Steuerabzug erst ab 2026 vollständig umsetzen, lohnt sich für aktive Derivate-Trader ein Blick in die Steuererklärung.
Alle Details zu Abgeltungssteuer, Verlustverrechnung und den Sonderregeln für Derivate findest du im Kapitel Steuern im Artikel Krypto und Derivate versteuern.
Wann Derivate für dich sinnvoll sein können
Derivate sind Werkzeuge, keine Anlageklasse. Sie können sinnvoll sein, wenn drei Bedingungen erfüllt sind. Erstens hast du bereits Erfahrung mit Aktien und weißt, wie sich dein Depot und dein Kopf bei einem Minus von 20 Prozent verhalten. Zweitens setzt du nur einen kleinen, klar abgegrenzten Teil deines Kapitals ein, der komplett verloren gehen darf. Drittens hast du für jeden Trade eine konkrete Erwartung mit Zeithorizont, denn ein Derivat ohne Zeitplan ist ein Derivat, das dich über Zeitwert oder Finanzierungskosten auffrisst.
Wer diese Bedingungen nicht erfüllt, verpasst mit Aktien und ETFs nichts. Die großen Depots der Börsengeschichte wurden fast alle ohne Hebel aufgebaut. Wer sie erfüllt, findet in den folgenden Lektionen das Handwerkszeug, um Optionsscheine, Knock-Outs und Short-Strategien gezielt einzusetzen.
Alle Lektionen von Teil A bis C im Überblick findest du auf der Kursseite Trading und Investieren für Fortgeschrittene.
Zusammenfassung: Was sind Derivate?
✅ Ein Derivat ist ein Finanzinstrument, dessen Wert sich von einem Basiswert ableitet: einer Aktie, einem Index, einem Rohstoff oder einer Währung. Du besitzt den Basiswert nicht, sondern einen Vertrag auf seine Kursentwicklung.
✅ Drei Bausteine prägen fast jedes Derivat: der Hebel, der Gewinne und Verluste verstärkt, die Laufzeit oder die Finanzierungskosten, die gegen dich arbeiten, und das Emittentenrisiko, weil Zertifikate Schuldverschreibungen einer Bank sind.
✅ Die wichtigsten Hebelprodukte für Privatanleger sind Optionsscheine, Knock-Out-Zertifikate, Faktor-Zertifikate und CFDs. Futures und Optionen an der Terminbörse sind eher etwas für Profis.
✅ Derivate dienen entweder der Absicherung eines bestehenden Depots oder der Spekulation auf eine Kursbewegung. Für Privatanleger ist fast immer Letzteres der Grund, und dort entstehen die hohen Verlustquoten.
✅ Gehandelt werden Optionsscheine und Zertifikate an der Börse Stuttgart, der Börse Frankfurt oder direkt mit dem Emittenten. Spread und Limit-Orders sind bei Hebelprodukten wichtiger als bei Aktien.
✅ Der Totalverlust ist bei allen Hebelprodukten ein realistisches Szenario, nicht nur ein Warnhinweis. Ein Hebel von 10 macht aus einem normalen Rücksetzer von 10 Prozent einen Verlust von 100 Prozent.
✅ Gewinne aus Derivaten unterliegen der Abgeltungssteuer. Die frühere 20.000-EUR-Grenze für Verluste aus Termingeschäften ist seit dem Jahressteuergesetz 2024 Geschichte.
✅ Derivate sind Werkzeuge für erfahrene Anleger mit klarer Positionsgrößen-Regel. Wer mit Aktien und ETFs zufrieden ist, verpasst nichts.
Offenlegung wegen möglicher Interessenkonflikte
Die Autoren sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Analyse in den erwähnten Wertpapieren nicht investiert.
